Ich will sein wie eine grünende Tanne
Predigt Christfest I, 25. Dezember 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
IV.Reihe: 1.Johannes 3, 1 – 6
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
der Predigttext steht im 1.Johannes-Brief im 3.Kapitel:
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen,
dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum
kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht
offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es
offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn
sehen, wie er ist.
Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich,
wie auch jener rein ist.
Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht.
Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünde wegnehme,
und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht;
wer sündigt, er hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.
Soweit unser Predigttext. Gott, segne dein Wort an uns allen.
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht ist ja für den einen oder
anderen die letzte Nacht kurz gewesen, das Aufstehen mühsam, das
Zuhören bei der Predigt ein wenig anstrengend – deshalb möchte ich
es vereinfachen.
Um drei Stichworte geht es im Predigttext:
„Seht richtig hin“ (das ist das erste) –
„Wir sind schon Gottes Kinder und müssen uns das nicht erst
verdienen“ (das ist das zweite) – und
drittens: „als Kinder Gottes überwinden wir die Sünde“.
O weh, das klingt ganz schön schwierig und ziemlich trocken am
Weihnachtsmorgen. Ich will es anschaulich machen.
1. „Seht richtig hin“ – Dies ist der Weihnachtsbaum. Was sehen wir?
Alle Jahre wieder – wir sehen die elektrischen Kerzen, den eigens
selbstgefertigten Holzschmuck, darunter die Krippe … Ein altes
Symbol, der Weihnachtsbaum. Wo kommt der eigentlich her? Also, nicht
dieser Baum, sondern das Symbol? Grüne Zweige sind ein Symbol für
das Leben, für die Wiederkehr des Frühlings (wir kennen ja den
Maibaum).
Der Weihnachtsbaum ist ein Symbol christlicher Hoffnung. Ich betone
„christlicher“ Hoffnung, denn es ist schlichtweg historischer
Unsinn, in ihm eine alte heidnische „Jul-Tanne“ zu sehen, die
irgendetwas mit Wintersonnenwende zu tun hat. Auch wenn das immer
wieder behauptet wird – dafür gibt es keine historischen Belege. Im
Gegenteil! Wissen Sie, woher die Vorstellung stammt, das Christfest
sei ursprünglich ein germanisches Fest gewesen, der Weihnachtsbaum
eine urgermanische „Jul-Tanne“? Sie stammt von den Nazis! Die haben
das mit ihrer Propaganda in den Kopf der Menschen gesetzt. Und heute
noch wird das von Neonazis und deren esoterisch-germanischen
Religionsversuchen weiter behauptet.
In Wirklichkeit hat dieser Baum seine historischen Wurzeln in den
sogenannten Paradiesspielen. Im Mittelalter wurde in den Kirchen die
Geschichte vom Paradies nachgespielt. Und dazu stand ein Baum in der
Kirche, der Baum der Erkenntnis, der mit Äpfeln, vergoldeten Nüssen
und Süßigkeiten geschmückt war. Dann wurde die Geschichte von Adam
und Eva gespielt und am Ende wurde der Baum von den Kindern
„geplündert“, die Kinder durften sich also an den Süßigkeiten
bedienen. So kommen die Äpfel an den Baum – und die Kugeln, die die
ursprünglichen Äpfel ersetzt haben. Denn dieses Paradiesspiel wurde
am Namenstag von Adam und Eva in der Kirche aufgeführt – und der ist
ja wann? Richtig, am 24.Dezember. So wurde der Paradiesbaum zum
Weihnachtsbaum. Und darin steckt viel biblische Weisheit; denn durch
das Kommen des Sohnes Gottes wird die Welt noch einmal neu
geschaffen. Jesus kann als der „neue Adam“ bezeichnet werden. Wir
singen im Kirchenlied: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum
schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür.“
Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, 6.
Strophe.
Das war es zum Thema „richtig sehen“. Jetzt zum 2.: „Wir sind Gottes
Kinder und müssen uns das gar nicht erst verdienen.“
Nun, das ist jetzt gar nicht so schwer zu verstehen. Gott schafft
die Welt neu, sein Sohn kommt zur Welt. Jesus ist zugleich der Sohn
Gottes und auch der erste neue Mensch. An Jesus können wir sehen,
was Menschsein bedeutet: Ganz in der Liebe Gottes zu wurzeln, ganz
vom Grün der Hoffnung bestimmt zu sein.
Weihnachten heißt: Gott hat all dies getan. Er nimmt die Menschen so
an, wie sie sind. Er macht uns zu seinen Kindern. Gott kommt uns
Menschen so nahe, dass er einer von uns wird. Und damit werden wir
auch göttlich. Wir werden seine Kinder!
Soll ich es ein bisschen anschaulicher versuchen? Nun, vielleicht
leuchtet dies ein: Wenn in einem dunklen Raum ein helles Licht
scheint, dann wird ja der ehemals dunkle Raum: hell. Was geschieht
denn da? Die Lichtquelle gibt das Licht ab, aber die ehemals dunkle
Umgebung reflektiert ja das Licht, nimmt es damit ein Stück weit
auf. Alles strahlt im hellen Licht, das Dunkle vergeht.
Eigentlich ist das schon der Übergang zum 3. und letzten Punkt, der
erst so schwierig erschien: „als Kinder Gottes überwinden wir die
Sünde.“ Versuchen wir doch wenigstens einmal einen Moment
auszublenden, Sünde wäre das Selbe wie ein paar moralische
Verfehlungen. Sünde meint in der Sprache der Bibel „Trennung von
Gott“, nichts anderes. Es hat so gar nichts zu tun mit dem
Verkehrssünder, dem Sündigen beim Essen, jetzt gerade an den
Weihnachtstagen, es geht um ganz etwas anderes. „Sünde“ kommt von
dem Wort „Sund“ und der Sund ist ein Meeresarm, der zwei Landteile
voneinander trennt. Mensch und Gott sind getrennt, weil sich der
Mensch gegen Gott entschieden hat, weil er ohne ihn leben will, weil
er nicht auf ihn hören, nicht an ihn glauben will.
Diese Sünde ist überwunden, weil Gott in Jesus eine feste Brücke
über die Trennung gebaut hat. Gott hat Frieden geschlossen mit uns
Menschen. Wir können über diese feste Brücke gehen. Sie funktioniert
in beiden Richtungen: Gott kommt zu uns und wir können zu ihm
kommen. Er nimmt uns mit offenen Armen auf wie der Vater den
verlorenen Sohn im Lukasevangelium.
Soweit meine Gedanken an diesem Weihnachtsmorgen zu unserem
Predigttext 1.Johannes 3, 1-6. Eigentlich kann dies alles auch der
Weihnachtsbaum predigen, in aller Schlichtheit. Vielleicht fällt uns
ja der Text eines alten volkstümlichen Liedes ein, lassen Sie einmal
etwas anheimelnd werden, wenn nicht heute, wann dann …:
„Am Weihnachtsbaum, die Lichter brennen,
wie glänzt er festlich, lieb und mild, als spräch‘ er:
Wollt in mir erkennen getreuer Hoffnung stilles Bild.“
Text: Hermann Kletke (1841)
Die Lichter, die für das Licht der Welt stehen, das mit Jesus in die
Welt gekommen ist, das uns erleuchtet und alle einschließt, die
Kleinen, die Großen, die Alten, die Jungen, die Oben, die Unten, die
Traurigen, die Optimisten – Sie stehen für das Fest des Lebens: Gott
hat die Brücke über alles Trennende hinaus geschlagen. Diese Brücke
ist uneinstürzbar.
Die Kerzen sitzen auf grünen Ästen. Grün ist die Farbe der Hoffnung.
Hoffnung ist der Grundton von Weihnachten. Wir blicken schon nach
vorn auf den nächsten Frühling. Gott kommt, Jesus ist geboren,
Hoffnung wird euch begleiten. Wir Menschen haben das Beste noch vor
uns. Geben wir diese Hoffnung an andere weiter. Jesus hat möglich
gemacht, wovon der Prophet Hosea träumte: „Ich will sein wie eine
grünende Tanne.“ (Hosea 14,9)
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
Amen.
(Beeinflusst hat die Predigt das Büchlein: „Der Paradiesbaum“ von
Ruth Biedermann und Mirjam Miethe, Nidderau)
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 26.12.11