Der November, liebe Gemeinde, ist vielleicht der ungeliebteste Monat des ganzen Jahres. Das liegt an der Kälte, sicherlich, an der Unwirtlichkeit des Wetters insgesamt, an der Natur, die sich so ganz zurückgezogen hat. Aber ganz sicher liegt es auch an der Dunkelheit. Die Nächte dehnen sich fast bis ins Unerträgliche, die Tage sind spürbar kurz und an manchen Tagen will es gar nicht hell werden, so scheint es.
Die Dunkelheit, die Nacht gehört zu unseren Urerfahrungen. Nacht und Dunkel haben zu tun mit Angst, mit Einsamkeit, mit Trauer.
Die Dunkelheit der Nacht birgt in unseren Tagen Gewalt und Brutalität. In diesem Sinne hat die Nacht viel mit Gewalt und böser Kraft zu tun. Im Schatten der Nacht können Menschen ihre Verbrechen leichter begehen.
Dies spiegelt sich in alten Liedern und Gebeten wider. Alle alten Abendlieder bitten im wahrsten Sinne des Wortes um die Bewahrung vor den Schrecken der Nacht; seien es nun Feuer, Diebstahl oder Tod.
Diese Schrecken der Nacht können auch die Sorgen sein, die ein Mensch mit in die Nacht nimmt. Alle ungelösten Probleme, alle Kränkungen, alle Versäumnisse und all die »dunklen, nicht guten« Seiten der eigenen Person können die Nacht zur Qual machen, wenn der erholsame Schlaf nicht kommen will oder Alpträume einen Menschen nicht zur Ruhe kommen lassen.
Es fällt vielen von uns schwer, diese dunklen Seiten unseres Lebens wahrhaben zu wollen oder mit anderen darüber zu reden.
Wie schwer ist das, die Dunkelheit auszuhalten - die Augen sehen nichts mehr, das Alleinsein wird zur Einsamkeit, die trüben Gedanken über den Tag spuken im Kopf herum ...
Wie schwer ist das, die Dunkelheit auszuhalten -wenn der erholsame Schlaf nicht kommen will und die wundersame Reise durch die Nacht zum Höllenritt wird ...
Wie schwer ist das, die Dunkelheit auszuhalten - und doch umgibt uns die Dunkelheit immer wieder neu, nach jedem Tag folgt unweigerlich eine Nacht.
Bedenken wir »die Nacht«, dann öffnen wir uns einer Welt, die nicht nach den Gesetzen des Tages, d.h. den Gesetzen der Vernunft und des Leistungszwanges funktioniert. Stille löst den Lärm des Tages ab; Ruhe folgt der Hektik der Arbeit. Das Lassen und Empfangen prägen diese Stunden anstatt des Müssens und Produzierens. Wir Menschen geben die Verantwortung für das Leben für einige Stunden ab und überlassen uns ganz der Nacht. In der Dunkelheit schöpfen wir an Leib und Seele Kraft für den neuen Tag und seine Aufgaben.
So kann es idealerweise sein. Und doch ist die Dunkelheit oft nicht auszuhalten. Durch Feuer, Kerze und Neonlicht haben wir Menschen es gelernt, die Nacht zum Tage zu machen. Die Produktivität des Tages können wir beliebig verlängern. Maschinen in Fabriken rentieren sich am besten, wenn sie Tag und Nacht arbeiten. Viele Berufszweige sind von Nachtarbeit geprägt. Nachtschichten bringen den natürlichen Lebensrhythmus von Arbeit und Erholung durcheinander. Auch in der Freizeit geht es am Abend erst richtig los; ein Discobesuch vor Mitternacht - was ist das schon?!
Die Sehnsucht nach Licht - nach den hellen Seiten des Lebens -prägt uns.
Und doch gehören Tag und Nacht zusammen. Die Verfasser der biblischen Schöpfungsgeschichte (Gen 1) und die Beter und Beterinnen der Psalmen wußten: »Dein ist der Tag und dein ist die Nacht« (Psalm 74,16). Gemeinsam sind sie von Gott geschaffen worden.
Von Anfang an gehören auch Nacht und Dunkel zu Gottes Bereich.
Auch die Nacht, ist von Gott geschaffen. Auch sie, die Dunkelheit, gehört zu unserem Leben hinzu. »Siehe, und alles war sehr gut.« So hören wir den Anfang des menschlichen Lebens. »Siehe, und alles war sehr gut!« Alles? - Ja, alles, so schwer es auch fällt. Wir Menschen erinnern uns an diesen Teil der Schöpfung kaum noch.
Und doch beherrscht die Dunkelheit einen Teil unseres Lebens, in neuen Gesichtern, mit neuen Namen.
Unsere Dunkelheiten haben viele Namen:
Gedanken an die Zukunft, und es wird dunkel. Blockierte Wege, verschlossene Türen, Unmöglichkeiten, Grenzen. Der Sinn flieht aus den Dingen. Andere Menschen sind nicht mehr da; im Dunkel bist du allein. Niemand ist da.
Gebete fallen zurück, sie sind seltsam fade und sinnlos. Alle Worte sind nur noch Worte. Unsere Dunkelheiten haben viele Namen.
»Siehe, alles ist sehr gut.« Alles? - Ja, alles. Gott weiß um das Dunkel der Nacht. Gott ist nicht nur am Tage und im Licht bei den Menschen. Gerade in der Nacht macht Gott Leben möglich. Es ist gut und tröstlich, bei der Suche im Dunkel des Lebens begleitet zu sein von biblischen Erfahrungen. Nächte und Dunkelheiten gehören zu Gottes Geschichte mit uns Menschen:
Frauen und Männer Israels machen sich in der Nacht auf, Befreiung zu erfahren. Hirten begegnen in der Nacht auf dem Feld und im Kind in der Krippe einer neuen Welt, und Frauen machen sich am Ende der Nacht auf und finden neues Leben. Alles erzählt von Gott, der das Dunkel aushält. Vielleicht entdecken wir auch das Leben neu, wenn wir unserem Dunkel trauen und unserem Gott.
Nach einer Vorlage von Friederike Scholz-Druba