Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
III. Reihe: Joh. 7, 37 39
Liebe Gemeinde, jedes Jahr im Herbst feiert Israel zur Zeit
der Ernte ein Fest, das Laubhüttenfest. Es dauert eine ganze Woche, und ist
ein fröhliches Fest. Am Abend vor dem Fest beginnen die Feiernden mit den
Bauen und Einrichten von Laubhütten. Sukka heißen diese Laubhütten im
Hebräischen, und das Fest heißt nach ihnen benannt Sukkot Fest. Ein Erntefest
ist ist es und mehr als das. Israel erinnert sich an die Herausführung aus
Ägypten, an die Zeit in der Wüste, an die Zeit des Wohnens in Hütten statt in
festen Häusern und gesicherten Verhältnissen. Alles, was die Menschen dort am
Leben erhielt, war ein Geschenk Gottes: das Brot, das Manna, das Gott ihnen
täglich neu gab. Und genauso das Wasser, das als Gabe Gottes ihren Durst
stillte und Überleben ermöglichte. Und so wohnten schon zur Zeit Jesu die
Menschen 7 Tage im Jahr in Hütten, zur Erinnerung daran. Wasser wurde von
einem Priester aus dem Teich Siloah geschöpft und in einem Krug zum Tempel
getragen. Dort wurde es am Altar feierlich in silberne Schalen gegossen. Die
Worte Jesajas wurden dabei lebendig: Gott wird dich sättigen in der Zeit der
Dürre, und du wirst sein wie ein bewässerter Garten. (Jes. 58,11)Wasser:
lebensspendendes Gottesgeschenk. Heute genau wie zur Zeit der Wüstenwanderung
und auch zur Zeit Jesu.
Von diesem Fest der Erinnerung an Wüste und Wasser spricht der Evangelist
Johannes in unserem heutigen Predigttext. Er schreibt:
Am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.
Liebe Gemeinde, was ist das für eine Aufforderung: Wen da
dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer sollte das denn sein, der keinen
Durst verspürt, Durst nach Leben, nach Liebe, nach Sinn? Ohne dies alles sind
wir in der Wüste.
"Es gibt die Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe. Es
gibt die Wüste des Gottesdunkels, der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um
die Würde und den Weg des Menschen wissen." Das sind Worte von Papst Benedikt
XVI. Wer würde in so einer Wüste leben wollen? So wie wir Wasser zum Leben
brauchen, so brauchen wir Menschen eben auch: erfülltes Leben, erfüllte Liebe,
wir brauchen Sinn im Leben. Wir brauchen Gott. Das Wasser, nach dem wir
dürsten und das wir brauchen, ist der Geist Gottes. In den Momenten, in denen
wir diesen Geist spüren, den Jesus uns versprochen hat, fühlen wir: Wir sind
nicht mehr verlassen, nicht mehr einsam. Wir spüren Liebe, wir spüren Gott.
Wer kann mit Worten wirklich beschreiben, wie sich das erfrischende Wasser
anfühlt, das wir an einem heißen Sornmertag durch unsere Kehlen sprudeln
lassen? Das meint Jesus, wenn er sagt: Wen da dürstet, der komme zu mir und
trinke.
Liebe Gemeinde, Geist Gottes ist wie das Wasser in der Wüste ein Geschenk
Gottes und ein Geheimnis, nicht beweisbar oder von uns zu schaffen. Aber wir
alle haben ihn schon gespürt, schwach oder stark, begeisternd oder tröstend.
Wir haben ihn gesucht, nach ihm gerufen, und auch wenn er uns fern scheint,
hören wir nicht auf, auf ihn zu hoffen. Gottes Geist bewahrt vor einem Leben
in der Wüste. Das kann er auf viele Weisen tun. Jeder von Ihnen hier weiß für
sich, wo Gottes Geist zu Ihnen gekommen ist, der "Geist, den die empfangen
sollen, die an ihn glauben". Über eine Weise, wie der Geist Gottes für mich
gerade in den letzten Tagen wirkt, möchte ich gerne noch ein paar Worte sagen.
Wir haben heute den 8. Mai. Vor 60 Jahren ging der zweite Weltkrieg zu Ende.
Manche von Ihnen werden sich noch daran erinnern. Sie werden sich vielleicht
erinnern an Menschen, die aus diesem Krieg nicht zurück gekommen sind. Sie
werden sich erinnern an Bombennächte, an zerstörte Wohnungen, an Tote und
Verletze. Sie
erinnern sich vielleicht an Flucht, an Hunger und Durst, an Kälte und Not. Ich
weiß aus dieser Zeit, wie andere hier, nur aus den Erzählungen anderer. Bei
mir waren es vor allem meine Eltern und meine Tante, die mir davon erzählen.
Ich weiß auch, dass das Reden über das Erlebte nicht leicht fällt. Bei meinen
Gesprächen in den Kliniken hier in Bad Lippspringe treffe ich oft auch
Menschen, Männer und Frauen, die das Unaussprechliche, das sie im Krieg erlebt
haben, nicht über die Lippen bringen. Ich denke auch, dass ich mir das
Unvorstellbare nicht wirklich vorstellen kann. Aber was ich weiß ist, dass das
Erinnern und das Erzählen von diesen Erinnerungen die einzige Möglichkeit ist,
neues Leben zu bekommen. Es ist die einzige Möglichkeit für uns Menschen,
neuen Krieg und neues Leid zu verhindern. Sich zu erinnern und andere zu
erinnern an das, was nie wieder sein darf, ist eine Gabe des Heiligen Geistes,
davon bin ich überzeugt. Sicher gibt es auch geistlose Erinnerung, die der
rechten Verführer und Verführten. Sie wollen nicht wahrhaben, was damals
passiert ist. Sie sehen den Ungeist des Krieges und der Gewalt nicht, den
Ungeist, wenn Menschen meinen, besser und von Gott geliebter zu sein als
andere. Und gerade gegen diesen Ungeist brauchen wir die Erinnerung und das
Erzählen, das vom Heiligen Geist gelenkt wird, einem Geist, der uns sagt, dass
alle Menschen gleich geliebte Kinder Gottes sind, ob sie Polen sind oder
Muslims, Deutsche oder Türken. Alle Zeichen der Versöhnung zwischen Menschen
und Nationen beginnen mit der Erinnerung. Sie schafft neues Leben. Für mich
ist das der Heilige Geist, von dem Jesus sagt: Wer an mich glaubt, von dessen
Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.
Die Israeliten und Israelitinnen feiern das Sukkot Fest, liebe Gemeinde, so
habe ich begonnen. Es ist das Fest der Erinnerung an das Wirken Gottes in der
Wüste. Wir feiern das Kommen des Heiligen Geistes, der in uns wirkt: als Geist
des Lebens, der Erinnerung wirkt und neues Leben schafft. Pfingsten kommt.
Gottes Geist ist da. Amen