Liebe Gemeinde,
gleich zweimal vom gleichen Autor, Lukas nämlich, finden wir die folgende
Erzählung im Neuen Testament. Wir lesen sie einmal am Ende des
Lukasevangeliums und dann wieder am Beginn der Apostelgeschichte. Und so
verbindet die Geschichte von der Himmelfahrt Jesu die Vergangenheit mit dem
Beginn der Gegenwart, sie verbindet die Zeit des Lebens Jesu auf der Erde mit
der Zeit der Menschen, die auf ihn hoffen und an ihn glauben.
Ich lese aus der Apostelgeschichte:
Jesus zeigte sich den Aposteln nach seinem Leiden durch viele Beweise als der
Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit
ihnen vom Reich Gottes. Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen,
Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters,
„die ihr“, so sprach er, „von mir gehört habt; ihr werdet die Kraft des
Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen
sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der
Erde“.
Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke
nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel
fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten:
„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus,
der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr
ihn habt gen Himmel fahren sehen.“
Und nun, liebe Gemeinde? In der Vorstellungswelt meines fünfjährigen Sohnes
wohnt Jesus nun im Himmel, bei Gott. Aber wir? Wir sind ja längst im Zeitalter
der Raumfahrt angekommen. Satelliten kreisen an unserem Himmel. Wir haben die
Wolken von oben gesehen- ein majestätischer, wunderbarer Anblick, den man
nicht so schnell vergisst. Aber Gott- den haben wir dort nicht gesehen.
Der Himmel ist entzaubert, und nicht nur der Himmel, auch der Weltraum, der
ihn umgibt. Der russische Kosmonaut Gagarin sagte ja nach seiner
Weltraumfahrt: Gott habe ich im All nicht gefunden.
Also ist dann auch die Himmelfahrt Jesu eine entzauberte Legende?
Ja, und Nein.
Ja dann, wenn wir in naturwissenschaftlichen Kategorien denken. Wenn wir den
Himmel nicht anders verstehen können oder wollen als die sich stetig
verdünnenden Luftschichten, die unsere Erde umgeben.
Und heute wissen wir, dass die Geschichte, die wir kennen, nicht die einzige
ihrer Art ist. In der antiken Welt vor 2000 Jahren, zur Zeit der Entstehung
unserer biblischen Schriften, gab es verschiedenste Geschichten darüber, wie
Menschen von der Erde entrückt werden. Im Alten Testament ist es Elia, aber
auch berühmte Philosophen und Könige wurden den Sagen ihrer Zeit zufolge für
würdig befunden, leibhaftig in den Himmel aufgenommen zu werden.
So gesehen, ist die Himmelfahrt Jesu überholt worden: überholt von unseren
Urlaubsflügen und unseren Kenntnissen in Natur- und Kulturgeschichte.
Aber Sie alle wissen ja, dass wir unter Himmel mehr verstehen als das.
Das ist der andere Himmel, hinter dem sich so viel verbirgt, zunächst auch
einmal viel menschliches.
Himmel ist das Wort für unsere menschlichen Sehnsüchte und kleinen und großen
Wünsche.
Diese Wünsche sind so verschieden, wie es die Menschen sind. Für die eine ist
es himmlisch, abends auf der Terrasse zu sitzen und in den eigenen Garten zu
schauen. Für den anderen liegt der Himmel vielleicht in einem gelungenen Tag
mit der Familie, mit viel Zeit und Verständnis füreinander. Und für manchen
hier ist auch ein Tag ohne Schmerzen und Sorgen der Himmel.
Himmlisch, das meint vom Himmel kommend, zum Himmel gehörend, und in
christlicher Tradition eigentlich ja: von Gott kommend und zu Gott gehörend.
Himmel: für uns Christen und Christinnen werden dabei Gedanken geweckt an
etwas, dass über unsre menschlichen Vorstellungen hinaus geht .Denn wir denken
dabei an das, was uns die Bibel über das Sein bei Gott, in Gott sagt. Himmel
als ein Ort der unbeschreiblichen Freude und des Aufgehoben-Seins.
Und so möchte ich heute, liebe Gemeinde, am Himmelfahrtstag, nicht über all
die Dinge sprechen, die uns den Blick in den Himmel schwer machen, Erlebnisse,
die uns beugen und den Blick am Boden haften lassen. Ich weiß, dass Sie alle
hier solche Erfahrungen gemacht haben.
Trotzdem oder gerade deswegen: Ich möchte den Blick nach oben richten, möchte
Sie auf Dinge weisen, die uns von Gott in unser menschliches Leben geschenkt
worden sind als kleine Stücke seines Himmels.
Ich bitte Sie jetzt, einmal den kleinen Stücken Ihres Himmels nachzugehen.
Denn alles Gute kommt von Gott.
Was hat Ihnen seit gestern morgen gutgetan an Eindrücken, die Sie mit den
Augen gesehen haben? Versuchen Sie einmal, sich einen solchen Moment des
Himmels wieder vor Augen zu führen...Rapsfelder, blauer Himmel, spielende
Kinder?
Was hat Ihnen gutgetan in Ihren Ohren? Welcher Klang war vielleicht ein
kleines Stück Himmel für Sie? Musik, Kirchenglocken, Vogelzwitschern?
Welcher Geruch hat Sie erfreut, hat Sie lebendig gemacht, Ihnen gutgetan?
Blumen, Brötchen, Wald?
Wo haben Sie etwas gefühlt, auf Ihrer Haut, an Ihren Gliedern, das Ihnen
gutgetan hat? Dusche, Wind, Sonne?
Sind Sie einem Menschen begegnet, der Ihnen gut getan hat, der für Sie ein
bißchen Himmel auf die Erde gebracht hat? Ein Bote Gottes vielleicht? Welche
Begegnung hat Ihnen gut getan?
Ich hoffe und denke, liebe Gemeinde, dass Sie Bilder und Töne, Gerüche und
Menschen bemerkt haben, die sonst vielleicht im Alltag der Welt untergegangen
wären. Erleben tun diese Dinge fast alle Menschen. Aber wir Christen und
Christinnen sehen den guten Gott hinter diesen Momenten. Denn alle diese Dinge
gehören zu dem Himmel, den Gott uns hier auf der Erde gewährt. Und all das
sind doch nur kleine Stücke des großen Himmels, der noch aussteht und auf den
wir warten.
„Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ So sagen die Männer zu denen, die
Jesus nachschauen. Und auch wir blicken nach oben, liebe Gemeinde, genauso wie
die Jünger und Jüngerinnen Jesu damals.
Was steht ihr da und seht zum Himmel?
Ich denke, dass die Antwort, die in der Geschichte nicht gegeben wird, damals
und heute die gleiche ist.
Wir blicken zum Himmel, weil wir von dort, von Gott, Gutes erhalten und
erwarten.
Wir blicken zum Himmel, weil das Leben auf der Erde manchmal hart und
bedrückend ist.
Wir blicken zum Himmel, weil wir ohne Hoffnung nicht leben können.
Wir blicken zum Himmel, weil manchmal, ein kleines bißchen, der Himmel auf die
Erde kommt.
Und zum Schluß: Wir blicken zum Himmel, weil wir auf den warten, auf den auch
die Jünger und Jüngerinnen damals gewartet haben: „Dieser Jesus, der von euch
weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen
Himmel fahren sehen.“
Das ist unsere gewisse Hoffnung. Dann wird der Himmel wahrhaft offen stehen.
Amen