Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Mut zu guten Gedanken

Predigt und Gebete zum Ewigkeitssonntag 2005, 20. November 2005

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

III.Reihe: Lukas 12, 42 - 48

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Ewigkeitssonntag“ feiern wir heute früh - und nicht Totensonntag. Der „Ewigkeitssonntag“ ist keine moderne Erfindung, sondern umgekehrt, der „Totensonntag“ ist das moderne! Er wurde per Kabinettsorder von König Friedrich Wilhelm III von Preußen 1816 der Kirche zwangsweise angeordnet: „Am letzten Sonntag des Kirchenjahres habe ein Kirchenfest zur Erinnerung an die Verstorbenen stattzufinden. Im Mittelpunkt stehe das Totengedenken der Gefallenen der Befreiungskriege.“

Theologisch war und ist dies höchst umstritten. Die Erneuerte Agende, an die wir uns in der Ev.Kirche von Westfalen zu halten haben, kennt zwei Gottesdienste: Ewigkeitssonntag und Gedenktag der Entschlafenen. So wie wir es in Bad Lippspringe seit vielen Jahren praktizieren. Am Morgen der Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag, um 16.30 Uhr der Gedenkgottesdienst für die Entschlafenen. Die Agende sagt ausdrücklich, dass der Ewigkeitssonntag wichtiger als das Gedenken an die Verstorbenen sei. Nichtsdestotrotz wird immer noch die Meinung vertreten, Totensonntag sei das Eigentliche, Ewigkeitssonntag etwas Modernes. Aber in einer christlichen Kirche können wir den Tod nicht feiern; denn der Tod ist der Feind des Lebens, des Menschen und auch der Feind Gottes. Dietrich Bonhoeffer schrieb: „Wir können angesichts des Todes nicht in fatalistischer Weise sprechen: Gott will es, wir müssen das andere hinzusetzen: Gott will es nicht.“ „Der Tod zeigt an, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte, sondern dass sie der Erlösung bedarf.“ Statt einem längst entmachteten Preußenkönig zu folgen, lasst uns nach vor blicken - in die Zukunft, auch die Zukunft der Verstorbenen.

Womit rechnen wir nach dem Ende des Lebens hier auf der Erde? Wem vertrauen wir? Worauf setzen wir unsere Hoffnung? Vor allem: welchen konkreten Inhalt hat unsere Hoffnung nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes?

Unser Predigttext will darauf Antwort geben. Ich lese das, was bei Lukas im 12.Kapitel steht:

Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Ein zuverlässiger, umsichtiger Sklave, den der Herr zum Vorgesetzten der anderen Sklaven und zum Verwalter macht, sorgt für ihre regelmäßige Kost.
Selig ist der Sklave, den der Herr so sorgen sieht, wenn er nach Hause kommt. Er wird ihm sicherlich all seinen Besitz anvertrauen.
Es kann aber sein, dass sich der Verwalter sagt: „Ach, mein Herr kommt ja doch nicht so bald!“ Und er beginnt, seine Mitsklavinnen und Mitsklaven zu schlagen und zu schinden, selbst aber frisst und säuft er hält Zechgelage. Zu diesem bösen Verwalter kommt der Herr ganz unerwartet und überraschend. Er wird ihn zweiteilen, es wird ihm dreckig ergehen wie den Gottlosen.
Auf den Verwalter, der den Willen seines Herrn zwar genau kennt, aber nicht danach handelt, wartet die Peitsche.
Wer den Willen seines Herrn nicht so genau kennt und Böses tut, wird weniger abbekommen.
Denn wem der Herr viel gibt, von dem fordert er viel. Wem der Herr viel anvertraut, von dem verlangt er um so mehr.
Gott segne unserer Reden und Hören. Amen.

(Übersetzung nach Klaus Berger/Chistiane Nord) 

Der Predigttext erinnert ein bisschen an das Evangelium des heutigen Sonntags von den klugen und törichten Jungfrauen. Hier sind es zwei Verwalter, der eine treu und klug, der das Vertrauen seines Herrn während dessen Abwesenheit nicht enttäuscht. Der tut seine Pflicht und wird belohnt. Der andere aber missbraucht die Abwesenheit seines Chefs auf üble Weise und wird dafür hart bestraft.

Das Gleichnis verstört, verunsichert, ja macht sogar ärgerlich. Es gilt ja in erster Linie den Jüngern Jesu. Keinesfalls wird ihnen die Glaubens-Sicherheit gegeben, dass sie in jedem Fall zu den Guten gehören. Vielmehr werden sie ermahnt: Wem der Herr viel gibt, von dem fordert er viel. Wem der Herr viel anvertraut, von dem verlangt er um so mehr. Den Jüngern hat Jesus viel anvertraut, jetzt verlangt er auch viel Gegenleistung, sonst werden sie am „Jüngsten Tag“ ihre böse Überraschung erleben.

Hätten wir nur diesen Text über das Jüngste Gericht, könnte einem angst und bange werden. Aber das Zeugnis des Neuen Testaments sagt schon mehr aus. Es ist gut zusammengefasst im Glaubenbekenntnis, das wir eben miteinander gesprochen haben. „Jesus ist auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird der kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Gericht an Lebenden und Toten - das ist negativ besetzt. Verurteilt werden fällt uns ein, Verdammnis, Hölle. Nicht wenig Menschen macht die Angst, später einmal zum ewigen Tod verurteilt zu werden, das Leben zur Hölle. Vielleicht spielt das heute nicht mehr die Rolle wie im Mittelalter. Es war Martin Luthers Wiederentdeckung der Wahrheit, dass der Mensch gerecht werde ohne Werke, allein durch die Gnade Gottes. Luther sprach vom „Lieben Jüngsten Tag“, das Jüngste Gericht ist nichts, vor dem man bodenlose Angst haben muss. Auf dem Richterstuhl sitzt der liebende und gnädige Jesus, der die Menschen so annimmt wie sie sind. Das ist die Grundvoraussetzung: Es gibt die Auferstehung, weil Jesus den Tod ein für allemal besiegt hat. Es gibt ein Leben nach dem Tod - und es ist ein gutes, ein wunderschönes, ein rundes, ein ganzes Leben.

Der auf dem Richterstuhl sitzt, will uns in dieses Leben bringen. Aber für ihn ist nicht gleichgültig, was wir aus unserem Leben gemacht haben, ob wir - wenn auch vielleicht nur ein bisschen - versucht haben, Gottes Gebote zu halten, auch wenn das sicher nicht immer perfekt war. Überlegen wir einen Moment, wie das wäre, wenn es Gott ganz egal ist, wie ein Mensch lebt. Dann wäre doch jeder Versuch, Nächstenliebe zu leben, völlig überflüssig. „Wir kommen alle, alle in den Himmel“ - dieser Karnevalsschlager hört sich im ersten Moment so nett an, weil das so einfach zu sein scheint - aber, ganz ehrlich, was wäre das für ein Gott, dem das Verhalten der Menschen, die ihm anvertraut sind, so egal ist.

Nein, ich möchte schon einen Richter, der meinen manchmal guten Willen sieht und der mich sogar manchmal fordert und anspornt: „Das war schon gar nicht schlecht, aber du kannst es noch besser.“

Sehen Sie, liebe Schwestern und Brüder, deshalb erzählt Jesus dieses drastische Beispiel. Er will, dass sich auch seine Jünger mit dem Jüngsten Tag beschäftigen. Dass sie nicht in den Tag hinein leben ohne nachzudenken. Er will sie beschützen vor dem Selbstmitleid, als gäbe es angesichts des Todes keine Hoffnung für sie. Im Gegenteil, im Glauben an den auferstandenen Christus können wir gewiss sein, dass auch wir auferstehen - und zwar zum ewigen Leben. Genauso, wie es im Glaubenbekenntnis heißt: „Ich glaube an die Auferstehung und das ewige Leben. Amen.“ Von einer Hölle oder einem Teufel ist im Glaubensbekenntnis nicht die Rede. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen, liebe Schwestern und Brüder? An die Hölle sollen wir nicht glauben, sondern an das ewige, das gute, das gerettete, runde und ganze Leben, das Gott für uns bereitet hat.

Aber Jesus will uns auch beschützen vor der Selbstgerechtigkeit. So als hätten wir einen Freifahrtschein, tun und lassen zu können was wir wollen. Er spricht uns zunächst unglaublich viel Positives zu: „Euch ist viel gegeben.“ Es gibt soviel Hoffnung, begründete Hoffnung auf das Bewahrtwerden nach dem Tod. Aber Gott ist auch ein liebender Gott, dem nicht egal ist, wie jemand sein Leben führt. Deshalb wird er auf das schauen, was wir aus den uns anvertrauten Gaben gemacht haben.

Ich bin fest überzeugt, Gott wird uns dabei unser Versagen nicht anrechnen. Er verlangt nicht, dass wir perfekt sind. Aber er ist auf der Seite der Menschen, die sich für andere einsetzen, auch wenn sie dabei den kürzeren ziehen. Die Frieden stiften und dafür von anderen Prügel kassieren. Denen Vergebung und das Recht der Schwachen wichtig sind und die dafür von den Starken verlacht werden. Solche Menschen werden hier auf der Erde wenig Lohn für ihren Glauben, ihre Haltung Gott und den Menschen gegenüber, ernten. Aber Gott sieht ihre Haltung. Bei Gott geht kein guter Gedanke verloren.

Zu solchen guten Gedanken macht Jesus Mut. Zum Hören auf die guten Worte und Anweisungen Gottes. Dass daraus Taten erwachsen und schlechte Taten unterbleiben. Es ist richtig: Jesus fordert uns. Aber er weiß genau, dass er nicht mehr fordern kann, als wir geben können. Er vergibt uns unser Nicht-Können, aber er will unseren Einsatz, unsere Liebe; ja, er ist so engagiert, dass er sie von uns fordert, dass wir uns auch, zu Not gegen Widerstände, Mühe geben, sie zu leben. Alle Taten der Liebe werden bleiben in alle Ewigkeit. Es lohnt sich also, der Liebe, die Christus vorgelebt hat, zu trauen. Gott wird uns dies hoch anrechnen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
 

Kollektengebet Ewigkeitssonntag


Gott, unsere Zeit ist in deinen Händen:
und du wartest auf uns;
du hast den Stein weggewälzt vom Grab.
Und im Morgendämmern ahnen wir
Leben aus der Auferstehung.
Noch unter Tränen hören wir
Worte des Lebens.
Noch beschattet vom Dunkel des Todes
sehen wir den neuen Morgen dämmern.
Öffne uns die Augen. Amen.

FÜRBITTEN EWIGKEITSSONNTAG

Gott, da stehen wir vor dir.
Was können wir erwarten?
Einen neuen Himmel?
Eine neue Erde?
Ach, uns liegt die alte Erde
auf der Seele,
eine Last, die wir kaum tragen mögen.
Im Gebet, im Ruf zu dir,
spüren wir, woran wir zu tragen haben:
die Menschen,
die keine Kraft mehr finden für eigene Wege;
die Menschen, die keine Worte haben für ihren Schmerz;
die Menschen, die keine Bilder lernten für ihre Hoffnung.
Sie alle bringen wir vor dich.
Im Gebet, im Ruf zu dir,
spüren wir, worauf wir warten können;
wir träumen:
Du kommst. Und wir hätten die Gewissheit:
Du willst bei uns wohnen.
Deinen Frieden gibst du uns, machst uns die Erde neu.
In der Stille bringen wir vor dich, was durch deine Verheißung neu werden soll:

- S T I L L E -


Gott, du bist der Grund unseres Lebens. Du bist das Licht unserer Seele. Lass es in uns und in dieser Welt hell werden, wenn wir jetzt miteinander dein Mahl feiern, das du gestiftet hast durch Jesus Christus, deinen Sohn, unsern Herrn, der mit dir im Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.