III.Reihe: 1.Mose 3,1-19
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
der Predigttext heute ist die Geschichte vom Sündenfall. Wir beginnen also
von Adam und Eva. Die Bedeutung des Vornamens „Eva“ ist sicher all denen
bekannt, die Eva heißen - und da meine Eltern mir einmal verraten haben, dass
ich, wäre ich ein Mädchen geworden, auch „Eva“ geheißen hätte, kann ich ein
bißchen mitreden. Was heißt denn nun EVA? Nun: einfach „Leben“. Eva heißt
Leben. Eigentlich gar kein Eigenname, sondern Ausdruck für das, was durch die
Schöpfung geschaffen wurde: Leben. Und „Adam“? Adam ist auch kein Eigenname,
sondern heißt schlicht Mensch. Mensch nach der Erde, dem Ackerboden, aus dem
er laut Bibel geschaffen wurde.
Die Geschichte vom Sündenfall kennen Sie: Adam und Eva dürfen im Paradies
alles, nur nicht von einer Frucht eines bestimmten Baumes essen. Übrigens nur
durch die fehlerhafte Übersetzung aus einer lateinischen Bibel wird behauptet,
dass diese Frucht ein Apfel sei, was eigentlich gar nicht stimmt. Aber da gibt
es die böse Schlange, die als eine Gestalt des Teufels interpretiert wird, die
auf listige Weise zunächst Eva, dann wieder Eva den Adam verführt, doch davon
zu essen. Die Folgen sind bekannt: „Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan,
und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren.“ Gott stellt nur diese eine
Frage: „Adam, wo bist du?“ Und Adam, der doch genau weiß, worum es geht, sucht
die Schuld auf Eva abzuwälzen, Eva auf die Schlange. Gott straft alle drei und
Ende verlieren Mensch und Leben ihr Paradies.
Soweit unser Predigttext. Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.
Sie kennen die Klagen, liebe Schwestern und Brüder, diese Klagen, dass alles
immer schlechter wird. Dass früher die Welt noch in Ordnung war, die Jugend
schwer auf Zack und die Kinder lieb und einsichtig. Und diese Klagen führen
dann regelmäßig zum Selbstmitleid und werden schnell zu Anklagen: die anderen
sind schuld, die antiautoritären Lehrer und Eltern, die aufsässige Jugend,
Pisa die Bonzen da oben oder die faulen Arbeitslosen - je nach eigener
Sichtweise - wer auch immer. Doch da gibt es diesen weisen Satz: Zeigst du mit
einem Finger auf einen anderen Menschen, zeigen drei Finger auf dich selbst
zurück. Natürlich ist es in der Welt nicht alles gut - aber genauso sind wir
alle mit schuld daran! Die Probleme von Jugendlichen, der Hunger in der Einen
Welt, die Zerstörung unserer Umwelt und auch der schlechte Ruf unserer Kirche
- auch wir tragen unserer Teil dazu bei, dass es das alles gibt. Oft genug
machen wir es wie Adam und Eva nachdem sie auf die Schlange hereingefallen
waren. Adam sagt: Ich habe nicht von der Frucht gegessen, Eva hat sie mir
gegeben. Und Eva sagt: Ich bin nicht schuld, die Schlange hat mir die Frucht
gegeben. So wird die Verantwortung schnell auf andere geschoben. Am Ende ist
es dann Gott, den man wunderbar für alles verantwortlich machen kann. Wie kann
Gott das zulassen, dass es Krieg gibt, Gewalt und Leid. Wir Menschen, schon
gar nicht wir selbst, wollen uns nicht eingestehen, dass wir auch unseren
Beitrag leisten zum Bösen in der Welt.
Der Maler Pablo Picasso hatte einst ein Gemälde fertiggestellt, das in
besonders eindrücklicher Weise das Grauen des Krieges darstellte. Eines Tages
kam ein deutscher Offizier in sein Atelier. Als er das Gemälde entdeckt, blieb
er wie versteinert stehen. Nach einer Weile stammelte er: „Haben Sie das
gemacht?“ „Nein“, sagte Picasso und sah den Fremden mit blitzenden Augen an,
„nei, das haben Sie gemacht.“ Wir können diese Geschichte übertragen, indem
wir auf das Grauen dieser Welt schauen, wenn wir die zerstörten Wälder oder
drogenabhängige Kinder oder verhungernde Menschen sehen und dann ganz
erschüttert fragen: „Lieber Gott, hast du das gemacht?“ Dann würde er uns
antworten: „Nein, ihr Menschen, das habt ihr gemacht. Das ist die Folge eures
Wegschauens, eures Egoismus, weil ihr nur an euch selbst gedacht habt, aber
die Schwachen an die Wand drängtet, weil ihr nicht teilen wollt, weil ihr eure
Nächsten eben nicht liebt.“
Was vielleicht wie eine Anklage klingt, ist in Wirklichkeit eine große
Befreiung. Mensch und Leben, Adam und Eva sind zur Freiheit geschaffen. Sie
können sich entscheiden, zum Guten und zum Bösen. Sind keine Marionetten, die
von irgendwoher ferngesteuert werden. Auf uns kommt es an, was wir aus unserem
Leben machen. Deshalb sind auch Erziehung und Bildung so wichtig; denn es
liegt ja auch an uns, welches Denken in den Kindern und Jugendlichen angelegt
ist, von welchen Vorbildern sie lernen, welche Werte ihnen einleuchten und von
ihnen übernommen werden. Verbote allein nutzen wenig. Das musste auch schon
Gott im Paradies erfahren. Nur in Freiheit kann ein Mensch reifen, kann volles
Leben zur Entfaltung kommen.
Es gibt sie, die Kehrseite der Freiheit. Es gibt nicht nur Licht, auch
Schatten, nicht nur Leben, auch Tod, nicht nur das Gute, auch das Böse. Gott
mutet es uns zu, dass wir Mensch beides durchleben müssen. Aber er greift ein
und bezieht Stellung: In Jesus, seinem Sohn, in dessen Namen wir taufen und
getauft sind. Er hat gelitten um unseretwillen, weil wir schuldig sind und es
immer wieder werden: Durch unsere Lieblosigkeit, durch unser Unaufmerksamkeit,
durch unser Wegschauen, wenn jemand Hilfe braucht, durch unseren Wohlstand,
durch vieles mehr. Und Jesus ist auferstanden um unseretwillen, weil er
Erbarmen hatte mit unserern Schwächen. So schenkt er aus freien Stücken die
Gemeinschaft mit ihm und seinem Sohn, so auch etwa im Abendmahl. Das Abendmahl
ist ein Freudenmahl mitten in der Leidenszeit: Gott kommt zu uns, Christus
lädt uns ein, an seinem Tisch die Vergebung aller Schuld und Sünde zu feiern.
Wir können einfach kommen, unsere Schwäche eingestehen, umkehren und ganz neu
beginnen. Einfach so, weil Gott uns liebt.
Bei Adam und Eva habe ich angefangen. Bei Gottes Liebe in Jesus Christus bin
ich angekommen. Aber die Geschichte von Mensch und Leben geht weiter. In den
alten Menschen, die viele Geschichten erzählen können, den jungen Menschen. In
den jugnen Menschen wie Viola, Erik und jetzt auch Richard Robert. Sie wachsen
in eine bedrohte, oft böse Welt hinein. Aber es gibt keinen Grund daran zu
zweifeln, dass der Mensch die Kraft zu einem guten Leben hat. Niemand kann die
Verhältnisse zur Entschuldigung vorbringen. Gott hat uns frei gemacht, das
Gute festzuhalten. Und wenn wir zweifeln oder zu schwach werden, dann ist er
da, nimmt uns an der Hand oder in den Arm, dass wir bewahrt werden und
hindurchkommen und stark bleiben gegen alles, was uns bedroht. Vertraut
darauf.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.