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Begegnungen
Predigt im Osternachtgottesdienst - 8. April 2012
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Friede sei mit euch und Gnade von Gott, unserm Vater und unserm Herrn
Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„war das Grab leer, Frau Präses? Was eine neue Kirchenleiterin über
die Auferstehung denkt“ so titelte die Zeitschrift „Idea Spektrum“
die aktuelle Nummer, die ich aus einem mir unerfindlichem Grund
plötzlich und unerwartet zugeschickt bekam. Idea – das seht für
Berichterstattung aus dem evangelikalen Raum der Kirche und der
dortigen Sicht der Dinge. Aha, dachte ich, das ist also die
Gretchenfrage an die neue Präses: Wie hältst du es mit dem leeren
Grab? Schublade auf: Ja – Nein, Schwarz – Weiß, so einfach kann man
es sich machen. Ich dachte, mal sehen, wie Frau Kurschus hier
beurteilt wird.
Da, auf Seite 20 die Antwort: „Präses Kurschus: Das Grab war leer!“
Interessant, dachte ich und las dann aber erst einmal, was sie
wirklich gesagt hat. Ich zitiere wörtlich: „Die Frage, ob das Grab
leer war oder nicht, hat für mich noch nie eine große Rolle
gespielt. Ich habe keine Mühe zu glauben, dass das Grab leer war
–warum sollt ich das Gott nicht zutrauen? Aber daran hängt der
Osterglaube nicht. Wir beobachten in sämtlichen biblischen
Ostergeschichten, dass die Entdeckung des leeren Grabes Furcht und
Zittern auslöst, aber an keiner Stelle Glauben weckt. Der Glaube
wächst ganz woanders!“
Frage von idea-Reporter Karsten Huhn: „An welcher Stelle?“
Antwort: „Der auferweckte Jesus Christus ist unterschiedlichen
Menschen erschienen – zuerst den Frauen, dann den Jüngern,
schließlich auch dem Apostel Paulus und etwas 500 weiteren zeugen.
Diese Begegnungen sind für mich die entscheidenden Ostererfahrungen,
nicht das leere Grab.“
Ich dachte wieder: Großartig, Frau Präses Kurschus, das ist eine
wunderbare Osterpredigt. Knapp und klar, theologisch auf den Punkt.
Die Vorstellung vom leeren Grab dahin gestellt, wohin sie gehört,
nämlich in den Bereich mehr oder weniger hilfreicher Bilder und das
Augenmerk auf das Wesentliche gelenkt:
Auferstehungsgeschichten sind immer Begegnungsgeschichten.
Und genau dasselbe hat uns hier in der Kirche am 26.3. Pfarrerin Ina
M. König erklärt bei ihrer Lesung aus ihrem Buch: „Die Liebe hört
niemals auf Verbundensein über den Tod hinaus“. Sie ist Pfarrerin
und Psychotherapeutin und arbeitet im Ambulanten Hospitzdienst. Ina
König berichtet, dass man in der heutigen Forschung nicht nur von „Nahtod“-,
sondern vor allem von „Nachtod“ Erfahrungen spricht, dh. es ist ganz
normal und sehr heilsam, wenn uns Verstorbene etwa im Traum
begegnen. Und dann sind die Berichte von frappierender
Übereinstimmung: Die Menschen, denen so etwas geschieht, berichten
von großem Frieden, davon, dass die Verstorbenen einen ganz gelösten
und zutiefst friedlichen Eindruck machen und gute und tröstende
Worte mit auf den Weg geben.
Und dann sagte Frau König wichtigen Sätze: Was ist denn Auferstehung
im Zeugnis der Bibel: Menschen begegnen dem auferstandenen Christus.
Manchmal auch nach langer Zeit. In einer Begegnung wird diese
Erfahrung gemacht: Jesus lebt, er ist nicht tot. Und erst in der
Begegnung wird Jesus erkannt, wird Auferstehung erfahrbar. An der
äußeren Gestalt wird Jesus eben gerade nicht erkannt. Das leere Grab
macht eigentlich nur Angst. Aber da, wo wir mitten in der Trauer
Menschen begegnen, die uns anschauen und uns verstehen, da ist
dieser Moment der Auferstehung erfahrbar. Unsere Welt ist offen für
die andere Welt, die neue Welt, in der es keinen Tod, kein Leid,
keinen Abschied mehr gibt. Jesus hat den Weg hinein diese neue Welt
geöffnet. Aber der Weg ist auch die andere Richtung grundsätzlich
möglich. Das ist die Erfahrung von Ostern. Auch unsere Verstorbenen
sind nicht einfach tot. Sie sind in einer anderen Welt. Sie leben.
Sie warten auf uns. Manchmal sprechen sie mit uns. Manchmal begegnen
wir ihnen. Das ist schön und soll uns keine Angst machen. Weil es
uns den Glauben weckt oder bestärkt: Es ist wahr, Jesus lebt.
Der Tod hat nicht gesiegt. Begegnungen mit dem Menschen, von denen
wir Abschied nehmen mussten, sind wahr und möglich, weil Begegnungen
mit dem auferstandenen Christus möglich sind und wahr. Nicht als
Geist, nicht in übernatürlicher Weise, einfach so. Als Begegnung.
Wenn es dir geschieht, verstehst du und weißt, er gibt Gott sei Dank
mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als unser Verstand begreifen
kann.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe
09.04.12