Rückendeckung
(Einführung der neuen Gemeindeleitung)
Predigt am Sonntag Invokavit - 26. Februar 2012
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
IV. Reihe: 2. Korinther 6,1-10
Wir ermahnen aber euch als Mithelfer, daß ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfanget. Denn er spricht: "Ich habe dich in der angenehmen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen." Sehet, jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils! Und wir geben niemand irgend ein Ärgernis, auf daß unser Amt nicht verlästert werde; sondern in allen Dingen beweisen wir uns als die Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Fasten, in Keuschheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in dem heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte: als die Verführer, und doch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht ertötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts innehaben, und doch alles haben.
(Luther 1912)
Da hat uns anscheinend, liebe Gemeinde, der Apostel Paulus passend
zur Einführung einer neuen Gemeindeleitung quasi eine Anleitung
hinterlassen, wie denn ein guter Mitarbeiter, eine gute
Mitarbeiterin zu sein hat.
Sie haben wahrscheinlich die lange Liste aus der Epistellesung noch
im Ohr:
„in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in
Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im
Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in
Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe“ usw.
In all diesen Situationen soll ein guter Mitarbeiter, eine
gute Mitarbeiterin sich eben immer als guter Diener Gottes, als gute
Dienerin Gottes erweisen, eben um nicht Anstoß zu erregen, damit das
Amt nicht verlästert werde.
„Wir sollen“ übersetzt Jörg Zink
mehrfach in dieser Aufreihung. „Ihr, Menschen
in Korinth, sollt so sein wie ich, Paulus!“ So kam und kommt
es an. Als Anstrengung, als Last, Zumutung.
Also ganz kurz, die Menschen sollen perfekt sein, glaubensstark und
untadelig, damit das Amt nicht beschädigt wird und die Botschaft
glaubhaft bleibt.
Dies wäre jetzt eigentlich ein guter Zeitpunkt, sich einzugestehen
„so bin ich aber doch gar nicht“, aufzustehen und zu gehen.
Dieses Anforderungsprofil kann ich nicht erfüllen.
Ich bin nur Mensch, kein Übermensch und auch kein Glaubensheld.
So perfekt bin ich nicht, wie Paulus es anscheinend von seinen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einfordert. Diese Messlatte liegt
meilenweit zu hoch.
Somit stünde dann die Gemeinde, die Kirche, ohne Mitarbeitende da,
weder Haupt-, noch Ehrenamtliche, denn für alle gelten doch
dieselben Maßstäbe, oder nicht?
Oder vielleicht noch schlimmer: die Gemeinde, die Kirche, stünde mit
solchen Menschen da, die von sich selbst glauben, „natürlich, das
kann ich alles schaffen, das geht schon, das muss ich schaffen, wenn
es weitergehen soll. Die Menschen sind schließlich auf mich allein
angewiesen!“
Unsere größte Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind", schreibt
Mandela in seiner Antrittsrede als Präsident. „Unsere größte Angst
ist, dass wir kraftvoll sind - über alles Messbare hinaus. Es ist
unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die wir am meisten fürchten.“
Zugegeben, dies ist genau die Realität, in der wir leben. Dies
beschreibt genau den Zwiespalt, in dem wir hin- und hergerissen
werden. Zum einen, die Angst, nicht zu genügen, das Gefühl der
Überforderung, zum anderen aber auch das Gefühl, ohne uns geht es
nicht.
Ich schaue noch einmal in den Brief des Paulus an die Gemeinde in
Korinth und entdecke Textstellen, die ich beim ersten Lesen und
Hören nicht wahrgenommen habe, einfach, weil die anderen Worte so
stark und übermächtig waren, gut in meine Wahrnehmung der
Wirklichkeit passten und auch in alten Wunden schmerzten.
Aber Paulus schreibt auch:
Wir arbeiten zusammen und ermutigen euch daher: Lasst euch die
freundliche Zuwendung Gottes nicht vergeblich schenken!
Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des
Heils!
Um es mit Worten aus Wirtschaft und Handel zu sagen: Gott ist in
Vorleistung getreten. Gott hat sich seinen Menschen freundlich
zugewandt. Gott hat die ersten Schritte längst getan. Gott hat uns
das große Geschenk seiner Menschenliebe längst gemacht. Darauf
sollen wir reagieren, ermahnt Paulus, damit wir die Gnade Gottes
nicht vergeblich empfangen, damit dieses Geschenk nicht unbeachtet
und ungenutzt in einem Winkel unseres Daseins verstaubt.
Gott lässt uns durch Paulus ausrichten: Jetzt ist die Zeit der
Gnade, jetzt ist der Tag des Heils. Jetzt, und nicht erst, wenn wir
mal einen Termin freihaben. Jetzt, und nicht erst, wenn wir denken,
wir könnten den Ansprüchen genügen.
Jetzt und nicht erst irgendwann, wenn uns die Ausreden ausgehen.
Ja, wir sind hin- und hergerissen in einem Zwiespalt. Wir sind
geehrt oder verachtet, verleumdet oder gelobt. Wir erscheinen wie
betrügerische und ehrliche Menschen, wie Unbekannte und doch
Bekannte. Wir sind Sterbende und doch leben wir. Wir sind Traurige,
doch voll Freude; wir sind Arme, die aber viele reich machen; wie
Menschen, die nichts haben und alles besitzen.
Wir leben in diesem Zwiespalt und ich erkenne darin einen Teil der
göttlichen Zuwendung, denn inmitten dieser Unsicherheit eröffnet
sich viel Raum für Gottes Gnade, für göttliches Heil.
In der Predigt einer Kollegin zu diesem Bibeltext fand ich folgende
Worte, die mich sehr berührt haben:
„Wir fragen uns selbst: Wer bin ich schon, um strahlend, prächtig,
begabt, fabelhaft zu sein? Eigentlich müsste es heißen: Wer bist Du,
es nicht zu sein?
Du bist ein Kind Gottes. Dich selbst klein zu halten, dient nicht
der Welt. Es ist nichts Erleuchtetes daran, wenn du schrumpfst,
damit andere sich in deiner Gegenwart nicht unsicher fühlen. Wir
sind alle bestimmt, zu leuchten.
Wir sind geboren, um den Schein Gottes, der in uns ist, kundzutun.
Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem.
Und wenn wir unser Licht erscheinen lassen, geben wir ganz bewusst
anderen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Indem wir von unserer
eigenen Angst befreien, befreit unsere Gegenwart unwillkürlich
andere."
Eigentlich könnte ich jetzt Amen sagen, aber ein Satz des Paulus
rumort noch in mir: „Wir geben in keiner Hinsicht irgendeinen
Anstoß, damit unser Auftrag nicht in Verruf gerät.“
Liebe Presbyterinnen und Presbyter, Paulus ruft hier nicht zum
Duckmäusertum auf. Zum Amt der Gemeindeleitung gehört es auch,
manchmal Anstöße zu geben, Gemeinde in Bewegung zu bringen auf dem
Weg. Manchmal müssen auch unbequeme Entscheidungen getroffen werden,
an denen Menschen Anstoß nehmen. Das Amt einer Presbyterin, eines
Presbyters ist nicht nur Verwaltung und Bewahrung des Vorfindlichen,
sondern auch ein prophetisches Amt. Gott zu dienen heißt nicht,
schmerzfrei in den Himmel zu kommen. Es heißt vielmehr, das zu
durchmessen, was menschlich ist, eben nicht eindeutig, mit Fehlern,
in Bruchstücken, missverständlich, neben Zustimmung auch Ärger und
Ablehnung erzeugend. Die Hilfe, die Zurüstung ist geschehen. Die
Befähigung, das Zeugnis ist ausgestellt. Die Gnade fließt als
Gegengewicht zu eigener oder fremder Überforderung. Als
Rückendeckung, immer schon da.. Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade,
siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Amen
Und der Geist Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungskraft,
sei uns Stärke und Hilfe zu allem Guten und bewahre uns in Gottes
Liebe. Amen.
Lied nach der Predigt (EG 495,1-5)
O Gott, du frommer Gott
O Gott, du frommer Gott, du Brunnquell guter Gaben, ohn den
nichts ist, was ist, von dem wir alles haben: gesunden Leib gib mir
und dass in solchem Leib ein unverletzte Seel und rein Gewissen
bleib.
Gib, dass ich tu mit Fleiß, was mir zu tun gebühret, wozu mich dein
Befehl in meinem Stande führet. Gib, dass ich's tue bald, zu der
Zeit, da ich soll, und wenn ich's tu, so gib, dass es gerate wohl.
Hilf, dass ich rede stets, womit ich kann bestehen; lass kein
unnützlich Wort aus meinem Munde gehen; und wenn in meinem Amt ich
reden soll und muss, so gib den Worten Kraft und Nachdruck ohn
Verdruss.
Find't sich Gefährlichkeit, so lass mich nicht verzagen, gib einen
Heldenmut, das Kreuz hilf selber tragen. Gib, dass ich meinen Feind
mit Sanftmut überwind und, wenn ich Rat bedarf, auch guten Rat
erfind.
Lass mich mit jedermann in Fried und Freundschaft leben, soweit es
christlich ist. Willst du mir etwas geben an Reichtum, Gut und Geld,
so gib auch dies dabei, dass von unrechtem Gut nichts untermenget
sei.
Johann Heermann (1585−1647)
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 27.02.12