Selig
sind die FriedfertigenJesus Christus spricht: „Selig sind die Friedfertigen, denn
sie werden Gottes Kinder heißen.“ Matthäus 5,9
Liebe Schwestern und Brüder,
ich spreche zu Ihnen als jemand, der – genauso wenig wie Pastor Kersting - das
Kriegsende selbst miterlebt hat. Und dennoch gehören wir beide noch der
Kriegsgeneration an. Denn man spricht auch bei Generation, deren Eltern den
Krieg mitgemacht haben, von der Kriegsgeneration. Und man tut dies mit Recht.
Denn das Erleben eines Krieges ist so einprägsam, dass des die Erziehung der
Kinder bewusst oder unbewusst ganz entscheidend beeinflusst. Die Eltern, die
den Schrecken des Krieges kennen, übertragen ihre Erfahrungen auf die eigenen
Kinder - ob sie wollen oder nicht. Schon dadurch, dass sie wollen, dass es den
Kindern einmal besser geht. Schon dadurch, dass sie das um ihrer Kinder willen
verdrängen, mit dem sie selbst ein Leben lang nicht fertig werden. 60 Jahre
nach Kriegsende- das ist einerseits eine schon recht lange Zeit, andererseits
wird es vielleicht erst jetzt so langsam möglich, über bestimmte Dinge zu
reden, über die zu Reden es vorher nicht möglich war. Das unvorstellbare
Grauen. Auch die Geschichten von Schuld und von unaussprechlichem Schrecken,
die sich -ungewollt und unausgesprochen - auf uns Kinder übertragen haben.
Gleichzeitig aber droht nach 60 Jahren das Grauen des Krieges und die
unglaubliche Freude über die Befreiung vom Krieg gar nicht mehr verstanden zu
werden, weil eine ganz neue Generation überhaupt nicht mehr mit den
Erfahrungen von Krieg und Not in Berührung gekommen ist. Deshalb sind Mahnmale
so notwendig.
Dia Eingang KZ Dachau:
Mahnmale wie dieses. „Arbeit macht frei“. Das zynische Schild am Eingang eines KZs. Am 30.April war ich in der Gedenkstätte des KZ Dachau, die Eindrücke sind noch ganz frisch. Einen Tag vorher, am 29. April ist das KZ vor 60 Jahren durch die Amerikaner befreit worden und es fand eine große Kundgebung statt. Tag für Tag wird diese Gedenkstätte von Schulklassen und vielen Menschen aus allen Herren Ländern besucht.
Mitten auf dem Platz steht eine große Tafel, dort steht in
Französisch, Englisch und Russisch: Möge das Vorbild derer die von 1933 bis
1945 wegen ihres Kampfes gegen den Nationalsozialismus ihr Leben ließen die
Lebenden vereinen zur Verteidigung des Friedens und der Freiheit und in
Ehrfrucht vor der Würde des Menschen.
Die Opfer von Gewaltherrschaft und Krieg sind erst dann wirklich umsonst
gewesen, wenn sie vergessen werden. Deshalb ist es so wichtig, dass diese
Opfer der Anlass sind, sich um ihretwegen zu versammeln, in Einigkeit
zusammenzustehen, aufzustehen für den Frieden, der eben nicht
selbstverständlich ist, sondern Tag für Tag neu erobert, erkämpft werden muss.
Für die Freiheit aller Menschen und für die Würde aller Menschen. Wir dürfen
nicht wegschauen, wo auch heute noch die Würde eines Menschen mit Füßen
getreten wird - denn so fängt sie an, die Gewhaltherrchaft und der Krieg, wo
die Würde von Menschen nicht mehr geachtet wird.
Mitten im Schotter auf dem erdrückenden Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau habe ich diese kleine Löwenzahlpflanze entdeckt. Eigentlich dürfte sie da gar nicht wachsen. Aber so ist das Wunder des Lebens: es findet immer einen Weg selbst unter den lebensfeindlichsten Umständen. Ein Zeichen der Hoffnung. Ein Zeichen für das Leben. Solange der Krieg und der Schrecken nicht vergessen werden, kann es zur Versöhnung kommen. Versöhnung mit den Schatten der Vergangenheit. Versöhnung auch mit der Schuld. Auch der Schuld der eigenen Eltern. Versöhnung, weil es ohne Versöhnung keine Zukunft gibt auf dieser einen, doch so wunderschönen Welt.
Christus sagt unmissverständlich: Selig sind die
Friedfertigen - und nicht die Kriegstreiber. Krieg darf um Gottes Willen nicht
sein - Weil niemand von uns von Bomben zerfetzt, von Granaten getötet oder an
den Folgen von Kriegsvorbereitung und Kriegsausübung leiden will, dürfen wir
es auch nicht anderen antun - weil die anderen auch Menschen sind, Menschen
wie wir, Menschen mit Würde, die leben, die feiern, die in Frieden glücklich
werden wollen. So wollen wir am 60. Jahrestag des Kriegsendes die Hoffnung in
den Mittelpunkt stellen - und das ist eben die uneingeschränkte,
kompromisslose Menschen- Nächsten- und Feindesliebe Jesu Christi, der aller
Gewalt abgeschworen hat und so die Gewalt überwunden hat. Gerade angesichts
der Opfer von Gewalt und Krieg, der es auch zu unserer Zeit in unglaublicher
Menge gibt, möge uns dieses Wort Jesu im Gedächtnis bleiben: Selig sind die
Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Amen.