Warnung: Durch ein ander!
Predigt am Ostersonntag - 8. April 2012
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
IV. Reihe: 1. Samuel 2,1-2.6-8a
Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN; mein Horn ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan über meine Feinde; denn ich freue mich deines Heils.
Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner; und ist kein Hort, wie unser Gott ist. Laßt euer großes Rühmen und Trotzen, noch gehe freches Reden aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und läßt solch Vornehmen nicht gelingen. Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. Die da satt waren, sind ums Brot Knechte geworden, und die Hunger litten, hungert nicht mehr; ja die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, hat abgenommen. Der HERR tötet und macht lebendig, führt in die Hölle und wieder heraus. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus dem Kot, daß er ihn setze unter die Fürsten und den Stuhl der Ehre erben lasse.
An dieser Stelle, liebe Gemeinde, muss ich eine ernsthafte Warnung aussprechen. – Bitte seien Sie sehr vorsichtig, Ostern ist gefährlich! Dieses Fest, das so schön und harmlos anmuten könnte, hat es wirklich in sich. Ostern hat verwirrende Folgen, zieht Kreise, es ist wirklich nicht zu verharmlosen.
Bei mir fing es gestern schon an, sich abzuzeichnen.
Einkaufen Karsamstag vormittags. Vielleicht auch nicht die beste Idee, aber es musste nun mal sein. Auf dem großen Parkplatz vor dem Supermarkt schon kein Platz mehr zu bekommen. Das fängt ja gut an. Im Laden dann ziemliches Gedränge vor den Regalen und, o je, eine gefühlt kilometerlange Warteschlange vor jeder Kasse. Na, das kann ja heiter werden. Ich schaue auf meine Uhr, kalkuliere in meinem Kopf, was alles noch zu erledigen ist, Kochen, Anrufe, hier ist noch dieses und jenes zu organisieren und natürlich brauche ich einige Zeit zur Vorbereitung der Predigt, die habe ich noch nicht einmal angefangen. Und jetzt diese sinnlose Warterei. Die vorn sollen mal schön zügig vorrücken und die hinter mir bitte nicht so drängeln.
Plötzlich dreht sich die Frau in der Schlange vor mir um und sagt: „Ich weiß, was Sie jetzt denken.“ (Ach du mein Schreck, habe ich laut geredet, oder gar aufgestöhnt?) „Sie sind sicher berufstätig und denken, na die Alte, die könnte doch auch irgendwann anders einkaufen gehen, anstatt mir hier den Platz wegzunehmen. Habe ich ja früher auch gedacht, aber ich habe es halt nicht anders geschafft. Aber bitte, sie können vorgehen.“ Ehrlich gesagt, ich habe darüber nun wirklich nicht nachgedacht, war viel zu beschäftigt mit meinen Planungen, meinen Gedanken, meinem Stress. Irgendwie kamen wir dann ins Gespräch und nach kurzer Zeit war auch das junge Paar hinter mir mitten in unserer Plauderei. Über dieses und jenes, über die Angst, immer zu kurz zu kommen und die Erfahrung, es ist ist meist mehr als genug, über das erwachende Grün und die Sonne, die der Seele gut tut, und auch über die Schoko-Ostereier, die der Hüfte nicht gut tun und wir essen sie trotzdem.
An vielen Tagen bin ich genervt vom Einkaufen, gestern war es
richtig nett. Ich hätte sie auf jeden Fall vermisst, die ältere Dame
vor mir, die sich Sorgen machte um meine Gedanken und auch das Paar
hinter mir, die mir fröhlich ihren Geheimtipp für die beste Lasagne
überhaupt erzählten.
Bei aller Profanität, dies war schon eine Ostererfahrung. Ostern,
das heißt doch: all unsere Planungen und Erwartungen werden über den
Haufen geworfen, umgestürzt, durcheinander gebracht.
Wir haben viele biblische Belege dafür.
Den Lobgesang der Hanna haben wir eben als Psalmlesung gehört. Schon
hier, lange vor Jesu Geburt brachte Gott Leben durcheinander.
Es hatte sich doch alles längst eingespielt: Elkana, Hannas Mann und seine zweite Frau Peninna. Diese hatte ihm Nachkommen geboren, Hanna war die Kinderlose, Chancenlose, Perspektivlose. Solange Elkana lebte, der sie liebte und schützte, mochte ja alles in Ordnung sein. Aber dann. Hannas Schicksal war vorgezeichnet. Bis Gott ihr Gebet erhörte, ihr ein Kind schenkte und die Traurige sogar zum jubelnden Singen brachte:
Mein Herz ist fröhlich in Gott, mein Haupt ist erhöht im
Lebendigen.
Gott richtet Geringe aus dem Staub auf und erhebt Arme aus dem Müll,
um sie an die Seite von Fürsten zu setzen. Einen Ehrenplatz gibt
ihnen Gott. Ein wirkliches Durcheinander!
Und das geht nach Jesu Tod weiter.
Erinnern wir uns:
Die Frauen, die zum Grab kamen, hatten sich abgefunden, in der
bitteren Wirklichkeit eingerichtet. Jesus war tot, also,
pragmatisch, wie Frauen nun mal häufig sind, musste das getan
werden, was getan werden musste: Den Leichnam salben und
bandagieren. Es sollte doch alles seine Ordnung haben. Dann würden
sie nach Hause gehen, zusammen trauern, wahrscheinlich sieben Tage
gemeinsam in einem Raum sitzen, wie es jüdische Menschen als
Trauerritual heute noch tun. Und danach: nun, Leben muss ja
weitergehen, normal eben. Und dann dieses Chaos im Grab, der Stein
weggewälzt, ein Jüngling im weißen Gewand im Grab, ansonsten nichts
zu finden. Nichts, was sie erwartet hatten, alle ihre Pläne, alle
Vorhaben plötzlich sinnlos. Diese Auferstehung, der Aufstand des
Lebens, bringt alles durcheinander.
Wir können es an allen Ostergeschichten durchbuchstabieren:
Maria aus Magdala erwartet den toten Jesus zu sehen und hält den
Lebendigen schlichtweg für den Gärtner. All ihre Vorstellungen von
richtig und falsch, von möglich und unmöglich sind durcheinander
gewirbelt. Das, was hier geschieht, ist doch völlig unmöglich!
Die Emmaus-Jünger? Zwei verlassen traurig Jerusalem. Ihre
Blickrichtung ist die Dunkelheit, nicht das Licht. Dem Ort der
Hoffnung, des Aufbruchs, kehren sie den Rücken um in alte gewohnte
Lebensumstände zurückzukehren. Ihre Träume und Hoffnungen hatten
sich eben doch als Schall und Rauch erwiesen. Die harte
Wirklichkeit, die Real-Machtpolitik hatte auf ganzer Linie gesiegt.
Der Aufbruch in Gottes neue Welt – nichts als das Hirngespinst eines
Idealisten, der am Kreuz sein Ende gefunden hatte.
Und dann stößt dieser Jesus zu ihnen, zunächst unerkannt, und
bringt ihre Sichtweisen und Perspektiven wiederum durcheinander.
Ostern ist, wie eingangs gewarnt, wirklich gefährlich, denn Ostern,
Auferstehung, bringt Durcheinander.
Durcheinander, das haben wir eigentlich nicht so gerne. Wir haben
doch lieber die Ordnung, das alles schön geregelt ist und so bleibt,
wie immer. Aber das ist mit Ostern, mit der Auferstehung, mit dem
Aufstand des Lebens gegen den Tod nicht zu machen. Deshalb, wie
gesagt, die Warnung vor dem gefährlichen Ereignis.
Die Schweizer Theologin Ina Praetorius weist klug darauf hin, dass
das Durcheinander, erst recht das österliche Durcheinander,
theologische Qualität besitzt.
An den Ostergeschichten wird das sehr deutlich:
Durcheinander.
Festzementierte Ordnungen und Jahrhundertealtes, wissenschaftlich fundiertes Fürwahrhalten hat keine Macht mehr, Abgrenzungen haben ihre Gültigkeit verloren, Gottes lebensschaffende Kraft, Gottes Geist sprengt Gräber, Mausoleen, Mauern.
Durch einander, wir Menschen sind darauf angewiesen, von dem
wunderbaren Geschehen erzählt zu bekommen. Hätten die ersten Frauen
am Grab weiterhin vor Zittern und Entsetzen geschwiegen, wäre die
freudige Nachricht von der Auferstehung zunächst mal ins Stocken
geraten. Würden wir unseren Glauben, unsere Hoffnung, unser
Vertrauen verschweigen und als unsere Privatsache für uns behalten,
wer würde dann Gottes lebendige Botschaft sein?
Durch ein ander.
All das geschieht nicht durch unsere Kraft, Macht und Leistung, nicht einmal durch unser Vermögen. Wir müssen es geschehen lassen durch ein ander. Unverfügbar, nicht beherrschbar, nicht kategorisierbar, Gott.
Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 10.04.12