Kaspar, Melchior und Balthasar -
Standard and Poors, Euro-Rettungsschirm und Konjunkturbarometer
Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias - 15. Januar 2012 (1. Kor., 2, 3-9)
Pfarrerin Kerstin Heibrock
Liebe Gemeinde,
jetzt sind sie doch sicher gerade erst zuhause angekommen- die drei
Weisen, die Könige, die Sterndeuter, die weisen Männer. Haben ihren
Weg gemacht, zurück durch Wüsten, über Flüssen und Gebirge, haben,
wie wir, das Kind in der Krippe hinter sich gelassen, sind nach
Hause gekommen, zurück in ihren Alltag.
Und schon drängen sich andere Weise herein bei uns: Wirtschaftsweise allzumal, die wie jedes Jahr den Stern ihrer Wirtschaftsprognosen leuchten lassen, über Gewinn und Verlust, über Soll und über Haben.
Sie heißen nicht Kaspar, Melchior und Balthasar. Sie heißen Standard and Poors, Euro-Rettungsschirm und Konjunkturbarometer.
Was sie sagen, hat Gewicht in der Welt, scheint das zu sein, auf das die Welt setzen muss. Und zwar fast ausschließlich, so scheint es mir, mit einer eigenen Macht, die nicht zur Diskussion steht.
Ist das die Weisheit, die Weltsicht, dir wir für unser Leben und unseren Alltag übernehmen können und wollen?
Paulus schreibt uns heute von einer anderen Weisheit. Von einer
Weisheit, die anknüpft bei denen, die zu dem Kind in der Krippe
kamen.
Seien es Hirten. Oder Könige. Oder Weise.
Ich lese aus dem 1. Brief des Paulus an die Korintherinnen und
Korinther, 2, 3-9, eine Übersetzung von Renate Kirchhoff.
Paulus schreibt: Ich bin bei euch in Schwäche
und Furcht und großem Bangen aufgetreten. Mein Wort und meine
Verkündigung, liebe Geschwister, bestanden ja nicht aus
überzeugenden Weisheitsworten, sondern in der Erfahrbarkeit von
Geist und gottgegebener Kraft. So beruht euer Glaube nicht auf
Menschenweisheit, sondern auf der Kraft Gottes.
Wir reden dennoch von der Weisheit, aber von einer Weisheit, die
nicht von dieser Welt stammt und auch nicht von den Herrschenden
dieser Welt, die zugrunde gehen.
Wir reden von göttlicher Weisheit, im Geheimnis verborgen, die Gott
vor aller Zeit vorherbestimmt hat, um uns an der göttlichen
Gegenwart teilhaben zu lassen. So ist gekommen, wie geschrieben
steht: Was kein Auge sah und kein Ohr hörte und was in keines
Menschen Herz hinaufstieg, das hat Gott denen, die Gott lieben,
bereitet.
Menschliche Weisheit und göttliche Weisheit- davon hören wir hier.
Wir hören von der Weisheit der Welt und von der Weisheit aus der
Kraft, die Gott uns gibt.
Die Weisheit der Welt, sie ist wohl einfach beschrieben:
Das Glück ist mit den Tüchtigen. Hast du was, dann bist du was.
Jeder ist seines Glückes Schmied. Du musst dein Kapital
gewinnbringend anlegen. Erst komme ich, dann die anderen. Der Markt
hat seine eigenen Gesetze- so ist das eben. Wasser wird nicht zu
Wein.
Vielleicht sind wir hier nur ein bißchen in Gefahr zu vergessen, das
der Geist und die Kraft sich nicht in wirtschaftlicher Tüchtigkeit
erweisen. Erfolg ist keiner der Namen Gottes. Auch wenn man das
meinen mag, wenn man Worte aus dem beginnenden amerikanischen
Wahlkampf hört.
Ich will auch, liebe Gemeinde, nicht so tun, als lebten Christinnen
und Christen nicht in dieser Welt. Auch wir haben Sparverträge,
mieten Wohnungen, brauchen Arbeit und Gelingen unseres Tuns. Wir
bewegen uns unausweichlich auch in der Weisheit der Welt.
Aber der Gott, von dem Paulus schreibt, ist darin stark, dass er
sich an die Schwachen bindet. Diese Weisheit bietet Lebensraum. Für
die, die nicht erfolgreich sind. Die sich schlecht anpassen können
oder nicht anpassen wollen an wachsende Anforderungen.
Gottes Weisheit bietet Raum für die, die in Schwachheit und Furcht
und Ängsten leben- also für uns alle, immer wieder. Denn Gottes
Kraft ist in den Schwachen mächtig, so sagt es die Jahreslosung.
Und wäre es nicht schön, wir würden mit Gottes Hilfe die Weisheit
der Welt verändern durch die göttliche Weisheit- so gut es uns
gelingt?
Göttliche Weisheit erfahren wir im Glauben. Wir spüren doch immer im
Tiefsten: Hinter der Wirklichkeit der Welt, wie sie jeder und jede
von uns auch verschieden erfährt, gibt es noch eine andere
Wirklichkeit, die, die Gott meint und schafft. Mit seiner Weisheit.
Nicht logisch nach unserer Weisheit, auch oft schwer zu greifen und
zu beschreiben.
Die aber wirklich sind, beide, Gottes Wirklichkeit und Gottes
Weisheit. Im Glauben ist Gott mir nah und da. Im Glauben erschließt
sich mir seine Weisheit, die Gutes will für die Welt. Über die wir
reden können, uns austauschen, uns zu ihr ermutigen und klarer in
ihr werden. Die menschliche Weisheit verliert ihren Anspruch auf
Alleinherrschaft. Und wir werden klarer in der lebensfreundlichen
Weisheit Gottes.
Und so könnte das zur göttlichen Weisheit gehören:
die Weisheit der Geduld für alle, die sie für andere brauchen
die Weisheit der Freundlichkeit für alle, die auf andere zugehen
die Weisheit der Liebe für alle, die einander als Brüder und
Schwestern, als Kinder Gottes begegnen.
die Weisheit der Freude für alle, die traurig sind und getröstet
werden
die Weisheit des Friedens für alle, die in Streit und Krieg leben
und doch kleine Schritte zur Versöhnung finden,
die Weisheit der Güte für die, die Fehler gemacht haben und einen
neuen Anfang finden
und die Weisheit der Gerechtigkeit, die für alle Menschen ein Leben
auf Gottes Erde sucht.
Denn daran glauben wir: Weisheit, wie Gott sie schenkt, verändert
die Welt. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.02.12