Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Wir müssen uns nicht selbst begründen – Gott begründet uns.

Predigt am Sonntag vor der Passionszeit (Estomihi), 6. Februar 2005

Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe

maria und martaIII. Reihe: Lk 10, 38-42

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Sie alle kennen es vermutlich, Besuch zu empfangen. Ob zum Geburtstag, an Feiertagen, am Sonntag zum Kaffee oder unter der Woche einfach nur mal so, ob Familie, Freunde oder Nachbarn, der Bürgermeister oder der Pfarrer – ein bisschen Vorbereitung gehört dazu! Sie räumen auf, legen vielleicht eine frische Tischdecke auf, ersetzen die runtergebrannten Kerzen durch neue, Sie kaufen ein, kochen und backen, je nach Anzahl der Gäste mehr oder weniger, Sie richten das Gästebett her, kontrollieren, ob sie im Keller ausreichend Getränke haben... - Besuch ist schön, aber Besuch macht auch Arbeit.
Von einem Besuch erzählt auch unser Predigttext heute: Jesus besucht die beiden Schwestern Maria und Marta. Der Text steht bei Lukas im 10. Kapitel:
(Jesus kam mit seinen Jüngern) in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete ihr und sprach: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Maria und Marta – zwei ungleiche Schwestern: Hoher, höchster Besuch steht ins Haus, und während Marta anfängt zu wirbeln und gar nicht weiß, wo ihr der Kopf steht, setzt sich Maria in aller Gemütsruhe dem Gast zu Füßen und lauscht seiner Rede. Kein Wunder, dass Marta nicht bereit ist, das mit anzusehen! Sie geht zu Jesus und sagt: Das kann ja wohl nicht sein, dass ich allein die Arbeit mache! Befiehl du meiner Schwester, mir zu helfen! Jesus aber antwortet ihr: Marta, Marta, ich sehe, wie sehr du dich anstrengst und bemühst, aber: Maria hat richtig gewählt, zuzuhören und nicht einzustimmen in deine Sorge und Mühe.
Diese Antwort Jesu irritiert und sie ärgert mich – stellvertretend für Marta und solidarisch mit ihr. Ich weiß – und Sie wissen -, dass, wenn Besuch ins Haus steht, es nicht damit getan ist, sich dem Besuch zu Füßen zu setzen und ihm aufmerksam zuzuhören. Nein, auch die „tätige Aufmerksamkeit“ ist gefragt, so, wie ich es eingangs angedeutet habe: die Wohnung muss vorbereitet sein, Essen eingekauft und gekocht, ein Bett hergerichtet. Das muss doch Jesus auch sehen und schätzen!
Zumal – zu meinem Ärger kommt Verwunderung hinzu – zumal im Lukasevangelium unmittelbar vor der Erzählung von Maria und Marta die Geschichte vom barmherzigen Samariter steht, die Geschichte, in der Jesus gerade das Tun und Handeln, die „tätige Aufmerksamkeit“ lobt. Während hier das Tun groß geschrieben wird, gilt es in der sich unmittelbar anschließenden Erzählung von Maria und Marta nichts mehr, es geht nur noch um das Hören, um hörende Aufmerksamkeit? Bei dieser Interpretation wäre nicht nur der Widerspruch zwischen beiden Erzählungen und Jesu unterschiedlichen Empfehlungen zu klären, sondern es müsste auch ganz neu das Verhältnis von Wort und Tat, Predigt und Diakonie, in der Kirche bestimmt werden. Ist die Aussage der Erzählung von Maria und Marta: Hört (nur noch)!? – Die Kollekte, das kann ich an dieser Stelle vielleicht schon andeuten, ist heute bestimmt für die Ausbildung von Diakoninnen und Diakonen in unserer Landeskirche – nicht, dass Diakoninnen und Diakone nicht auch „hörten“, zumal auf das Wort Gottes, aber das Tun, die tätige Nächstenliebe ist doch wesentliches Element ihres Berufes. Bei Jesu Vorliebe für das Hören, wie sie sich in der Erzählung von Maria und Marta darzustellen scheint, wird es schwierig, die Diakonie als Lebensäußerung der Kirche zu begründen.
Ich bin irritiert und lese den Text erneut. Habe ich irgendetwas über-lesen, irgendetwas falsch verstanden?
„Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. ... Der Herr aber antwortete und sprach: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe“ – bei diesem zweiten Lesen der Erzählung nehme ich einen anderen Akzent wahr: Jesu Kritik an Marta richtet sich nicht gegen ihren Dienst, gegen ihr Dienen an sich, Jesu Kritik richtet sich gegen die Art und Weise, in der Marta dient: Voller Sorge und Mühe „macht sie sich viel zu schaffen“: ich sehe Marta vor mir, wie sie voller Angst, alles richtig zu machen, sich überschlägt vor Aktion: „daran muss ich noch denken, das muss ich noch machen, hoffentlich habe ich genug Wein im Keller, warum kommt den Maria nicht herbei, allein schaffe ich das nicht – und was soll dann Jesus von mir denken?!“ Jesus sieht Martas Not, er nimmt wahr, wie sie sich im Kreis und um ihre eigenen Regeln und Vorstellungen dreht, und liebevoll sagt er: „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe“. Gleichzeitig weist er Marta aber auch darauf hin – vorsichtig und ohne jeden Vorwurf – dass ihr Aktionismus und mühsames Befolgen dessen, was „richtig“ ist und „sich gehört“, nicht nötig – und nicht nur nicht nötig, sondern falsch – ist. Er sagt über Martas Schwester Maria: „Sie hat das gute Teil gewählt“. Vor dem Dienen steht das Hören, das Hören auf Gottes Wort. Aus dem Hören kann dann dankbares antwortendes Dienen entstehen, Dienen, das sich aus dem Schatz des Gehörten, aus der Erfahrung des von Gott Angesprochenseins, aus der Empfindung, von Gott geliebt zu sein, speist. Martas Dienen, voller Sorge und Mühe, so suggeriert der Text, entspringt weniger dem Hören auf Gottes Wort als vielmehr eigenen Ansprüchen und Vorstellungen.
Ziel dieser kleinen Erzählung von den beiden ungleichen Schwestern scheint mir nicht zu sein, Hören und Dienen gegeneinander auszuspielen oder gar das Dienen, die tätige Gastfreundschaft und Nächstenliebe zugunsten des Hörens abzuqualifizieren. Beides, Hören und Antworten, das sich in tätigem Dienen, aber auch zum Beispiel im Gebet vollziehen kann, gehört unbedingt zu unserer christlichen Existenz dazu. Ziel der Erzählung scheint mir vielmehr zu sein, auf die Wichtigkeit des Hörens und auch auf seine Vorrangigkeit gegenüber dem Dienen hinzuweisen. Das Hören kommt zuerst, daraus entsteht Dienen.
Vor jedem Hören und Dienen steht jedoch Gottes Dienst an uns. Gott wendet sich uns zu, unabhängig von unseren Taten und Werken, unabhängig auch von unserer Bereitschaft zu hören. Gott spricht zu uns, ist mit uns. Diese Zugewandtheit Gottes ist der Grund unseres Seins, die Basis unseres Lebens. Für diesen Grund und diese Basis müssen nicht wir selbst sorgen, die Sorge darum dürfen wir getrost Gott überlassen. Wir müssen uns nicht selbst rechtfertigen – Gott rechtfertigt uns. Wir müssen uns nicht selbst begründen – Gott begründet uns.
Wenn wir „Sorgen und Mühen“ um unsere Rechtfertigung und Begründung Gott überlassen und so auf sein Wort an uns hören, uns wie Maria zu seinen Füßen niederlassen, dann gewinnen wir einen anderen Blick auf unser Leben. Wir sehen, was wir sind: beschenkte Menschenkinder, gerechtfertigt und in Gott gegründet. „Sorgen und Mühen“ hält das Leben noch genug für uns bereit, aber wir dürfen sie mit Gottes Hilfe meistern, wir müssen nicht nur auf unsere eigene Kraft vertrauen.
Im Hören auf Gottes Wort erinnern wir uns an Gottes Zugewandtheit, Gottes Wort an uns befreit uns von unserer Sorge um uns selbst und lässt uns aufatmen und den Blick auf Gott und auf unseren Nächsten richten. Welche, unter Umständen revolutionäre, Folgen diese Befreiung haben kann, zeigt sich unter anderem auch in der Erzählung selbst: Maria, die „das Gute“, das Hören wählt, ist so frei, sich, obwohl das gesellschaftlichen Gepflogenheiten der damaligen Zeit und auch den Ansprüchen ihrer Schwester nicht entsprach, zu Jesus zu setzen und auch bei ihm sitzen zu bleiben.
Gottes Zuwendung kann unser Leben verändern, unseren Blickwinkel zurechtrücken.
50 Tage vor Ostern, ein paar Tage vor Beginn der Passionszeit, noch mitten in der lauten Karnevalszeit wollen wir unsere Ohren und Herzen öffnen und auf Gottes Wort hören, seine befreiende Kraft spüren und weitergeben.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.