Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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"Wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst"

Predigt zur Goldkonfirmation am Sonntag, 6. 11. 2005 in Bad Lippspringe

Pfarrer Herbert Schmidt, Remscheid


Der Friede Gottes sei mit Euch allen. Amen.

Am Anfang einer Predigt steht gewohnheitsmäßig ein Bibelwort. Ich habe mich durch das Wort inspirieren lassen, das hier oben im Rundbogen eingezeichnet war. Ein Wort aus der Offenbarung des Johannes, Kap. 22, Vers 17: "Wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst".

Liebe Mitkonfirmandinnen und konfirmanden, liebe Gemeinde,

ich freue mich, dass ich heute zu Euch reden kann. Schon mit 14 Jahren habe ich hier heimlich auf der Kanzel gestanden und vor leeren Bänken das Predigen geübt. Dann konnte ich meinen Wunsch auch beruflich wahr machen, und heute bin ich hier, wie Ihr, voller Erinnerungen an die Kindheit und Jugend. Ich will sie hier nicht alle zum Besten geben. Dazu haben wir heute Nachmittag gemeinsam Gelegenheit. Es wäre auch unfair, wenn ich mich hier vorne alleine breit mache. Denn heute feiern zwei Jahrgänge ihr Wiedersehen: Die Konfirmandinnen und Konfirmanden von 1945 und 1955. Uns ist gemeinsam, dass wir mächtig in die Jahre gekommen sind. Diejenigen, die ihr Leben gemeinsam hier am Ort verbracht haben, kennen sich. Sie haben das Auf und Ab des Lebens geteilt und auch an manchem Schicksal des anderen teilgenommen. Ich war zwei Mal zum Klassentreffen hier und mußte meinen Jahrgang jedesmal neu kennenlernen. lch glaube, das geht allen so, die heute aus anderen Orten an die Stätte ihrer Konfirmation angereist sind.

Als ich die Namen meines Jahrganges las, wurden viele Geschichten wieder in mir wach. Mit einigen war ich freundschaftlich verbunden. In drei Mädchen war ich verliebt. Da ich zur Schüchternheit neige, haben sie es wahrscheinlich gar nicht mit bekommen. Mit einigen habe ich rivalisiert.

Es hat mich sehr traurig gemacht, dass von den 53 Frauen und Männern meines Jahrganges bereits 6 Männer und 4 Frauen verstorben sind. In der Ferne habe ich es gar nicht mitbekommen. Die, die sie vor Ort begleitet haben und ihre Todesursache kannten, haben die Trauer um sie schon vorher durchlebt. lch kenne nicht die Namen von Euch, die ihr heute 75 Jahre alt seid. lch weiß nicht, von wie vielen Ihr Abschied nehmen mußtet. Aber ich glaube, dass sich die Erfahrung der Endlichkeit unseres Lebens für Euch noch massiver stellt.

"Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind's achtzig Jahre", diese Worte aus der Bibel (Ps. 90) sind uns aus traurigen Anlässen wohl bekannt. Aber dank der Medizin und mit Gottes Hilfe leben wir heute länger und dürfen auf viele weitere Jahre hoffen, wenn alles gut geht.

Hier in der Kirche hat sich Einiges verändert. Der Zahn der Zeit hat auch an diesem Gebäude genagt und in den 50 bis 60 Jahren waren einige Renovierungen fällig. Als Kinder und Jugendliche sind wir durch den Turm in die Kirche gekommen. Hier, wo heute der Eingang ist, da war die Sakristei, da sass der Posaunenchor, in dem ich damals Mitglied war. Auf der Urkunde zur Konfirmation ist noch das Bild von der alten Kirche zu sehen: Hoch oben thront Gott Vater mit segnenden Händen, darunter auf dem Altar Christus am Kreuz und auf dem Rundbogen war das Bibelwort, das ich mir als Leitspruch für die Predigt ausgesucht habe:

"Wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst" (Offb. 22,17).

lch finde das Wort sehr schön. lch verbinde es mit Christus. Er lädt uns ein. Er lockt uns:"Komm". Er spricht unsere tiefe Sehnsucht an, unseren Durst nach Leben. Unseren Durst nach Zuneigung. Unseren Durst nach Liebe. Unseren Durst nach Anerkennung. "Wenn Du willst, nimm". Er läßt uns die Wahl. Er läßt uns die Freiheit, auch nicht zu nehmen: Nein. Danke. Und: Das gibt es heute kaum noch! Denn alles hat seinen Preis, Du mußt zahlen. Bei ihm nicht! "lch gebe Dir das Wasser des Lebens. umsonst. lch fordere keine Gegenleistung, Ich schenke es Dir.

Das"Wasser des Lebens" ist hier ein Sinnbild für das Leben schlechthin. Wir sind im Laufe der 65 und 75 Jahre durch einige Wechselbäder gegangen. Vom Regen in die Traufe geraten. Und mit vielen Wassern gewaschen worden. Vielleicht auch bis zum Hals im Wasser gestanden, Wasser, was wir nicht wollten.

Hier, bei Gott, bekommst Du reines Lebenswasser geschenkt. Sein Lebenswasser ist Lebensenergie. Lebenskraft. Lebenslust. Lebensfreude. Es ist Gottes Geschenk des Lebens an Dich. Nimm es an. Sag Ja. lch Will.

Wir haben im Laufe des Lebens zu vielem Ja und Amen gesagt. Auch bei der Konfirmation. Vielleicht habt Ihr auch noch Eure Urkunde mit Eurem Konfirmationsspruch. lch habe ihn noch, vergilbt, mit Pastor Köddings Tinte. Es ist ein schöner Spruch, voller Dynamik. Da ist vom Evangelium und der Kraft Gottes die Rede. Er und der liebe Gott wußten wohl, dass ich noch einige "Power" zum Leben brauchte. Und das traf wohl für alle hier versammelten "Kriegskinder" der Jahrgänge 1930 und 1940 zu. Wahrscheinlich ist keiner von Euch äußerlich kriegsversehrt. Wir sind noch mal davon gekommen. Aber die seelischen Verletzungen, Kälte, Armut, Hunger, Kohlemangel, Lebensmittelkarten, Schulspeise, Tauschzentrale und jede Menge Mängelschäden an Leib und Seele, und die Kriegsfolgen danach ... Die vielen Toten, die vielen Trümmer. Die zerbombten Hoffnungen unserer Mütter und Väter.

So besehen Ist unser Jubiläum heute eine Feier des Lebens und ein Fest der Dankbarkeit.

lch denke nicht an alle Menschen dankbar zurück, die mich As Kind und Jugendlichen in der Kirche und in der Schule begleitet haben. Aber ich bin heute auch nicht mehr nachtragend. Ich bin dankbar für den kleinen Lehrer mit einer großen Frau oder Haushälterin an seiner Seite, der mir als Arme Leute Kind, umsonst Musik und Noten beigebracht hat, und der selbst, dort oben, auf einer pneumatischen Orgel, die ganz und gar mit Luft betrieben wurde, die Gottesdienste begleitet hat.

Ich bin dem Posaunenchor Leiter und seiner Frau von damals dankbar, die mich häufig als Junge eingeladen haben und mir Mut gemacht haben. Die Menschen der Kirche waren ein warmes Nest für mich, im Kindergottesdienst, im Posaunenchor, als Pfadfinder. Mein, unser Konfirmator hat dafür gesorgt, dass ich das Abi machen konnte, ein unendlich wichtiger Schritt in meinem Leben! Er konnte so wunderbar laut reden. Vor allem am Volkstrauertag, an der Seite des bronzenen Löwen vor dem Kurpark, da brüllte er selbst wie ein Löwe. Das hat mir imponiert. Das wollte ich auch können. Ich wurde Pfarrer. Nicht für jede und jeden von Euch war die Kirche so nahe und so bedeutend. Für Euch waren es andere Menschen, vielleicht nicht so fromm, Hauptsache liebevoll.

lch konnte die vielen Bibelsprüche und Lieder, die wir noch lernen mußten, beruflich gut verwenden. Ich weiß nicht, wie es Euch damit ging. Was ist aus den Bibelworten geworden, die Euch begleitet haben? Die Konfirmation war ja nicht die einzige Feier. Ihr habt geheiratet. Wieder ein Spruch. Ihr habt Eure Kinder taufen lassen, oder auch nicht. Wenn ja, wieder ein Bibelspruch. Inzwischen habt Ihr Enkelkinder und nehmt an derem Leben teil.

Wir haben alle zusammen viele Bibeltworte und Texte gehört. Haben sie Euch erreicht? Sind sie haften geblieben? Haben sie ihre Kraft in Eurem Leben entfaltet? Sind die Wünsche wahr geworden?

Wir sind heute ein Club ergrauter Individualisten und Individualistinnen. Jeder und jede hat eine lange Strecke seines Lebens hinter sich, ist gereift, ist enttäuscht worden. Er oder sie hat das Leben gelernt, oder erlitten. Wir haben Kränkungen hinter uns, und, so lange das Leben währt, auch noch vor uns. Wir haben uns trauen lassen, und der eine oder die andere auch wieder trennen lassen. Wir haben uns einige Male verliebt und auch wieder verabschiedet. Da kommt viel Liebe und viel Leid zusammen.

Meine Frage an Dich, an Euch, ist ziemlich intim.

Hat sich dieser große Gott, mit segnenden Händen an der Decke der Kirche, in Deinem Leben gezeigt? Hat er Dich gesegnet, als Du krank oder sonst wie in der Krise warst? Hat er Dir geholfen, als Du ihn brauchtest? Hat er sich klein gemacht und an Deiner Seite gestanden, als Du mit ihm gesprochen und zu ihm gebetet hast? Sind Dir solche gefühligen Fragen peinlich? Als Mann spricht man nicht so gern darüber Aber heute ist das einmal angebracht. Die Antwort kannst Du Dir selbst in Deinem stillen Kämmerlein geben: Entdecke ich Gottes segnenden und lenkenden Hände in meinem Leben? Oder habe ich mich, vom Leben und von einigen Menschen tief enttäuscht, von ihm losgesagt? Einige sind vielleicht, weil seine Frau oder ihr Mann das gern wünschte, katholisch geworden. Das liegt in einem Umfeld, das sooo katholisch ist, nahe. Vielleicht bist Du auch heute hier, um Gott zu danken. Gott ist überall und an keine besondere Kirche gebunden. Danke Gott, für den Schatz an Deiner Seite, für die Kinder. Danke dafür, dass vieles gut gelaufen ist. Danke dafür, dass ich am Leben gereift und nicht verzweifelt bin. Danke, dass ich alle bitteren Erfahrungen loslassen konnte.

Das Gottesbild an der Decke ist verschwunden. Als Kind hat es mich sehr beeindruckt. Aber Gott ist nicht dazu da, unsere Altäre und Kirchenkuppeln zu schmücken. Er will in uns leben, unsichtbar und doch gegenwärtig.

Er will, dass wir ihn spüren. Er will uns treu zur Seite stehen. Er fragt uns nicht, was
wir aus der Bibel von ihm wissen, und ob wir zur Kirche gehen. Er möchte, dass wir
ihn in unserem Leben zum Ausdruck bringen. Dass wir ihn leben. Denn er ist
Leben. 4
Er fragt Dich: Liebst Du. Liebst Du Dich. Liebst Du Deine Frau? Deine Kinder.
Liebst Du Menschen, Tiere, Pflanzen. Liebst Du das Leben? Gott ist Liebe.
"Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm".
Vielleicht war das sogar einer Eurer Konfirmationssprüche.

Viele von Euch sind am Ort wohnen geblieben, haben hier ihre Frauen und Männer und ihre Arbeit gefunden. Andere, so wie ich, haben sich räumlich verändert. nur Verändert haben wir uns alle, nicht äußerlich, nicht räumlich. Sondern. Innerlich. Bin ich liebevoller geworden? Bin ich toleranter geworden? Bin ich freier geworden? Habe ich zu mir selbst gefunden? Habe ich meinen inneren Frieden gefunden? Kann ich zu diesem, meinem Leben JA sagen, wenn ich Bilanz ziehe? JA auch zu Gott. Ja, Du hast mir geholfen, dafür danke ich Dir.?

Vielleicht fällt Deine Bilanz anders aus.

Eine um ihren Mann trauernde Frau sagte mir: "ich kann nicht glauben, dass Gott alles so herrlich regiert, wie es in der Bibel heißt, wenn ich auf mein Leid und das Leiden in der Weit sehe".

Hat der über der Welt und an der Decke thronende Vatergott nicht ziemlich versagt? Man kann nicht voraussetzen, dass alle an Gott glauben. Auch heute morgen wird jeder und jede je nach seiner Lebenserfahrung sehr verschieden an Gott glauben, seinen Glauben in seine persönlichen Worte fassen, vielleicht ganz anders als die Kirchen lehren.

"Wer Durst hat, der komme, und wer da will, der nehme und trinke das Wasser des Lebens umsonst" (Offb. 22,17).

Hier in Bad Lippspringe entspringen einige Quellen, hier sprudelt viel Wasser: Arminiusquelle, Jordanquelle, Lippequelle. Viele Menschen kuren hier und wollen wieder gesund werden. Sie setzen ihre Hoffnung darauf., dass das Wasser sie wieder heilen kann.

Gott ist die Quelle des Lebens, sagt die Bibel.

Vielleicht stand das den protestantischen Vätern und Müttern vor Augen, als sie diese Kirche bauten und das Wort vom Lebenswasser als Motto wählten.

Wir feiern gleich das Heilige Abendmahl. Dann wird zum Wein auch das "Brot des Lebens" gereicht, Und wieder hören wir die Einladung., "Kommt, seht, schmeckt, wie freundlich Gott ist'. Eßt das" Brot des Lebens," trinkt das "Wasser des Lebens". Genießt den Wein der Freude.

Wenn man früher am Abendmahl teilnehmen wollte, mußte man sich vorher nebenan im Pfarrhaus anmelden. Dann kam einem ein dünner, großer, asketisch aussehender Pfarr Herr die Treppe herunter entgegen, an seiner Seite einige verwitwete oder verwandte Frauen. Auf mich hat das immer einen düsteren, depressiven Eindruck gemacht. Heute ist das anders. Auch die Vertreterinnen und Vertreter der Kirche haben sich im Laufe der Zeit zu mehr Lebensfreude hin verändert.

Du mußt nicht ständig, mit hechelnder Zunge, nach den Quellen des Lebens suchen. Sie sprudelt in Dir. In Deiner Seele, in Deinem Herzen, in Deinem Leibe. Du mußt sie nur sprudeln lassen. Gott ist die Quelle, die Dich ins Leben rief. Er ist die Quelle, die Dich mit Nahrung versorgt. Er ist die heilende Quelle, die Deine Wunden heilt, 'körperlich oder seelisch. Er, oder besser: SIE ist die Quelle, die Dir große Segenskräfte zufließen läßt: Die Kraft zu lieben. Die Kraft zu verzeihen. Die Kraft, neu anzufangen. Die Kraft, zu vertrauen. Vertrauen zu Dir selbst, Vertrauen zu Gott, Vertrauen zu den anderen Menschen.

Du bist mit ihr, der Quelle des Lebens, immer verbunden, im Leben und auch im Sterben.

AMEN

Und der Friede Gottes, weicher höher ist als alle menschliche Vernunft, der stärke und bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

Pfarrer Herbert SchmidtPfarrer Herbert Schmidt war vor seiner Pensionierung Pfarrer in Remscheid. Er betreut die Websites Predigen hinter Gittern und Meditieren in Stille