Logo

Evangelische Kirche Bad Lippspringe

Startseite / Predigten

Predigten und Andachten

 

Ein kleines Stück Himmel

Predigt zum Himmelfahrtstag, 20. Mai 2004

Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe

Liebe Gemeinde,
gleich zweimal vom gleichen Autor, Lukas nämlich, finden wir die folgende Erzählung im Neuen Testament. Wir lesen sie einmal am Ende des Lukasevangeliums und dann wieder am Beginn der Apostelgeschichte. Und so verbindet die Geschichte von der Himmelfahrt Jesu die Vergangenheit mit dem Beginn der Gegenwart, sie verbindet die Zeit des Lebens Jesu auf der Erde mit der Zeit der Menschen, die auf ihn hoffen und an ihn glauben.
Ich lese aus der Apostelgeschichte:
Jesus zeigte sich den Aposteln nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes. Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, „die ihr“, so sprach er, „von mir gehört habt; ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde“.
Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“

Und nun, liebe Gemeinde? In der Vorstellungswelt meines fünfjährigen Sohnes wohnt Jesus nun im Himmel, bei Gott. Aber wir? Wir sind ja längst im Zeitalter der Raumfahrt angekommen. Satelliten kreisen an unserem Himmel. Wir haben die Wolken von oben gesehen- ein majestätischer, wunderbarer Anblick, den man nicht so schnell vergisst. Aber Gott- den haben wir dort nicht gesehen.
Der Himmel ist entzaubert, und nicht nur der Himmel, auch der Weltraum, der ihn umgibt. Der russische Kosmonaut Gagarin sagte ja nach seiner Weltraumfahrt: Gott habe ich im All nicht gefunden.
Also ist dann auch die Himmelfahrt Jesu eine entzauberte Legende?
Ja, und Nein.
Ja dann, wenn wir in naturwissenschaftlichen Kategorien denken. Wenn wir den Himmel nicht anders verstehen können oder wollen als die sich stetig verdünnenden Luftschichten, die unsere Erde umgeben.
Und heute wissen wir, dass die Geschichte, die wir kennen, nicht die einzige ihrer Art ist. In der antiken Welt vor 2000 Jahren, zur Zeit der Entstehung unserer biblischen Schriften, gab es verschiedenste Geschichten darüber, wie Menschen von der Erde entrückt werden. Im Alten Testament ist es Elia, aber auch berühmte Philosophen und Könige wurden den Sagen ihrer Zeit zufolge für würdig befunden, leibhaftig in den Himmel aufgenommen zu werden.
So gesehen, ist die Himmelfahrt Jesu überholt worden: überholt von unseren Urlaubsflügen und unseren Kenntnissen in Natur- und Kulturgeschichte.

Aber Sie alle wissen ja, dass wir unter Himmel mehr verstehen als das.
Das ist der andere Himmel, hinter dem sich so viel verbirgt, zunächst auch einmal viel menschliches.
Himmel ist das Wort für unsere menschlichen Sehnsüchte und kleinen und großen Wünsche.
Diese Wünsche sind so verschieden, wie es die Menschen sind. Für die eine ist es himmlisch, abends auf der Terrasse zu sitzen und in den eigenen Garten zu schauen. Für den anderen liegt der Himmel vielleicht in einem gelungenen Tag mit der Familie, mit viel Zeit und Verständnis füreinander. Und für manchen hier ist auch ein Tag ohne Schmerzen und Sorgen der Himmel.
Himmlisch, das meint vom Himmel kommend, zum Himmel gehörend, und in christlicher Tradition eigentlich ja: von Gott kommend und zu Gott gehörend.
Himmel: für uns Christen und Christinnen werden dabei Gedanken geweckt an etwas, dass über unsre menschlichen Vorstellungen hinaus geht .Denn wir denken dabei an das, was uns die Bibel über das Sein bei Gott, in Gott sagt. Himmel als ein Ort der unbeschreiblichen Freude und des Aufgehoben-Seins.

Und so möchte ich heute, liebe Gemeinde, am Himmelfahrtstag, nicht über all die Dinge sprechen, die uns den Blick in den Himmel schwer machen, Erlebnisse, die uns beugen und den Blick am Boden haften lassen. Ich weiß, dass Sie alle hier solche Erfahrungen gemacht haben.
Trotzdem oder gerade deswegen: Ich möchte den Blick nach oben richten, möchte Sie auf Dinge weisen, die uns von Gott in unser menschliches Leben geschenkt worden sind als kleine Stücke seines Himmels.
Ich bitte Sie jetzt, einmal den kleinen Stücken Ihres Himmels nachzugehen. Denn alles Gute kommt von Gott.

Was hat Ihnen seit gestern morgen gutgetan an Eindrücken, die Sie mit den Augen gesehen haben? Versuchen Sie einmal, sich einen solchen Moment des Himmels wieder vor Augen zu führen...Rapsfelder, blauer Himmel, spielende Kinder?

Was hat Ihnen gutgetan in Ihren Ohren? Welcher Klang war vielleicht ein kleines Stück Himmel für Sie? Musik, Kirchenglocken, Vogelzwitschern?

Welcher Geruch hat Sie erfreut, hat Sie lebendig gemacht, Ihnen gutgetan? Blumen, Brötchen, Wald?

Wo haben Sie etwas gefühlt, auf Ihrer Haut, an Ihren Gliedern, das Ihnen gutgetan hat?   Dusche, Wind, Sonne?

Sind Sie einem Menschen begegnet, der Ihnen gut getan hat, der für Sie ein bißchen Himmel auf die Erde gebracht hat? Ein Bote Gottes vielleicht? Welche Begegnung hat Ihnen gut getan?

Ich hoffe und denke, liebe Gemeinde, dass Sie Bilder und Töne, Gerüche und Menschen bemerkt haben, die sonst vielleicht im Alltag der Welt untergegangen wären. Erleben tun diese Dinge fast alle Menschen. Aber wir Christen und Christinnen sehen den guten Gott hinter diesen Momenten. Denn alle diese Dinge gehören zu dem Himmel, den Gott uns hier auf der Erde gewährt. Und all das sind doch nur kleine Stücke des großen Himmels, der noch aussteht und auf den wir warten.


„Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ So sagen die Männer zu denen, die Jesus nachschauen. Und auch wir blicken nach oben, liebe Gemeinde, genauso wie die Jünger und Jüngerinnen Jesu damals.
Was steht ihr da und seht zum Himmel?
Ich denke, dass die Antwort, die in der Geschichte nicht gegeben wird, damals und heute die gleiche ist.

Wir blicken zum Himmel, weil wir von dort, von Gott, Gutes erhalten und erwarten.
Wir blicken zum Himmel, weil das Leben auf der Erde manchmal hart und bedrückend ist.
Wir blicken zum Himmel, weil wir ohne Hoffnung nicht leben können.
Wir blicken zum Himmel, weil manchmal, ein kleines bißchen, der Himmel auf die Erde kommt.
Und zum Schluß: Wir blicken zum Himmel, weil wir auf den warten, auf den auch die Jünger und Jüngerinnen damals gewartet haben: „Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“

Das ist unsere gewisse Hoffnung. Dann wird der Himmel wahrhaft offen stehen. Amen