II.Reihe: 2.Korinther 5,19-21
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
in dieser Passionszeit 2004 ist ausgesprochen viel vom Kreuz, vom Tod Jesu,
von seinem Schrecken, der Grausamkeit und seiner Bedeutung für uns Menschen
die Rede gewesen. Grund dafür ist wohl auch der Film des Schauspielers und
Filmemachers Mel Gibson „Die Passion Jesu Christi“, der in bisher nie
dagewesener Brutalität das Leiden und Sterben Jesu im Kino gezeigt hat. Sein
Film ist äußerst umstritten - bei Nicht-Christen und Christen. Alte Vorurteile
gegen das Christentum werden wieder aufgewärmt. Antisemitisch sei der Film,
eine blutrünstige Religion sei das Christentum. So viel Gewalt dürfe man im
Zusammenhang mit Jesus nicht zeigen, der Opfer-Gedanke sei längst überholt.
Andere wieder zeigen sich angetan von diesem Film. Er ist inzwischen ein
Verkaufs-Schlager. Angeblich haben zwei Besucher unter dem Eindruck dieses
Film mehrere Verbrechen gestanden, die sie begangen haben. Wie auch immer -
dieser Film hat die Passion, die unsagbaren Leiden Jesu, wieder ins Gedächtnis
der Menschheit gebracht. Und er hat aufgezeigt, wieviel Menschen schon von den
Einzelheiten der Passion vergessen hatten, vom letzten Abendmahl, vom Verrat,
dem Judas-Kuss, den Geißelungen, der furchtbaren Kreuzigung selbst. Und es
zeigt sich, wie umstritten dieses Kreuz in der Verkündigung der Christen immer
gewesen ist: Wie kann man einen Gott anbeten, der sich zu einem Menschen
bekennt, der sich wehrlos abschlachten lässt! Oder wie kann ein Symbol der
furchtbarsten Hinrichtungsart, die vorstellbar ist, zum Symbol von Befreiung
und Rettung werden!
Unser heutiger Predigttext scheint nun ganz ohne Blut und Grausamkeit
auszukommen. Aber er spricht von den „Sünden“ der Menschen. Von Sünden, deren
brutale und blutige Folgen wir tagtäglich in den Nachrichten sehen: In den
Berichten über Kriege, Völkermorde, Attentate, Kindersmißhandlungen und andere
Scheußlichkeiten. Wir werden diese Seite unserer Welt nicht wegbekommen, wenn
wir wegschauen. Auch nicht, wenn wir in Gott nur den lieben, freundlichen,
sonnigen Zeitgenossen sehen, der mit nichts Bösem und Grausamem zu tun hat.
Der Text steht im 2.Korintherbrief im 5.Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:
"Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und
rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort
von der Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott er¬mahnt durch uns; so
bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott! Denn er hat
den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm
die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt."
Versöhnen: dreimal taucht dieses Wort in unserem Predigt¬text auf.
Um die Menschen mit Gott zu versöhnen, ist Jesus gestorben. Dazu hat er die
Sünden auf sich genommen und ist in den Tod gegangen. Durch das Sterben eines
Sündlosen werden wir gerecht, so sagt es Paulus. Und wir sollen dies
weitersagen, damit Menschen auch in unserer Gegenwart durch das Kreuz versöhnt
werden.
Taugt aber das Kreuz zur Versöhnung? Ist das Bild von der grausamen
Hinrichtung eines Menschen versöhnlich? Das Kreuz spaltet anscheinend mehr als
dass es versöhnt - im Kino, aber auch in den Schulen. In den Klassenräumen ist
es manchen ein Ärgernis. Weg mit den Kreuzen, weg mit diesem unangenehmen
Bild, auch vom Scheitern, auch von den Folgen des Hasses, des Leides.
Aber wie dann Versöhnung erreichen? Mit Wegschauen bestimmt nicht. Wir leben
nicht einer heilen Welt. Weder hier in Deutschland, noch in Europa, nicht im
Nahen Osten, nicht in Afrika oder an anderen Orten dieser einen Welt.
Wegschauen und Verdrängen ist so eine Methode, mit der wir mit der Grausamkeit
des Leidens fertig werden wollen. Wenigstens in der Kirche, wenigstens bei
Gott soll alles schön und friedlich sein. Soll so eine Soße ausgegossen werden
über alles, was uns sonst erschreckt, soll eine rosarote Brille verteilt
werden, damit man der Realität der Welt entfliehen kann. Solchen Menschen, die
geübt sind im Verdrängen, ist das Kreuz ein Ärgernis. Das ist so grausam, da
kann man nicht wegschauen. Aber, liebe Schwestern und Brüder, vom Wegschauen
wird das Leid nicht kleiner. Im Gegenteil: Wenn die Friedfertigen sich
abducken, dann siegen Hass und Gewalt. Auch dafür ist die Passion Jesu ein
Lehrstück: Wo die Sünde entfesselt wird, da steigt der Hass, der blinde, alles
vergessende, nur auf Blut und Tod gerichtete Hass ins Unermessliche. Solche
Bilder sind uns doch nur zu vertraut: aus dem Irak, aus Palästina und Israel,
aus Ruanda, aber eben auch aus unserem Land. Nicht Gott ist grausam - die Welt
ist grausam, die von Gott nichts wissen will. Und mitten drin Jesus, der auf
alle Gewalt verzichtet, der aushält - wehrlos, still, duldsam, voller Angst
und voller Glaube.
Sehen Sie, liebe Schwestern und Brüder, das ist der Weg der Versöhnung: Jesus
hält dem entfesselten Hass, der Sünde, stand, er hält durch, erliegt nicht der
Versuchung, dem Hass mit neuerlicher Gewalt zu begegnen.
Denn das ist der andere Umgang mit Hass und Gewalt: Jetzt einmal nicht
wegschauen, sondern mit gleicher Münze heimzahlen. Auf einen groben Klotz
gehört ein grober Keil. Als ob das jemals Frieden und Versöhnung gebracht
hätte. Mit dem Bombadieren von Moscheen wird kein Friede entstehen, mit dem
Beantwortung von Terroranschlägen durch neuen Terror gibt es niemals
Versöhnung. Und wo sich dann noch erdreistet wird, diese Gewalt geschehe im
Namen Gottes, wird der Name Gottes gelästert und verhöhnt. Dieser Jesus, auf
den wir uns Christen berufen, hat eben nicht Gewalt mit Gewalt beantwortet. Er
hat den Hass bis zur bitteren Konsequenz ausgehalten, erduldet. Nur so konnte
der tödliche Kreislauf von Gewalt und Tod durchbrochen werden. Die Sünde hat
sich totgelaufen, wurde mit ihren eigenen Mitteln geschlagen, der Mann am
Kreuz hat den Weg zu einem neuen Miteinander eröffnet.
„So seid nun Botschafter an Christi Statt“. Karfreitag, die Passion Jesu
Christi, muss Konsequenzen haben. Wenn alles so bleibt wie es ist, dann war
Christi Tod vergebens. Wenn das Verdrängen von Leid weitergeht oder der ewige
tödliche Kreislauf von Gewalt und neuer Gewalt, dann machen auch wir etwas
falsch als Christen. Als die Kantorei am Sonntag Judika die Johannes-Passion
von J.S.Bach aufgeführt haben, konnte ich nachher sehen, dass Menschen
herzzerreissend geweint haben. So, als wäre da etwas freigeworden an jahrelang
aufgestauten Gefühlen. Das kann doch etwas von Läuterung haben, von Neuanfang,
solche Tränen, die im Moment sicher unangenehm sind. In der medizinischen
Therapie gibt es den Moment des Durchbruchs, der auch der Zusammenbruch eines
Patienten sein kann - etwas Altes, Belastendes muss erst einmal
zusammenbrechen, damit etwas Neues entstehen kann.
Fürchten wir uns eigentlich als Christen vor solchen Momenten des
Zusammenbrechens? Muss nicht auch im Glauben immer wieder so ein Bruch
geschehen, dass Altes, Belastendes zerstört wird, damit neues Leben voll Glück
möglich wird? „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Die Versöhnung unter dem Kreuz
ist kein Schauspiel, sondern schmerzhafte Realität. Sie ist hart erkämpft und
geschieht mitten im Kampf zwischen Gut und Böse. Aber damit ist diese
Versöhnung auch tragfähig. Weil der wehrlose Christus durchhält, gibt es
Rettung. Weil er das Leid als die Folge der Sünde, auf sich genommen hat,
kommen wir durch. Mitten in aller Grausamkeit ein Bild von grenzenloser
Hoffnung.
Amen.