Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Vom guten Hirten

Predigt zur Einweihung der renovierten Kirche in Bad Lippspringe

Miserikordias Domini,  10.April 2005

Alt-Superintendent Christoph Berthold

Reihe III: Hesekiel 34, 1-2,10-16.31

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?

So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, daß sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, daß sie sie nicht mehr fressen sollen.
Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.
 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn und Bruder.

Liebe Schwestern und Brüder,
dies ist ein besonderer Tag für Sie als Gemeinde und für uns alle, die wir als Gäste zum Mitfeiern eingeladen sind.

Ihr Kirche erstrahlt in neuer Schönheit. Sie ist verwandelt. Jung geworden.
Natürlich weiß man als Protestant, dass der Kirchenraum an sich nicht heilig ist, sondern allein das, was in ihm geschieht. Dass der Raum hat eine dienende, unterstützende Funktion besitzt. Nämlich unsere Gedanken zu Gott hin zu öffnen. Ihm an diesem Ort zu begegnen.

Martin Luther schreibt zur Einweihung der Schlosskapelle in Torgau 1544: „Eine Kirche soll so errichtet werden, dass nichts anderes geschehe, denn das unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang“
Ich bin sicher, Luther hätte wie wir alle Freude an dieser neuen, alten Kirche.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag nimmt die festliche Stimmung dieses Tages auf. Er richtet unsere Gedanken auf Gott als dem guten Hirten unseres Lebens. Er benennt aber auch in großer Deutlichkeit die Abgründe und Gefahren, die von schlechten Hirten drohen.
Textlesung aus Hesekiel
Das Bild von Gott als dem guten Hirten ist wohl das ansprechendste Bild, mit dem die Zuwendung Gottes zu uns umschrieben wird. Es kommt an vielen Stellen der Bibel vor. In dem Wochenspruch aus Psalm 23 „ Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. In dem Gleichnis Jesu von dem Hirten, der dem verlorenen Schaf nachsteigt und es rettet. Jeder, ob alt oder jung, groß oder klein, kann dieses Bild verstehen. Nicht nur mit dem Verstand. Vor allem auch mit dem Herzen. Es bringt Urwünsche nach Heil und Wohlergehen zum klingen. In dem idyllischen Bild von den Schafen, die auf satten Berghängen friedlich grasen, sind sie aufgehoben. Ja, das sollte das Leben bieten: Frieden und Fülle. Gerechtigkeit und Ausgleich.

Aber so freundlich ist das Leben in der Regel gar nicht. Wir haben das alle schon erfahren. Die falschen Hirten, die unser Text nennt, die nur an sich selbst denken, auf Kosten der Schafe leben und sie in das Verderben führen, sind kein Phantasiegebilde. Heute wird im KZ Buchenwald des sechzigsten Jahrestages der Befreiung gedacht. Die Konzentrationslager in Nazi-Deutschland zeigen, was falsche Hirten anrichten können.

Und auch heute gibt es falsche Hirten. Sie haben ihre Verführungskraft nicht verloren. Im Gegenteil. Durch die globale Medienvernetzung sind die Möglichkeiten zur Verführung größer denn je. Recht und Unrecht lassen sich schwerer unterscheiden. Die Wahrheit droht oft im Nebel von Geschäft, Fehlinformation und Kommerz zu versinken.


Weil die falschen Hirten bis auf den heutigen Tag bittere Wirklichkeit sind, sagt in unserem Prophetenwort Gott: „Ich will mich meiner Herde annehmen und sie suchen......Ich will das Verirrte zurückbringen, das Verwundete verbinden und das Schwache stärken...Ich will sie weiden, wie es recht ist....Ja, ihr sollt meine Herde sein.“

Suchen und Weiden, das sind die Haupttätigkeiten des guten Hirten. Sie wollen wir ein wenig genauer betrachten.

Gott sucht den Menschen. Diese Verheißung erscheint immer wieder in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie prägt die ganze Bibel und gibt ihr einen inneren Zusammenhang. Wie ein roter Faden.

Im brennenden Dornbusch tritt Gott an Mose heran. Er bestellt die Propheten zur Botschaftern für die Völker. Und er offenbart sich in besonderer Weise in Jesus Christus. Er, der Gottessohn ist beides, das Lamm, das sich dem Hirten anvertraut, und der gute Hirte. Er ist sowohl Opfer als auch Erlöser. In ihm wird Gottes unerschütterliche Suche nach seinen Menschen anschaubar. Eine Suche, die auch den Tod überwindet.

Gott auf der Suche nach uns Menschen. Nicht nur damals, auch heute. Diese Verheißung bietet auch ein angemessene Perspektive für einen Blick auf die Ereignisse der letzten Woche: das Ableben des Papstes und den 60. Erinnerungstag an die Ermordung des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer durch Nazihenker.

Dietrich Bonhoeffer und Papst Johannes Paul erscheinen bei allen unübersehbaren Unterschieden von dem gleichen Willen durchdrungen gewesen zu sein, Gott nicht in den Raum der Kirche einzuschließen, sondern ihm bei den Menschen zu begegnen. Den Hirten bei der Herde zu suchen. Bonhoeffer spricht von der Diesseitigkeit des Christentums. Diesseitigkeit meint, den Blick vom Jenseits ins Diesseits, ins tägliche Leben zu wenden. Die Sorgen und Nöte der Menschen zu teilen. Kirche für Andere zu sein. Und so christusgemäß zu werden.

Bonhoeffer schreibt aus dem Gefängnis:
„Das nenne ich Diesseitigkeit, in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten zu leben,, und wenn man dies tut, dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist Umkehr, und so wird man ein Mensch, ein Christ.“

Ich empfinde hier eine große Nähe zu Papst Johannes Paul. Er hat sich auf seine Weise den Lasten dieser Zeit geöffnet. Er hat die Hungernden und Kranken besucht. Er hat den Frieden und die gerechte Verteilung des Reichtums der Erde angemahnt. Er hat seine eigene körperliche Schwachheit ausgehalten und angenommen. Öffentlich. Bis zur Selbstverleugnung.

Gott auf der Suche nach den Menschen. Können wir in dem Leben und Sterben der Genannten nicht seine ausgestreckte Hand spüren und seine Gegenwart ahnen? Als Einladung. Als Hilfe. Als Ansporn für uns.

Das widerständige Leben Dietrich Bonhoeffers und das erschütternde Sterben des Papstes zeigen gerade in ihrer Gebrochenheit auf die Gegenwart des guten Hirten, der seine Menschen nicht verlässt. Der treu ist. Der unermüdlich nach ihnen sucht. Der Leben schenkt, das durch den Tod nicht aufgehoben wird.

Der gute Hirte belässt es nicht allein bei der Suche nach den Schafen. Er weidet sie auch. „Ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein und ich will euer Gott sein“, spricht Gott, der Herr.

Weiden heißt nähren, fördern, wachsen lassen. Unser Glaube soll nicht auf der Stelle treten. Er soll sich vorwärtsbewegen. Ich denke, man kann das gut an der Renovierung der Kirche ablesen.

Für mich ist die neue Ausrichtung dieser Kirche von hoher Symbolkraft. Wir wissen aus eigener Erfahrung: Wer sich umdreht, sieht mehr. Entdeckt Neues. Das gilt auch für den Glauben. Ein Blick von außen, eine ungewohnte Perspektive, ein neuer Zugang tun ihm gut.

Das, was vorher diese Kirche prägte, ist ja nicht vergessen. Man kann die alte Kanzel noch vor sich sehen. Die Augen verweilen bei dem vertrauten Kreuz. Die Gottesdienste der früheren Zeiten klingen nach. Die vertrauten Pfarrer und Pfarrerinnen bleiben lebendig. Das alte Gemeindeglied, das immer im Gottesdienst war, ist unvergessen.

Gerade die Neugestaltung der Kirche macht die fruchtbare Spannung zwischen Kontinuität und Aufbruch sichtbar. Sie als Gemeinde wollen nicht auf der Stelle treten, sondern vorwärtsgehen. Sie wollen dabei aber auch nicht der Vergangenheit vergessen, sondern sich ihres Reichtums vergewissern. Die alten Fenster erstrahlen in neuer Pracht. Und sie bleiben zugleich auch die alten.

„Ich will sie weiden, wie es recht ist.“ Ich habe den Mut diese Verheißung an diesem Tag auf Ihre Kirche zu beziehen. Hier können Sie Gottes Liebe spüren. Das Licht, die neue Ausrichtung des Raums, die Fenster laden ein, zur Ruhe zu kommen, sich und die Welt aus der Perspektive des Glaubens zu betrachten, aus der Perspektive des guten Hirten, der es gut mit uns meint und uns sucht und weidet. An allen Tagen unseres Lebens. In guten und in schweren Stunden.

Ich komme zum Schluss. In einem Andachtsbuch unserer Partnerkirche in den USA, der UCC, sah ich das Bild eines elfjährigen Jungen, der den guten Hirten gemalt hatte. Im Zentrum des Bildes sieht man natürlich den Hirten. Im Hintergrund sieht man die Schafe an den Berghängen. Der Hirtenhund guckt über die Schultern des Hirten. Er selbst lächelt. Vertrauenswürdig und gut gestimmt. Die Ärmel seines Hemds sind aufgekrempelt. Hier kann nichts schief gehen.

Auf dem Hemd befindet sich die Landkarte von Nord- und Südamerika. Das ist der Arbeitsplatz des Hirten. Die ganze Welt. Nichts weniger. Und er strahlt und lächelt trotzdem. Oder gerade deswegen.

Es tat gut diesen Hirten zu sehen. Er sorgt für die Seinen. Und er tut es gern. Verlässlich und, wie dieser Junge malte, mit einem strahlendem Lächeln.
Amen.