Gott ist an eurer Seite
Predigt am Karfreitag - 6. April 2012
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
IV. Reihe: Hebräer 9,5.26b-28
Christus ist der Mittler des neuen Bundes, damit
durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den
Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene
ewige Erbe empfangen.
Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen,
durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen
bestimmt ist, "einmal" zu sterben, danach aber das Gericht: so ist
auch Christus "einmal" geopfert worden, die Sünden vieler
wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen
erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.
Du Opfer, diese Anrede ist seit einigen Jahren in der Sprache der Jugendlichen zu hören.
Du Opfer – manchmal nur etwas spöttisch gemeint, da ist jemand ein Pechvogel, ein bisschen schusselig eben.
Du Opfer manchmal auch blutiger Ernst, wenn jemand bedroht wird, erpresst, beraubt, noch am Boden liegend getreten.
Du Opfer – tödliche Bedrohung wenn ein Mensch in die Mühlen des Mobbing gerät, über das Internet oder im nicht-digitalen Alltag, sich nicht mehr wehren kann gegen immer neue Verleumdungen – wann bringst du dich endlich um, du Opfer.
Menschen werden zu Opfern, Opfer von Verkehrsunfällen, tödlichen Krankheiten oder Naturkatastrophen.
Menschen werden aber auch zu Opfern gemacht, durch Ungerechtigkeit und Gewalt, durch Hass und Menschenverachtung. Oder schlicht durch Wegschauen und Gleichgültigkeit.
Karfreitag, liebe Gemeinde, wer heute hier sitzt, weiß, was zu erwarten ist. Der Bericht von Jesu Sterben und Tod. Gefoltert, hingerichtet, tot. Aber sowohl das Johannesevangelium wie auch der Hebräerbrief schreiben kein Verlaufsprotokoll, beide Verfasser deuten, interpretieren, erklären, was doch eigentlich unerklärlich scheint: Jesus, die Hoffnung, stirbt am Kreuz.
Warum? Für unsere Sünden gestorben. So haben wir das alle einmal gelernt. Oder poetischer ausgedrückt: Ach, meine Sünden haben dich geschlagen; ich mein Herr Jesus, habe dies verschuldet, was du erduldet. So die Verse eines alten Passionsliedes.
Gott opfert seinen Sohn, damit wir von der Sünde befreit werden. Der Gedanke des stellvertretenden Opfers ist gut bekannt.
Aber warum das? Haben Sie das gewollt? Ich nicht. Und ich kenne viele Eltern die sagen: lieber ich muss Schmerzen, Qualen und Leiden auf mich nehmen, als dass meinem Kind auch nur ein Haar gekrümmt wird. Oder sind das zu menschliche Maßstäbe mit denen wir Gott eben nicht messen können?
Jesus, das Opfer, für uns ausgeliefert, dahingegeben, gestorben zu unserem Heil. Wie soll ein Opfer den Lauf der Welt verändern, mein Leben verwandeln?
Gott opfert ein Leben für viele Leben. Braucht Gott dieses Opfer als Gegengewicht für die Verfehlungen der Menschen?
Was ist das für ein Gott, der Blut sehen will? Ein unerträglicher Gedanke ist das. Das ist nicht das Bild, das ich von Gott in meinem Herzen trage.
Vielleicht ist es aber gerade deshalb so unerträglich, weil wir tagtäglich damit leben. Unser Gerechtigkeitssinn protestiert zwar dagegen, dass ein anderer für uns leidet, aber wir sind und bleiben trotzdem die Nutznießer dieses Systems. Und das nicht nur theologisch gesehen und auf den Tod Jesu bezogen, sondern hochaktuell in unserem Alltag!
Sie wurden Helden von Fukushima genannt im vergangenen Jahr oder noch einige Jahre weiter, Helden von Tschernobyl, Leiharbeiter, Feuerwehrleute, Soldaten, die mehr oder weniger unfreiwillig ihr Leben einsetzen mussten, um die entfesselten Mächte der Atomkatastrophe zu besänftigen.
Für uns dahingegeben. Der Kontext hat sich vielleicht geändert, doch der Satz ist aktueller denn je!
Die Natur leidet für uns. Boden, Luft, Wasser, Pflanzen und Tiere werden ausgebeutet als Rohstoff ist für die Industrie, die unser Leben bequemer machen will.
Die Produkte müssen billiger werden, und das ist nur zu machen, wenn die Produktion in Länder ausgelagert wird, wo Arbeitskräfte billig sind. Das ein 5 Euro-T-shirt nur die Ausbeutung fördert, fällt schon gar nicht mehr auf.
Gott ist es nicht, der diese Opfer braucht, aber wer braucht sie dann?
Jesus ist für uns gestorben. Aber hat sich was verändert im Umgang des Menschen mit seiner Mitwelt? Es wird nach wie vor für uns gelitten. Es ist nicht die Vergangenheit, es ist unsere Gegenwart.
Und ich fürchte 2000 Jahre Theologie mit dem Konzept des stellvertretenden Opfers hat dazu beigetragen, die weltweite Ungerechtigkeit salonfähig zu machen!
Menschen haben Christus getötet, weil er nicht in ihre Machtpolitik passte.
Jesus ist gestorben, damit die Sünde keine Macht mehr hat.
Gott ist gestorben, damit nicht mehr das Trennende das Sagen hat in der Welt, sondern das, was verbindet. Denn das ist die Sünde, eine unüberwindbare Trennung. Dort am Kreuz trennte Gott nichts mehr von dem Menschen. Er schrie, weil er fürchterliche Schmerzen hatte. Wie die anderen zwei links und rechts. Er blutete. Wie die anderen zwei links und rechts. Er starb. Wie die anderen zwei links und rechts.
Gott stellt sich auf die Seite der Opfer. Das Leiden, die Schmerzen, das Unrecht alles was den Opfern zugefügt wurde, und wird, ist nicht vergessen. Gott bringt es auf die Tagesordnung. Gott gibt den Opfern die Würde zurück.
Es gibt kein Elend mehr auf dieser Welt, in das Gott nicht hinabreichte!
Der Bericht der Kreuzigung ist eine Trostbotschaft. Eine wirklich gute Nachricht, tröstend, heilend, hoffnungsvoll für alle, die zu Opfern werden und zu Opfern gemacht werden. Und diese Trostbotschaft lautet: Gott ist hier, er thront nicht über den Himmeln. Gott ist an eurer Seite. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 10.04.12