Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Wie Wasser in der Wüste

Predigt zum Sonntag Exaudi, 8. Mai 2005

Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe

III. Reihe: Joh. 7, 37 39

Liebe Gemeinde, jedes Jahr im Herbst feiert Israel zur Zeit der Ernte ein Fest, das Laubhüttenfest. Es dauert eine ganze Woche, und ist ein fröhliches Fest. Am Abend vor dem Fest beginnen die Feiernden mit den Bauen und Einrichten von Laubhütten. Sukka heißen diese Laubhütten im Hebräischen, und das Fest heißt nach ihnen benannt Sukkot Fest. Ein Erntefest ist ist es und mehr als das. Israel erinnert sich an die Herausführung aus Ägypten, an die Zeit in der Wüste, an die Zeit des Wohnens in Hütten statt in festen Häusern und gesicherten Verhältnissen. Alles, was die Menschen dort am Leben erhielt, war ein Geschenk Gottes: das Brot, das Manna, das Gott ihnen täglich neu gab. Und genauso das Wasser, das als Gabe Gottes ihren Durst stillte und Überleben ermöglichte. Und so wohnten schon zur Zeit Jesu die Menschen 7 Tage im Jahr in Hütten, zur Erinnerung daran. Wasser wurde von einem Priester aus dem Teich Siloah geschöpft und in einem Krug zum Tempel getragen. Dort wurde es am Altar feierlich in silberne Schalen gegossen. Die Worte Jesajas wurden dabei lebendig: Gott wird dich sättigen in der Zeit der Dürre, und du wirst sein wie ein bewässerter Garten. (Jes. 58,11)Wasser: lebensspendendes Gottesgeschenk. Heute genau wie zur Zeit der Wüstenwanderung und auch zur Zeit Jesu.

Von diesem Fest der Erinnerung an Wüste und Wasser spricht der Evangelist Johannes in unserem heutigen Predigttext. Er schreibt:

Am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Liebe Gemeinde, was ist das für eine Aufforderung: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer sollte das denn sein, der keinen Durst verspürt, Durst nach Leben, nach Liebe, nach Sinn? Ohne dies alles sind wir in der Wüste.
"Es gibt die Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe. Es gibt die Wüste des Gottesdunkels, der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um die Würde und den Weg des Menschen wissen." Das sind Worte von Papst Benedikt XVI. Wer würde in so einer Wüste leben wollen? So wie wir Wasser zum Leben brauchen, so brauchen wir Menschen eben auch: erfülltes Leben, erfüllte Liebe, wir brauchen Sinn im Leben. Wir brauchen Gott. Das Wasser, nach dem wir dürsten und das wir brauchen, ist der Geist Gottes. In den Momenten, in denen wir diesen Geist spüren, den Jesus uns versprochen hat, fühlen wir: Wir sind nicht mehr verlassen, nicht mehr einsam. Wir spüren Liebe, wir spüren Gott. Wer kann mit Worten wirklich beschreiben, wie sich das erfrischende Wasser anfühlt, das wir an einem heißen Sornmertag durch unsere Kehlen sprudeln lassen? Das meint Jesus, wenn er sagt: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke.

Liebe Gemeinde, Geist Gottes ist wie das Wasser in der Wüste ein Geschenk Gottes und ein Geheimnis, nicht beweisbar oder von uns zu schaffen. Aber wir alle haben ihn schon gespürt, schwach oder stark, begeisternd oder tröstend. Wir haben ihn gesucht, nach ihm gerufen, und auch wenn er uns fern scheint, hören wir nicht auf, auf ihn zu hoffen. Gottes Geist bewahrt vor einem Leben in der Wüste. Das kann er auf viele Weisen tun. Jeder von Ihnen hier weiß für sich, wo Gottes Geist zu Ihnen gekommen ist, der "Geist, den die empfangen sollen, die an ihn glauben". Über eine Weise, wie der Geist Gottes für mich gerade in den letzten Tagen wirkt, möchte ich gerne noch ein paar Worte sagen. Wir haben heute den 8. Mai. Vor 60 Jahren ging der zweite Weltkrieg zu Ende. Manche von Ihnen werden sich noch daran erinnern. Sie werden sich vielleicht erinnern an Menschen, die aus diesem Krieg nicht zurück gekommen sind. Sie werden sich erinnern an Bombennächte, an zerstörte Wohnungen, an Tote und Verletze. Sie
erinnern sich vielleicht an Flucht, an Hunger und Durst, an Kälte und Not. Ich weiß aus dieser Zeit, wie andere hier, nur aus den Erzählungen anderer. Bei mir waren es vor allem meine Eltern und meine Tante, die mir davon erzählen. Ich weiß auch, dass das Reden über das Erlebte nicht leicht fällt. Bei meinen Gesprächen in den Kliniken hier in Bad Lippspringe treffe ich oft auch Menschen, Männer und Frauen, die das Unaussprechliche, das sie im Krieg erlebt haben, nicht über die Lippen bringen. Ich denke auch, dass ich mir das Unvorstellbare nicht wirklich vorstellen kann. Aber was ich weiß ist, dass das Erinnern und das Erzählen von diesen Erinnerungen die einzige Möglichkeit ist, neues Leben zu bekommen. Es ist die einzige Möglichkeit für uns Menschen, neuen Krieg und neues Leid zu verhindern. Sich zu erinnern und andere zu erinnern an das, was nie wieder sein darf, ist eine Gabe des Heiligen Geistes, davon bin ich überzeugt. Sicher gibt es auch geistlose Erinnerung, die der rechten Verführer und Verführten. Sie wollen nicht wahrhaben, was damals passiert ist. Sie sehen den Ungeist des Krieges und der Gewalt nicht, den Ungeist, wenn Menschen meinen, besser und von Gott geliebter zu sein als andere. Und gerade gegen diesen Ungeist brauchen wir die Erinnerung und das Erzählen, das vom Heiligen Geist gelenkt wird, einem Geist, der uns sagt, dass alle Menschen gleich geliebte Kinder Gottes sind, ob sie Polen sind oder Muslims, Deutsche oder Türken. Alle Zeichen der Versöhnung zwischen Menschen und Nationen beginnen mit der Erinnerung. Sie schafft neues Leben. Für mich ist das der Heilige Geist, von dem Jesus sagt: Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Die Israeliten und Israelitinnen feiern das Sukkot Fest, liebe Gemeinde, so habe ich begonnen. Es ist das Fest der Erinnerung an das Wirken Gottes in der Wüste. Wir feiern das Kommen des Heiligen Geistes, der in uns wirkt: als Geist des Lebens, der Erinnerung wirkt und neues Leben schafft. Pfingsten kommt. Gottes Geist ist da. Amen