Barmherzigkeit, Geduld und Inkonsequenz
Predigt zum Kirchweihsonntag - 17. Juli 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Predigttext: Matthäus 13, 24-30
Einleitung zum Kirchweihsonntag
Heute ist Kirchweih. Auf den Tag genau wurde vor 165 Jahren die
evangelische Kirchengemeinde Bad Lippspringe eingeweiht. Mit Pomp
und Gloria. Mit „Tut mir auf die schöne Pforte“ mit „Ein feste Burg
ist unser Gott“ und mit der Feier des Abendmahls. Das tun wir heute
auch alles.
Wir haben ja schon so einige Kirchweihsonntage gefeiert und auch an
die schwierige Zeit des Aufbaus einer Evangelischen Gemeinde in
einem katholischen Umfeld erinnert. Ich finde, damit ist jetzt
einmal genug. Jetzt wollen wir auch mal angesichts der Kirchweih
andere Töne anschlagen.
Das passt nämlich viel besser zu einem andere Jubiläum: unsere Orgel
wird 25 Jahre alt. Und als Geburtstagsgeschenk wird sie heute gleich
4 händig und 4 füßig gespielt von unseren beiden Kirchenmusikern:
von Andreas Konrad von der St.Martinsgemeinde und von unserem Ulrich
Schneider. Die beiden werden uns nach dem Gottesdienst noch das
Geschenk einer ca. 20minütigen Orgelmatinée vom Feinsten machen.
Nach dem Gottesdienst ist erst einmal frische Luft schnappen für
alle und dann geht’s wieder hinein in die Kirche zum musikalischen
Nachtisch.
In 165 Jahren hat sich manches Gute getan in Sachen Ökumene. Da gibt
es auch schon seit 25 Jahren die Kantorei unserer Gemeinde, die nur
ökumenisch funktioniert und manches mehr. Auch das können wir nicht
alles in diesen Gottesdienst packen, dafür gibt es heute Abend das „Abendlob“,
ein gemeinsames Musizieren von Kantorei, Posaunenchor und
Flötenkreis, heute Abend um 20 Uhr in dieser Kirche.
Zum Thema: Gemeinsames Musizieren. DAS Kirchweihlied der
katholischen Kirche wollen wir heute singen: „Ein Haus voll Glorie
schauet.“ Sie werden es mögen. Und ich verweise auf einen ganz
besonderen Leckerbissen am Ende des Gottesdienstes: Da wird nämlich
Andreas Konrad ein Nachspiel zum Klingen bringen, das beide Melodien
vereint: Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ und „Ein
Haus voll Glorie schauet.“ Sie dürfen sich darauf freuen.
Und nun segne der dreieinige Gott diesen Gottesdienst, er segne alle
Gäste und Glieder unserer Gemeinde mit dem Reichtum seiner Gnade.
Predigt
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
der Predigttext steht bei Matthäus im 13.Kapitel:
„Jesus sprach in einem Gleichnis: „Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: „Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?“ Er sprach zu ihnen: „Das hat ein Feind getan.“ Da sprachen die Knechte: „Willst du denn, dass wir hingehen und es ausjäten?“ Er sprach: „Nein! damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihre das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündeln, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.“
Gott, segne dein Wort an uns allen.
Liebe Schwestern und Brüder,
darf ich Ihnen zwei Gemeindeglieder vorstellen. Sie sind natürlich
nicht aus unserer aktuellen Gemeinde, sondern haben irgendwann mal
hier gesessen. Der eine ist überzeugter, strenger Christ. Er hält
sich - wie seine Eltern und Großeltern - an die 10 Gebote, besucht
regelmäßig den Gottesdienst. Für ihn ist der Glaube an Gott eine
ernste Sache. Er tut sich schwer mit Neuerungen in der Gemeinde, die
neuen Lieder sind nichts für ihn, wenn gar geklatscht oder gelacht
wird, fragt er sich, ob das denn überhaupt noch seine Kirche ist.
Seine Gedanken gehen zurück an die Zeit früher, wo es so etwas nicht
gab. Er fragt sich immer mehr, ob nicht die Kirche als „Gemeinschaft
der Heiligen“ - wie es ja im Glaubensbekenntnis heißt - einen klaren
Trennungsstrich zwischen den richtigen Christen, die an jeden
Buchstaben der Bibel glauben und den „Scheinheiligen“, die nur aus
äußeren Gründen in der Kirche sitzen, den Konfirmanden, weil sie
eine Unterschrift brauchen, denen, die nur neugierig sind oder
nichts besseres vorhaben, denen, die ihre Sonntagsgarderobe
ausführen wollen und was es da noch mehr Gründe in der Phantasie
dieses Menschen gibt.
Direkt daneben sitzt aber ein anderes Gemeindeglied. Es ist eine
Frau. Sie ist offen für alles. Sie kennt die evangelische Kirche,
aber sie besucht genauso gern die katholische Kirche. Bei den
Baptisten war sie schon und auch bei den Buddhisten. Sie liest gern
Bücher über Esoterik und neue Formen des Erleuchtet-Seins. Toleranz
ist ihr oberster Wert. Sie glaubt an Gott, ein bisschen auch den der
Bibel, Jesus ist für sie ein toller Mann gewesen, aber das mit
seinem Tod am Kreuz lehnt sie für sich ab. Sie fragt sich manchmal,
ob sie richtig hier in der Kirche ist. Und sie denkt immer wieder:
Lebendiger müsse es unbedingt werden, freier, menschlicher. Es kann
gar nicht modern genug sein, bunt und spannend und ganz viel für die
Seele.
So, und in diese Situation hinein erzählt Jesus sein Gleichnis:
Da sät ein Hausherr guten Samen auf das Land. Der Hausherr selbst
tut das, nicht etwa seine Knechte. Guter Samen ist es. Es ist nicht
schwer, zu übersetzen: Hier ist Gott selbst am Werk. Und der gute
Samen, das ist das gute Wort Gottes, das Wort der Wahrheit und des
Lebens, der den Glauben wachsen lässt und zum Heil des Menschen
führt.
Aber da gibt es einen bösen anderen: den Feind. Auch er sät:
Unkraut. Und dieses Unkraut geht zusammen mit dem guten Weizen auf.
Wir wissen heute, welches Unkraut gemeint ist: Eine Grassorte, der
sogenannte „Taumel-Lolch.“ Sieht in einem frühen Stadium genauso aus
wie Weizen, hat nur einen großen Nachteil: Die Pflanze ist oft vom
endoparasitischen Pilz Neotyphodium coenophialum (ein Verwandter des
Mutterkornpilzes) befallen, der u. a. neurotoxische Indolalkaloide
bildet, wodurch die gesamte Pflanze giftig wird. Da der Taumel-Lolch
früher häufig in Getreideäckern wuchs, gelangten oft Samen in das
Mahlgut und in das Mehl. Durch den Genuss des so verunreinigten
Mehles kam es zu Vergiftungserscheinungen wie Schwindel (Taumeln)
und Sehstörungen, in seltenen Fällen sogar zum Tod. Heute kommt dies
aufgrund der Anwendung von Herbiziden im integrierten Anbau und der
Getreidereinigung nicht mehr vor.
Dass man nun dort in der Antike, in der Zeit ohne Herbiziden nicht
Weizen und diesen Taumel-Lolch nebeneinander her wachsen ließ, liegt
auf der Hand. Man weiß auch, dass die Reihen eines Weizenfeldes weit
genug auseinander standen, dass man bequem dazwischen gehen und
jäten konnte. Das musste man auch, wollte man später ungiftiges
Getreide ernten.
Verhexten Weizen nannte man diesen Taumel-Lolch, ein Teufelszeug,
das sogar Menschen blind machen konnte, wenn es ins Brot geraten
war.
Also: jäten, so bald und so früh wie möglich. Aber Jesus erzählt in
seinem Gleichnis genau das Gegenteil. Jesus, der sich sonst in der
Landwirtschaft gut auskannte und in seinen Gleichnissen oft
landwirtschaftliche Tatsachen beschreibt.
Wenn Jesus nun aber etwas erzählt, das so offensichtlich gegen
selbstverständliche Regeln des täglichen Lebens verstößt, dann will
er provozieren. Das wird deutlich, wenn man das Bild vom Acker
übersetzt. Natürlich will die Urgemeinde, die Jesus dieses Gleichnis
in den Mund gelegt hat, uns keine Nachhilfestunde in Landwirtschaft
erteilen. Der Acker steht für die Kirche. Weizen und Unkraut sind
einerseits die Christen, die sich an Jesu Worte halten, und
andererseits die Scheinchristen, die nur so tun als ob, in
Wirklichkeit aber das Gift des Unglaubens verbreiten, von dem man
blind wird.
Und nun sagt Jesus: tut in der Gemeinde nicht das, was euch
eigentlich als das Richtige erscheint: Jätet nicht die Gemeinde
durch. Schmeißt nicht alles heraus, was nach Unglaube aussieht.
Lasst alles wachsen, wie es wachsen will und traut dem großen
Landwirt, nämlich Gott selbst zu, dass er schon das Richtige vom
Falschen trennen wird.
Was Jesus hier sagt, hat fundamentale Bedeutung. Hätten sich doch
die Menschen, die Christen daran gehalten! Immer wieder haben
Menschen genau das Gegenteil versucht: Sie wollte in der Kirche
Gläubige und Ungläubige trennen. Sie wollten alles Unkraut mit
Stumpf und Stiel ausreißen. Inquisition, Gewissenserforschung,
Fanatismus und Fundamentalismus waren die Folge. Radikalität ist die
Perversion jeder Religion. Das gilt auch heute noch. Gott erträgt
es, dass Glaube und Unglaube, Zweifel und Zuversicht, Heiligkeit und
Scheinheiligkeit im Leben ihren Platz haben.
Gott ist keiner, der Freude am Jäten hat. Die Eigenschaften Gottes
sind Barmherzigkeit, Geduld und – man höre und staune –
Inkonsequenz. Denn wäre Gott konsequent, er hätte schon damals sein
Heiliges Volk verstoßen, aber er hat immer Gnade vor Recht ergehen
lassen. Der verlorene Sohn wäre verstoßen worden, Recht wäre es ihm
geschehen, auch der Apostel Petrus, der Jesus-Verleugner, hätte
seine gerechte Strafe bekommen, aber wäre nicht von Gott begnadigt
worden. Immer wieder springt Gott über seinen Schatten und nimmt den
Sünder an. Das ist Gnade, inkonsequent, liebevoll, gegen alle
Vernunft und doch unsere einzige Chance, als geliebte Kinder Gottes
ein glückliches Leben zu führen.
Und Jesus will nicht, dass wir anders leben und urteilen und handeln
wie sein himmlischer Vater. Wir sollen nicht in unseren
Gemeinschaften nach dem Unkraut suchen und fanatisch darauf dringen,
dass es ausgerissen wird. Das machen Spielverderber, Selbstgerechte
und Uneinsichtige.
So ist unserem ersten Gottesdienstbesucher klar zu sagen: Kirche,
Gemeinde Gottes ist immer ein Miteinander von Glaube und Unglaube,
Gerechten und Sündern, Treuen und Wankelmütigen, Traditionsbewussten
und Umstürzlern. Wer hier auf der Erde trennen will, hat Gottes
Segen nicht. Sind wir nicht selbst immer beides: Gläubige und
Zweifler? Wer allzu sicher ist, zum Weizen und nicht zum Unkraut zu
gehören, der wird allzu leicht zum Heuchler, zum geistlichen
Hochstapler und zum Neurotiker. Gott will keine Perfektionisten im
Glauben. Er weiß, wir sind und bleiben Menschen. Und je lebendiger
wir sind, desto besser.
Wir feiern in diesem Gottesdienst das Abendmahl. Und wir tun dies in
einer großen Runde um den Altar. Jesus lädt uns alle ein. Wir stehen
vor ihm als die, die wir sind: Weizen und Unkraut speziell
„Taumel-Lolch“. Hüte sich ein jeder davor, sich selbst hoch und
andere tiefer bewerten zu wollen. Wir alle bedürfen der Gnade
Gottes. Wenn wirklich schon jetzt das Unkraut gejätet würde, wer
weiß, ob es uns nicht als allererstes selber trifft.
Uns tröste die Gewissheit: Gott wird niemanden verstoßen, der zu ihm
kommt. Er sieht in unser Herz, weiß, wie wir es meinen. Er ist viel
barmherziger als wir es selbst sind. Gott braucht keine
Glaubens-Perfektionisten, er braucht Menschen, lebendige Frauen und
Männer, Kinder und Alte, jede und jeden, die sich bemühen. Mehr
nicht. Aber auch nicht weniger. Er braucht sie überall her,
gleichgültig aus Nation, Konfession oder Religion. Hier ist Kirche,
steingewordener Glaube. Hier ist Platz für die Menschen, die guten
Willens sind. Hier entscheiden nicht Menschen, was heilig oder
scheinheilig ist. Das können wir getrost Gott überlassen. Hier wird
nicht gejätet, sondern „Ja“ gesagt: „Ja“ zu einander, „Ja“ zu sich
selbst – weil Gott „Ja“ zu uns sagt.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 17.07.11