Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Wo Gott redet, da wohnt er auch

Predigt zu Christi Himmelfahrt, 5. Mai 2005

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

III. Reihe: 1.Könige 8, 22-24.26-28

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,

der Predigttext steht im 8.Kapitel des 1.Könige-Buches. Es wäre der richtige Text zu unserer Kircheinweihung gewesen, geht es doch um das berühmte Tempelgebet Salomos bei der feierlicher Einweihung des Tempels, den Salomo gebaut hat. Seinem Vater David war der Tempelbau noch von Gott verwehrt worden und sowieso war die Frage umstritten, ob denn Gott überhaupt ein Haus braucht, in dem er angebetet werden soll. Schließlich hatte das Volk Israel jahrhunderte lang Gott an allen möglichen Orten angebetet, ein Volk, das sowieso viel umherzog und Gott überall fand und anbetete. Nun aber dieser prachtvolle Tempel:

„Salomo trat vor den Altar des Herrn angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitet seine Hände aus gen Himmel und sprach:
„Herr, Gott Israels,
es ist kein Gott weder droben im Himmel
noch unten auf Erden dir gleich,
der du hältst den Bund
und die Barmherzigkeit deiner Knechte,
die vor dir wandeln von ganzem Herzen;
der du gehalten hast deinem Knecht,
meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast.

Mit deinem Mund hast du es geredet,
und mit deiner Hand hast du es erfüllt,
wie es offenbar ist an diesem Tage.
Nun, Gott Israels,
lass dein Wort wahr werden,
das du deinem Knecht,
meinem Vater David, zugesagt hast.

Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?
Siehe,
der Himmel und aller Himmel Himmel
können dich nicht fassen -
wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?

Wende dich aber zum Gebet deines Knechtes
und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott,
damit du hörest das Flehen und Gebet
deines Knechtes heute vor dir“.“

Soweit unser Predigttext. Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.

Das ist doch eine spannende Frage, liebe Schwestern und Brüder, wozu bedarf es überhaupt eines Tempels, einer Kirche, eines Ortes, um Gottesdienst zu feiern? Kann man Gott nicht überall anbeten und sich unter seinem Wort versammeln? An Christi Himmelfahrt finden viele Gottesdienste unter freiem Himmel statt: Kann man Gottes Liebe, seine wunderbare Schöpfung nicht viel besser in der freier Natur feiern? „Wenn ich Gott erfahren will, gehe ich in den Wald!“ So sagen manche Menschen. Aber so eindrücklich auch persönliche Erlebnisse in der Natur sind, ihren eigenen Reiz haben und auch ehrfürchtiges Stauen und Erschauern hervorrufen - zu einem Gottesdienst gehört doch auch immer das Wort Gottes und die Gemeinschaft derer, die Gott zuhören wollen.

Doch braucht man dazu Tempel oder auch teure Kirchen? Genügt da nicht auch ein Versammlungsraum? Gott jedenfalls hat sich auf einem Berg offenbart und dort seine 10 Gebote den Menschen mitgeteilt, er brauchte keinen Tempel. Jesus hat Kirche gegründet, Gemeinde aufgebaut, aber kein einziges Kirchengebäude errichtet. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter euch.“ So lehrte er - einen Tempel brauchte er nicht, mit dem hatte er eigentlich eher Schwierigkeiten, auch wenn er ihn schon als einen besonderen Ort gewürdigt hat.

Glaube wächst aus dem Hören, Gemeinde wächst aus dem gemeinsamen Hören und Tun - die Ursprünge des Judentums und des Christentums kamen ohne Tempel, ohne Kirchen aus. Die Geschichte der gemauerten Kirchen, Dome und Kathedralen ist auch die Geschichte von Macht und Eitelkeiten, ist sicherlich auch die Geschichte von stein gewordenem Glauben - aber versteinerter Glaube nutzt eigentlich keinem. So mancher große Dom ist voller Besucher, die sich für Kunstschätze, Architektur und kulturelles Erbe interessieren - sie sind aber gähnend leer, wenn sie für den eigentlichen Zweck genutzt werden: für Gottesdienste.

Eine schöne Kirche, eine beeindruckende Kirche sagt noch nichts darüber aus, dass sie wirklich der Ort ist, an dem Begegnung mit dem lebendigen Gott stattfindet. Das wusste schon Salomo. Sein Tempelgebet ist im Kern ganz bescheiden: „Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie solle es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ Hier spricht der Bauherr, der eigentlich ganz stolz sein müßsse auf sein Werk. Denn der Tempel in Jerusalem war für damalige Zeiten ein wirklich überwältigender Bau voller Pracht und Glanz. Salomo wusste noch: Gott sucht nicht Pracht und Glanz. Er ist souverän in seiner Entscheidung, wo er sich finden lassen will. Er braucht kein Haus, in das er sich einsperren lässt. Gott ist Gott und der Mensch ist Mensch. Jesus hat dies immer wieder gepredigt: Sucht Gott bei den Menschen, nicht bei den Steinen. Und die Evangelisten sahen in Christus den Eckstein, der alles zusammenhält und nicht ein Gebäude.

„Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie solle es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ Dieser Satz spricht uns gerade am Fest Christi Himmelfahrt an. Das Fest des großen Missverständnisses: Jesu Himmelfahrt ist kein Ortswechsel, sondern ein Machtwechsel. Jesus ist nicht in den Himmel gefahren und damit nicht mehr auf der Erde bei den Menschen, sondern Jesus hat die Macht auch im Himmel ergriffen und ist damit noch viel näher bei den Menschen und stärkt sie hier auf der Erde.

Wenn aber Gott überall ist, überall machtvoll wirken und erscheinen kann - warum nicht dann auch in einem Tempel, einer schönen Kirche? So herum wird ein Schuh daraus. Salomo wußte wie später Jesus, dass es eher nicht die Orte von Glanz und Pracht sind, die von Gott am ehesten gesucht werden - und das Gott vollkommen frei ist, sich selbst die Orte seiner Offenbarung auszusuchen. Für Gott ein Haus zu bauen und dann zu meinen, darin müsse er gefälligst auch immer zu finden sein - so funktioniert es nicht. Martin Luther sagte: „Wo Gott redet, da wohnt er auch.“ Oder Bert Brecht lässt seinen Galileo Galilei sagen: Gott wohnt „in uns oder nirgends.“

Und so spricht Salomo eben nicht von der Pracht und dem Glanz seines Baues, sondern bittet Gott: „Wende dich aber zum Gebet deines Knechtes und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott!“ Da, wo Menschen ehrlich und aufrichtig beten, zu Gott flehen - da will er sich finden lassen. Tempel und Kirchen sollen Orte des Gebetes und des Flehens sein, nicht versteinerte Baudenkmäler. Gottes Macht wird da spürbar, wo diese Macht auch anerkannt und geglaubt wird. Gott ist im Himmel - d.h. also, er wirkt überall und kräftig und baut die Menschen auf. Darauf kommt es an. Bauherren können nur äußere Mauern schaffen. Wenn es darin zu Begegnungen mit dem machtvoll wirkenden Gott kommt, müssen die Bauherren zu Dienern werden. Müssen alles von Gott erwarten, beten und flehen. So macht es schon Sinn, besondere Gebäude zu haben, die frei sind und offen für diesen Dienen, das Beten und Flehen. Martin Luther wusste, der himmlische Christus ist unverfügbar, nicht greifbar wie Mauersteine - und dennoch ist er leibhaftig bei uns. Auch im Sakrament des Abendmahls. In, mit und unter Brot und Kelch, im Sakrament der Taufe, in der gläubigen Annahme, im Hören und Tun seines Wortes.

Von Jesu Himmelfahrt haben wir etwas verstanden, wenn wir uns an den Orten versammeln, die für den Dienst an Gott gebaut sind, aber dann auch hinausgehen in die Welt und das, was wir gehört haben, in die Tat umsetzen - wohl wissend, dass Gott jederzeit und an jedem Ort zu uns reden kann. Bitten wir ihn, dass er es auch hier und heute an diesem Ort tut.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.

Amen.