Miserikordias Domini, 10.April 2005
Reihe III: Hesekiel 34, 1-2,10-16.31
Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, daß sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, daß sie sie nicht mehr fressen sollen.
Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und
von Jesus Christus, unserem Herrn und Bruder.
Liebe Schwestern und Brüder,
dies ist ein besonderer Tag für Sie als Gemeinde und für uns alle, die wir als
Gäste zum Mitfeiern eingeladen sind.
Ihr Kirche erstrahlt in neuer Schönheit. Sie ist verwandelt. Jung geworden.
Natürlich weiß man als Protestant, dass der Kirchenraum an sich nicht heilig
ist, sondern allein das, was in ihm geschieht. Dass der Raum hat eine
dienende, unterstützende Funktion besitzt. Nämlich unsere Gedanken zu Gott hin
zu öffnen. Ihm an diesem Ort zu begegnen.
Martin Luther schreibt zur Einweihung der Schlosskapelle in Torgau 1544: „Eine
Kirche soll so errichtet werden, dass nichts anderes geschehe, denn das unser
lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit
ihm reden durch Gebet und Lobgesang“
Ich bin sicher, Luther hätte wie wir alle Freude an dieser neuen, alten
Kirche.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag nimmt die festliche Stimmung dieses
Tages auf. Er richtet unsere Gedanken auf Gott als dem guten Hirten unseres
Lebens. Er benennt aber auch in großer Deutlichkeit die Abgründe und Gefahren,
die von schlechten Hirten drohen.
Textlesung aus Hesekiel
Das Bild von Gott als dem guten Hirten ist wohl das ansprechendste Bild, mit
dem die Zuwendung Gottes zu uns umschrieben wird. Es kommt an vielen Stellen
der Bibel vor. In dem Wochenspruch aus Psalm 23 „ Der Herr ist mein Hirte, mir
wird nichts mangeln“. In dem Gleichnis Jesu von dem Hirten, der dem verlorenen
Schaf nachsteigt und es rettet. Jeder, ob alt oder jung, groß oder klein, kann
dieses Bild verstehen. Nicht nur mit dem Verstand. Vor allem auch mit dem
Herzen. Es bringt Urwünsche nach Heil und Wohlergehen zum klingen. In dem
idyllischen Bild von den Schafen, die auf satten Berghängen friedlich grasen,
sind sie aufgehoben. Ja, das sollte das Leben bieten: Frieden und Fülle.
Gerechtigkeit und Ausgleich.
Aber so freundlich ist das Leben in der Regel gar nicht. Wir haben das alle
schon erfahren. Die falschen Hirten, die unser Text nennt, die nur an sich
selbst denken, auf Kosten der Schafe leben und sie in das Verderben führen,
sind kein Phantasiegebilde. Heute wird im KZ Buchenwald des sechzigsten
Jahrestages der Befreiung gedacht. Die Konzentrationslager in Nazi-Deutschland
zeigen, was falsche Hirten anrichten können.
Und auch heute gibt es falsche Hirten. Sie haben ihre Verführungskraft nicht
verloren. Im Gegenteil. Durch die globale Medienvernetzung sind die
Möglichkeiten zur Verführung größer denn je. Recht und Unrecht lassen sich
schwerer unterscheiden. Die Wahrheit droht oft im Nebel von Geschäft,
Fehlinformation und Kommerz zu versinken.
Weil die falschen Hirten bis auf den heutigen Tag bittere Wirklichkeit sind,
sagt in unserem Prophetenwort Gott: „Ich will mich meiner Herde annehmen und
sie suchen......Ich will das Verirrte zurückbringen, das Verwundete verbinden
und das Schwache stärken...Ich will sie weiden, wie es recht ist....Ja, ihr
sollt meine Herde sein.“
Suchen und Weiden, das sind die Haupttätigkeiten des guten Hirten. Sie wollen
wir ein wenig genauer betrachten.
Gott sucht den Menschen. Diese Verheißung erscheint immer wieder in der
Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie prägt die ganze Bibel und gibt ihr
einen inneren Zusammenhang. Wie ein roter Faden.
Im brennenden Dornbusch tritt Gott an Mose heran. Er bestellt die Propheten
zur Botschaftern für die Völker. Und er offenbart sich in besonderer Weise in
Jesus Christus. Er, der Gottessohn ist beides, das Lamm, das sich dem Hirten
anvertraut, und der gute Hirte. Er ist sowohl Opfer als auch Erlöser. In ihm
wird Gottes unerschütterliche Suche nach seinen Menschen anschaubar. Eine
Suche, die auch den Tod überwindet.
Gott auf der Suche nach uns Menschen. Nicht nur damals, auch heute. Diese
Verheißung bietet auch ein angemessene Perspektive für einen Blick auf die
Ereignisse der letzten Woche: das Ableben des Papstes und den 60.
Erinnerungstag an die Ermordung des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich
Bonhoeffer durch Nazihenker.
Dietrich Bonhoeffer und Papst Johannes Paul erscheinen bei allen
unübersehbaren Unterschieden von dem gleichen Willen durchdrungen gewesen zu
sein, Gott nicht in den Raum der Kirche einzuschließen, sondern ihm bei den
Menschen zu begegnen. Den Hirten bei der Herde zu suchen. Bonhoeffer spricht
von der Diesseitigkeit des Christentums. Diesseitigkeit meint, den Blick vom
Jenseits ins Diesseits, ins tägliche Leben zu wenden. Die Sorgen und Nöte der
Menschen zu teilen. Kirche für Andere zu sein. Und so christusgemäß zu werden.
Bonhoeffer schreibt aus dem Gefängnis:
„Das nenne ich Diesseitigkeit, in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und
Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten zu leben,, und wenn man dies tut,
dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die
eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man
mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist Umkehr, und
so wird man ein Mensch, ein Christ.“
Ich empfinde hier eine große Nähe zu Papst Johannes Paul. Er hat sich auf
seine Weise den Lasten dieser Zeit geöffnet. Er hat die Hungernden und Kranken
besucht. Er hat den Frieden und die gerechte Verteilung des Reichtums der Erde
angemahnt. Er hat seine eigene körperliche Schwachheit ausgehalten und
angenommen. Öffentlich. Bis zur Selbstverleugnung.
Gott auf der Suche nach den Menschen. Können wir in dem Leben und Sterben der
Genannten nicht seine ausgestreckte Hand spüren und seine Gegenwart ahnen? Als
Einladung. Als Hilfe. Als Ansporn für uns.
Das widerständige Leben Dietrich Bonhoeffers und das erschütternde Sterben des
Papstes zeigen gerade in ihrer Gebrochenheit auf die Gegenwart des guten
Hirten, der seine Menschen nicht verlässt. Der treu ist. Der unermüdlich nach
ihnen sucht. Der Leben schenkt, das durch den Tod nicht aufgehoben wird.
Der gute Hirte belässt es nicht allein bei der Suche nach den Schafen. Er
weidet sie auch. „Ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine
Herde sein und ich will euer Gott sein“, spricht Gott, der Herr.
Weiden heißt nähren, fördern, wachsen lassen. Unser Glaube soll nicht auf der
Stelle treten. Er soll sich vorwärtsbewegen. Ich denke, man kann das gut an
der Renovierung der Kirche ablesen.
Für mich ist die neue Ausrichtung dieser Kirche von hoher Symbolkraft. Wir
wissen aus eigener Erfahrung: Wer sich umdreht, sieht mehr. Entdeckt Neues.
Das gilt auch für den Glauben. Ein Blick von außen, eine ungewohnte
Perspektive, ein neuer Zugang tun ihm gut.
Das, was vorher diese Kirche prägte, ist ja nicht vergessen. Man kann die alte
Kanzel noch vor sich sehen. Die Augen verweilen bei dem vertrauten Kreuz. Die
Gottesdienste der früheren Zeiten klingen nach. Die vertrauten Pfarrer und
Pfarrerinnen bleiben lebendig. Das alte Gemeindeglied, das immer im
Gottesdienst war, ist unvergessen.
Gerade die Neugestaltung der Kirche macht die fruchtbare Spannung zwischen
Kontinuität und Aufbruch sichtbar. Sie als Gemeinde wollen nicht auf der
Stelle treten, sondern vorwärtsgehen. Sie wollen dabei aber auch nicht der
Vergangenheit vergessen, sondern sich ihres Reichtums vergewissern. Die alten
Fenster erstrahlen in neuer Pracht. Und sie bleiben zugleich auch die alten.
„Ich will sie weiden, wie es recht ist.“ Ich habe den Mut diese Verheißung an
diesem Tag auf Ihre Kirche zu beziehen. Hier können Sie Gottes Liebe spüren.
Das Licht, die neue Ausrichtung des Raums, die Fenster laden ein, zur Ruhe zu
kommen, sich und die Welt aus der Perspektive des Glaubens zu betrachten, aus
der Perspektive des guten Hirten, der es gut mit uns meint und uns sucht und
weidet. An allen Tagen unseres Lebens. In guten und in schweren Stunden.
Ich komme zum Schluss. In einem Andachtsbuch unserer Partnerkirche in den USA,
der UCC, sah ich das Bild eines elfjährigen Jungen, der den guten Hirten
gemalt hatte. Im Zentrum des Bildes sieht man natürlich den Hirten. Im
Hintergrund sieht man die Schafe an den Berghängen. Der Hirtenhund guckt über
die Schultern des Hirten. Er selbst lächelt. Vertrauenswürdig und gut
gestimmt. Die Ärmel seines Hemds sind aufgekrempelt. Hier kann nichts schief
gehen.
Auf dem Hemd befindet sich die Landkarte von Nord- und Südamerika. Das ist der
Arbeitsplatz des Hirten. Die ganze Welt. Nichts weniger. Und er strahlt und
lächelt trotzdem. Oder gerade deswegen.
Es tat gut diesen Hirten zu sehen. Er sorgt für die Seinen. Und er tut es
gern. Verlässlich und, wie dieser Junge malte, mit einem strahlendem Lächeln.
Amen.