Am Anfang ist das Maß
Predigt am 6. So. n. Trin. (Taufgedenk-Sonntag) - 15. Juli 2012
Pfarrerin Britta Schwiete, Paderborn
Textgrundlage: Biblische Lesungen des Sonntags (Jes 43,1-7 und Mt 28,16-20) sowie Monatsspruch Juli 2012 (Mk 4,24)
Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilie,
„Und wie groß war der Kleine bei der Geburt? Und wie schwer?“ Solche Fragen werden jungen Eltern oder Verwandten nach der Ankunft eines neuen Erdenbürgers sehr oft gestellt, das kennen wir wohl alle. Damit geht es sofort los in unserem Leben: Wir werden gemessen, gewogen – und in der Regel für gut befunden! Mal etwas größer, vielleicht die eine oder der andere etwas leichter…
Am Anfang unseres Lebens steht – das Maß. Und im Hintergrund gibt es einen Maßstab, an dem die eigenen Maße eines Menschen gemessen werden. Maße bestimmen heutzutage sehr weitreichend unser Leben. Bestimmt sind Sie schon einmal dem BMI, dem BodyMassIndex begegnet – wobei „Mass“ hier englisch für Masse steht – aber dieser BMI wird dann auch wiederum als Maßstab angesetzt für gut oder zu viel bzw. zu wenig.
Immer häufiger wird heute auch die Intelligenz gemessen…
Wir messen ständig, haben verschiedene Maßeinheiten, werden gemessen, messen uns an anderen oder unterschiedlichen Normen und Maßstäben. Auch gesellschaftlich haben wir es häufig mit Bemessungen und Abmessungen zu tun, als Beispiel sei nur die sog. „Einkommensbemessungsgrenze“ genannt.
Wie oft kann man auch hören, wie wichtig es ist, Maß zu halten. Ebenso versuchen die meisten Menschen, ein maßvolles Leben zu führen.
Aber was ist das denn, das Lebensmaß? Gibt es so etwas wie das „Maß aller Dinge“?!
Sie merken, in wie vielen Worten oder Redewendungen in unserer Sprache, auch der ganz alltäglichen Sprache das Messen oder Maß vorkommt.
Woran messen wir unser Leben? Kann man Lebensqualität messen? Wonach streben wir, was wünschen wir uns für unser Leben? Oder für das Leben unserer Kinder? Wie und wann ist unser Leben lebenswert? Welche Lebenswerte haben wir?
Oftmals liegt oder legen wir die Messlatte für unser Leben ziemlich hoch. Die Zunahme in der Anzahl der Menschen, die unter zu hohem Leistungsdruck leiden und dadurch krank werden, sowohl unter Erwachsenen wie auch schon unter Kindern, ist ein erschreckendes Alarmzeichen. Was sind unsere Lebenswerte?!
Für fast alles haben wir ein Maß. Gott sei Dank nicht für alles! Und genau das ist der Dreh-und Angelpunkt, dass ich Sie heute, an diesem Sonntagmorgen mit diesen Gedanken und Wortspielen überfalle. Wir feiern in diesem Gottesdienst heute die Taufe – dass Nick heute getauft wurde und zugleich die Erinnerung an die Bedeutung der Taufe.
Mit dem Wochenspruch aus Jes. 43 steht auch ein sehr beliebter Taufspruch über dem heutigen Tag und der kommenden Woche. In ihm kommt die Zusage Gottes zum Ausdruck, dass er mit uns ist, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen im Leben. Gottes Zuwendung und seine bedingungslose und vorbehaltlose Annahme erfahren und feiern wir in der Taufe. Ohne dass irgendein Maßstab angelegt wird, eine Vorleistung erbracht werden muss, nimmt Gott uns in der Taufe als sein Kind an. Das gilt unverbrüchlich für unser ganzes Leben! Gottes Maßstab ist der Mensch an sich. Bei ihm gilt der Maßstab Mensch. Gottes Geschenk der Freiheit wird uns in der Taufe zuteil. Gott befreit uns in der Taufe auch vom ewigen „Genügen müssen“ und „Genügen wollen“ nach menschlichen Maßstäben. „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst!“ Von den Zwängen, die unser Leben unter ein Joch zwingen, von den Ängsten, nicht zu genügen, nicht der Norm zu entsprechen, ausgeschlossen zu sein.
Das Wasser steht in der Taufe dabei als Zeichen des reinen Lebens. Rein im Sinne von Reinigung von dem, was uns beschwert und ängstigt. Insofern macht die Taufe unser Leben neu und setzt einen Neuanfang. Rein aber auch im Sinn von pur. Das was uns in der Taufe geschenkt wird, ist das „Leben pur“, ohne von außen auferlegte Maßstäbe und Ansprüche! Im Sinn eines Zuspruchs, wie es bei Jesaja schon hieß: „… weil du in meinen Augen so wertgeachtet und herrlich bist und weil ich dich lieb habe.“ Und wie es in den Evangelienberichten immer wieder zum Ausdruck kommt, wenn Jesus Christus den Menschen vom wahren Leben erzählt, vom Reich Gottes, das im Leben anbricht, oder wenn er das Leben von den Brüchen und scheinbaren Zwängen und Ängsten und körperlich und seelisch krank machenden Umständen befreit. Er zeigt den Weg zum „Leben pur“ und gibt den Auf-trag: Geht hin und breitet diese Botschaft aus. Macht zu Jüngern alle Völker, tauft, befreit damit zum Leben! Damit die anderen Werte sichtbar werden können wie: Güte, Barmherzigkeit, Lebendigkeit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit,… für uns selbst und untereinander.
Und damit komme ich zurück zu den Worten, die den Anfang meiner Predigt heute bestimmt haben, Maß und messen. Denn im Monatsspruch für Juli heißt es: Mit welchem Maß ihr messt, wird man euch wieder messen (Mk 4,24).
Aus dem Angenommensein heraus, als durch die Taufe zum Leben befreite Kinder Gottes, haben wir die Freiheit zu entscheiden, mit welchem Maß wir im Leben messen wollen, ob und mit welcher Einheit wir messen -in unserem eigenen Leben und untereinander.
Amen.
Pfarrerin Britta Schwiete ist "Ehrenamts-Pfarrerin" der Diakonie Paderborn-Höxter e.V. Mehr über ihre Arbeit auf der Ehrenamts-Seite der Diakonie.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 15.07.12