Vertrauen
Predigt am Ewigkeitssonntag - 20. November 2011
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
III. Reihe: Lukas 12, 42-48
Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war, der da ist und
der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
jemandem etwas anvertrauen: ein Kind vertraut dem anderen ein
wichtiges Geheimnis an über seinen größten Geburtstagswunsch.
Jemandem etwas anvertrauen: ein Nachbar vertraut dem anderen die Schlüssel an zum Haus, zur Wohnung.
Jemandem etwas anvertrauen: Eltern vertrauen ihre Kinder, ihr Kostbarstes, jemandem an, dem sie vertrauen: den eigenen Eltern, den Patinnen und Paten, den Erzieherinnen im Kindergarten, und auch: Gott in der Taufe
"Anvertrauen"- was für ein wunderbares, ein wenig altmodisches Wort, das viel mehr bedeutet als Geben, als Überlassen.
Es bedeutet, dass das, was wir jemandem anvertrauen, für uns wertvoll ist: wie ein Geheimnis, wie mein Zuhause, und- am wertvollsten-wie die Menschen, die ich liebe.
Es bedeutet, dass ich darauf vertraue, es wohlbehütet, unversehrt und heil zurückzubekommen. Es bedeutet, dass ich dem vertraue, dem ich es anvertraue.
Eine Geschichte vom Umgang mit dem Anvertrauten hören wir gleich
im Lk. Eine Geschichte, die unruhig macht, denn auch vom Rückfordern
hören wir. Ich lese aus Lk 12, 42-48.
Und Jesus sprach zu seinen Jüngerinnen und
Jüngern: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr
über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was
ihnen zusteht?
Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht.
Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.
Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch
lange nicht, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch
zu essen und zu trinken und sich voll zu saufen,
dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er's
nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird
ihn in Stücke hauen lassen.
Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem
viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.
Was ist dem Verwalter anvertraut, liebe Gemeinde, in dieser Geschichte,diesem Gleichnis, das Jesus erzählt? Es ist das Wohl der Güter, die der Herr ihm übertragen hat, es ist das Wohl der anderen Knechte und Mägde, die ihm anvertraut sind. Es ist das Wohl der Schöpfung und ihrer Menschen, uns anvertraut von Gott.
Und "selig ist der Knecht", der Verwalter, der ihnen gibt, was
allen zusteht an Lohn und Brot, an Schutz und Fürsorge.
Aber nicht nur heute, am Ewigkeitssontag, aber heute sicher, fällt
unser Blick auf den anderen Verwalter, den, der mit dem Anvertrauten
lieblos und rechtlos umgeht, die Knechte und Mägde mißhandelt, das
Vertrauen enttäuscht. Der, obwohl ihm viel gegeben war, nichts
zurückgegeben hat. Und zerhauen wird.
Erschrecken macht sich breit bei uns. Wo bin denn ich in diesem Gleichnis? Zähle ich zu den guten Verwaltern der Güter Gottes- denn um sie geht es ja.
Oder gehöre ich zu denen, die das Anvertraute verschleudern?Wie wird es der Herr mit mir halten, wenn er wiederkommt? Werde ich Lohn bekommen, oder steht am Ende die Strafe?
Lohn und Strafe angesichts des Todes: Wird es ein Zuspät geben? Wird eine Zeit kommen, wo Umkehr in ein Leben, wie Gott es will, für mich nicht mehr möglich ist?
Auf manche Fragen gibt es die endgültige Antwort erst dereinst
einmal.
Aber über all meinen furchtsamen Gedanken, über meiner so
menschlichen Angst und meinen Gewissensbissen vergesse ich das
Wichtigste:
Gott vertraut mir. Und er vertraut mir vieles an.
Er vertraut mir seine Welt an, mit all dem, was Leben ausmacht. Er gibt mir Licht und Leben in mir und um mich, jeden Tag.
Er gibt mir die Kraft zu atmen und zu hören; er vertraut mir Worte an, dich ich sagen kann, und gibt mir Ohren zu hören. Er gibt mir ein Herz, das schlägt, das Mitleid empfindet für andere.
Er vertraut mir seine Schätze an: die Liebe zum Leben und zur Welt, so dass ich mit Liebe und Fürsorge mit dem Anvertrauten gut umgehe. Er vertraut mir die Sehnsucht an nach seinem Reich- und die Kraft und die Phantasie, daran zu arbeiten.
Er vertraut mir und vertraut mir selbst seine Kinder an, die Menschen um uns herum. Nicht für alle müssen wir sorgen: Wer ist Ihnen anvertraut, liebe Gemeinde? Ihre Kinder? Ihre Eltern, Nichten oder Neffen? Ihre Nachbarin, die Hilfe braucht?
"Anvertrauen"- was für ein wunderbares, ein wenig altmodisches
Wort, das viel mehr bedeutet als Geben, als Überlassen. Schätze sind
uns anvertraut, weil Gott uns vertraut. Wir können vieles geben, in
solchem Vertrauen, das Gott in uns setzt.
Und in diesem Vertrauen Gottes mag die Frage nach Lohn oder Strafe
zumindest ein wenig ihre lähmende Macht verlieren. Angst macht
starr, Zuversicht setzt in Bewegung. Und so können wir noch einen
Blick auf das werfen, was uns schreckt. "In Stücke gehauen" wird
der, der das Anvertraute nicht bewahrte.
Wir selbst fühlen uns oft auch so: in Stücke gehauen, zerschlagen von den Anforderungen des Berufs und des Alltags, und wir kommen hierher, um Ruhe zu finden.
Wir fühlen uns zerschlagen von der Erfahrung des Todes. Und wir
finden hier Hoffnung und Leben.
Aber auch das kann uns zerschlagen: wenn wir uns und andere
verachten; wenn wir andere für unsere Zwecke mißbrauchen; wenn wir
Gottes Stimme in uns nicht zu Wort kommen lassen; wo wir andere
bedrücken und traurig machen. Wir spüren in unserem Innern: so zu
leben zerschlägt uns jetzt, nicht erst am Ende.
Und so kommen wir hierher, kommen zusammen als Christinnen und Christen, auf der Suche nach einem Weg. Wir finden Umkehr in ein Leben, wie Gott es will.
Es ist Ewigkeitssonntag, liebe Gemeinde. Mancher geht heute Nachmittag den Weg auf den Friedhof, zu den Gräbern. Wir tun das im Vertrauen, das wir auf Gott setzen. Wir wissen die, die wir vermissen, bei ihm gut aufgehoben. Wir vertrauen ihm unsere Liebsten an.
Bei ihm sind sie wohlbehütet, unversehrt und heil.
Wir glauben: Gottes Gnade währt ein Leben lang. Sie ruft uns zum
Guten, vertraut uns viel an und traut uns viel zu. Mag sein, die
Grenze unseres Lebens ist die Grenze der Möglichkeit zur Umkehr. Mag
sein. Aber Gottes Gnade währet ewiglich. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.11.11