Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III. Reihe: Jesaja 58, 7 - 12
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Sie wissen, was ein „Schnorrer“ ist? Na ja, eigentlich eben nicht der eher unangenehme Nassauer, der an der Tür bettelt und anderen auf die Nerven fällt. In der jüdischen Gemeinde war es aber eine sehr selbstbewusste Persönlichkeit, die den Reichen die Gelegenheit gab, Gerechtigkeit zu üben, was ihnen die Pforten des Paradieses öffnete. Wehe, wenn ein Reicher einem „Schnorrer“ zu wenig gab, dann gab es die Höchststrafe, nämlich, dass der Schnorrer diesen Reichen boykottierte, nicht mehr aufsuchte. Dann geriet dieser in die Verachtung der übrigen Gesellschaft und konnte sich nur wieder Anerkennung verschaffen, wenn er sich beim Schnorrer entschuldigte, Reue zeigte und Buße tat - ihn über die Maßen beschenkte.
Eine bezeichnende Geschichte: Von einem Rothschild-Baron aus der berühmten Frankfurter Bankiersfamilie wird berichtet, dass er einem Schnorrer durch seinen Sekretär mitteilen ließ, er müsse sich diesmal mit einem geringeren Betrag begnügen, da der Herr Baron wegen der Hochzeit seiner Tochter erhebliche Ausgaben hatte. Daraufhin der Schnorrer empört: „Was - mit meinem Geld will der Herr Baron seine Tochter verheiraten?!“
Chuzpe hat der Schnorrer, wie es jiddisch heißt. Dreist erscheint er uns: Der Empfänger der milden Gaben wird auch noch frech! Aber weit gefehlt! Vielmehr zeigt diese Geschichte vom Schnorrer den biblischen Umgang mit Armut und Reichtum auf.
Darum geht es in unserem Predigttext aus Jesaja 58. Zuzuschreiben dem 3.Propheten Jesaja, demjenigen, der nach der glücklichen Heimkehr des Volkes Israel aus dem Exil in Babylonien Mut macht, sich wieder an den Aufbau des Tempels in Jerusalem zu begeben. Doch dieses Mal soll es richtig werden: Auf Gerechtigkeit soll das Volk gegründet werden, weil Gerechtigkeit Gottes Wille ist.
„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“
Zwei Kernsätze bleiben hängen: „Brich dem Hungrigen dein Brot“ „Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle“. Der Text lehrt: Das Teilen der Gaben, das Abgeben der Lebensmittel ist nicht Mildtätigkeit, Großzügigkeit der Reichen, sondern deren Pflicht und Schuldigkeit vor Gott. Der Arme, der sich nicht aus eigener Kraft ernähren kann, hat ein Recht darauf, zu leben. Und ein Herr Baron Rothschild steht vor Gott in der Verantwortung für die Lebenslage der Armen. Er liegt an ihm, ob der den Armen ihr Lebensrecht zu kommen lässt - oder es verweigert.
Die Bibel fordert die Reichen. Nicht die Armen sind es, die durch ihr Verhalten um Gnade betteln müssten, sondern es sind die Reichen, die verantwortlich sind, dass die Armen nicht verhungern. Denn alle Gaben, die ein Reicher bekommen hat, auch durch ehrliche Arbeit verdient hat, sind letztlich Gottes Geschenk, Gottes Gaben. „Alle guten Gaben kommt her von Gott dem Herrn. Drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn.“
Wir danken heute Gott für die reichlichen Gaben. Verstehen wir auch, welche Verantwortung damit verbunden sind ist? Wir leben in einem Land, in dem die Schere von Arm und Reich immer mehr auseinander geht. Nach dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung sind in Deutschland 11 Millionen von der Einkommensarmut betroffen. Vor ein paar Jahren war dieser Bericht noch überschrieben: „..wessen wir uns schämen müssen in einem reichen Land.“ Nicht die Armen müssen sich schämen, sondern die Reichen. Wir gestatten den fast 5 Millionen HARTZ IV-Empfängern 3,60 Euro im Monat für Schuhe, 1,33 Euro für Schulhefte der Kinder, 1,26 Euro für Kino- und Konzertbesuche. Mit diesen Beträgen, so heißt es, könnten soziale und kulturelle Bedürfnisse sichergestellt werden. Alles offizielle Zahlen. Auch die Armut alter Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet und gespart haben ist etwas „dessen wir uns schämen müssen in einem reichen Land.“
Auch die Landwirte, denen wir all die ganz konkreten Lebensmittel verdanken, machen wir immer ärmer. Es ist ein Wunder, dass aus 400 ausgesäten Körnern pro qm 16.000 werden und diese Menge ein Brot von einem Kilo ergibt. Es ist ein anderes Wunder, dass die Landwirte heute für ihr Brotgetreide weniger erhalten als 1950, aber über 70 Euro erlösen müssten, wenn der Getreidepreis mit den Lebenshaltungskosten gestiegen wäre.
„Brich dem Hungrigen dein Brot“ „Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie ein Wasserquelle“. Uns Reiche will der prophetische Text genauso wachrütteln wie damals die Menschen in Israel. Als Christen begreifen wir die Botschaft noch ein Stück deutlicher. Denn es ist doch Christus selbst, der die Armen selig gesprochen hat, der nur denen das Paradies versprach als er sagte: „Was ihr einem dieser geringsten Brüder, einer diesen geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Christus ist selbst das Brot des Lebens, weil er sich ganz und gar selbst hingeben hat, sich selbst austeilt den Menschen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Nicht die Armen, die Reichen sollten sich schämen - so die Bibel.
Aber da ist noch dieser andere Satz: „Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle“. Nicht der Reichtum wird verurteilt. Eine Gesellschaft braucht auch reiches und erfolgreiches Wirtschaften - genauso wie arme Menschen keineswegs schon bessere (aber auch keine schlechteren) Menschen sind. Es ist die große Verheißung, die in diesem Text steckt, die vor allem in Christus seine Vollendung findet: Wer teilt, wer abgibt an andere, der wird erst richtig reich. Der findet seinen Lebenssinn, die Tiefe des Lebens. Quelle sollt ihr sein, lasst eure Gaben sprudeln indem ihr für andere etwas abgebt. Es muss ja gar nicht alles sein, sondern soviel, dass die anderen auch leben können. Wer alles nur aus Habgier für sich behält, erstickt an seinen Gaben. Ein Brunnen, dem man kein Wasser entnimmt, verstopfen die Kapillaren, die kleinen Kanäle, durch die das Wasser fließt. Wer abgibt, gewinnt, wer teilt, bekommt mehr. Das ist die frohe Botschaft des Erntedanks. Frohe Botschaft für die Reichen und die Armen. Und wir können sie beherzigen.
Zum
Beispiel, indem wir uns den Kindern zuwenden. Wenn sie klein sind, fällt es
nicht schwer, ihnen Aufmerksamkeit, Liebe, Zuwendung zu schenken. Aber es ist
auch ein großes Abgeben, Teilen, auch Verzichten auf persönliche Freiheit, auf
Nachschlaf, oft auch auf Einkommen, auf Karriere, auf vieles - was man aber
gerne gibt, weil Kinder eben auch reich machen. Reich auf eine andere,
tiefere, wichtigere Weise. Durch das Geben, durch das Teilen bekommen wir mehr
- dazu ermutigt uns Christus, der sich selbst gegeben hat. Der vor allem für
die Kleinen, für die Kinder da war. Ihnen das Reich Gottes zu verkünden,
zuzusagen, ist er standhaft geblieben. Seine Liebe hat er bedingungslos
geteilt. So wie wir noch heute im Abendmahl Brot und Kelch austeilen, damit
jede und jeder Anteil hat an dieser unendlichen Liebe Gottes, die gerade denen
gilt, die gerade diese Liebe, dieses Sich-Verschenken brauchen als wirkliche
„Lebensmittel“, ohne die sie nicht leben könnten. Abgeben befreit, Teilen
macht glücklich. Reich ist nicht, wer viel hat, sondern wer viel abgeben kann
und vom Glück des Teilens lebt.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
Amen.
Du lieber Gott, aus dem alles Leben strömt,
du lässt uns aus der Fülle leben.
Dafür danken wir dir, heute, am Erntedankfest,
und an jedem Tag.
Wir bitten dich, erweitere unseren Blick.
Lass uns sehen, wo Menschen zu kurz kommen,
weil es an Gerechtigkeit fehlt in unserer Welt.
Gott, du gibst Saat und Ernte,
Keimen, Wachsen und Gedeihen.
Wir sind dankbar dafür.
Und wir bitten dich: Vergrößere unseren Blickwinkel.
Lass uns die sehen, die Hunger leiden, die an ihrer Armut sterben, denen der
Tod schon ins Leben gezeichnet ist.
Gott des Lebens, du gibst der Erde Fruchtbarkeit.
Pflanzen, Tiere und Menschen können und wollen auf ihr leben.
Wir danken dir dafür und bitten dich heute besondern:
Lass uns werden wie eine lebendige Quelle, die anderen zum Leben verhilft.
Mach uns zu einem bewässerten Garten, sn dessen Fülle alle Mitgeschöpfe
teilhaben.
Und wir bitten dich:
Lass uns diejenigen in den Blick nehmen, die unter uns und in aller Welt mit
ihrer Arbeit für die Ernährung der Menschen sorgen. Wir wissen, wie die Arbeit
auf dem Lande oft falsch eingeschätzt wird. Weit du unsere Wahrnehmung für
Sinn, Wert und Belohnung harter Arbeit.
Lass uns eintreten für gerechte Bezahlung, fairen Handel und menschliche
Wertschätzung.
Unsere Gedanken und Gebete schließen all die ein, die um sich um einen lieben
Menschen sorgen, dass sie gut aufgehoben sind in der Gemeinschaft derer, die
für sie beten und mit ihnen aushalten. Wir denken für die Angehörigen der
Verstorbenen in unserer Gemeinde, dass Gott sie erreiche mit seinem Trost und
der Hoffnung, dass der Tod nicht das endgültige Ende des Lebens, sondern der
Durchgang zu neuem Leben ist.
Amen.