Pfarrer Herbert Schmidt, Remscheid
Der Friede Gottes sei mit Euch allen. Amen.
Am Anfang einer Predigt steht gewohnheitsmäßig ein Bibelwort. Ich habe mich
durch das Wort inspirieren lassen, das hier oben im Rundbogen eingezeichnet
war. Ein Wort aus der Offenbarung des Johannes, Kap. 22, Vers 17: "Wen
dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst".
Liebe Mitkonfirmandinnen und konfirmanden, liebe Gemeinde,
ich freue mich, dass ich heute zu Euch reden kann. Schon mit 14 Jahren habe
ich hier heimlich auf der Kanzel gestanden und vor leeren Bänken das Predigen
geübt. Dann konnte ich meinen Wunsch auch beruflich wahr machen, und heute bin
ich hier, wie Ihr, voller Erinnerungen an die Kindheit und Jugend. Ich will
sie hier nicht alle zum Besten geben. Dazu haben wir heute Nachmittag
gemeinsam Gelegenheit. Es wäre auch unfair, wenn ich mich hier vorne alleine
breit mache. Denn heute feiern zwei Jahrgänge ihr Wiedersehen: Die
Konfirmandinnen und Konfirmanden von 1945 und 1955. Uns ist gemeinsam, dass
wir mächtig in die Jahre gekommen sind. Diejenigen, die ihr Leben gemeinsam
hier am Ort verbracht haben, kennen sich. Sie haben das Auf und Ab des Lebens
geteilt und auch an manchem Schicksal des anderen teilgenommen. Ich war zwei
Mal zum Klassentreffen hier und mußte meinen Jahrgang jedesmal neu
kennenlernen. lch glaube, das geht allen so, die heute aus anderen Orten an
die Stätte ihrer Konfirmation angereist sind.
Als ich die Namen meines Jahrganges las, wurden viele Geschichten wieder in
mir wach. Mit einigen war ich freundschaftlich verbunden. In drei Mädchen war
ich verliebt. Da ich zur Schüchternheit neige, haben sie es wahrscheinlich gar
nicht mit bekommen. Mit einigen habe ich rivalisiert.
Es hat mich sehr traurig gemacht, dass von den 53 Frauen und Männern meines
Jahrganges bereits 6 Männer und 4 Frauen verstorben sind. In der Ferne habe
ich es gar nicht mitbekommen. Die, die sie vor Ort begleitet haben und ihre
Todesursache kannten, haben die Trauer um sie schon vorher durchlebt. lch
kenne nicht die Namen von Euch, die ihr heute 75 Jahre alt seid. lch weiß
nicht, von wie vielen Ihr Abschied nehmen mußtet. Aber ich glaube, dass sich
die Erfahrung der Endlichkeit unseres Lebens für Euch noch massiver stellt.
"Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind's achtzig
Jahre", diese Worte aus der Bibel (Ps. 90) sind uns aus traurigen Anlässen
wohl bekannt. Aber dank der Medizin und mit Gottes Hilfe leben wir heute
länger und dürfen auf viele weitere Jahre hoffen, wenn alles gut geht.
Hier in der Kirche hat sich Einiges verändert. Der Zahn der Zeit hat auch an
diesem Gebäude genagt und in den 50 bis 60 Jahren waren einige Renovierungen
fällig. Als Kinder und Jugendliche sind wir durch den Turm in die Kirche
gekommen. Hier, wo heute der Eingang ist, da war die Sakristei, da sass der
Posaunenchor, in dem ich damals Mitglied war. Auf der Urkunde zur Konfirmation
ist noch das Bild von der alten Kirche zu sehen: Hoch oben thront Gott Vater
mit segnenden Händen, darunter auf dem Altar Christus am Kreuz und auf dem
Rundbogen war das Bibelwort, das ich mir als Leitspruch für die Predigt
ausgesucht habe:
"Wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens
umsonst" (Offb. 22,17).
lch finde das Wort sehr schön. lch verbinde es mit Christus. Er lädt uns ein.
Er lockt uns:"Komm". Er spricht unsere tiefe Sehnsucht an, unseren Durst nach
Leben. Unseren Durst nach Zuneigung. Unseren Durst nach Liebe. Unseren Durst
nach Anerkennung. "Wenn Du willst, nimm". Er läßt uns die Wahl. Er läßt uns
die Freiheit, auch nicht zu nehmen: Nein. Danke. Und: Das gibt es heute kaum
noch! Denn alles hat seinen Preis, Du mußt zahlen. Bei ihm nicht! "lch gebe
Dir das Wasser des Lebens. umsonst. lch fordere keine Gegenleistung, Ich
schenke es Dir.
Das"Wasser des Lebens" ist hier ein Sinnbild für das Leben schlechthin. Wir
sind im Laufe der 65 und 75 Jahre durch einige Wechselbäder gegangen. Vom
Regen in die Traufe geraten. Und mit vielen Wassern gewaschen worden.
Vielleicht auch bis zum Hals im Wasser gestanden, Wasser, was wir nicht
wollten.
Hier, bei Gott, bekommst Du reines Lebenswasser geschenkt. Sein Lebenswasser
ist Lebensenergie. Lebenskraft. Lebenslust. Lebensfreude. Es ist Gottes
Geschenk des Lebens an Dich. Nimm es an. Sag Ja. lch Will.
Wir haben im Laufe des Lebens zu vielem Ja und Amen gesagt. Auch bei der
Konfirmation. Vielleicht habt Ihr auch noch Eure Urkunde mit Eurem
Konfirmationsspruch. lch habe ihn noch, vergilbt, mit Pastor Köddings Tinte.
Es ist ein schöner Spruch, voller Dynamik. Da ist vom Evangelium und der Kraft
Gottes die Rede. Er und der liebe Gott wußten wohl, dass ich noch einige
"Power" zum Leben brauchte. Und das traf wohl für alle hier versammelten
"Kriegskinder" der Jahrgänge 1930 und 1940 zu. Wahrscheinlich ist keiner von
Euch äußerlich kriegsversehrt. Wir sind noch mal davon gekommen. Aber die
seelischen Verletzungen, Kälte, Armut, Hunger, Kohlemangel,
Lebensmittelkarten, Schulspeise, Tauschzentrale und jede Menge Mängelschäden
an Leib und Seele, und die Kriegsfolgen danach ... Die vielen Toten, die
vielen Trümmer. Die zerbombten Hoffnungen unserer Mütter und Väter.
So besehen Ist unser Jubiläum heute eine Feier des Lebens und ein Fest der
Dankbarkeit.
lch denke nicht an alle Menschen dankbar zurück, die mich As Kind und
Jugendlichen in der Kirche und in der Schule begleitet haben. Aber ich bin
heute auch nicht mehr nachtragend. Ich bin dankbar für den kleinen Lehrer mit
einer großen Frau oder Haushälterin an seiner Seite, der mir als Arme Leute
Kind, umsonst Musik und Noten beigebracht hat, und der selbst, dort oben, auf
einer pneumatischen Orgel, die ganz und gar mit Luft betrieben wurde, die
Gottesdienste begleitet hat.
Ich bin dem Posaunenchor Leiter und seiner Frau von damals dankbar, die mich
häufig als Junge eingeladen haben und mir Mut gemacht haben. Die Menschen der
Kirche waren ein warmes Nest für mich, im Kindergottesdienst, im Posaunenchor,
als Pfadfinder. Mein, unser Konfirmator hat dafür gesorgt, dass ich das Abi
machen konnte, ein unendlich wichtiger Schritt in meinem Leben! Er konnte so
wunderbar laut reden. Vor allem am Volkstrauertag, an der Seite des bronzenen
Löwen vor dem Kurpark, da brüllte er selbst wie ein Löwe. Das hat mir
imponiert. Das wollte ich auch können. Ich wurde Pfarrer. Nicht für jede und
jeden von Euch war die Kirche so nahe und so bedeutend. Für Euch waren es
andere Menschen, vielleicht nicht so fromm, Hauptsache liebevoll.
lch konnte die vielen Bibelsprüche und Lieder, die wir noch lernen mußten,
beruflich gut verwenden. Ich weiß nicht, wie es Euch damit ging. Was ist aus
den Bibelworten geworden, die Euch begleitet haben? Die Konfirmation war ja
nicht die einzige Feier. Ihr habt geheiratet. Wieder ein Spruch. Ihr habt Eure
Kinder taufen lassen, oder auch nicht. Wenn ja, wieder ein Bibelspruch.
Inzwischen habt Ihr Enkelkinder und nehmt an derem Leben teil.
Wir haben alle zusammen viele Bibeltworte und Texte gehört. Haben sie Euch
erreicht? Sind sie haften geblieben? Haben sie ihre Kraft in Eurem Leben
entfaltet? Sind die Wünsche wahr geworden?
Wir sind heute ein Club ergrauter Individualisten und Individualistinnen.
Jeder und jede hat eine lange Strecke seines Lebens hinter sich, ist gereift,
ist enttäuscht worden. Er oder sie hat das Leben gelernt, oder erlitten. Wir
haben Kränkungen hinter uns, und, so lange das Leben währt, auch noch vor uns.
Wir haben uns trauen lassen, und der eine oder die andere auch wieder trennen
lassen. Wir haben uns einige Male verliebt und auch wieder verabschiedet. Da
kommt viel Liebe und viel Leid zusammen.
Meine Frage an Dich, an Euch, ist ziemlich intim.
Hat sich dieser große Gott, mit segnenden Händen an der Decke der Kirche, in
Deinem Leben gezeigt? Hat er Dich gesegnet, als Du krank oder sonst wie in der
Krise warst? Hat er Dir geholfen, als Du ihn brauchtest? Hat er sich klein
gemacht und an Deiner Seite gestanden, als Du mit ihm gesprochen und zu ihm
gebetet hast? Sind Dir solche gefühligen Fragen peinlich? Als Mann spricht man
nicht so gern darüber Aber heute ist das einmal angebracht. Die Antwort kannst
Du Dir selbst in Deinem stillen Kämmerlein geben: Entdecke ich Gottes
segnenden und lenkenden Hände in meinem Leben? Oder habe ich mich, vom Leben
und von einigen Menschen tief enttäuscht, von ihm losgesagt? Einige sind
vielleicht, weil seine Frau oder ihr Mann das gern wünschte, katholisch
geworden. Das liegt in einem Umfeld, das sooo katholisch ist, nahe. Vielleicht
bist Du auch heute hier, um Gott zu danken. Gott ist überall und an keine
besondere Kirche gebunden. Danke Gott, für den Schatz an Deiner Seite, für die
Kinder. Danke dafür, dass vieles gut gelaufen ist. Danke dafür, dass ich am
Leben gereift und nicht verzweifelt bin. Danke, dass ich alle bitteren
Erfahrungen loslassen konnte.
Das Gottesbild an der Decke ist verschwunden. Als Kind hat es mich sehr
beeindruckt. Aber Gott ist nicht dazu da, unsere Altäre und Kirchenkuppeln zu
schmücken. Er will in uns leben, unsichtbar und doch gegenwärtig.
Er will, dass wir ihn spüren. Er will uns treu zur Seite stehen. Er fragt uns
nicht, was
wir aus der Bibel von ihm wissen, und ob wir zur Kirche gehen. Er möchte, dass
wir
ihn in unserem Leben zum Ausdruck bringen. Dass wir ihn leben. Denn er ist
Leben. 4
Er fragt Dich: Liebst Du. Liebst Du Dich. Liebst Du Deine Frau? Deine Kinder.
Liebst Du Menschen, Tiere, Pflanzen. Liebst Du das Leben? Gott ist Liebe.
"Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm".
Vielleicht war das sogar einer Eurer Konfirmationssprüche.
Viele von Euch sind am Ort wohnen geblieben, haben hier ihre Frauen und Männer
und ihre Arbeit gefunden. Andere, so wie ich, haben sich räumlich verändert.
nur Verändert haben wir uns alle, nicht äußerlich, nicht räumlich. Sondern.
Innerlich. Bin ich liebevoller geworden? Bin ich toleranter geworden? Bin ich
freier geworden? Habe ich zu mir selbst gefunden? Habe ich meinen inneren
Frieden gefunden? Kann ich zu diesem, meinem Leben JA sagen, wenn ich Bilanz
ziehe? JA auch zu Gott. Ja, Du hast mir geholfen, dafür danke ich Dir.?
Vielleicht fällt Deine Bilanz anders aus.
Eine um ihren Mann trauernde Frau sagte mir: "ich kann nicht glauben, dass
Gott alles so herrlich regiert, wie es in der Bibel heißt, wenn ich auf mein
Leid und das Leiden in der Weit sehe".
Hat der über der Welt und an der Decke thronende Vatergott nicht ziemlich
versagt? Man kann nicht voraussetzen, dass alle an Gott glauben. Auch heute
morgen wird jeder und jede je nach seiner Lebenserfahrung sehr verschieden an
Gott glauben, seinen Glauben in seine persönlichen Worte fassen, vielleicht
ganz anders als die Kirchen lehren.
"Wer Durst hat, der komme, und wer da will, der nehme und trinke das Wasser
des Lebens umsonst" (Offb. 22,17).
Hier in Bad Lippspringe entspringen einige Quellen, hier sprudelt viel Wasser:
Arminiusquelle, Jordanquelle, Lippequelle. Viele Menschen kuren hier und
wollen wieder gesund werden. Sie setzen ihre Hoffnung darauf., dass das Wasser
sie wieder heilen kann.
Gott ist die Quelle des Lebens, sagt die Bibel.
Vielleicht stand das den protestantischen Vätern und Müttern vor Augen, als
sie diese Kirche bauten und das Wort vom Lebenswasser als Motto wählten.
Wir feiern gleich das Heilige Abendmahl. Dann wird zum Wein auch das "Brot des
Lebens" gereicht, Und wieder hören wir die Einladung., "Kommt, seht, schmeckt,
wie freundlich Gott ist'. Eßt das" Brot des Lebens," trinkt das "Wasser des
Lebens". Genießt den Wein der Freude.
Wenn man früher am Abendmahl teilnehmen wollte, mußte man sich vorher nebenan
im Pfarrhaus anmelden. Dann kam einem ein dünner, großer, asketisch
aussehender Pfarr Herr die Treppe herunter entgegen, an seiner Seite einige
verwitwete oder verwandte Frauen. Auf mich hat das immer einen düsteren,
depressiven Eindruck gemacht. Heute ist das anders. Auch die Vertreterinnen
und Vertreter der Kirche haben sich im Laufe der Zeit zu mehr Lebensfreude hin
verändert.
Du mußt nicht ständig, mit hechelnder Zunge, nach den Quellen des Lebens
suchen. Sie sprudelt in Dir. In Deiner Seele, in Deinem Herzen, in Deinem
Leibe. Du mußt sie nur sprudeln lassen. Gott ist die Quelle, die Dich ins
Leben rief. Er ist die Quelle, die Dich mit Nahrung versorgt. Er ist die
heilende Quelle, die Deine Wunden heilt, 'körperlich oder seelisch. Er, oder
besser: SIE ist die Quelle, die Dir große Segenskräfte zufließen läßt: Die
Kraft zu lieben. Die Kraft zu verzeihen. Die Kraft, neu anzufangen. Die Kraft,
zu vertrauen. Vertrauen zu Dir selbst, Vertrauen zu Gott, Vertrauen zu den
anderen Menschen.
Du bist mit ihr, der Quelle des Lebens, immer verbunden, im Leben und auch im
Sterben.
AMEN
Und der Friede Gottes, weicher höher ist als alle menschliche Vernunft, der
stärke und bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Pfarrer
Herbert Schmidt war vor seiner Pensionierung Pfarrer in Remscheid. Er betreut
die Websites
Predigen hinter Gittern und
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