III. Reihe: Mk 14,17-26
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und
dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde!
Gründonnerstag – ich habe es eingangs schon gesagt – ist der Tag der
Einsetzung des heiligen Abendmahls. Wir erinnern uns am Gründonnerstag daran,
dass Jesus am Abend vor seinem Tod das Abendmahl stiftete. Er saß mit seinen
Jüngern beim Mahl, so wie er schon oft mit ihnen beim Mahl gesessen hatte, und
er wusste, er würde sterben müssen. Er nahm Brot und Kelch und gab beides
seinen Jüngern und sagte, so kennen wir er aus der Abendmahlsliturgie,: „Das
ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis“
und „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen
wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, sooft ihr´s trinket, zu meinem
Gedächtnis“. Im Abendmahl erfahren wir Jesu Hingabe für uns, wir erleben
Gemeinschaft mit ihm und untereinander, wir gedenken seines Lebens und
Sterbens – für uns! – und seiner Auferstehung. So ist der „Tag der Einsetzung
des heiligen Abendmahls“ ein Festtag, ein Tag der Dankbarkeit und der Freude.
– Das wird in unserem Gottesdienst auch äußerlich sichtbar: die Antependien
sind österlich weiß und nicht violett, wie in der übrigen Passionszeit, in der
Eingangsliturgie haben wir das Gloria, das „Ehre sei Gott in der Höhe“
gesungen, das in der übrigen Passionszeit nicht gesungen wird.
Gründonnerstag – das ist aber auch der Tag vor dem dunkelsten und finstersten Tag des Kirchenjahres, der Tag vor Karfreitag, dem Tag, an dem Jesus starb. Gründonnerstagabend – das ist der Abend vor der Nacht des Leidens und Todes Jesu.
Unser Predigttext berichtet von diesem Abend, er steht bei Markus im 14. Kapitel:
Am Abend kam Jesus mit den Zwölfen. Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem anderen: Bin ich´s? Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.
Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte, brach´s und gab´s ihnen und sprach: Nehmet, das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes.
Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.
- Die Themen dieses kurzen Berichts sind gewaltig: Verrat und Versöhnung, Schuld und Gnade, Fluch und Segen, Tod und Leben.
„Einer von euch Zwölfen wird mich verraten“, sagt Jesus zu seinen Jüngern, „einer, der jetzt, an diesem Abend, mir so nahe ist, dass wir aus derselben Schüssel essen“. Die Jünger, gerade noch ihrer Gemeinschaft und Freundschaft mit Jesus und untereinander sicher, sind verunsichert. Sie reagieren jedoch nicht erstaunt oder empört, wie man es vielleicht erwartet hätte, sondern sie werden traurig und fragen: „Bin ich´s? Bin ich´s, der dich verrät und unsere Gemeinschaft damit zerstört?“ Jeder der Jünger hält es für möglich, dass er der Verräter ist, einer nach dem anderen fragt Jesus: „Bin ich´s?“
Bin ich´s? – ist das auch meine Frage? - Wie oft stehe ich mir selber näher als anderen. Wie oft lasse ich es an Liebe und Verständnis fehlen. Wie oft verrate auch ich so Gemeinschaft und Freundschaft. Wie oft verrate auch ich so Jesus und stehe nicht an seiner Seite. Bin ich´s? – ja, die Frage ist auch meine Frage.
Jesus droht dem Verräter fürchterlich: „weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“ Verrat an Jesus, an der Gemeinschaft mit ihm und untereinander ist kein Kavaliersdelikt, Verrat an Jesus beraubt uns unserer Lebensmöglichkeiten, nimmt uns Liebe, Freiheit und Atem. Zurückgeworfen auf uns selbst, herausgefallen aus der Gemeinschaft spüren wir die Last der Sünde.
Aber - das ist nicht das letzte Wort: Folgen wir dem Predigttext, so lesen wir, dass Jesus sein Mahl mit allen zwölf Jüngern weiterfeiert, also auch mit dem Verräter, der noch nicht identifiziert ist. Und nicht nur das: Auch die Einsetzung des Abendmahls erfolgt für alle zwölf Jünger, Jesus stiftet einen neuen Bund mit seinem Blut. Dem aus der Gemeinschaft Herausgefallenen bietet Jesus neue Gemeinschaft an.
Dieses Mahl und die Einsetzung des Abendmahls stehen in der Tradition einer langen Reihe von Mahlgemeinschaften mit Zöllnern und Sündern: Jesus wendet sich gerade den Schwachen, den Sündern, den Hilfsbedürftigen zu, für sie, für uns hat er gelebt und ist er gestorben.
Das Wort „Gründonnerstag“ leitet sich von dem mittelhochdeutschen Wort „gronan“ = weinen, greinen her und verweist darauf, dass früher an diesem Tag die öffentlichen Büßer wieder in die volle kirchliche Gemeinschaft aufgenommen wurden und am Abendmahl teilnehmen durften – so hat sich der Gedanke der neuen Gemeinschaft, des neuen Bundes auch in dieser Tradition ausgedrückt.
Wenn wir gleich Abendmahl miteinander feiern, dann tun wir das zwar im Angesicht der Nacht, im Angesicht des morgigen Karfreitags, aber auch in dem Vertrauen auf Jesu Zusage des neuen Bundes, der neuen Gemeinschaft, die über den Tod hinausreicht. Jesus Christus hat durch seinen Tod die Sünde und den Tod überwunden, wir feiern das heilige Abendmahl im Lichte dieses Glaubens.
Wir wollen uns beim Abendmahl Zeit nehmen, Zeit, Jesu Gegenwart zu spüren, seiner Gemeinschaft mit uns Raum zu geben, und Zeit, Gemeinschaft untereinander zu feiern. Wenn wir gleich Brot und Wein empfangen und miteinander zu Abend essen, dann tun wir das in Erinnerung an die Tischgemeinschaft, die Jesus mit seinen Jüngern und Freunden, mit Zöllnern und Sündern hatte, in Erinnerung an seine vergebende Liebe, die auch uns Gemeinschaft möglich macht. Wir tun es aber auch in Erinnerung an die Abendmahlsfeiern der Urchristenheit, der ersten Gemeinden, die sich nach Jesu Tod zu Tischgemeinschaften zusammenfanden.
Brot und Wein, die Gemeinschaft des Abendmahles sei uns Wegzehrung und Stärkung für die nächsten dunklen Tage, es sei uns Wegzehrung und Stärkung aber auch für jeden Tag des Jahres, auf dass wir Gottes vergebende Liebe immer wieder neu erfahren und im Vertrauen darauf uns zu ihm bekennen und immer wieder neu nach seinem Willen zu leben versuchen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.