Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II.Reihe: Kolosser 3,12-17
Lieder: 286, 1+3 742 243, 1,5,6 302, 1-3 401, 1-3 287 (nur Refrain)
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn.
Amen.
„Zieht nun an als die Auserwählten Gottes,
als die Heiligen und Geliebten,
herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanft-mut, Geduld;
und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander,
wenn jemand Klage hat gegen den andern;
wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in e i n e m Leibe, regiere in euren Herzen;
und seid dankbar.
Laßt das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit,
mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus
und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
Gott segne du unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
dieser Text ist ein gern genommener und inhaltsreicher Trautext. Von Anziehen
all so wichtiger Dinge wie Geduld, Vergebung, vor allem aber der Liebe als dem
Band der Vollkommenheit ist die Rede. Das passt gut zum Wonnemonat Mai.
Gestern mittag hatte ich eine solche Trauung im Monat Mai. Da stand nicht
dieser Text im Mittelpunkt. Da war die Braut auch nicht angezogen mit einem
blütenweißen Hochzeitskleid, sondern chic aber schlicht in einem blass-roten
Kleid. Nun waren beide Eheleute schon Mitte der 40 und seit fast 4 Jahren
standesamtlich verheiratet. Sie haben den Weg in die Kirche gefunden aus ganz
persönlichen Gründen. Sie haben manches durchgemacht in der Vergangenheit. Von
zwei Dingen unseres Predigttextes, die ganz am Ende stehen, habe ich etwas
erlebt:
Sie haben Gott dankbar gesungen - von Herzen; und sie haben sich dies
vorgenommen: „Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im
Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.“
Da war wenig äußerer Schmuck in der Kleidung wie sonst bei Hochzeiten. Da war
Schmuck von innen heraus: Herzlichkeit, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut,
Geduld. Da war viel Liebe, aber da war nicht so sehr die Vollkommenheit. Da
war auch nicht nur Friede im Sinne von Friede, Freude, Eierkuchen - da gab es
auch viel Nervosität, Unruhe, da waren viele Tränen bei so manchen Besuchern.
Da hatte sich das Brautpaar einen Spruch herausgesucht, der lautet: „Einen
Menschen lieben heißt, ihn so sehen, wie Gott ihn gemacht hat.“ Von
Dostojewski ist dieser Spruch. Dostojewski stammt aus ärmlichen Verhältnissen,
wurde mit 28 Jahren aufgrund seiner revolutionären Gesinnung zum Tode
verurteilt und erst nach langjährigen Festungsaufenthalten und Verbannung zum
großen Kämpfer für das Christentum gegen den atheistischen Sozialismus. Er war
spielsüchtig und hoch verschuldet, führte ein unstetes Leben, ehe er 60 jährig
in St.Petersburg starb.
Welch ein Glaube steht da hinter, wenn ein solcher Mann gegen einen Teil
seiner Lebenserfahrung auf die Liebe setzt und in anderen Menschen das Abbild
Gottes erkennen kann, nämlich das Geschöpf Gottes, das er so „sehr gut“
gemacht hat! Es ist nicht immer der äußere Anschein, ob ein Leben gelungen
ist, ob jemand etwas von Gottes Liebe spürt und davon ergriffen wird. Die
Auserwählten Gottes, die Heiligen und Geliebten - die sind nicht vollkommen,
die jubilieren nicht immer nur und singen „Halleluja“.
Tief wird dieser Jubel erst, wenn er durchgehalten wird gegen die Bedrohungen,
Gefahren, Sackgassen im Leben. Paulus und Silas, die im Gefängnis sitzen,
denen die Todesstrafe droht, die singen laut Psalmengesänge. Äußerlich werden
die auch nicht gut gekleidet gewesen sein, aber ihre Kraft des Dennoch-Singens
hat die Gefängnis-Mauern zum Einsturz gebracht.
Liebe durchzuhalten, im anderen auch dann noch Gottes geliebtes Geschöpf sehen
zu können, wenn er einem fremd und abstoßend erscheint, vielleicht sogar dann,
wenn sich die Wege trennen müssen, weil es gemeinsam nicht mehr geht - das ist
auch ein Thema für eine Hochzeits-Ansprache im Wonnemonat Mai. Und es ist auch
ein Thema unseres Predigttextes: „Einer ertrage den anderen. Selbst, wenn
jemand Klage hat gegen den anderen, vergebt einander - so wie Christus euch
vergeben hat.“ „Liebende leben von der Vergebung“ - das ist der Titel eines
Romans von Manfred Hausmann. Vollkommenheit - die gibt es in der menschlichen
Liebe nicht. Die gibt es nur in der Liebe Gottes, die irgendwo und irgendwie
auch in jeder menschlichen Liebe steckt.
Ich weiß nicht, ob sich das Gute, von dem unser Predigttext spricht, so
einfach anziehen lässt wie ein schönes Gewand. Eigentlich - und das hat mir
die gestrige Trauung gezeigt - kann das nur von innen kommen, ganz aus dem
Herzen. Da muss sich etwas Entscheidendes ereignen. Etwas, das Erfahrung
voraussetzt, vielleicht auch Leid und Schmerz, damit es erst richtig reifen
kann. Wie aber kann sich da etwas ereignen? Unser Predigttext gibt eine ganz
klare und einfache Anweisung: „Der Friede Christi regiere in euren Herzen.
Seid dankbar und lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen. Singt
Gott dankbar in euren Herzen.“ Manchmal meine ich, ich spüre etwas davon, wenn
ein Gesang von innen heraus aus einem gläubigen Herzen kommt. Dann bin ich
ganz dankbar, angerührt. Dann geht es mir wie Maria, der das Herz im Leib
hüpfte. Es rührt mich deshalb an, weil sich so etwas nicht üben, anordnen,
organisieren lässt. Da kann sich nur ereignen. Da ist Gottes Geist im Spiel.
Der knackt harte Herzen. Und auf einmal wird das Herz weit. Es singt aus einem
selbst heraus. Das sind nicht immer bessere Töne, aber das sind liebevolle
Klänge im wahrsten Sinn des Wortes. Da fällt eine Mauer - auch zwischen
Menschen - da geschieht ein kleines Wunder und vielleicht gelingt es einen
winzigen Moment, in anderen diesen eigentlichen Menschen zu sehen, so wie Gott
ihn gemacht hat: „und siehe er war sehr gut.“
Gottes gutes Wort reichlich studieren, gemeinsam darauf hören und daran
wachsen. Aus Dankbarkeit zu singen voller Herzlichkeit, obwohl einem Angst und
Sorge die Kehle zuschnüren wollen und sich Enttäuschung, Traurigkeit wie ein
Stein aufs Herzen legen. Paulus hat das vorgemacht, Millionen andere haben
dies auch erfahren. Dostojewski. Vielleicht die Aussiedler bei einer
Trauerfeier. Auch Menschen hier im Johann-Heermann-Haus in Neuenbeken. Da
ergreift uns etwas. Etwas Gutes. Etwas Einladendes. Etwas, was wichtiger ist
als alles Äußerliches. Nichts Vollkommenes - aber Liebe, Gottes Liebe, die
alles durchdringt.
Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des
Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. Amen.