Offene Türen
Predigt am 2. Weihnachtsfeiertag - 26. Dezember 2011
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
1. Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich
In seinem höchsten Thron,
Der heut' schließt auf sein Himmelreich
Und schenkt uns seinen Sohn,
Und schenkt uns seinen Sohn.
2. Er kommt aus seines Vaters Schoß
Und wird ein Kindlein klein,
Er liegt dort elend, nackt und bloß
In einem Krippelein,
In einem Krippelein.
3. Er äußert sich all' seiner G' walt,
Wird niedrig und gering,
Und nimmt an sich ein' s Knechts Gestalt,
Der Schöpfer aller Ding',
Der Schöpfer aller Ding'.
4. Er wechselt mit uns wunderlich:
Fleisch und Blut nimmt er an
Und gibt uns in sein' s Vater Reich
Die klare Gottheit dran.
Die klare Gottheit dran.
5. Er wird ein Knecht und ich ein Herr;
Das mag ein Wechsel sein!
Wie könnt' es doch sein freundlicher,
Das herze Jesulein,
Das herze Jesulein.
6. Heut schließt er wieder auf die Tür
Zum schönen Paradeis:
Der Cherub steht nicht mehr dafür,
Gott sei Lob, Ehr' und Preis!
Gott sei Lob, Ehr' und Preis!
Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war, der da ist und der da kommt.
Amen
Liebe Gemeinde,
"Lobt Gott ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron", das haben wir
gerade gesungen und werden es ja auch nach der Predigt mit den übrigen Strophen
weitersingen.
Früher, im alten Gesangbuch, da ging die 1. Strophe so: "der heut schleußt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn."
Als Kind, da wusste ich noch nicht, dass "schleußen" hier für "schließen" stand, und hatte beim Singen zu Weihnachten immer dies Bild vor Augen: eine Schleuse, so wie die in Minden, die wir mit der Grundschule besichtigt hatten:Wo Schiffe von oben nach unten und, das war das größere Wunder, auch von unten nach oben gehoben wurden.
Ich stellte mir also bei der Aufschleußung des Himmelreichs eine Art von wunderbarer Verbindung vom Himmel zur Erde und von der Erde zum Himmel vor- und ich denke, ich lag damit gar nicht so falsch.
Aber nicht nur von Himmelsseligkeiten ist in diesem Lied die Rede. Deutlicher als in manch anderen Weihnachtsliedern finden wir uns auch auf der Erde wieder. Hier liegt kein Knabe im lockigen Haar. "Elend, nackt und bloß"- mir und wohl auch Ihnen, liebe Gemeinde, fallen Bilder von anderen Kindern ein; Kinder mit heller und dunkler Haut, auch elend, auch fast nackt, noch nicht einmal mit einem Ort zum Schlafen in mancher Zeltstadt voller Flüchtlinge, nicht nur in Afrika. Weihnachten verdrängt diese und andere Bilder nicht, verklärt sie nicht. Selbst wenn wir das gern hätten.
Weihnachten soll den Blick schärfen für diese Bilder- und unsere Kraft und
unseren Mut dazu. Nicht alles muss so bleiben, wie es ist. Erst recht nicht,
wenn es auch in unseren Kräften steht.
Denn so, wir wir gleich weitersingen: "Er wechselt mit uns wunderlich, Fleisch
und Blut nimmt er an," so sehen und erkennen wir ja an diesem Menschen Jesus,
wie Menschen leben und reden und handeln sollen und können.
"Machs wie Gott, werde Mensch"- so bringt ein Satz der Gegenwart das auf den
Punkt.
Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis- ich freue mich schon
darauf, auf das Aufschließen, wenn wir gleich das Lied zu Ende singen. Es
erinnert wohl nicht nur mich an das Aufschließen der Weihnachtsstube.
Aufschließen: Gott öffnet seine Tür. Wir sind willkommen bei ihm. Im Paradies, und auf der Erde. Hinter der geöffneten Tür ist Raum für Liebe, für Menschlichkeit, für Hoffnung.
Wir Lieblosen dieser Erde können Gottes Liebe erleben;
wir Friedlosen spüren , wie Gottes Frieden auf der Welt aussehen kann; in uns
Hoffnungslosen keimt eine Hoffnung, die uns leben lässt.
Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht
mehr dafür, Gott sei Lob Ehr und Preis.
Ich will nicht verschweigen, liebe Gemeinde, was uns alle auch zu Weihnachten
nicht losläßt, uns unruhig machen kann:
Oft fehlen uns in unserem Leben die offenen Türen. Wir stehen oft gefrustet davor, wenn es nicht weitergeht: in der Schule, am Arbeitsplatz, wenn uns die Tür zur Gesundheit verschlossen bleibt.
Dann mag es trösten, sich das Bild der einen, der geöffneten Tür vor die Augen
und ins Herz zu holen. Mögen neue Kräfte daraus entstehen!
Und manchmal, nicht immer, aber manchmal, öffnen sich Türen auch unerwartet.
So erging es Nikolaus Hermann, der 1650, im Alter von 60 Jahren dieses
Weihnachtslied komponiert und gedichtet hat. Von seiner geöffneten Tür kennen
wir folgende Geschichte, so, wie ich sie in der UK des letzten Jahres wiederfand
und hier- etwas gekürzt- weitererzähle:
Der Schulmeister Nikolaus Hermann, im Silberbergwerksort Joachimsthal, war ein
besonderer Mann. Er begegnete seinen Schülern als Freund.
Sein eigener Sohn aber, Christoph, hatte im Streit das Elternhaus verlassen und
war nicht zurückgekehrt. Seitdem hatte Nikolaus Hermann kein Lied mehr dichten
können.
Und jetzt war wieder Weihnachtszeit. Es war dunkel in den Straßen. Nur im Haus
des Kantors brannte noch Licht. Leise Schritte auf der Straße, ein junger Mann
schlich durch die Gassen. Vor dem erleuchteten Haus blieb er stehen. Er wagte
nicht, an die Haustür anzuklopfen. Dabei war er doch früher so oft durch dieses
Tor gegangen. Er sah, wie der Vater das Licht löschte, um schlafen zu gehen.
Traurig ging Christoph davon, den Weg zum alten Silberbergwerk hinaus, wo er
früher Bergmann gewesen war.
Er stieg über eine Leiter in die Grube, kannte sich ja aus, auch ohne Licht. Er
öffnete eine schwere Tür, dann ein lauter Schlag: Die Tür fiel ins Schloss. Sie
hatte keine Klinke an der Innenseite. Seine Hilferufe verhallten.
In der Stadt war der Weihnachtsgottesdienst zu Ende. Nikolaus Herman verließt
als Letzter die Kirche. Da trat aus dem Dunkel der alte Obersteiger auf ihn zu:
Herr Kantor, wissen Sie etwas von Ihrem Christoph? "Wir haben seit Jahren nicht
von ihm gehört."
"Wissen Sie, war gestern beim alten Silberbergwerkschacht. Da habe ich eine
Gestalt gesehen, das hätte der Christoph sein können."
Eilig stapften die beiden Männer durch den Schnee zum Bergwerk, durchsuchten den
Stollen. "Jetzt öffne ich noch zum Tür zum alten Schacht. -Herr Kantor, hier
liegt einer- der Christoph. Er atmet noch."
Und sie brachten Christoph nach Hause, wo die Tür geöffnet war für ihn. Und
Nikolaus Herman dichtete das Lied vom wieder geöffneten Paradies.
Nur eine Weihnachtsgeschichte, liebe Gemeinde?!
Alle Ställe unserer Weihnachtskrippen haben offene Türen.
Wir können hineinsehen. Wir werden Jesus entdecken, Gottes Geschenk an uns.
Jesus zeigt uns, wie Gott die Welt will. Er zeigt uns unseren Gott, gnädig und
barmherzig. Er ist Gott an unserer Seite. Die Tür zur Krippe ist offen. Und wir-
dürfen eintreten durch diese Tür. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.02.12