Predigten und Andachten
Jesus Bilder
Predigt zum Sonntag Invokavit, 29. Februar 2004
II. Reihe: Hebräer 4, 14-16
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Kurseelsorgerin Bad Lippspringe
Liebe Gemeinde,
"am Aschermittwoch ist alles vorbei" das sind die Worte eines bekannten
Karnevalsschlagers. Noch im Trubel der Feierstimmung weist dieses
melancholisch gefärbte Lied auf das bevorstehende Ende hin. Und dann ist es
auch schon passiert, der Alltag hat uns wieder. Nun neigen wir evangelischen
Christen und Christinnen ja meist sowieso nicht zu ausgelassenem
Kamevalstreiben. Mit ein bisschen bösen Willen könnte man vielleicht sogar
sagen: Bei uns ist irgendwie immer Aschermittwoch. Und der Blick in die
Gegenwart der Kirche ist ja tatsächlich nicht gerade ermutigend. Finanznot
allerwegen, Kürzungen, drohende Entlassungen. Der Kirchenkreis Paderborn und
die Gemeinde Bad Lippspringe bleiben davon zwar weitgehend verschont. Aber die
Frage ist: Haben wir als Kirche Kraft und Energie genung, diese drängenden
Probleme im Alltag auszuhalten und anzugehen, und nicht zu resignieren?
Liebe Gemeinde, und doch ging es der Kirche früher schon wie heute. Vor etwa
1900 Jahren wurde die Kirche von ihrer ersten Krise geschüttelt. Da ging es
nicht um den Bestand der Volkskirche, um Arbeitsbereiche und um Kirchensteuer.
Da ging es aber genauso um Gemeinde und ihr Überleben, um Umbruch oder
Abbruch. Um das Jahr 100 n. Chr. waren die ersten Gemeinden, war die 2.
Generation von Christinnen und Christen in die Jahre gekommen. Worauf sie
gehofft hatten, nämlich die Wiederkunft Christi und das Reich Gottes zu ihren
Lebzeiten, war nicht eingetreten zumindest nicht so, wie sie es sich
vorgestellt hatten. Der Schwung des ersten, übersprudelnden Glaubens war zum
Erliegen gekommen. Das, was sich aus Tränen und Enttäuschung nach Jesu Tod so
hoffnungsvoll entwickelt hatte, geriet ins Stocken. Das Zusammenleben der
Menschen in den Gemeinden, die Fürsorge für die Armen, die Zusammenkünfte, das
gemeinsame Beten und die Gottesdienste, all das schien sich im Alltag immer
schwerer zu bewähren, schien seine Kraft zu verlieren. Die Christen und
Christinnen zweifelten an dem, was bisher ihr Leben bestimmt hatte. Sie
zweifelten an der Liebe und Hilfe Gottes. Ihr Glaube und ihr Gemeindeleben
wurden für sie immer bedeutungsloser, immer schwieriger durchzuhalten.
Eine dieser Gemeinden bekommt nun einen Brief Der Absender ist uns heute
unbekannt. Der Gemeinde der Hebräer und Hebräerinnen, an die dieser Brief
gerichtet war, mag er bekannt gewesen sein. Auf jeden Fall aber erwies sich
für sie dieser Brief als so bedeutungsvoll und richtungsweisend, dass er
aufbewahrt und weitergegeben wurde bis zur Zusammenstellung des Neuen
Testamentes, bis zu uns heute also. Die Verse aus diesem Brief, die auch der
Predigttext für den heutigen Sonntag sind, wollen die damalige Gemeinde in
ihrer Situation ermutigen und bestärken. Sie tun das mit einem Bild ganz aus
der damaligen Welt, Jesus als Hohepriester.
Ich lese aus dem 4. Kapitel des Briefes an die hebräische Gemeinde: ..
Weil wir einen großen Hohepriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst
uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohepriester, der
nicht könnte leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist
in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht
zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu
der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.
Jesus als Hohepriester dieser Vergleich stammt aus dem Judentum der Zeit Jesu.
Der Hohepriester war der Oberste aller Priester am Tempel in Jerusalem. Nur er
allein hatte das Recht, das Innerste des Tempels zu betreten. Und dort war
Gott seinem Volk besonders nah, dort war Gott im Allerheiligsten tatsächlich
gegenwärtig: nah bei seinem Priester und durch ihn nah bei seinem Volk. Und
mit dieser zentralen Figur des Judentums wird Jesus nun vom Schreiber des
Briefes verglichen. und doch unterschieden. Jesus als Hohepriester für die
Gemeinde damals war das wohl ein überraschend neuer Gedanke. Den anderen
Hohepriester, den des alttestamentlichen Glaubens, den kannten sie. Die
Wurzeln dieser Gemeinde werden in diesem Glauben gelegen haben sie sind ja
Hebräer und Hebräerinnen. Aber Jesus nun so zu bezeichnen, das war für sie neu
und sicher auch der Clou des gesamten Briefes.
Der Schreiber des Briefes war von der Hoffnung erfüllt, dass mit diesen neuen,
kräftigen Bild wieder Schwung in die ermüdete Gemeinde bringen könnte. Er war
von der Hoffnung erfüllt, dass die Gemeinde so an ihrem Glauben an Jesus und
an ihrem Leben als seiner Gemeinde festhalten konnte: Umbruch statt Abbruch,
Jesus als Hohepriester für uns ist das ein fremdes Bild aus einer fremden
Zeit. Kann uns dieses Bild heute noch etwas bedeuten? Oder trägt es nicht noch
zu unserer eigenen Ratlosigkeit bei? Zeigt es nicht geradezu, dass das
Christentum und die Kirche ausgedient haben? Das Bild des Hohepriesters hat
für uns wohl nicht mehr die Kraft, Glauben und Gemeinde zu stärken. Dieser
Sprung durch Zeiten und Kulturen gelingt mir zumindest schlecht. Es stellt
sich mir daran vor allem noch eine andere Frage: Gibt es überhaupt noch ein
gemeinsames Bild von Jesus, das uns allen gleichermaßen bedeutungsvoll und
einleuchtend sein kann? Das uns alle gleich ergreift und unsere Phantasie und
unseren Glaubensmut , beflügelt?
Das ist wieder die Frage vom Anfang: Was müsste in einem Brief an uns hier in
Bad Lippspringe stehen?
Die Bilder von Jesus, die jeder und jede von uns im Kopf hat, sind wohl recht
verschieden. Und auch sie unterliegen der Zeit: Erinnern Sie sich noch an
Franz Alt vor 20 Jahren: Jesus, der erste neue Mann? Das Bild ist wohl
verschwunden, geblieben ist aber die Möglichkeit gerade für Frauen, auch ihr
Leben im Leben Jesu zu suchen und zu finden.
Jesus als Bruder an unserer Seite und als Anwalt der Ausgestossenen, sehen Sie
dieses Bild vor Augen? Jesus als Vorbild, das uns leitet ist das Ihr
Jesusbild? Oder ist es Jesus als Richter, der wiederkommen wird am Ende der
Welt?
Vielleicht können Sie sich, liebe Gemeinde, in diesen Bildern wiederfinden.
Vielleicht ist Ihr Bild von Jesus noch ein anderes, von anderen
Lebenserfahrungen geprägt.
Ein so einheitliches Bild von Jesus wie im Brief an die hebräische Gemeinde
haben wir nicht mehr. Aber ich glaube nicht, das damit die Kraft unserer
Glaubensbilder, ihre Stärkung und ihr Hoffnung aufgehört haben. Denn: Viele
kleine Bilder gibt es. Und ich sehe das in keiner Weise als Verlust.
Wenn jeder sein Bild von Jesus beisteuert, seinen Glauben einbringt, ins
Gespräch bringt, sich mit anderen darüber austauscht, dann kann doch mit
Gottes Hilfe ein neues buntes Bild mit vielen Facetten entstehen, ein Bild,
das uns heute trägt. So entsteht aus unseren vielen individuellen Jesus und
Glaubensbildern ein neues Bild von Kirche und Gemeinde. So können wir auch in
schweren Zeiten für Kirche und Gemeinde Wege entwickeln, die uns über den
Aschermittwoch hinausführen. Tragfähig wird das bunte Bild dadurch, dass viele
an ihm mitarbeiten: Frauen und Männer, Jugendliche, Ehrenamtliche,
Hauptamtliche, Menschen aus Gemeindekreisen und Menschen, die zum Gottesdienst
gehen.
Zwei Dinge sind mir noch wichtig an diesen neuen Bildern. Bei meinen
Gesprächen treffe ich oft auch auf Menschen, die mit Kirche nicht mehr viel zu
tun haben. Aber fast immer haben auch sie, wie wir, jeder für sich ein Bild,
eine Vorstellung von Gott und seiner Liebe: sei es ein Bild mit hellen Farben
oder eher düster gemalt. Und manchmal gelingt es, dieses Bild hervorzuholen,
aufzumalen und hier und dort ein paar Striche, ein paar Farben hinzuzufügen.
Und das vermehrt dann, wie bei uns, auch Glauben und Hoffnung, das Gefühl von
Gottes Liebe und Fürsorge. Das ist das eine.
Genauso wichtig ist mir das, was alle Bilder verbindet. Denn beliebig ist das
Motiv des Bildes bei aller Vielfalt sicher nicht. Und einiges, wenn nicht
alles, steht auch beim Bild vom Hohepriester, das über 1900 Jahr alt ist.
"Denn wir haben nicht einen Hohepriester, der nicht könnte leiden mit unserer
Schwachheit." Ich glaube, das dieses Wort vom mitleidenden Jesus in keinem
Bild übermalt werden darf. Unser Glaube an einen Gott, der uns nicht nur
erschaffen hat, sondern der auch bis ins innerste, bis ins Leiden, um seine
Geschöpfe weiß, ist für mich die Landschaft, der tragende Hintergrund, auf dem
jedes Bild steht. Denn nur so können wir auch heute und gleich im Abendmahl
das tun, wovon auch der Brief an die hebräische Gemeinde spricht: "Darum lasst
uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir
Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig
haben". Amen