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Damit eben nicht alles beim Alten bleibt
Predigt am 1. Adventssonntag - 27. November 2011
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
IV. Reihe: Offenbarung 5, 1-5 (6-14)
Ich hatte mich auf diese Adventszeit gefreut, liebe Gemeinde,
endlich wieder die hübsche Beleuchtung an den Häusern, in den
Straßen, endlich wieder die leckeren Plätzchen, die schönen Lieder
und die verheißungsvollen Texte in den Gottesdiensten – und dann
das: der Predigttext ist ein Teil der Offenbarung des Johannes.
Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf
dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit
sieben Siegeln.
Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist
würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?
Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde,
konnte das Buch auftun und hineinsehen.
Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das
Buch aufzutun und hineinzusehen.
Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es
hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids,
aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.
So die ersten fünf Verse und danach geht es weiter mit sieben
Geistern, einem geschlachteten Lamm mit 7 Hörnern und 7 Augen, 24
Ältesten, Schalen voll Räucherwerk, und allerlei Dingen mehr. Es
wird blutig, verwirrend, und meine Reaktion: Halt, Stopp, viel zu
viel, viel zu unübersichtlich.
Ich bin enttäuscht. Ich hatte auf einen anderen Advent gehofft. Ruhe
für meine Seele in unruhiger Zeit und dann dieser Text, der mich
überfällt wie ein raumfüllendes expressionistisches Gemälde.
Ich hatte auf andere Verse unserer Bibel gehofft, Verse die trösten
und Mut machen, Verse, die ich gerne an Sie weitergesagt hätte.
Ich bin enttäuscht – aber vielleicht ist ja gerade die Enttäuschung
viel mehr ein Kennzeichen der Adventszeit als Kerzenschein und
Plätzchenduft.
Die Enttäuschung darüber, dass mit dem Advent etwas Neues beginnt
und doch alles beim Alten bleibt.
Enttäuschung über die Hektik, die altvertraute, die viele von uns
wieder fest im Griff hat.
Enttäuschung über den nicht geschriebenen Brief, das unterlassene
Telefonat, den nicht gemachten bzw. viel schlimmer, den nicht
erhaltenen Besuch.
Enttäuschung, dass die Schmerzen nicht weniger werden und unsere
Welt nicht friedlicher.
Was also soll ich Ihnen erzählen zu diesem Text aus der Apokalypse
des Johannes?
Sicher keine feinsinnige Interpretation der Zahlenmystik und
Verfolgung der biblischen Parallelstellen. Das wäre nur akademisch
spannend.
Sicher auch keinen moralisierenden Kurzschluss: das grausame
Weltende steht kurz bevor, befolgt nur kritiklos unsere Weisungen,
dann seid ihr auf der sicheren Seite.
Johannes schreibt in einer Zeit, die für Christinnen und Christen
voller Unsicherheit und Gefahren war. Der Niedergang des römischen
Imperiums war im Gang, offene und versteckte Verteilungskämpfe von
Ressourcen und Macht hatten eingesetzt, die Unterdrückung des sich
ausbreitenden Christentums wurde an vielen Stellen strukturell, an
manchen Orten mit Gewalt betrieben.
Der Prophet Johannes schreibt auf, was er in Visionen zu sehen und
zu hören bekommt: „Gegenwart und Zukunft einer gewaltgesättigten
Welt, deren spektakuläres Ende und eine Neuschöpfung jenseits der
Gewalt.“ (BiGS, S. 2254)
Die Zeiten haben sich seit damals geändert, ganz sicher, und doch
ist vieles beim alten geblieben.
Auch im Jahr 2011 geht es an vielen Stellen um Ressourcen,
Informationen, Definitionsmacht und Einfluss.
Auch heute werden Christinnen und Christen wegen ihres Glaubens
unterdrückt, können an vielen Orten Menschen ihre Religion nicht
frei bekennen und ausüben.
Auch wir leben in einer Welt voller Gewalt.
Leider müsste ich dafür noch nicht einmal Beispiele nennen. Von den
Kriegen und bewaffneten Konflikten weltweit. (In Afghanistan sterben
weiter Menschen, in Palästina werden Familien ihrer Lebensgrundlage
beraubt.) Beispiele von Gewalt an Menschen in unserem Land
(Menschen, die ermordet werden, weil sie aus einem anderen Land zu
uns gekommen sind und die der rechten Ideologie ein willkommenes
Feindbild abgeben.) Beispiele von Gewalt in unserer Umgebung und in
unseren Lebenszusammenhängen und Familien (Mit Erschrecken und
Unverständnis beobachte ich, wie viel Emotion und Vehemenz in der
Diskussion um einen Nationalpark hervorbricht, Menschen verletzt und
nicht der Sache dient, oder welcher Hass durch ein paar bunt
bestrickte Bäume und Schafe zu Tage kommt, oder Menschen, die
ehrenamtliche für die Gemeinde arbeiten schon wieder anonym mit
Gewalt und Mord bedroht werden.).
Die Offenbarung des Johannes verschweigt nichts von Gewalt, auch da
geht es brutal zu, blutig und verzweifelt.
Und nur mühsam erschließt sich uns in dieser schnellen Abfolge von
Bildern und Szenen, wie viel Trost und Hoffnung und Verheißung damit
verbunden ist.
Der Trost der Offenbarung: nichts muss verschwiegen werden. Die
Gewalt wird beim Namen genannt, enthüllt. Die unter der Gewalt
leiden, dürfen sichtbar werden.
Die Verheißung der Offenbarung: nichts irdisches reicht an Gottes
Autorität und Ewigkeit heran. Die Thronszene, die Johannes uns vor
Augen malt, die mit Engeln und Ältesten und Gestalten, Harfen,
Räucherwerk und allerlei mehr selbst die prunkvollste
herrschaftlich-menschliche Hofhaltung überbietet, zeigt: unser Wohl
und Wehe, unsere Hilfe steht im Namen Gottes, nicht eines weltlichen
Potentaten. Die Strukturen von Unfreiheit und Gewalt dauern nicht
bis in die Ewigkeit.
„Die Hoffnung der Offenbarung besteht darin, dass Gott für den
völligen Zusammenbruch solcher Gewaltverhältnisse sorgen wird.“ (BiGS,
S. 2255)
In jeder Adventszeit erinnern wir uns daran, dass Gott in diese Welt
kommt, in seiner Allmacht, verletzlich und angreifbar.
Gott kommt, nicht etwa, damit wir eine gute Gelegenheit haben,
Kerzen anzuzünden, Plätzchen zu essen und uns wohl zu fühlen. Das
wäre eine Täuschung.
Gott kommt, damit eben nicht alles beim Alten bleibt und die
Verhältnisse, wie sie nun mal sind. Gott kommt, damit wir aufatmen
können, damit wir Trost haben und Hoffnung.
Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf
Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist,
hörte ich sagen (so der Prophet Johannes): Dem, der auf dem Thron
sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von
Ewigkeit zu Ewigkeit! (Off. 5,13)
© Ev. Kirche Bad Lippspringe
28.11.11