Vorbildliches Verhalten?
Predigt am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr -
13. November 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Lukas 16, 1-8
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
heute haben wir einen Predigttext, für den man Spaß verstehen muss.
Wer humorlos und kleinkariert an Worten klebt, versteht dieses
Beispiel Jesu kaum. Denn es wird tatsächlich ein Betrugsversuch mit
schnödem Geld als vorbildliches Verhalten für Christen empfohlen –
und das in dieser Zeit der Bankenkrisen und Eurokatastrophen.
Die Geschichten Jesu, liebe Schwestern und Brüder, stammten immer aus dem bunten Leben. Sie sind viel weniger weltfremd als wir Menschen oft in der Kirche. Es sind deftige, karikaturhaft überzeichnete Beispiele, die den Zuhörern etwas klarmachen wollen, was mit wohlgesetzten, theoretisch-verschachtelten Begrifflichkeiten gar nicht möglich ist. Folgende Parabel vom ungerechten Haushalter ist richtig klasse, aber nur so verständlich, wenn sie vom Ende her begriffen wird und nicht bierernst in allen Einzelzügen auf die Goldwaage gelegt wird:
Der Predigttext steht bei Lukas im 16 Kapitel:
Jesus sprach zu seinen Jüngern:
Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei
ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn
rufen und sprach zu ihm:
„Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung;
denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.“
Der Verwalter sprach bei sich selbst: „Was soll ich tun? Mein Herr
nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu
betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser
aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.“
Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für
sich, und fragte den ersten: „Wie viel bist du meinem Herrn
schuldig?“ Er sprach: „Hundert Eimer Öl.“ Und er sprach zu ihm:
„Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig.“
Danach fragt er den zweiten: „Du aber, wie viel bist du schuldig?“
Er sprach: „Hundert Sack Weizen.“ Und er sprach zum ihm: „Nimm
deinen Schuldschein und schreib achtzig.“
Halt, stopp! Raue Sitten, die hier zur Anwendung kommen. Früher
ging es auch nicht menschlicher zu als in der Zeit der globalen
Kapitalvermehrung. Da muss der Verwalter fürchten, von seinem Chef „ausgesourct“,
„freigestellt“ oder besser: gnadenlos rausgeschmissen zu werden.
Ohne Arbeitslosenversicherung droht er auf der Straße zu landen. Das
will er nicht. Und deshalb wendet dieser gerissene, mit allen
Wassern gewaschene Bursche einen relativ miesen Trick an, um sich
für den Fall seines Rausschmisses einen Einkunftsquelle zu sichern.
Er erlässt flugs mehreren Schuldner einen Teil deren Schulden. Ein
kluges Vorgehen; denn der Verwalter weiß, dass ihm die ehemaligen
Schuldner in Zukunft zu Dank verpflichtet sind. Damit hat er seine
Haut gerettet und nebenher noch ein paar Schuldner glücklich
gemacht. Für seinen Boss sind die entgangenen Rückflüsse sicher nur
„Peanuts“, kleine Fische, die er locker verschmerzen kann.
Warum erzählt Jesus diese Parabel? Was will er damit sagen? Wie
schlecht die Welt ist? Wie schlimm Geldgeschäfte sind? Wird jetzt
der Boss den bösen Verwalter davonjagen und damit die Moral in der
Finanzwirtschaft stärken? Wäre ja nicht schlecht, gerade im Hinblick
auf die heutige Zeit. Mit so etwas hatten sich auch die damaligen
Hörer gerechnet. Doch weit daneben. Das Ende ist ganz anders, so,
dass es eben die Humorlosen ärgert, andere aber zum Schmunzeln und
vor allem: zum Nachdenken bringt:
Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.“
Ja, ist es denn wahr? Wir Christen sollen uns ein Beispiel an dem Verhalten des gerissenen Verwalters nehmen!
Humorlos wäre, sich zu ärgern, dass Jesus nicht scharf genug
gegen Korruption im Verwaltungswesen wettert. Das ist überhaupt
nicht das Thema. Es geht ausschließlich um das Thema: Klugheit.
„Seid klug wie die Schlangen“ heißt es bei Paulus. Wenn es in der
Welt schon danach geht, dass Klugheit belohnt wird, dann ist es bei
den „Kinder des Lichts“, also denen, die das Licht der Osterkerze
bekommen haben, also den Christen, erst recht eine Tugend, klug zu
sein.
Auch heute ist das nicht selbstverständlich, was Jesus sagt.
Manchmal denke ich, dass die Klugheit noch gar nicht richtig
entdeckt worden ist in der Kirche. Als Christen leben wir nun einmal
in der Welt, und das wird uns weiß Gott nicht immer leicht gemacht.
Es gibt viel Konkurrenz in Sachen Religion. Was da geboten wird, ist
im Kern oft viel schlechter und stümperhafter als bei den Christen,
aber es wird viel besser verkauft. Wenn wir die Botschaft Jesu
Christi besser, glaubwürdiger, überzeugender an den Mann, an die
Frau brächten, dann wäre auch vielen Menschen mehr geholfen.
Wir haben eben gehört, worauf es beim Weltgericht Gottes ankommt:
„Was du deinen geringsten Schwestern und Brüdern getan hast, das
hast du mir getan!“ Das ist doch auch ein Aufruf zum klugen Handeln!
Suchen wir unsere geringsten Schwestern und Brüder, brechen wir auf,
machen wir den Mund auf für die Stummen, nutzen wir alle Medien, vom
Hausbesuch zur Internet-Seite, machen wir es gut und schön und
liebevoll - dann erreichen wir auch in der heutigen Welt wieder die
Menschen, um die es uns doch eigentlich gehen sollte.
Dabei können wir durchaus von der Welt lernen. Wir werden ganz
überrascht sein, wie gut es Nicht-Christen gelingt, die Hungrigen zu
speisen, den Durstigen zu trinken zu geben, die Fremden aufzunehmen.
Auch in unserer Kirche gibt es so manche guten,
professionell-werbewirksam aufgemachte Projekte: vom Ladenlokal in
der Innenstadt bis zu Plakaten vom Kirchturm. Und wie groß ist das
Geschrei, dass Kirche das nicht tun dürfe. Mancher - oder viele? -
in der Kirche halten immer noch die Erfolglosigkeit für ein Zeichen
des Wirkens des Heiligen Geistes. Wenn kirchliche Arbeit die
Menschen anspricht, mit einer Sprache, die sie verstehen, wenn
Kirche aus ihren Mauer hervorkommt, fröhlich ist, clever, witzig und
einfach Spaß macht - dann höre ich schon die Warnungen: Das kann
doch nicht im Sinne Jesu sein. Wenn es aber wahr ist, dass dort
Christus ist, wo Menschen getröstet und aufgenommen werden, wo sie
Brot für Bauch und Seele finden, wo sie sich angenommen fühlen, wo
sie Leben spüren und Sinn - ja, dann sollten wir doch alle Register
ziehen, unseren christlichen Glauben auch dann noch an die Frau, an
den Mann zu bringen, wenn uns die Bosse dieser Welt abschießen
wollen.
Vom cleveren Verwalter können wir in der Tat viel lernen. Einmal:
Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Am Ende wird sein entschlossenes
Handeln belohnt. Wäre er in Selbstmitleid sitzen geblieben und hätte
sich mit seinem Rausschmiss abgefunden, er wäre nicht in die Bibel
eingegangen. Aber er hatte ein eigenes Ziel, konnte Prioritäten
setzen, richtete sich nicht nach dem, was andere für ihn für wichtig
hielten, sondern hatte den Mut und die Entschlusskraft, seinen
eigenen Weg zu gehen. „Mit allen Wassern gewaschen“ war er. Wie wäre
es denn, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir, die wir doch mit
einem viel besseren Wasser gewaschen sind, nämlich mit dem Wasser
der Taufe, nur ein bisschen ähnlich entschlossen, mutig,
zielgerichtet und phantasievoll unseren Weg zu den Menschen gingen,
die auf uns warten? Es wäre für manche etwas Neues, es bedarf des
Humors, aber es machte Spaß, weil es so schön bunt und lebendig
würde in unserer Kirche. Es würde endlich wieder gelacht und
geklatscht hinter den dicken Wänden. Menschen machten sich auf dem
Weg aus den grauen Mauern heraus in die Welt. Dann würden sich Leute
auf der Straße umdrehen und sagen: „Ist das Kirche?“ Und ein paar
verlorene und verzweifelte Menschen gingen dieser bunte Horde
hinterher und könnten zum ersten Mal seit langem wieder richtig
lachen.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 13.11.11