II.Reihe: 1.Petrus 2, 21b- 25
Der Predigttext steht im 1.Petrus-Brief im 2.Kapitel:
„Christus hat für euch gelitten und euch ein VORBILD hinterlassen,
dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;
er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde,
nicht drohte, als er litt,
er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leib auf das Holz,
damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben.
Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
Denn ihr wart wie die irrenden Schafe;
aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“
Soweit unser Predigttext. Gott segne dein Wort an uns allen. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Der Herr ist mein Hirte“ - wer kennt sie nicht, die Worte des Psalms 23.
Heute heißt es im Gottesdienst: „Ich, Christus, bin der gute Hirte, und ich
lasse mein Leben für meine Schafe.“ Und im Predigttext bekommt das Bild vom
guten Hirten noch eine kirchliche Ausrichtung: „Ihr seid bekehrt zu dem Hirten
und Bischof eurer Seelen.“
Der „Bischof“ ist wörtlich übersetzt der Aufseher - so wie das Bild vom Hirten
eigentlich für weltliche Herrscher und Könige gebräuchlich war. Nicht eine
falsche Romantik vom idyllischen Leben in der Natur soll hier aufgezeigt
werden. Es geht schon um Schutz vor Gefahren, darum, auf wen man sich
verlassen kann und wem man trauen soll, dass er einen in die richtige Richtung
führt.
Und wenn Jesus der gute Hirte ist, dann heißt das eben auch, dass alle
weltlichen Herrscher sich an diesem Jesus messen lassen müssen. Und dass wir
Christen im Zweifel mehr Jesus folgen sollen und dürfen als all den
selbsternannten Hirten und Aufsehern unserer Zeit.
Was heißt nun „diesem Jesus folgen?“ Unser Text sagt ganz konkret: „ihr sollt
seinen Fußstapfen nachfolgen“, es soll euer „Vorbild“ sein. Was Martin Luther
mit „Vorbild“ übersetzt, ist eigentlich das, was ein Lehrer, eine Lehrerin, in
Schönschrift an die Tafel schreibt, die „Schreibvorlage“ (= wörtliche
Übersetzung), und was dann die Kinder so gut es geht abschreiben müssen. Es
wird am Anfang nie so gelingen wie es an der Tafel steht. Die Schüler müssen
selbst herausbekommen, wie die Striche und Schwünge der einzelnen Buchstaben
hinzukriegen sind.
Auch Jesu Fußstapfen sind für uns eigentlich zu groß. Wir können nicht das
Leben leben wie er es tat. Sündlos, ganz eins mit dem Vater, geduldig im
Leiden, unendlich tapfer im Tod. Wir müssen es auch nicht. Wir müssen unseren
Weg finden und gehen, so gut es uns gelingt. Aber Jesu Weg, Jesu Fußstapfen
können uns Leitbild, Ziel sein - wie die Buchstaben der Lehrerin an der Tafel
als wir kleine Erstkläßler waren. Beeindrucken soll uns Jesu, mitreißen,
ermutigen auch so den Weg zum Leben zu finden wie er es tat.
Er ging einen Weg vor, damit wir ihm folgen können. Jesus war sündlos, hat
Menschen geheilt, Menschen die frohe Botschaft von Gott verkündet, immer nur
das Gute und die Heilung gewollt. Dennoch ist er angefeindet worden, ist ihm
Übles nachgesagt worden, ist er verfolgt worden. In der Nachfolge Jesu kann
uns das auch passieren. Auch da können wir unschuldig verfolgt werden. Weil
andere Menschen anderen Hirten folgen wollen. Weil sie Hass, Neid und Egoismus
mehr trauen als der Liebe, dem Leben und der Freiheit im Glauben. Dann ist es
besonders wichtig zu wissen: Dieser gute Hirte lässt mich nicht allein. Er ist
auf meiner Seite, er fängt mich auch, wenn ich falle, er versteht meine Sorgen
und Ängste, sogar meine Feigheit. Er gibt mir neuen Mut. „Ihr seid heil
geworden. Ihr seid meine Kinder. Euch kann die Sünde nichts mehr anhaben.“
Wie ist das denn bei uns? Welchen Fußstapfen folgen wir nach? Welche Wege
gehen wir, die andere uns vorbereitet haben, ausgetreten, aufbereitet, gangbar
gemacht haben? Es sind die Wege unserer Vorfahren, Wege der Tradition, die
Sicherheit geben. Wofür andere gelitten und gekämpft haben, können wir
genießen, sicher und gefahrlos begehen. Aber das ist nicht immer so! Was
gestern gut und richtig war, ist heute vielleicht nicht mehr gut. Machen wir
uns nichts vor: wir haben in Deutschland über unsere Verhältnisse gelebt, wir
haben verlernt, mit anderen zu teilen, auch an die zu denken, die auf der
Schattenseite des Lebens stehen. In den Kirchen ist immer wieder davon geredet
worden, von der Verantwortung auch für die Dritte Welt, für die Armen. Aber
jetzt betrifft es uns selbst, jetzt ist der breite Weg vom Wohlstand für alle,
für ein sorgloses Leben in Gefahr. Und dann müssen wir uns entscheiden - wo
soll es denn hingehen? Jeder für sich, die eigenen Ellenbogen einsetzen, nach
mir die Sintflut - oder jetzt gerade, gerade jetzt den Fußstapfen Jesu zu
folgen, der auch verzichtet hat, obwohl er hätte Herrscher und Machthaber sein
können, der nicht Gewalt mit Gewalt beantwortete, sondern den unteren Weg
ging, der ihn durch die Hölle zum ewigen Leben, zum Licht des Himmels führte.
Es gibt Stationen im Leben, da muss man sich entscheiden. Die Taufe ist so ein
Moment. Wenn sie nicht gedankenlos nur aus Tradition vollzogen wird, dann
stellt sich schon die Frage: Wem will ich meinen Lebensweg anvertrauen? Unter
welchen Schutz stelle ich mich? Oder wenn jemand ganz bewußt in eine
Kirchengemeinde eintritt, dann hat er sich vorher damit auseinander gesetzt:
Ist das mein Weg? Will ich das? Ist das gut für mich?
„Denn ihr wart wie die irrenden Schafe...“ heißt es im Predigttext. Ein Schaf
will keiner sein, aber ehrlich: sind wir nicht oft genug auf der Suche, irren
umher, um die richtige Richtung zu finden, haben den klaren, eindeutigen Weg
verloren? Sehen Sie, liebe Schwestern und Brüder, und zu solchen Menschen
spricht Jesus. Nicht zu den selbstsicheren, starken, die immer meinen, sie
wüßten schon alles. Sondern zu den fragenden, wartenden, manchmal auch
verzweifelt suchenden.
Und dann heißt es: „aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer
Seelen.“ Bekehrung ist kein aktives Tun. Bekehrung ist ein Geschenk. Nicht ich
bekehre mich selbst, das kann kein Mensch, sondern Gott bekehrt mich. Gott
setzt mich auf den richtigen Weg. Gott schreibt die Buchstaben auf die große
Tafel unseres Lebens, und wir sollen sie in unser Leben übersetzen so gut es
geht.
Einen Schutz und Aufseher für die eigene Seele zu haben: Das ist eine
wunderbare Vorstellung. Wer dies hat, der hat einen unglaublichen Schatz im
Leben. „Seiltänzer, bedenke, wer dir unten das Netz hält!“ schrieb Stanislaw
Jerzy Lec. Unsere Seele muss oft auf einem ganz dünnen Seil tanzen. Wir sehnen
uns danach, dass jemand diese so gefährdete und schwache Seele beschützt. Dann
ist es gut, auf jemanden zu blicken, der ganz konkret vorgelebt hat, was
wirklich wichtig ist im Leben: Eben nicht der Erfolg um jeden Preis, sondern
das Sich-selbst-treu-Bleiben, eben nicht der Egoismus, sondern die
Nächstenliebe. Eben nicht die Verzweiflung und das Aufgeben, sondern die
Hoffnung und der Glaube, der Berge versetzen kann. Christus ist den Weg
vorausgegangen: durch den Tod zum Leben. Wie wir leben sollen und können, sagt
uns die Bibel, die Zehn Gebote, das Doppelgebot der Liebe, die Bergpredigt.
Er ist der Bischof, der eine gute Hirte. Er ist der Herr der Kirche. Nicht
Menschen, die ein Amt innehaben. Das eigentliche Amt hat Christus. Er nimmt
die Menschen durch die Taufe an, er bewirkt durch seinen Heiligen Geist, dass
die Menschen sein Wort hören und verstehen und danach leben. Er hält die
Gemeinschaft der Heiligen zusammen und fügt neue Menschen dazu. Dafür danken
wir ihm von Herzen. Amen.