Die Männer von Libori nehmen das Licht mit
Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis - 29. Juli 2012
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I.Reihe: Matthäus 5, 14-16 (Lichtwort)
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
so sagt es Jesus in seiner Bergpredigt:
„Ihr seid die Sonne, das Licht der Welt. Eine
Stadt oben auf der Spitze eines Berges wird von allen gesehen.
Und wer ein Licht anzündet, wird keinen Topf darüber stülpen,
sondern es auf den Leuchter stellen, damit es allen im Haus hellen
Schein gibt. So sollt ihr Licht für die Menschen sein. Sie sollen
sehen, war ihr tut, und so zu Gott finden und euren Vater im Himmel
loben.“
[Übersetzung: Klaus Berger/Christiane
Nord,1999]
Es ist wieder einmal Libori. Es gibt in Paderborn eine Redensart,
die lautet: „Die Männer von Libori nehmen das Licht mit.“ Gemeint
ist, wenn das Liborifest zu Ende ist und alle Stände, Fahrgeschäfte
und Buden abgebaut sind, dann ist es vorbei mit dem Sommer und
langsam wird es dunkler, der Herbst kommt.
„Die Männer von Libori nehmen das Licht mit.“ Hoffentlich nicht!
Denn wir brauchen noch viel sommerliches Licht. Wie sehr wir vom
Licht abhängig sind, haben wir doch in den letzten Tagen erlebt. Als
endlich die Sonne mal ordentlich schien, stellte sich so ein
wunderbares Lebensgefühl ein: unbeschwert, Urlaub, entspannt – wie
schön kann das Leben sein! Dann aber, als es mit der Hitze doch arg
schlimm wurde, zeigte sich auch: Sonnenlicht ist nicht alles.
Wir sehnen uns nach Licht. Wie eine Pflanze sich nach dem Licht
austreckt, so brauchen auch wir Menschen Licht. Menschen, die nur im
Dunkeln arbeiten, laufen Gefahr, depressiv zu werden, antriebslos,
schlecht gelaunt.
Licht – wir Menschen brauchen aber noch etwas anderes als das
Sonnenlicht. In der Kirche, im Glauben, im Kirchenjahr spielt Licht
eine große Rolle. Ein Altar ohne Kerzen ist uns schwer vorstellbar -
nun gut, nicht allen, in reformierter Tradition vermisst man Kerzen
weniger. Bei der Taufe spielt es eine große Rolle, dass das Licht
der Osterkerze, die für den Tod und die Auferstehung Jesu steht, an
die Taufkerze weitergeben wird: Du bist nun ein Kind Gottes und hast
Anteil an der Rettung und dem Heil, das Jesus Christus gebracht hat.
Im Kirchenjahr erscheint das Licht der Welt mitten in der
Dunkelheit. Jesus ist das Licht der Welt und er wird geboren in der
längsten und dunkelsten Nacht, die es im Jahr gibt: Der Christnacht,
dem Heiligen Abend, am Morgen nach dem 24.Dezember.
Ein anderer, sein Vorläufer, Johannes der Täufer, er ist der
Gegenpol zu Jesus. Sein Geburtstag wird am Johannistag begangen, dem
24.Juni, einem der längsten Tage im Jahr. Aber Johannes ist nicht
das Licht der Welt. Sein Licht wird immer kürzer, so wie die Tage
immer kürzer werden, bis schließlich in der längsten Nacht Jesus,
der Sohn Gottes, geboren wird.
Ist das nicht höchst interessant, was damit ausgedrückt wird? Da, wo
am meisten äußerliches helles Licht ist, da denkt man nur an den
Vorläufer des wirklichen Lichts. Äußerliches Licht ist nicht wichtig
im Glauben, ja, lenkt nur von dem, worauf es wirklich ankommt, ab.
Es geht um das innere Licht, um das Leuchten, das hindurch scheint
durch uns Menschen, das gerade in der Dunkelheit seine Schönheit
entfaltet.
Deshalb sagt Jesus: Ihr, dir ihr mir nachfolgt, seid die eigentliche
Sonne, ihr seid das Licht der Welt. Auf euch sollen die Menschen
sehen und sie werden Hoffnung bekommen.
Deshalb ist es so wichtig, dass Jesus in der Dunkelheit geboren
wird. So leuchtet sein Licht hinaus in alle Welt. So sollen auch wir
sein. Es ist keine Kunst, glücklich zu sein, wenn es sowieso allen
Menschen gut geht, wenn Sommer ist und Urlaub, man gesund ist und
ein erfülltes Leben führt, eben auf der Sonnenseite des Lebens
steht. Was ist aber, wenn es nicht so gut läuft? Wenn es trübe ist
und Schatten auf unser Leben fallen? Was leuchtet dann für uns? Es
muss ein Licht in unserem Herzen sein, eine Flamme oder nur ein
Funken, der uns dann wirklich die Augen aufgehen lässt.
Es gibt Menschen, die leuchten so von innen heraus. Sie können
strahlen, auch wenn es regnet, wenn es kalt ist und alle nur traurig
sind und muffelig. In ihnen ist ein anderes Licht, ein Licht des
Glaubens. Wie gut, dass es solche Menschen gibt! Kinder sind oft
solche Menschen.
Und jeder Mensch ist wichtig. Manchmal meinen wir ja, wir sind nur
kleine Leuchten und auf uns käme es gar nicht an. Ganz falsch. Ich
weiß nicht, ob Sie, liebe Schwestern und Brüder, vorgestern die
Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London gesehen haben. Da
haben 7 junge Leute an sieben Stellen eine Flamme entzündet, von
denen 204 weitere Flammen angesteckt wurden, so viele wie Nationen
an diesen Spielen teilnehmen. Und dann bildeten auf ganz
eindrückliche Weise alle kleinen Flammen ein einziges großes Feuer.
Das ist ein schönes Sinnbild für das Feuer des Glaubens. Auf jedes
Flämmchen kommt es an. Wäre bei der Eröffnungsfeier eine Flamme
dunkel geblieben, hätte alles nicht funktioniert. Aber es hat ja
funktioniert!
Auch das Licht von Kerzen in der Kirche ist ein schwaches,
empfindliches Licht. Es kann schnell ausgehen, ein Windzug genügt.
Und wenn alle Kerzen erlöschen, aber eine einzige brennt noch, dann
können alle wieder zu Leuchten gebracht werden. Deshalb versteckt
euer Licht des Glaubens nicht, sondern vertraut auf Jesus, der sagt:
Ihr seid meine Sonne, mein Licht der Welt.
Es gibt wunderbare Segenssprüche, Segenswünsche für Menschen, die
sich noch nicht trauen, ihr Licht auch für andere leuchten zu lassen
oder genug dem Licht zu trauen, das wir vielleicht nur schwach am
Horizont erkennen. Und eigentlich, liebe Schwestern und Brüder,
haben wir alle nie genug an solchen Segenswünschen, wie sie z.B. die
Autorin Christa Spilling-Nöker geschrieben hat. Wir wollen zum
Abschluss der Predigt einen solchen Segenswunsch hören:
„Schon wenig Licht kann helfen,
den nächsten Schritt zu tun ohne zu fallen.
Damit magst du dich trösten:
das geringste Licht,
das du erfährst in kleinen Zeichen
der Wärme und Liebe,
die dir jemand schenkt,
reicht schon aus,
dir den Weg aus deiner Dunkelheit
zu zeigen.
Vielleicht besteht die Gnade Gottes
gar nicht aus einer großen Erleuchtung,
sondern aus kleinen Lichtblicken jeden Tag.
Deshalb wünsche ich dir,
dass du Licht bist,
dass du Licht bleibst
und Licht erfährst in deinen eigenen Dunkelheiten.“
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 29.07.12