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Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Schmuck von innen heraus

Predigt zum Sonntag Kantate am 9. Mai 2004 in Neuenbeken

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

II.Reihe: Kolosser 3,12-17

Lieder: 286, 1+3 742 243, 1,5,6 302, 1-3 401, 1-3 287 (nur Refrain)



Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

„Zieht nun an als die Auserwählten Gottes,
als die Heiligen und Geliebten,
herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanft-mut, Geduld;
und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander,
wenn jemand Klage hat gegen den andern;
wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in e i n e m Leibe, regiere in euren Herzen;
und seid dankbar.
Laßt das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit,
mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus
und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.



Gott segne du unser Reden und unser Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

dieser Text ist ein gern genommener und inhaltsreicher Trautext. Von Anziehen all so wichtiger Dinge wie Geduld, Vergebung, vor allem aber der Liebe als dem Band der Vollkommenheit ist die Rede. Das passt gut zum Wonnemonat Mai.

Gestern mittag hatte ich eine solche Trauung im Monat Mai. Da stand nicht dieser Text im Mittelpunkt. Da war die Braut auch nicht angezogen mit einem blütenweißen Hochzeitskleid, sondern chic aber schlicht in einem blass-roten Kleid. Nun waren beide Eheleute schon Mitte der 40 und seit fast 4 Jahren standesamtlich verheiratet. Sie haben den Weg in die Kirche gefunden aus ganz persönlichen Gründen. Sie haben manches durchgemacht in der Vergangenheit. Von zwei Dingen unseres Predigttextes, die ganz am Ende stehen, habe ich etwas erlebt:
Sie haben Gott dankbar gesungen - von Herzen; und sie haben sich dies vorgenommen: „Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.“

Da war wenig äußerer Schmuck in der Kleidung wie sonst bei Hochzeiten. Da war Schmuck von innen heraus: Herzlichkeit, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Da war viel Liebe, aber da war nicht so sehr die Vollkommenheit. Da war auch nicht nur Friede im Sinne von Friede, Freude, Eierkuchen - da gab es auch viel Nervosität, Unruhe, da waren viele Tränen bei so manchen Besuchern. Da hatte sich das Brautpaar einen Spruch herausgesucht, der lautet: „Einen Menschen lieben heißt, ihn so sehen, wie Gott ihn gemacht hat.“ Von Dostojewski ist dieser Spruch. Dostojewski stammt aus ärmlichen Verhältnissen, wurde mit 28 Jahren aufgrund seiner revolutionären Gesinnung zum Tode verurteilt und erst nach langjährigen Festungsaufenthalten und Verbannung zum großen Kämpfer für das Christentum gegen den atheistischen Sozialismus. Er war spielsüchtig und hoch verschuldet, führte ein unstetes Leben, ehe er 60 jährig in St.Petersburg starb.

Welch ein Glaube steht da hinter, wenn ein solcher Mann gegen einen Teil seiner Lebenserfahrung auf die Liebe setzt und in anderen Menschen das Abbild Gottes erkennen kann, nämlich das Geschöpf Gottes, das er so „sehr gut“ gemacht hat! Es ist nicht immer der äußere Anschein, ob ein Leben gelungen ist, ob jemand etwas von Gottes Liebe spürt und davon ergriffen wird. Die Auserwählten Gottes, die Heiligen und Geliebten - die sind nicht vollkommen, die jubilieren nicht immer nur und singen „Halleluja“.

Tief wird dieser Jubel erst, wenn er durchgehalten wird gegen die Bedrohungen, Gefahren, Sackgassen im Leben. Paulus und Silas, die im Gefängnis sitzen, denen die Todesstrafe droht, die singen laut Psalmengesänge. Äußerlich werden die auch nicht gut gekleidet gewesen sein, aber ihre Kraft des Dennoch-Singens hat die Gefängnis-Mauern zum Einsturz gebracht.

Liebe durchzuhalten, im anderen auch dann noch Gottes geliebtes Geschöpf sehen zu können, wenn er einem fremd und abstoßend erscheint, vielleicht sogar dann, wenn sich die Wege trennen müssen, weil es gemeinsam nicht mehr geht - das ist auch ein Thema für eine Hochzeits-Ansprache im Wonnemonat Mai. Und es ist auch ein Thema unseres Predigttextes: „Einer ertrage den anderen. Selbst, wenn jemand Klage hat gegen den anderen, vergebt einander - so wie Christus euch vergeben hat.“ „Liebende leben von der Vergebung“ - das ist der Titel eines Romans von Manfred Hausmann. Vollkommenheit - die gibt es in der menschlichen Liebe nicht. Die gibt es nur in der Liebe Gottes, die irgendwo und irgendwie auch in jeder menschlichen Liebe steckt.

Ich weiß nicht, ob sich das Gute, von dem unser Predigttext spricht, so einfach anziehen lässt wie ein schönes Gewand. Eigentlich - und das hat mir die gestrige Trauung gezeigt - kann das nur von innen kommen, ganz aus dem Herzen. Da muss sich etwas Entscheidendes ereignen. Etwas, das Erfahrung voraussetzt, vielleicht auch Leid und Schmerz, damit es erst richtig reifen kann. Wie aber kann sich da etwas ereignen? Unser Predigttext gibt eine ganz klare und einfache Anweisung: „Der Friede Christi regiere in euren Herzen. Seid dankbar und lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen. Singt Gott dankbar in euren Herzen.“ Manchmal meine ich, ich spüre etwas davon, wenn ein Gesang von innen heraus aus einem gläubigen Herzen kommt. Dann bin ich ganz dankbar, angerührt. Dann geht es mir wie Maria, der das Herz im Leib hüpfte. Es rührt mich deshalb an, weil sich so etwas nicht üben, anordnen, organisieren lässt. Da kann sich nur ereignen. Da ist Gottes Geist im Spiel. Der knackt harte Herzen. Und auf einmal wird das Herz weit. Es singt aus einem selbst heraus. Das sind nicht immer bessere Töne, aber das sind liebevolle Klänge im wahrsten Sinn des Wortes. Da fällt eine Mauer - auch zwischen Menschen - da geschieht ein kleines Wunder und vielleicht gelingt es einen winzigen Moment, in anderen diesen eigentlichen Menschen zu sehen, so wie Gott ihn gemacht hat: „und siehe er war sehr gut.“

Gottes gutes Wort reichlich studieren, gemeinsam darauf hören und daran wachsen. Aus Dankbarkeit zu singen voller Herzlichkeit, obwohl einem Angst und Sorge die Kehle zuschnüren wollen und sich Enttäuschung, Traurigkeit wie ein Stein aufs Herzen legen. Paulus hat das vorgemacht, Millionen andere haben dies auch erfahren. Dostojewski. Vielleicht die Aussiedler bei einer Trauerfeier. Auch Menschen hier im Johann-Heermann-Haus in Neuenbeken. Da ergreift uns etwas. Etwas Gutes. Etwas Einladendes. Etwas, was wichtiger ist als alles Äußerliches. Nichts Vollkommenes - aber Liebe, Gottes Liebe, die alles durchdringt.

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. Amen.