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Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Bruch

Predigt zum KARFREITAG 9.4.2004

II.Reihe: 2.Korinther 5,19-21

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

in dieser Passionszeit 2004 ist ausgesprochen viel vom Kreuz, vom Tod Jesu, von seinem Schrecken, der Grausamkeit und seiner Bedeutung für uns Menschen die Rede gewesen. Grund dafür ist wohl auch der Film des Schauspielers und Filmemachers Mel Gibson „Die Passion Jesu Christi“, der in bisher nie dagewesener Brutalität das Leiden und Sterben Jesu im Kino gezeigt hat. Sein Film ist äußerst umstritten - bei Nicht-Christen und Christen. Alte Vorurteile gegen das Christentum werden wieder aufgewärmt. Antisemitisch sei der Film, eine blutrünstige Religion sei das Christentum. So viel Gewalt dürfe man im Zusammenhang mit Jesus nicht zeigen, der Opfer-Gedanke sei längst überholt. Andere wieder zeigen sich angetan von diesem Film. Er ist inzwischen ein Verkaufs-Schlager. Angeblich haben zwei Besucher unter dem Eindruck dieses Film mehrere Verbrechen gestanden, die sie begangen haben. Wie auch immer - dieser Film hat die Passion, die unsagbaren Leiden Jesu, wieder ins Gedächtnis der Menschheit gebracht. Und er hat aufgezeigt, wieviel Menschen schon von den Einzelheiten der Passion vergessen hatten, vom letzten Abendmahl, vom Verrat, dem Judas-Kuss, den Geißelungen, der furchtbaren Kreuzigung selbst. Und es zeigt sich, wie umstritten dieses Kreuz in der Verkündigung der Christen immer gewesen ist: Wie kann man einen Gott anbeten, der sich zu einem Menschen bekennt, der sich wehrlos abschlachten lässt! Oder wie kann ein Symbol der furchtbarsten Hinrichtungsart, die vorstellbar ist, zum Symbol von Befreiung und Rettung werden!

Unser heutiger Predigttext scheint nun ganz ohne Blut und Grausamkeit auszukommen. Aber er spricht von den „Sünden“ der Menschen. Von Sünden, deren brutale und blutige Folgen wir tagtäglich in den Nachrichten sehen: In den Berichten über Kriege, Völkermorde, Attentate, Kindersmißhandlungen und andere Scheußlichkeiten. Wir werden diese Seite unserer Welt nicht wegbekommen, wenn wir wegschauen. Auch nicht, wenn wir in Gott nur den lieben, freundlichen, sonnigen Zeitgenossen sehen, der mit nichts Bösem und Grausamem zu tun hat. Der Text steht im 2.Korintherbrief im 5.Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:

 

"Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott er¬mahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt."

Versöhnen: dreimal taucht dieses Wort in unserem Predigt¬text auf.
Um die Menschen mit Gott zu versöhnen, ist Jesus gestorben. Dazu hat er die Sünden auf sich genommen und ist in den Tod gegangen. Durch das Sterben eines Sündlosen werden wir gerecht, so sagt es Paulus. Und wir sollen dies weitersagen, damit Menschen auch in unserer Gegenwart durch das Kreuz versöhnt werden.

Taugt aber das Kreuz zur Versöhnung? Ist das Bild von der grausamen Hinrichtung eines Menschen versöhnlich? Das Kreuz spaltet anscheinend mehr als dass es versöhnt - im Kino, aber auch in den Schulen. In den Klassenräumen ist es manchen ein Ärgernis. Weg mit den Kreuzen, weg mit diesem unangenehmen Bild, auch vom Scheitern, auch von den Folgen des Hasses, des Leides.

Aber wie dann Versöhnung erreichen? Mit Wegschauen bestimmt nicht. Wir leben nicht einer heilen Welt. Weder hier in Deutschland, noch in Europa, nicht im Nahen Osten, nicht in Afrika oder an anderen Orten dieser einen Welt. Wegschauen und Verdrängen ist so eine Methode, mit der wir mit der Grausamkeit des Leidens fertig werden wollen. Wenigstens in der Kirche, wenigstens bei Gott soll alles schön und friedlich sein. Soll so eine Soße ausgegossen werden über alles, was uns sonst erschreckt, soll eine rosarote Brille verteilt werden, damit man der Realität der Welt entfliehen kann. Solchen Menschen, die geübt sind im Verdrängen, ist das Kreuz ein Ärgernis. Das ist so grausam, da kann man nicht wegschauen. Aber, liebe Schwestern und Brüder, vom Wegschauen wird das Leid nicht kleiner. Im Gegenteil: Wenn die Friedfertigen sich abducken, dann siegen Hass und Gewalt. Auch dafür ist die Passion Jesu ein Lehrstück: Wo die Sünde entfesselt wird, da steigt der Hass, der blinde, alles vergessende, nur auf Blut und Tod gerichtete Hass ins Unermessliche. Solche Bilder sind uns doch nur zu vertraut: aus dem Irak, aus Palästina und Israel, aus Ruanda, aber eben auch aus unserem Land. Nicht Gott ist grausam - die Welt ist grausam, die von Gott nichts wissen will. Und mitten drin Jesus, der auf alle Gewalt verzichtet, der aushält - wehrlos, still, duldsam, voller Angst und voller Glaube.

Sehen Sie, liebe Schwestern und Brüder, das ist der Weg der Versöhnung: Jesus hält dem entfesselten Hass, der Sünde, stand, er hält durch, erliegt nicht der Versuchung, dem Hass mit neuerlicher Gewalt zu begegnen.

Denn das ist der andere Umgang mit Hass und Gewalt: Jetzt einmal nicht wegschauen, sondern mit gleicher Münze heimzahlen. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Als ob das jemals Frieden und Versöhnung gebracht hätte. Mit dem Bombadieren von Moscheen wird kein Friede entstehen, mit dem Beantwortung von Terroranschlägen durch neuen Terror gibt es niemals Versöhnung. Und wo sich dann noch erdreistet wird, diese Gewalt geschehe im Namen Gottes, wird der Name Gottes gelästert und verhöhnt. Dieser Jesus, auf den wir uns Christen berufen, hat eben nicht Gewalt mit Gewalt beantwortet. Er hat den Hass bis zur bitteren Konsequenz ausgehalten, erduldet. Nur so konnte der tödliche Kreislauf von Gewalt und Tod durchbrochen werden. Die Sünde hat sich totgelaufen, wurde mit ihren eigenen Mitteln geschlagen, der Mann am Kreuz hat den Weg zu einem neuen Miteinander eröffnet.

„So seid nun Botschafter an Christi Statt“. Karfreitag, die Passion Jesu Christi, muss Konsequenzen haben. Wenn alles so bleibt wie es ist, dann war Christi Tod vergebens. Wenn das Verdrängen von Leid weitergeht oder der ewige tödliche Kreislauf von Gewalt und neuer Gewalt, dann machen auch wir etwas falsch als Christen. Als die Kantorei am Sonntag Judika die Johannes-Passion von J.S.Bach aufgeführt haben, konnte ich nachher sehen, dass Menschen herzzerreissend geweint haben. So, als wäre da etwas freigeworden an jahrelang aufgestauten Gefühlen. Das kann doch etwas von Läuterung haben, von Neuanfang, solche Tränen, die im Moment sicher unangenehm sind. In der medizinischen Therapie gibt es den Moment des Durchbruchs, der auch der Zusammenbruch eines Patienten sein kann - etwas Altes, Belastendes muss erst einmal zusammenbrechen, damit etwas Neues entstehen kann.

Fürchten wir uns eigentlich als Christen vor solchen Momenten des Zusammenbrechens? Muss nicht auch im Glauben immer wieder so ein Bruch geschehen, dass Altes, Belastendes zerstört wird, damit neues Leben voll Glück möglich wird? „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Die Versöhnung unter dem Kreuz ist kein Schauspiel, sondern schmerzhafte Realität. Sie ist hart erkämpft und geschieht mitten im Kampf zwischen Gut und Böse. Aber damit ist diese Versöhnung auch tragfähig. Weil der wehrlose Christus durchhält, gibt es Rettung. Weil er das Leid als die Folge der Sünde, auf sich genommen hat, kommen wir durch. Mitten in aller Grausamkeit ein Bild von grenzenloser Hoffnung.

Amen.