III. Reihe: Lukas 23,39-49
Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn.
Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
unsere Gemeindeglieder, die aus Kasachstan und aus Russland zu uns gekommen
sind, haben uns diesen Tag wieder ins Bewusstsein gebracht: Am 25.März ist der
„Tag der Verkündigung der Geburt des Herrn an Maria“ - im lutherischen
Kalender noch immer verzeichnet, wenn auch allgemein eher vergessen: 9 Monate
vor der Geburt Jesu am 25.Dezember die Verkündigung seiner Geburt durch den
Erzengel Gabriel. Dieser Feiertag war etwa zu Zeiten von Johann Sebastian Bach
ein wichtiges Datum. Auch wenn er meist in die Passionszeit fiel, wurde er
festlich begangen, die liturgische Farbe war weiß wie an Weihnachten und
Ostern. Zu diesem Feiertag entstand die prächtige Bach-Kantate: „Wie schön
leuchtet der Morgenstern“ BWV Nr.1.
Heute kommen diese Tage - Verkündigung der Geburt Jesu - und Karfreitag -
Gedenktag seines Todes - Freude und Leid - zusammen: 25.März - Karfreitag.
Dazu
dieses Bild:
- Krippe und Kreuz -
Von Anfang an: Gott begibt sich in dem Menschen Jesus von Nazareth auf einen
Leidensweg. Da war die Mutter Maria, ein junges Mädchen, scheinbar völlig
überfordert mit ihrer außergewöhnlichen Schwangerschaft, da waren die Eltern,
damals in Bethlehem, für die kein Raum da war, da war die Futterkrippe, die
Armseligkeit und Dunkelheit der Welt, das Asyl in Ägypten, auf der Flucht vor
dm mordenden Herodes.
Diese Futterkrippe: Und doch ist da das Aufstrahlen aus dem dunklen Stroh:
Gott wird Mensch. Das Licht, das in die Welt gekommen ist: „Und siehe, ich
verkündige euch große Freude. Denn euch ist heute der Heiland geboren!“
Aber
die Füße, auf denen die Krippe steht, haben schon die Form eines Kreuzes. Die
Welt nahm dieses Licht nicht auf. Gott selbst setzt sich der totalen Ablehnung
durch die Welt aus. Er leidet, er verzweifelt an ihr. Der große, ferne, ja
abwesend erscheinende Gott, er setzt sich der Brutalität der Menschen aus. Er
lässt sich verspotten und lächerlich machen. Hält das Leiden aus. Steigt nicht
vom Kreuz herab und bestraft seine Peiniger. Im Gegenteil: Noch am Kreuz
bittet er um Vergebung. Noch am Kreuz spricht er den verurteilten Verbrecher,
der noch einen Funken Ehrfurcht vor Gott in sich hat, selig. Dazu ist Gott
Mensch geworden - damit alle zu ihm kommen können, die mühselig und beladen
sind. Er macht das Zerbrochene heil. Er rettet das Verlorene. Er schließt
sogar noch die Wunden, die der Tod reißt.
Bethlehem und Golgatha: Beides steht für den menschlichen, für den
leidensfähigen Gott. Gott ist da, wo Leid geschieht. Wo Menschen ihre
Menschlichkeit verlieren. Wo sie zur bloßen Nummer degradiert werden. „Was ihr
getan habt einem meiner geringsten Brüder, einer meiner geringsten Schwester,
das habt ihr mir getan.“ Schaut in die Augen der Hungernden, der Geschundenen,
der tödlich Kranken - dann erblickt ihr in Wahrheit den leidenden Christus.
Wir müssten an der Welt zerbrechen, wenn wir nicht wüssten, dass da Gott
mitleidet in dem Hass und der Verzweiflung. Dass er mitleidet - aber auch das
Leiden überwindet, dass er der Stärkere ist, der rettet, erlöst, aufrichtet
und vergibt: „Wahrlich, heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Wenn wir das Bild ein bisschen kippen, sehen wir aus dem gekreuzten Holz der
Futterkrippe das Kreuz von Golgatha.
Als Jesus stirbt, verfinstert sich die Sonne und der Vorhang des Tempels, der
bisher das Allerheiligste vor unwürdigen Augen verborgen hat, zerreißt. Jesus
war gehorsam bis zum Schluss: „Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist“
- so zitiert er den Psalter. Das Unglaubliche geschieht: Gott liefert sich
total dem menschlichen und tödlichen Hass und Leid aus. Er geht bis in den
Tod. Der unendlich mit-leidende Gott.
Endet hier die Geschichte, die in eigentlich schon mit der Verkündigung der
Geburt Jesu durch den Erzengel Gabriel begann?
Es wird berichtet, dass ausgerechnet der heidnische Hauptmann noch einen Satz
sagt: „Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen.“ Nicht jedes seiner
Worte ist wichtig. Wichtig ist, dass er etwas sagt. Dass er etwas davon
begreift: Hier ist etwas geschehen, was weitergehen wird. Hier war auf
irgendeine - noch verborgene - Weise Gott am Werk.
Hinter dem Kreuz nicht nur der verfinsterte Himmel. Da sind auch
Hoffnungsstrahlen, die den aufstrahlenden Osterglanz andeuten. Da wird
erzählt: alle Bekannten, auch die Frauen, all die, die wenig später noch eine
Rolle spielen werden, sehen von ferne, was da geschieht. Da ist angedeutet,
dass immer noch gilt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen
seid, ich will euch erquicken.“ Gott ist im Leiden und bei den Leidenden. Er
ist den Sterbenden nah und selbst im Tod noch da. Krippe und Kreuz zeigen, auf
welcher Seite Gott steht und was er von uns erwartet: „Was ihr getan habt
einem meiner geringsten Brüder, einer meiner geringsten Schwester, das habt
ihr mir getan.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn.
Amen.
Quelle der Zeichnung: Dr.Jürgen Grimm, GDP Passion Serie B, Gütersloh 1991, Passionsandacht "Gott leidet mit uns", S. 84.