Wir haben das Beste noch vor uns
Predigt am 3. Adventssonntag - 11. Dezember 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
IV.Reihe: Römer 15, 4-13
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen,
Liebe Schwestern und Brüder,
der heutige Predigttext passt wunderbar in diese Zeit, da landauf,
landab Kandidatinnen und Kandidaten für die Presbyteriumwahlen
aufgestellt worden sind. Es geht nämlich um die richtige
Gemeindeleitung. Aber es geht nicht um langweilige Theorie, sondern
es geht darum, wie sich eine Gemeinde verhalten soll, in der es
Streit gibt, so etwas soll ja durchaus vorkommen und ist eine
schlimme Sache.
Da gibt es die sogenannten „Schwachen im Glauben“, wie der Apostel
Paulus sie nennt. Das sind diejenigen, die sich an fromme Gesetze
und Traditionen festhalten, weil sie immer wieder unsicher werden,
allein der Gnade Gottes zu trauen.
Und da gibt es die „Starken im Glauben“, das sind die mit dem
prophetischen Eifer, denen alles nicht schnell genug geht mit den
Neuerungen und die kein Verständnis für die Zögerlichen haben.
Beide Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Beide grenzen
einander aus.
An diese Gruppen richtet sich Paulus:
Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur
Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift
Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch,
dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus
gemäß, damit ihr einmütig mit e i n e m Munde Gott lobt, den Vater
unseres Herrn Jesus Christus.
Darum nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes
Lob. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um
der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen,
die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um
der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50):
„Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinen Namen
singen.“ Und wiederum heißt es (5.Mose 32,43): „Lobet den Herrn,
alle Heiden und preist ihn, alle Völker!“ Und wiederum spricht
Jesaja (Jesaja 11,10): „Es wird kommen der Spross aus der Wurzel
Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den
werden die Heiden hoffen.“
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden
im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die
Kraft des Heiligen Geistes.“
(dazu Geschichte am Ende der Predigt)
Soweit unser Predigttext. Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.
Was also, liebe Schwestern und Brüder, empfiehlt der Apostel bei
Streitigkeiten in der Gemeinde? „Nehmt einander an, wie Christus
euch angenommen hat zu Gottes Lob.“
Paulus denkt konsequent auf Christus hin. Gott nimmt in Christus den
Menschen so an, wie er ist, daher haben auch wir die Freiheit, uns
untereinander so anzunehmen, wie wir sind. Das ist das Evangelium,
die Frohe Botschaft, die das Leben verändert.
Je mehr diese Frohe Botschaft im Mittelpunkt steht, desto weniger
stehen wir in der Gefahr, uns in verschiedene Gruppen zu
zerstreiten. Denn das ist der Grund, warum es unter Christen so
viele unselige Streitigkeiten gibt: Es wird das Vorletzte mit dem
Letzten verwechselt.
Das Letzte, das Entscheidende ist eben nicht, wie weit es uns
gelingt, ein wirklich christliches Leben zu leben.
Ob eher der Gottesdienst oder die Diakonie, der Friedensdienst oder
die Bibelarbeit gefördert wird, das sind wichtige Fragestellungen,
um die gerungen werden muss, auch gestritten. Aber dabei geht es um
die verantwortliche Antwort der Christen auf das Geschenk der Gnade
Gottes. Und damit um das Zweite, nämlich die Antwort und nicht um
das Erste, das Wort Gottes.
Das Erste, das ist unsere Rettung, unsere Rechtfertigung vor Gott –
und sie lässt sich nicht durch ein noch so frommes und engagiertes
leben erreichen.
Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat – nämlich allein
aus Gnade. Und diese Annahme gilt gerade den Verlorenen und
Schwachen. Das ist gelebte Rechtfertigung, das konsequente Denken
und Handeln von Christus her.
Im anderen Menschen den Mitbruder, die Mitschwester zu sehen, den
Gott genauso annimmt wie mich selbst, darauf kommt es an.
Wie kann das geschehen? Paulus sagt: Lobt einmütig mit einem Mund
Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.“ Jede
Presbyteriumsitzung beginnt mit Gebet und Schriftlesung und schließt
mit dem Segen.“ So regelt das die Kirchenordnung. Damit ist
natürlich in keiner Weise gewährleistet, dass die Gemeindeleitung
funktioniert. Aber eines ist festzuhalten: Entscheidungen und
Meinungsverschiedenheiten, Streit bis zu Aggression können da
überwunden und versöhnt werden, wo sie als das Vorletzte, das Zweite
erkannt werden. Und das geschieht da, wo dem Wichtigsten und
Entscheidendsten Raum gegeben wird: nämlich dem Lobe Gottes, der uns
in seinem Sohn Jesus Christus so angenommen hat, wie wir sind.
Christen haben etwas, was sie besonders auszeichnet: Sie haben den
Gottesdienst und sie haben das Abendmahl. Gerade im Streit, auch in
der Enttäuschung erfahren sie dort die größere Einheit untereinander
und in Christus. Nicht, weil da Probleme unter den Teppich gekehrt
werden. Im Gegenteil. Gerade, wer gemeinsam beten, Gottesdienst und
Abendmahl feiern kann, ist in der Lage, viel offener und
unbefangener zu streiten, wenn es sein muss.
Das ist die Eigenart des Humors, der Christen auszeichnet. Sie
wissen, dass hinter und über allem die Gnade und Vergebung des
liebenden Gottes steht, deshalb müssen sie sich selbst nicht so
tierisch ernst nehmen, sondern können über sich selber lachen.
In Gottes Gemeinde haben viel mehr Menschen Raum als wir je
zulassen. Wo Jesus Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern
geradezu zu seinem Evangelium macht, brauchen wir uns nicht
ängstlich abzuschotten vor allem Fremden, Neuen, Unbekannten und
Ungewohnten.
Ich habe zu Beginn gesagt: Paulus denkt konsequent auf Christus hin.
Wir leben in der Adventszeit, in der Vorbereitung auf das Kommen
Christi in unsere Welt. Das meint Paulus, wenn er schreibt: „Der
Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im
Glauben, dass ihr immer reich werdet an Hoffnung durch die Kraft des
Heiligen Geistes.“
Als Christen haben wir das Beste immer noch vor uns. Nicht, weil wir
das Beste selbst schaffen müssen, Gott sei Dank hängt das nicht an
unserem Können. Das Beste ist, dass Gott selbst kommt – er ist auf
dem Weg zu uns. Der Weg ist geebnet, Gott handelt, Gott ruft uns,
mitzugehen auf dem Weg, den er uns bereitet hat. Gott hat mehr zu
bieten als kleinkarierten Streit in der Kirche, er will die
Versöhnung aller Menschen. Und wir sind gebraucht, mutig und voll
Freude und vor allem miteinander, jede und jeder mit seiner eigenen
Kraft, bei diesem großen Werk mitzumachen.
Was uns vereint, ist diese Hoffnung. Diese Hoffnung, dass Gottes
Liebe, die Annahme des Sünders und Ausgestoßenen diese Welt gerettet
hat und dass dies Liebe das Größte und Wichtigste ist, das alle
menschliche Streitigkeiten überwindet. Nicht das, was war, ist
wichtig, sondern, das, was kommt. Darauf können wir uns freuen.
Vier Kerzen brannten am Adventskranz und
draußen war es ganz still. So still, dass man hörte, wie die Kerzen
miteinander zu reden begannen.
Die erste Kerze seufzte und sagte: "Ich heiße FRIEDEN. Mein Licht
gibt Sicherheit, doch die Menschen halten keinen Frieden. Sie wollen
mich nicht." Ihr Licht wurde kleiner und kleiner und verlosch
schließlich ganz.
Die zweite Kerze flackerte und sagte: "Ich heiße GLAUBEN. Aber ich
fühle mich überflüssig. Die Menschen glauben an gar nichts mehr. Es
hat keinen Sinn, dass ich brenne." Ein Luftzug wehte durch den Raum,
und die zweite Kerze war aus.
Leise und sehr zaghaft meldete sich nun die dritte Kerze zu Wort:
"Ich heiße LIEBE. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen; denn die
Menschen sind zu Egoisten geworden. Sie sehen nur sich selbst und
sind nicht bereit einander glücklich zu machen." Und mit einem
letzten Aufflackern war auch dieses Licht ausgelöscht.
Da kam ein Kind ins Zimmer. Verwundert schaute es die Kerzen an und
sagte: "Aber ihr sollt doch brennen und nicht aus sein."
Da meldete sich die vierte Kerze zu Wort. Sie sagte: "Hab keine
Angst, denn so lange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen
immer wieder anzünden. Ich heiße HOFFNUNG."
Mit einem kleinen Stück Holz nahm das Kind Licht von dieser Kerze
und erweckte Frieden, Glauben und die Liebe wieder zu Leben.
(Autor unbekannt)
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit
aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet
an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 11.12.11