Jesus Christus spricht: „Meine Kraft ist in den
Schwachen mächtig“ 2.Korinther 12,9
„Wir lieben Gewinner und wir lieben es zu gewinnen.“ Dies ist ein Spruch
unserer Zeit. Der zweite Platz ist schon der 1.Verliererplatz. Wohlstand
gibt es nur durch Wachstum. Wer nicht jung, leistungsstark und gesund
ist, liegt anderer auf der Tasche und muss sehen, wo er bleibt.
Ist das in der Kirche anders? Wir verkünden die Botschaft von der
Rettung der Verlorenen, die Zuwendung Gottes zu den Traurigen,
Verlassenen, den armen Menschen. Doch gemessen wird diese Verkündigung
an den allgemeinen Maßstäben der Gesellschaft: Wer oben steht, ist
Sieger, wer sich durchsetzen kann, hat das Recht auf einen Platz in der
Leitung, wer leistungsstark ist, soll gefördert werden.
Schön und gut. Ja, so soll es auch in der Kirche sein: Schön und gut.
Kraft statt Schwäche, Glattes Design statt angekratztes, altes Mobiliar.
Alles wäre so einfach, gäbe es da nicht den zentralen Satz in der
Verkündigung Jesu: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Ja, was wäre das denn für eine Kirche, in der nur Platz ist für die
Schönen und Guten, die Erfolgreichen, die wirtschaftlich Starken, die
Gesunden, Jungen, Leistungsstarken? Erst einmal hätte ein Paulus darin
gar keinen Platz, auch kein Jeremia, kein Moses, kein David und auch
keine Maria, kein Josef und vor allem: kein Jesus. Alles Personen, die
gravierende Mängel aufwiesen: Zu jung, zu unansehnlich, zu klein, aus
den falschen Verhältnissen, ohne die richtigen Seilschaften, zu arm,
erfolglos, gescheitert, gekreuzigt.
Ja, das wäre eine schöne und gute Kirche mit vielen tollen Leuten, die
sich vor allem selbst für toll hielten, die vielleicht auch mal etwas
abgäben von ihrem Reichtum an die Armen, weil das ein gutes Gewissen
macht, aber deren Herz verschlossen wäre für die Armen, von denen sie
sich ja am liebsten abgrenzen. Eine Kirche, die sich selbst feiert und
dabei andere im Regen stehen lässt -
Und der Heiligen Familie ginge es noch einmal so wie in Bethlehem:
Keiner ließe sie herein in die warme Stube, eine mittelose Familie,
bettelnd, aus merkwürdigen Verhältnissen, fremd und eine Belastung.
Eine Kirche, in der dieser Satz nicht mehr gilt: „Meine Kraft ist in den
Schwachen mächtig.“ Ist eine verlorene Kirche. Eine Kirche, die tot ist,
verlassen von allen guten Geistern. Verlassen von Gottes gutem Geist.
Denn Gott hat eine Schwäche für alles Kleine, Nicht-Gelungene,
Verlorene, Arme, Verlassene. Gott selbst ist schwach, ohnmächtig, weil
er auf seine Macht verzichtet. Er will nicht allmächtig im Himmel
thronen, sondern er will ganz nach unten, in die Dunkelheit des
Menschseins, er will in die Herzen der Menschen.
Menschen, die schwach sind, haben ein offenes Herz. Bei armen,
traurigen, alten oder ganz jungen Mensch, da ist das Herz lebendig, bei
den Sicheren und Satten ist es abgestorben und kalt.
Suchen wir nicht die Sicherheit, wenn wir Gott finden wollen. Machen wir
uns auf den Weg, Sicherheiten aufzugeben. Gehen wir zu den Schwachen,
denen im Dunkeln. Dort ist Gottes Liebe zu finden. Denn dorthin ist Gott
selbst gegangen. Dort hat er sich offenbart.
Gott macht die Schwachen stark, die Kleinen groß, die Mächtigen aber
stößt er vom Thron. So hat es Maria gesungen, als ihr der Engel die
Geburt Jesu verkündete.
„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ So sagt es der erwachsene
Jesus, der ein mittelloser, umstrittener Wanderprediger war und am Ende
scheinbar am Kreuz scheiterte.
Dort ist die lebendige Kirche, wo die Schwachen mitten hineingenommen
sind. Wo es eben nicht glatt und perfekt zugeht, sondern spontan und
laut, ungeplant und unvollkommen, ungewohnt, einfach und herzlich. Wo
sich Schwache angenommen fühlen, nicht als Objekte des Mitleid, sondern
als Subjekte der Liebe Gottes: Ihnen gilt die Verheißung, sie sind die
Zukunft der Kirche. Für sie ist Jesus Mensch geworden und für sie ist er
gestorben und auferstanden.
Ja, das ist die Kirche Jesu Christi, die zukunftsfähig ist und in der es
Lust macht, mit zu machen. Eine solche Kirche braucht die Welt, keine
Kopie der Welt. Wenn Kirche nur auf das setzt, was die Welt an Rezepten
bereithält, macht sie sich überflüssig. Wachstum um jeden Preis,
Strukturdebatten, Stärkung des Starken auf Kosten der Schwachen … Zum
Gähnen langweilig ist eine solche Kirche.
Spannend ist es, wo es gelingt, dass es auch ohne die Starken geht. Ohne
Macht. Wo Menschen einfach so zusammen kommen und einer dem anderen
hilft. Wo Ohnmacht erlaubt ist, wo sie nicht versteckt werden muss. In
einer solchen Kirche sitzt Jesus mit am Tisch, muss er nicht vergeblich
an die Türen klopfen.
„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ 2012, im neuen Jahr können
wir das in unserer Gemeinde zum Wahlspruch machen.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 31.12.11