Hornhaut auf der Seele
Predigt am 2. Adventssonntag - 4. Dezember 2011
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
IV. Reihe: Jesaja 63,15-19;64,1-3
So schaue nun vom Himmel und siehe herab von deiner
heiligen, herrlichen Wohnung. Wo ist nun dein Eifer, deine Macht?
Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.
Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nicht, und
Israel kennt uns nicht. Du aber, HERR, bist unser Vater und unser
Erlöser; von alters her ist das dein Name. Warum lässest du uns,
HERR, irren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich
nicht fürchten? Kehre wieder um deiner Knechte willen, um der Stämme
willen deines Erbes. Sie besitzen dein heiliges Volk schier ganz;
deine Widersacher zertreten dein Heiligtum. Wir sind geworden wie
solche, über die du niemals herrschtest und die nicht nach deinem
Namen genannt wurden.
Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge
vor dir zerflössen, wie ein heißes Wasser vom heftigen Feuer
versiedet, daß dein Name kund würde unter deinen Feinden und die
Heiden vor dir zittern müßten, durch die Wunder, die du tust, deren
man sich nicht versieht, daß du herabführest und die Berge vor dir
zerflössen! Wie denn von der Welt her nicht vernommen ist noch mit
Ohren gehört, auch kein Auge gesehen hat einen Gott außer dir, der
so wohltut denen, die auf ihn harren. (Übersetzung:Luther 1912)
Liebe Gemeinde,
seit einigen Tagen gehen mir ein paar Worte nicht aus dem Kopf; ein paar Worte nur, nicht mal ein ganzer Satz, wie ein Ohrwurm, nur ohne Musik. Die Worte lauten: eine Hornhaut auf der Seele haben.
Erst habe ich ein wenig gestutzt darüber; fand den Ausdruck- sagen wir mal, ziemlich rustikal und ein bißchen respektlos. Aber die Worte ließen mich nicht los, und je länger sie mir im Kopf herumgingen, desto passender wurden sie: als Beschreibung von dem, was mit unseren Seelen, meiner und Ihrer, geschehen kann und auch geschieht, wenn wir uns eine Hornhaut zulegen auf der Seele; und was wir anfangen mit dieser harten Schicht, die ja gefühllos ist, aber auch schützt, was wir mit ihr machen jetzt im Advent.
So eine Schutzschicht auf der Seele, liebe Gemeinde, die legen wir uns wohl alle zu im Laufe unseres Lebens. Wir schützen uns gegen enttäuschtes Vertrauen, in dem wir unser Vertrauen sparsamer gewähren und nur noch einige Menschen an uns heranlassen.
Wir schützen uns gegen Kränkungen, indem wir der Welt oft nur unser schönstes Gesicht zeigen. Das manchmal angestrengte und müde wahre Gesicht, das liegt verborgen im Innern.
Jeder und jede von uns hier hat in der Seele Orte von Liebe, von Zuversicht, von Vertrauen, von Hoffnung, die er nicht oder nicht mehr so einfach der Welt aussetzt. Und sicher mit Recht. Denn das lehrt uns unser Leben: Auch unsere Seele braucht Schutz. Und es ist gut, wenn wir sie schützen können. Und so bekommen wir eine Hornhaut auf der Seele, die uns bewahrt vor allzu tiefer Verletzung.
Das gilt im übrigen, liebe Gemeinde, auch jetzt für die Adventszeit. Auch diese Zeit kann zu einer Zeit werden, die uns verletzen kann. Wir sind erschöpft am Ende eines Jahres; wir sind einsam, wenn die Tage kürzer werden; wir haben Druck in der Schule, wenn Klassenarbeit auf Klassenarbeit folgt; wir müssen gut sein am Arbeitsplatz und ansprechbar zuhause- manchmal wünschten wir uns wohl sogar eine etwas dickere Haut. Und Sie werden mir, liebe Gemeinde, die Bemerkung verzeihen, dass ich mir diese dickere Haut auch bei so mancher zuckergusskitschiger Weihnachtssendung und bei mancher konsumschreiender Fernsehwerbung wünsche.
Und gleichzeitig passiert da etwas ganz anderes mit uns, mit unserer Seele mit all ihren Verhärtungen und Verhornungen, gerade im Advent.
Wir wollen nicht hart sein, sondern eine Zeit im Jahr auch weich und freundlich, voller Vertrauen und Liebe. Wir wollen Freude empfinden und Freude machen, durch Fürsorge und Feiern und erleuchtete Fenster, und - ja auch durch Geschenke an unsere Lieben.
Das passiert im Advent: Wir versuchen, durchlässiger zu werden, durchlässiger und offener für Hoffnung; für Liebe; für Sehnsucht und Erwartung; für ein Leben, wie es sein könnte und wie schön wäre es, es wäre da. Wir öffnen Türen zu den Orten unserer Seele, die wir sonst geschlossen halten.
Dazu entzünden wir doch Kerzen, dazu erleuchten wir unsere Fenster, dazu lassen wir es nach Tannenzweigen duften und nach Plätzchen, dazu singen wir die vertrauten Lieder, dazu kommen wir hierher: um durchlässiger zu sein für das Leben und die Hoffnung.
So, wie manche Erfahrungen des Lebens die Seele verhärten lassen, so setzten wir diesen Erfahrungen jeden Advent etwas entgegen: unser Bemühen und unseren Glauben, uns in aller Offenheit wiederzuentdecken, so, wie Gott uns eigentlich gedacht und gemacht hat. Offen für andere Menschen. Offen für das Leben. Und offen dafür, dass er selber kommen wird.
Advent ist die Zeit, wo wir sein dürfen, zu was wir bestimmt sind.
Die Hornhaut auf der Seele, sie macht Platz für Vertrauen, Hoffnung und Sehnsucht.
Natürlich riskieren wir dadurch auch etwas: unser Herz mag neu anfangen zu bluten mit seiner dünnen, weichen Haut. Und manchmal tut es das wirklich, gerade im Advent. Aber wo kämen wir hin, liebe Gemeinde, wenn wir kein Vertrauen wagen würden? Wenn wir keine Sehnsucht hätten nach mehr? Wie hart würde unser Herz werden, ohne Hoffnung auf das Kommen Gottes ?
Und so gehen auch die Menschen, Männer und Frauen Israels, die heute in der alttestamtlichen Lesung zu uns gesprochen haben, dieses Risiko ein:
Sie suchen ein Leben, wie Gott es versprochen hat für seine Kinder. Und so sprechen sie von ihrem Leben, von ihren Enttäuschungen und Verhärtungen, auch wenn ihnen dabei das Herz bluten mag.
"So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich." (Jes 63)
Sie schreien von ihrem Warten auf das Kommen Gottes, und reißen sich voller Sehnsucht die Hornhaut von der Seele, auch wenn es blutet.
"Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! –
und das man von alters her nicht vernommen hat. "(Jes 64)
Und am Ende, da wagen sie die Hoffnung, die auch uns der Advent
bringt:
"Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren."
Advent ist die Zeit, wo wir sein dürfen, zu was wir bestimmt sind.
Offen für andere Menschen. Offen für das Leben. Und offen dafür, dass er selber kommen wird.
Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 06.12.11