Liebe Gemeinde, im Jahr 55 schreibt Paulus einen Brief an die Gemeinde in Korinth. Kein Evangelium war um diese Zeit fertiggestellt zur Überlieferung, keine Apostelgeschichte war geschrieben, kein ausführliches Bekenntnis des Glaubens so wie wir es eben gesprochen haben war aufgeschrieben und festgehalten. Aber die Menschen erzählten sich Geschichten vom Leben und Sterben Jesu, feierten jede Woche am Sonntag das Fest seiner Auferstehung, hatten Worte, mit denen sie gemeinsam bekannten, was Jesu Tod und Leben für sie bedeutete. Und so hören wir gleich im Brief des Paulus die wohl ältesten Glaubenssätze, gesprochen von den ersten Christen und Christinnen, von Paulus aufgenommen und wiedergegeben in seinem Schreiben an die Gemeinde in Korinth. Paulus schreibt:
Als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Daß Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift, und daß er begraben worden ist; und daß er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und daß er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, daß ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.
Liebe Gemeinde, das ist das älteste christliche Bekenntnis:
Christus ist gestorben und begraben, er ist auferstanden und Menschen erschienen.
Und so bekennen wir es ja auch, im Glaubensbekenntnis, in Liedern und
Gebeten, jeden Sonntag und besonders heute, zu Ostern. Menschen damals und
heute bekennen: ich glaube ..... Und wenn ich am Ostermorgen das "ich glaube"
sage und höre, dann spüre ich dahinter zwei Erfahrungen, die Christen und
Christinnen machen damals vor 2000 Jahren so gut wie heute: die Erfahrung von
Auferstehung Christi im eigenen Leben und die Sehnsucht danach. Ich spüre
Ostererfahrung und Ostersehnsucht.
Ostererfahrung als Begegnung mit dem Auferstandenen: Paulus berichtet in
seinem Brief von Menschen, die das erlebt haben. Er nennt Kephas Petrus, er
nennt die Jünger. Er spricht von 500 Brüdern, von Jakobus und den Aposteln,
und zuletzt spricht er von sich selbst, denen sich Jesus als Auferstandener
gezeigt hat. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Gemeinde, ob Sie sich
mit der Frage beschäftigen, wie diese Erscheinungen des Auferstandenen zu
denken sind. Wie leiblich er war, wie Gott diese Sicherheit der Auferstehung
in die Herzen der ersten Zeugen und Zeuginnen gepflanzt hat. Manchmal möchte
ich dann besser Auskunft geben können, wenn andere mich fragen: Jetzt sag doch
mal, wie war denn das damals! Ich sage dann: Das war für mich ein Geschehen,
dass sich unserer Vorstellungskraft entzieht von dem ich aber im Inneren
glaube , dass es wahr und geschehen ist. Und gleichzeitig spüre ich eine tiefe
Sehnsucht nach so einer Ostererfahrung wie Petrus und die Jünger, wie Maria
von Magdala und die Frauen sie machen durften, Und mit dieser Sehnsucht bin
ich wohl nicht allein hier. Ich denke, dass viele von uns, die heute hier
sind, auch von dieser Sehnsucht hergeführt worden sind: heute morgen hier im
Gottesdienst Auferstehung zu erleben und zu feiern und diese Auferstehung mit
in das Jahr zu nehmen. Sehnsucht sagt der Brief des Paulus, der so sicher und
klar von Ostererfahrungen berichtet, auch etwas darüber, über Sehnen, über
Warten und zutiefst Erhoffen?
Ja, er tut es, ganz klein und leicht zu überhören. Paulus sagt: Christus ist
auferstanden und gesehen worden von Petrus danach von den Zwölfen danach von
anderen danach von Jakobus danach von den Aposteln und ganz am Schluss von ihm
selbst. "Danach": Wie lange dieses Danach gedauert hat, sagt Paulus nicht.
Aber für jeden, von dem wir hören, wird dieses Danach eine sehnsuchtsvolle
Ewigkeit gedauert haben, gefüllt mit Warten und Hoffen, auch mit Trauer und
Angst. Die Evangelien berichten uns davon, von Furcht und Zittern, von
Unvorstellbarkeit auch noch nach dem Hören der Botschaft von der Auferstehung:
"Einige von uns gingen hin zum Grab und fandens so, wie die Frauen sagten;
aber ihn sahen sie nicht": das sind die Worte der Emmausjünger: voller Trauer,
aber gleichzeitig auch voller Sehnsucht danach, "ihn, den Auferstandenen, zu
sehen". Und so ging schon damals nicht für alle Auferstehungszeugen die
Ostersonne am gleichen, am dritten Tag auf Der Dritte Tag: schon damals war
dieser dritte Tag nicht ffir alle am gleichen Datum. Mich tröstet das: Ostern
war schon damals nicht für alle zur gleichen Zeit. Schon damals gab es die
Sehnsucht nach der Erfahrung von Auferstehung.
Bei den Zeugen der Auferstehung, bei Petrus, den Frauen, den Emmausjüngern,
wurde diese Sehnsucht in einer Weise gestillt, wie Sie wohl den wenigsten von
uns hier vergönnt ist. Aber auch oder gerade, wenn wir mehr Ostersehnsucht
haben als Ostererfahrung, wenn wir uns nach einer Gewissheit des
Auferstandenen sehnen, wie sie den ersten Zeugen und Zeuginnen als Gnade
geschenkt wurde, kommen wir als Gemeinde immer wieder zusammen: jeden Sonntag
und auch heute. Wir bekennen an iedem Osterfest und in jedem Gottesdienst,
dass wi Wartende sind: Wir warten, jeder einzelne von uns und wir als Gemeinde
und Kirche, dass auch für uns der dritte Tag anbrechen wird: als Tag des
Sehens des Auferstandenen, als Tag der Gewissheit, als Tag ffir immer
gestillter Sehnsucht.
Und letztlich, liebe Gemeinde, bin ich davon überzeugt, dass auch unser Warten
schon von der Ostersonne beschienen wird. Ich bin davon überzeugt, weil ich es
immer wieder erlebe, wo ich mit Christen und Christinnen, mit Ihnen in der
Gemeinde, mit Menschen in den Kliniken zusammentreffe. Ostersehnsucht lebt aus
Ostererfahrung. Auch heute begegne ich Menschen, die mir von Auferstehung in
ihrem Leben berichten, in schwerer Krankheit, in tiefer Trauer, bei
unverhoffter Rettung und dem neuerfahrenen Geschenk des Lebens. Ich begegne
Menschen, denen Christus begegnet ist¬wohl nicht wie den Jüngern und Frauen:
aber mit der Kraft seiner Auferstehung in ihrem Leben, als Wissen um die Liebe
Gottes, die mit dieser Welt nicht endet. Gott sorgt für seine Kinder auch in
der Zeit des Wartens und der Sehnsucht. Das ist Gnade, wie sie auch Paulus
erlebt hat.
Und wenn Sie und ich, liebe Gemeinde, nicht auch solche Ostererfahrungen
gemacht hätten, Auferstehungserfahrungen im Warten auf den dritten Tag, dann
wären wir nicht hier. Dann würden wir nicht auf Ostern warten und Ostern
feiern. So sollen am Ende noch einmal Worte von Auferstehung zu hören sein,
ein Stück hoffentlich auch unserer Erfahrung in einem Gedicht von Marie Luise
Kaschnitz.
Auferstehungen
Manchmal stehen wir
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigem Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte um uns
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvoller Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.
Marie Luise Kaschnitz
Und so wünsche ich uns allen frohe Ostern, heute und jeden Tag. ei