
Landkarte des Jahres
Predigt am Altjahrsabend - 31. Dezember 2010
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
III. Reihe: Jesaja 30,8-17
Nun komm, schreib es auf eine Tafel, die bei ihnen
ist,
und ritze es als Inschrift ein,
damit es für den letzten Tag erhalten bleibt, für immer und ewig.
Denn es ist ein Volk von Widerspenstigkeit, es sind verlogene Kinder,
Kinder, die nicht hören wollen die Weisung Gottes.
Sie sagen zu ihren Sehern und Seherinnen: »Ihr sollt nicht sehen!«
Und zu denen, die Visionen haben: »Schaut uns nicht die geraden Wege.
Sprecht für uns Schmeichelndes, schaut Täuschungen!
Weicht vom Weg ab! Biegt ab vom Pfad!
Schafft uns Gott, heilig in Israel, aus den Augen, damit wir Ruhe haben!«
Darum: So hat Gott, heilig in Israel, gesprochen:
Weil ihr dieses Wort verschmäht habt,
euch auf Bedrückung und Verkehrtes verlasst und euch darauf stützt,
deshalb wird für euch diese Schuld wie ein Riss in einer Mauer werden:
der von oben nach unten aufbricht und sich ausdehnt,
der plötzlich und augenblicklich da ist, – er führt zu ihrem Einsturz.
Aber ihr Einsturz ist wie das Zerbrechen eines getöpferten Kruges: Wird er
zerschlagen, hat niemand Mitleid und niemand findet unter seinen
Bruchstücken eine Scherbe, mit der noch Glut von der Kochstelle geholt oder
Wasser vom Tümpel geschöpft werden kann.
Denn so spricht die Herrschaft, das ist Gott, heilig in Israel:
Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr gerettet,
durch Stillehalten und Vertrauen entsteht eure Stärke,
aber ihr wollt es nicht.
Ihr sagt: »Nein! Wir wollen auf Pferden fliehen!«
Darum werdet ihr fliehen.
»Und auf einem schnellen Tier wollen wir reiten!«
Darum werden die, die euch verfolgen, schnell werden.
Tausend werden vor dem Drohen eines Einzigen fliehen,
vor dem Drohen von Fünfen werdet ihr fliehen,
bis von euch nicht mehr übrig bleibt
als eine Signalstange auf der Bergspitze und ein Feldzeichen auf der Höhe.
(Bibel in gerechter Sprache)
Landkarte des Jahres: Der Altar bei der Predigt am Altjahrsabend 2010. Fotos: PRIVAT.
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Gnade sei mit uns und Friede von Gott, der war, der ist und der sein wird. Amen
Schaut uns nicht die geraden Wege.
Sprecht für uns Schmeichelndes, schaut Täuschungen!
Wir hören nicht gerne kritische Töne, oder geht es Ihnen etwa anders, liebe Gemeinde?
Sprecht für uns Schmeichelndes, schaut Täuschungen!
Ich denke, wir alle hören lieber von dem, was wir uns wünschen und nicht davon,
was wir fürchten.
Natürlich wird im kommenden Jahr alles besser, die Konjunktur brummt, die
Arbeitslosenzahlen sinken, die Lebenserwartung der Menschen steigt, es werden
mehr Kinder geboren, die Renten sind sich, die Medizintechnik wird immer besser,
die Forschung steht vor einem Durchbruch, die Menschheit entwickelt sich durch
den allgemeinen Fortschritt ...
Sprecht für uns Schmeichelndes, schaut Täuschungen!
Weicht vom Weg ab! Biegt ab vom Pfad!
Wir schreiben das 8. Jahrhundert vor Christus, Jerusalem, ganz Juda, wird
bedroht von der Eroberungspolitik Assyriens. Die politisch Verantwortlichen, die
Realpolitiker setzen alles auf ein Bündnis mit der zweiten Großmacht, Ägypten.
Jesaja, der unbequeme Prophet mahnt: Aufrüstung mit modernster Waffentechnik,
nämlich den Kriegspferden und Kampfwagen wird nichts helfen, glaubt doch nicht,
schlauer sein zu können als die Großmächte. Wer versucht, dort mitzuhalten, wird
als Spielball der Politik zerrieben.
Jesajas Rat:
Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr gerettet,
durch Stillehalten und Vertrauen entsteht eure Stärke.
Jesaja ruft sicher nicht dazu auf, den Mund zu halten, wegzuducken und untätig zu bleiben.
Umkehren, Stille sein und hoffen ist Herausforderung und harte Arbeit.
In der Situation damals, vor fast 3000 Jahren, galt es zu erkennen, dass Waffentechnik und Großmachtgehabe den Untergang bedeuten. 701 wird Jerusalem von den Assyrern belagert, Juda zum unfreien Vasallenstaat.
Und heute:
Es geht nicht darum, alles Machbare auch zu machen, schneller, höher, weiter zu
gelangen. Es geht darum, in der Stille die leisen Töne wahrzunehmen, die Stimmen
der Langsamen, Erniedrigten und zu Kurz gekommenen. Das Hoffen auf Gott kann
aber auch, wenn es die Situation erfordert, dazu führen laut und unangenehm zu
sein.
Vielleicht ist der Jahreswechsel eine gute Gelegenheit, sich Zeit und Ruhe zu
nehmen. Einmal anzuhalten. Auszusteigen aus dem allgemeinen Zug und zu schauen:
Muss ich alles hinüberretten in das neue Jahr? Gibt es Lebens- oder auch
Glaubensmuster, die ich besser im alten Jahr beließe? Ist denn wirklich alles so
gut und so richtig?
Die beliebten „guten Vorsätze“ zum neuen Jahr sind nicht gemeint. Es geht eher darum, sich selbst einen ehrlichen Blick zu gönnen, in Ruhe.
Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr gerettet,
durch Stillehalten und Vertrauen entsteht eure Stärke.
So erinnert Gott durch den Propheten Jesaja.
Wir müssen nicht jeder Machbarkeitsstudie hinterher hecheln. Wir müssen nicht tun, schaffen, machen, planen als gäbe es nur uns auf dieser Welt. Für Jesaja kann nur Gottes Hilfe Leben verändern.
Und „woher weißt du“, so die Quintessenz einer rabbinischen Erzählung, „dass
Gott vor dir herläuft und du ihm nachrennen musst? Vielleicht ist er hinter dir
und vermag dich bei deinem Tempo nur nicht einzuholen.“
Seien Sie freundlicher zu sich selbst. Mit Gottes Hilfe. Amen
„Stellen Sie sich vor, Ihr Jahr läge ausgebreitet vor Ihnen, wie eine Landkarte.
Wo waren die Tiefen? Wo die Höhen?
Welche inneren und äußeren Orte spielten eine Rolle?
Wo fanden Sie Geborgenheit?
Wo wären Sie gerne geblieben?
Welche Durststrecken mussten Sie durchqueren?“ (Der andere
Advent 30.12.2010)
Der Schnee von gestern – kann er zukünftig zur Bewässerung dienen dessen, was
wachsen will?
Wo sind verhärtete Strukturen, die Sie nicht aufbrechen konnten oder wollten?
Welche harten Nüsse gab es zu knacken?
Vielleicht haben Sie unverhofft eine Perle entdeckt?
Von wem oder was mussten Sie Abschied nehmen?
Welche Belastungen lassen Sie gerne im alten Jahr zurück?
Wessen erinnern Sie sich gerne? Was möchten Sie mitnehmen in das neue Jahr?
Wir laden Sie ein, an der Landkarte des Jahres auf diesem Altartisch ihre
Landkarte wahrzunehmen und Steine darauf abzulegen für die Lasten, die Sie gerne
im alten Jahr lassen möchten.
Oder auch Kerzen der Erinnerung, der Bitte, der Wünsche anzuzünden.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 02.01.11