Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus
Christus. Amen.
Liebe Gemeinde!
Sie alle kennen es vermutlich, Besuch zu empfangen. Ob zum Geburtstag, an
Feiertagen, am Sonntag zum Kaffee oder unter der Woche einfach nur mal so, ob
Familie, Freunde oder Nachbarn, der Bürgermeister oder der Pfarrer – ein
bisschen Vorbereitung gehört dazu! Sie räumen auf, legen vielleicht eine
frische Tischdecke auf, ersetzen die runtergebrannten Kerzen durch neue, Sie
kaufen ein, kochen und backen, je nach Anzahl der Gäste mehr oder weniger, Sie
richten das Gästebett her, kontrollieren, ob sie im Keller ausreichend
Getränke haben... - Besuch ist schön, aber Besuch macht auch Arbeit.
Von einem Besuch erzählt auch unser Predigttext heute: Jesus besucht die
beiden Schwestern Maria und Marta. Der Text steht bei Lukas im 10. Kapitel:
(Jesus kam mit seinen Jüngern) in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta,
die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte
sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel
zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du
nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch,
dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete ihr und sprach: Marta,
Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil
erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Maria und Marta – zwei ungleiche Schwestern: Hoher, höchster Besuch steht ins
Haus, und während Marta anfängt zu wirbeln und gar nicht weiß, wo ihr der Kopf
steht, setzt sich Maria in aller Gemütsruhe dem Gast zu Füßen und lauscht
seiner Rede. Kein Wunder, dass Marta nicht bereit ist, das mit anzusehen! Sie
geht zu Jesus und sagt: Das kann ja wohl nicht sein, dass ich allein die
Arbeit mache! Befiehl du meiner Schwester, mir zu helfen! Jesus aber antwortet
ihr: Marta, Marta, ich sehe, wie sehr du dich anstrengst und bemühst, aber:
Maria hat richtig gewählt, zuzuhören und nicht einzustimmen in deine Sorge und
Mühe.
Diese Antwort Jesu irritiert und sie ärgert mich – stellvertretend für Marta
und solidarisch mit ihr. Ich weiß – und Sie wissen -, dass, wenn Besuch ins
Haus steht, es nicht damit getan ist, sich dem Besuch zu Füßen zu setzen und
ihm aufmerksam zuzuhören. Nein, auch die „tätige Aufmerksamkeit“ ist gefragt,
so, wie ich es eingangs angedeutet habe: die Wohnung muss vorbereitet sein,
Essen eingekauft und gekocht, ein Bett hergerichtet. Das muss doch Jesus auch
sehen und schätzen!
Zumal – zu meinem Ärger kommt Verwunderung hinzu – zumal im Lukasevangelium
unmittelbar vor der Erzählung von Maria und Marta die Geschichte vom
barmherzigen Samariter steht, die Geschichte, in der Jesus gerade das Tun und
Handeln, die „tätige Aufmerksamkeit“ lobt. Während hier das Tun groß
geschrieben wird, gilt es in der sich unmittelbar anschließenden Erzählung von
Maria und Marta nichts mehr, es geht nur noch um das Hören, um hörende
Aufmerksamkeit? Bei dieser Interpretation wäre nicht nur der Widerspruch
zwischen beiden Erzählungen und Jesu unterschiedlichen Empfehlungen zu klären,
sondern es müsste auch ganz neu das Verhältnis von Wort und Tat, Predigt und
Diakonie, in der Kirche bestimmt werden. Ist die Aussage der Erzählung von
Maria und Marta: Hört (nur noch)!? – Die Kollekte, das kann ich an dieser
Stelle vielleicht schon andeuten, ist heute bestimmt für die Ausbildung von
Diakoninnen und Diakonen in unserer Landeskirche – nicht, dass Diakoninnen und
Diakone nicht auch „hörten“, zumal auf das Wort Gottes, aber das Tun, die
tätige Nächstenliebe ist doch wesentliches Element ihres Berufes. Bei Jesu
Vorliebe für das Hören, wie sie sich in der Erzählung von Maria und Marta
darzustellen scheint, wird es schwierig, die Diakonie als Lebensäußerung der
Kirche zu begründen.
Ich bin irritiert und lese den Text erneut. Habe ich irgendetwas über-lesen,
irgendetwas falsch verstanden?
„Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. ... Der Herr aber
antwortete und sprach: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe“ – bei diesem
zweiten Lesen der Erzählung nehme ich einen anderen Akzent wahr: Jesu Kritik
an Marta richtet sich nicht gegen ihren Dienst, gegen ihr Dienen an sich, Jesu
Kritik richtet sich gegen die Art und Weise, in der Marta dient: Voller Sorge
und Mühe „macht sie sich viel zu schaffen“: ich sehe Marta vor mir, wie sie
voller Angst, alles richtig zu machen, sich überschlägt vor Aktion: „daran
muss ich noch denken, das muss ich noch machen, hoffentlich habe ich genug
Wein im Keller, warum kommt den Maria nicht herbei, allein schaffe ich das
nicht – und was soll dann Jesus von mir denken?!“ Jesus sieht Martas Not, er
nimmt wahr, wie sie sich im Kreis und um ihre eigenen Regeln und Vorstellungen
dreht, und liebevoll sagt er: „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe“.
Gleichzeitig weist er Marta aber auch darauf hin – vorsichtig und ohne jeden
Vorwurf – dass ihr Aktionismus und mühsames Befolgen dessen, was „richtig“ ist
und „sich gehört“, nicht nötig – und nicht nur nicht nötig, sondern falsch –
ist. Er sagt über Martas Schwester Maria: „Sie hat das gute Teil gewählt“. Vor
dem Dienen steht das Hören, das Hören auf Gottes Wort. Aus dem Hören kann dann
dankbares antwortendes Dienen entstehen, Dienen, das sich aus dem Schatz des
Gehörten, aus der Erfahrung des von Gott Angesprochenseins, aus der
Empfindung, von Gott geliebt zu sein, speist. Martas Dienen, voller Sorge und
Mühe, so suggeriert der Text, entspringt weniger dem Hören auf Gottes Wort als
vielmehr eigenen Ansprüchen und Vorstellungen.
Ziel dieser kleinen Erzählung von den beiden ungleichen Schwestern scheint mir
nicht zu sein, Hören und Dienen gegeneinander auszuspielen oder gar das
Dienen, die tätige Gastfreundschaft und Nächstenliebe zugunsten des Hörens
abzuqualifizieren. Beides, Hören und Antworten, das sich in tätigem Dienen,
aber auch zum Beispiel im Gebet vollziehen kann, gehört unbedingt zu unserer
christlichen Existenz dazu. Ziel der Erzählung scheint mir vielmehr zu sein,
auf die Wichtigkeit des Hörens und auch auf seine Vorrangigkeit gegenüber dem
Dienen hinzuweisen. Das Hören kommt zuerst, daraus entsteht Dienen.
Vor jedem Hören und Dienen steht jedoch Gottes Dienst an uns. Gott wendet sich
uns zu, unabhängig von unseren Taten und Werken, unabhängig auch von unserer
Bereitschaft zu hören. Gott spricht zu uns, ist mit uns. Diese Zugewandtheit
Gottes ist der Grund unseres Seins, die Basis unseres Lebens. Für diesen Grund
und diese Basis müssen nicht wir selbst sorgen, die Sorge darum dürfen wir
getrost Gott überlassen. Wir müssen uns nicht selbst rechtfertigen – Gott
rechtfertigt uns. Wir müssen uns nicht selbst begründen – Gott begründet uns.
Wenn wir „Sorgen und Mühen“ um unsere Rechtfertigung und Begründung Gott
überlassen und so auf sein Wort an uns hören, uns wie Maria zu seinen Füßen
niederlassen, dann gewinnen wir einen anderen Blick auf unser Leben. Wir
sehen, was wir sind: beschenkte Menschenkinder, gerechtfertigt und in Gott
gegründet. „Sorgen und Mühen“ hält das Leben noch genug für uns bereit, aber
wir dürfen sie mit Gottes Hilfe meistern, wir müssen nicht nur auf unsere
eigene Kraft vertrauen.
Im Hören auf Gottes Wort erinnern wir uns an Gottes Zugewandtheit, Gottes Wort
an uns befreit uns von unserer Sorge um uns selbst und lässt uns aufatmen und
den Blick auf Gott und auf unseren Nächsten richten. Welche, unter Umständen
revolutionäre, Folgen diese Befreiung haben kann, zeigt sich unter anderem
auch in der Erzählung selbst: Maria, die „das Gute“, das Hören wählt, ist so
frei, sich, obwohl das gesellschaftlichen Gepflogenheiten der damaligen Zeit
und auch den Ansprüchen ihrer Schwester nicht entsprach, zu Jesus zu setzen
und auch bei ihm sitzen zu bleiben.
Gottes Zuwendung kann unser Leben verändern, unseren Blickwinkel
zurechtrücken.
50 Tage vor Ostern, ein paar Tage vor Beginn der Passionszeit, noch mitten in
der lauten Karnevalszeit wollen wir unsere Ohren und Herzen öffnen und auf
Gottes Wort hören, seine befreiende Kraft spüren und weitergeben.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und
Sinne in Christus Jesus. Amen.