Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Lukas 12, 42 - 48
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus.
Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Ewigkeitssonntag“ feiern wir heute früh - und nicht Totensonntag. Der
„Ewigkeitssonntag“ ist keine moderne Erfindung, sondern umgekehrt, der
„Totensonntag“ ist das moderne! Er wurde per Kabinettsorder von König
Friedrich Wilhelm III von Preußen 1816 der Kirche zwangsweise angeordnet: „Am
letzten Sonntag des Kirchenjahres habe ein Kirchenfest zur Erinnerung an die
Verstorbenen stattzufinden. Im Mittelpunkt stehe das Totengedenken der
Gefallenen der Befreiungskriege.“
Theologisch war und ist dies höchst umstritten. Die Erneuerte Agende, an die
wir uns in der Ev.Kirche von Westfalen zu halten haben, kennt zwei
Gottesdienste: Ewigkeitssonntag und Gedenktag der Entschlafenen. So wie wir es
in Bad Lippspringe seit vielen Jahren praktizieren. Am Morgen der Gottesdienst
zum Ewigkeitssonntag, um 16.30 Uhr der Gedenkgottesdienst für die
Entschlafenen. Die Agende sagt ausdrücklich, dass der Ewigkeitssonntag
wichtiger als das Gedenken an die Verstorbenen sei. Nichtsdestotrotz wird
immer noch die Meinung vertreten, Totensonntag sei das Eigentliche,
Ewigkeitssonntag etwas Modernes. Aber in einer christlichen Kirche können wir
den Tod nicht feiern; denn der Tod ist der Feind des Lebens, des Menschen und
auch der Feind Gottes. Dietrich Bonhoeffer schrieb: „Wir können angesichts des
Todes nicht in fatalistischer Weise sprechen: Gott will es, wir müssen das
andere hinzusetzen: Gott will es nicht.“ „Der Tod zeigt an, dass die Welt
nicht so ist, wie sie sein sollte, sondern dass sie der Erlösung bedarf.“
Statt einem längst entmachteten Preußenkönig zu folgen, lasst uns nach vor
blicken - in die Zukunft, auch die Zukunft der Verstorbenen.
Womit rechnen wir nach dem Ende des Lebens hier auf der Erde? Wem vertrauen
wir? Worauf setzen wir unsere Hoffnung? Vor allem: welchen konkreten Inhalt
hat unsere Hoffnung nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes?
Unser Predigttext will darauf Antwort geben. Ich lese das, was bei Lukas im
12.Kapitel steht:
Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Ein zuverlässiger, umsichtiger Sklave, den der Herr zum Vorgesetzten der anderen Sklaven und zum Verwalter macht, sorgt für ihre regelmäßige Kost.
Selig ist der Sklave, den der Herr so sorgen sieht, wenn er nach Hause kommt. Er wird ihm sicherlich all seinen Besitz anvertrauen.
Es kann aber sein, dass sich der Verwalter sagt: „Ach, mein Herr kommt ja doch nicht so bald!“ Und er beginnt, seine Mitsklavinnen und Mitsklaven zu schlagen und zu schinden, selbst aber frisst und säuft er hält Zechgelage. Zu diesem bösen Verwalter kommt der Herr ganz unerwartet und überraschend. Er wird ihn zweiteilen, es wird ihm dreckig ergehen wie den Gottlosen.
Auf den Verwalter, der den Willen seines Herrn zwar genau kennt, aber nicht danach handelt, wartet die Peitsche.
Wer den Willen seines Herrn nicht so genau kennt und Böses tut, wird weniger abbekommen.
Denn wem der Herr viel gibt, von dem fordert er viel. Wem der Herr viel anvertraut, von dem verlangt er um so mehr.
Gott segne unserer Reden und Hören. Amen.
(Übersetzung nach Klaus Berger/Chistiane Nord)
Der Predigttext erinnert ein bisschen an das Evangelium des
heutigen Sonntags von den klugen und törichten Jungfrauen. Hier sind es zwei
Verwalter, der eine treu und klug, der das Vertrauen seines Herrn während
dessen Abwesenheit nicht enttäuscht. Der tut seine Pflicht und wird belohnt.
Der andere aber missbraucht die Abwesenheit seines Chefs auf üble Weise und
wird dafür hart bestraft.
Das Gleichnis verstört, verunsichert, ja macht sogar ärgerlich. Es gilt ja in
erster Linie den Jüngern Jesu. Keinesfalls wird ihnen die Glaubens-Sicherheit
gegeben, dass sie in jedem Fall zu den Guten gehören. Vielmehr werden sie
ermahnt: Wem der Herr viel gibt, von dem fordert er viel. Wem der Herr viel
anvertraut, von dem verlangt er um so mehr. Den Jüngern hat Jesus viel
anvertraut, jetzt verlangt er auch viel Gegenleistung, sonst werden sie am
„Jüngsten Tag“ ihre böse Überraschung erleben.
Hätten wir nur diesen Text über das Jüngste Gericht, könnte einem angst und
bange werden. Aber das Zeugnis des Neuen Testaments sagt schon mehr aus. Es
ist gut zusammengefasst im Glaubenbekenntnis, das wir eben miteinander
gesprochen haben. „Jesus ist auferstanden von den Toten, aufgefahren in den
Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird
der kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Gericht an Lebenden und Toten - das ist negativ besetzt. Verurteilt werden
fällt uns ein, Verdammnis, Hölle. Nicht wenig Menschen macht die Angst, später
einmal zum ewigen Tod verurteilt zu werden, das Leben zur Hölle. Vielleicht
spielt das heute nicht mehr die Rolle wie im Mittelalter. Es war Martin
Luthers Wiederentdeckung der Wahrheit, dass der Mensch gerecht werde ohne
Werke, allein durch die Gnade Gottes. Luther sprach vom „Lieben Jüngsten Tag“,
das Jüngste Gericht ist nichts, vor dem man bodenlose Angst haben muss. Auf
dem Richterstuhl sitzt der liebende und gnädige Jesus, der die Menschen so
annimmt wie sie sind. Das ist die Grundvoraussetzung: Es gibt die
Auferstehung, weil Jesus den Tod ein für allemal besiegt hat. Es gibt ein
Leben nach dem Tod - und es ist ein gutes, ein wunderschönes, ein rundes, ein
ganzes Leben.
Der auf dem Richterstuhl sitzt, will uns in dieses Leben bringen. Aber für ihn
ist nicht gleichgültig, was wir aus unserem Leben gemacht haben, ob wir - wenn
auch vielleicht nur ein bisschen - versucht haben, Gottes Gebote zu halten,
auch wenn das sicher nicht immer perfekt war. Überlegen wir einen Moment, wie
das wäre, wenn es Gott ganz egal ist, wie ein Mensch lebt. Dann wäre doch
jeder Versuch, Nächstenliebe zu leben, völlig überflüssig. „Wir kommen alle,
alle in den Himmel“ - dieser Karnevalsschlager hört sich im ersten Moment so
nett an, weil das so einfach zu sein scheint - aber, ganz ehrlich, was wäre
das für ein Gott, dem das Verhalten der Menschen, die ihm anvertraut sind, so
egal ist.
Nein, ich möchte schon einen Richter, der meinen manchmal guten Willen sieht
und der mich sogar manchmal fordert und anspornt: „Das war schon gar nicht
schlecht, aber du kannst es noch besser.“
Sehen Sie, liebe Schwestern und Brüder, deshalb erzählt Jesus dieses
drastische Beispiel. Er will, dass sich auch seine Jünger mit dem Jüngsten Tag
beschäftigen. Dass sie nicht in den Tag hinein leben ohne nachzudenken. Er
will sie beschützen vor dem Selbstmitleid, als gäbe es angesichts des Todes
keine Hoffnung für sie. Im Gegenteil, im Glauben an den auferstandenen
Christus können wir gewiss sein, dass auch wir auferstehen - und zwar zum
ewigen Leben. Genauso, wie es im Glaubenbekenntnis heißt: „Ich glaube an die
Auferstehung und das ewige Leben. Amen.“ Von einer Hölle oder einem Teufel ist
im Glaubensbekenntnis nicht die Rede. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen,
liebe Schwestern und Brüder? An die Hölle sollen wir nicht glauben, sondern an
das ewige, das gute, das gerettete, runde und ganze Leben, das Gott für uns
bereitet hat.
Aber Jesus will uns auch beschützen vor der Selbstgerechtigkeit. So als hätten
wir einen Freifahrtschein, tun und lassen zu können was wir wollen. Er spricht
uns zunächst unglaublich viel Positives zu: „Euch ist viel gegeben.“ Es gibt
soviel Hoffnung, begründete Hoffnung auf das Bewahrtwerden nach dem Tod. Aber
Gott ist auch ein liebender Gott, dem nicht egal ist, wie jemand sein Leben
führt. Deshalb wird er auf das schauen, was wir aus den uns anvertrauten Gaben
gemacht haben.
Ich bin fest überzeugt, Gott wird uns dabei unser Versagen nicht anrechnen. Er
verlangt nicht, dass wir perfekt sind. Aber er ist auf der Seite der Menschen,
die sich für andere einsetzen, auch wenn sie dabei den kürzeren ziehen. Die
Frieden stiften und dafür von anderen Prügel kassieren. Denen Vergebung und
das Recht der Schwachen wichtig sind und die dafür von den Starken verlacht
werden. Solche Menschen werden hier auf der Erde wenig Lohn für ihren Glauben,
ihre Haltung Gott und den Menschen gegenüber, ernten. Aber Gott sieht ihre
Haltung. Bei Gott geht kein guter Gedanke verloren.
Zu solchen guten Gedanken macht Jesus Mut. Zum Hören auf die guten Worte und
Anweisungen Gottes. Dass daraus Taten erwachsen und schlechte Taten
unterbleiben. Es ist richtig: Jesus fordert uns. Aber er weiß genau, dass er
nicht mehr fordern kann, als wir geben können. Er vergibt uns unser
Nicht-Können, aber er will unseren Einsatz, unsere Liebe; ja, er ist so
engagiert, dass er sie von uns fordert, dass wir uns auch, zu Not gegen
Widerstände, Mühe geben, sie zu leben. Alle Taten der Liebe werden bleiben in
alle Ewigkeit. Es lohnt sich also, der Liebe, die Christus vorgelebt hat, zu
trauen. Gott wird uns dies hoch anrechnen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
Gott, unsere Zeit ist in deinen Händen:
und du wartest auf uns;
du hast den Stein weggewälzt vom Grab.
Und im Morgendämmern ahnen wir
Leben aus der Auferstehung.
Noch unter Tränen hören wir
Worte des Lebens.
Noch beschattet vom Dunkel des Todes
sehen wir den neuen Morgen dämmern.
Öffne uns die Augen. Amen.
Gott, da stehen wir vor dir.
Was können wir erwarten?
Einen neuen Himmel?
Eine neue Erde?
Ach, uns liegt die alte Erde
auf der Seele,
eine Last, die wir kaum tragen mögen.
Im Gebet, im Ruf zu dir,
spüren wir, woran wir zu tragen haben:
die Menschen,
die keine Kraft mehr finden für eigene Wege;
die Menschen, die keine Worte haben für ihren Schmerz;
die Menschen, die keine Bilder lernten für ihre Hoffnung.
Sie alle bringen wir vor dich.
Im Gebet, im Ruf zu dir,
spüren wir, worauf wir warten können;
wir träumen:
Du kommst. Und wir hätten die Gewissheit:
Du willst bei uns wohnen.
Deinen Frieden gibst du uns, machst uns die Erde neu.
In der Stille bringen wir vor dich, was durch deine Verheißung neu werden
soll:
- S T I L L E -
Gott, du bist der Grund unseres Lebens. Du bist das Licht unserer Seele. Lass
es in uns und in dieser Welt hell werden, wenn wir jetzt miteinander dein Mahl
feiern, das du gestiftet hast durch Jesus Christus, deinen Sohn, unsern Herrn,
der mit dir im Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.