III. Reihe: Mt 28,1-10
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde!
Es ist Ostern – das Fest, an dem wir Jesu Auferstehung
feiern, ein Fest der Freude! Jesus hat den Tod überwunden, die Trauer des
Karfreitags hat der Osterfreude Platz gemacht, Licht hat die Dunkelheit
erhellt. Alles strahlt und glänzt – hier in unserer schönen neuen Kirche
sowieso, aber auch die Natur scheint sich geschmückt zu haben: der Frühling
hält Einzug mit Macht, überall sprießen Krokusse, Narzissen, manchmal schon
Tulpen, Zweige zeigen ihr erstes Grün. Zusätzlichen Glanz verleiht unserem
Gottesdienst und diesem Festtag der Posaunenchor.
Der für den heutigen Ostersonntag vorgeschlagene
Predigttext erzählt von den ersten Zeuginnen der Auferstehung Jesu, den
Frauen, die als erste von Jesu Auferstehung erfuhren und die beauftragt
wurden, davon zu berichten. Er steht bei Matthäus im 28. Kapitel:
Als der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es den Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.
- Zwei Frauen, Maria von Magdala und „die andere“ Maria,
das ist Maria, die Mutter des Jakobus und Josef, wie wir aus dem
vorangegangenen Kapitel bei Matthäus wissen, zwei Frauen, die zu Jesu
Jüngerschaft gehört hatten, ihm nachgefolgt waren und ihm gedient hatten, und
die seinen grausamen Tod am Kreuz miterleben mussten, machen sich am zweiten
Tag nach seinem Tod frühmorgens auf den Weg zu seinem Grab. Alle Hoffnungen,
die sie in Jesus gesetzt hatten, sind zunichte – Jesus ist tot. Sie haben
ihren Freund und Lehrer, ihren Meister, den, dem sie alles zugetraut und dem
sie ver-traut hatten, verloren. Sie sind wieder allein, auf sich gestellt mit
all ihren Sorgen und Nöten, Fragen und Ängsten. Noch ganz benommen von
Entsetzen und Trauer über das Unfassbare suchen sie die Nähe des Verstorbenen.
Sie gehen zum Grab, sie wollen Jesus noch einmal sehen, fassen, was da
geschehen ist, Abschied nehmen – Abschied von Jesus, von dem gemeinsamen Leben
mit ihm, Abschied von den Hoffnungen und Erwartungen, die sie mit Jesus
verbunden hatten.
Wie sie so gehen, schweigend, erschöpft, mutlos und
tränenleer – zu viel haben sie geweint in den vergangenen zwei Tagen –, und am
Grab ankommen, werden sie überrollt von dem, was nun geschieht: Die Erde bebt,
ein Engel kommt vom Himmel herab, „seine Gestalt war wie der Blitz und sein
Gewand weiß wie der Schnee“, so berichtet Matthäus, er wälzt den Stein vom
Eingang der Grabhöhle weg und spricht zu den Frauen dieselben Worte, die
einst, als Jesus geboren war, ein Engel zu den Hirten auf dem Felde sprach:
„Fürchtet euch nicht!“ Er verkündet den Frauen: „Jesus ist nicht hier, er ist
auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen
hat.“
In die Trauer und Resignation der Frauen, in ihr Leben,
Denken und Fühlen, in die Weise, wie sie bisher Wirklichkeit wahrgenommen und
akzeptiert hatten, bricht etwas gänzlich Neues herein: Gott selbst greift in
die Geschichte ein, gibt ihr eine neue, vollkommen unerwartete Wendung, macht
so einen neuen, außergewöhnlichen Blick auf das Leben, auf die Wirklichkeit
möglich. Er gewährt den Frauen diesen neuen Blick, und sie nehmen wahr, was
jenseits der Grabeswirklichkeit vom Himmel her geschehen ist: Jesus ist
auferstanden.
Die Bibel berichtet uns nicht, an keiner Stelle, davon, wie
Jesu Auferstehung geschehen ist, sie bietet uns keine Vorstellungshilfe, keine
anschauliche Darstellung – das Geschehen der Auferstehung selbst ist nicht
anschaubar und unbeschreibbar. Die Bibel berichtet aber von der Wirkung dieses
Geschehens, den Erfahrungen, die diejenigen, denen das Geschehen offenbart
wird, machen, dem neuen Blick, der neuen Sicht auf die Wirklichkeit, die sie
gewinnen.
- Eine neue Sicht gewinnen, etwas in einem anderen Lichte
als zuvor sehen aufgrund von Erfahrungen, die wir machen, aufgrund eines
anderen Blickwinkels, den wir einnehmen – das kennen wir, glaube ich, alle
auch aus unserem Alltag: Ich mache einen Krankenbesuch, möchte trösten und
stützen – und erlebe so viel Zuversicht, so viel Glauben, so viel
Einverstandensein mit Leben und Sterben bei meinem Gegenüber, dass nicht ich
tröste, sondern getröstet und gestützt werde. Meine Sicht auf mein Gegenüber,
meine Sicht auf mich, mein Blickwinkel auf Leben und Sterben haben sich
verändert. Ich gehe an einem grauen, verregneten Nachmittag spazieren,
schleppe schwere, graue Gedanken mit mir herum, sehe keinen Ausweg, keine
Lösung, drehe mich im Kreis – da stiehlt sich auf einmal ein Sonnenstrahl
durch die Wolkendecke und ich nehme meinen Spazierweg und mich darauf mit ganz
anderen Augen wahr. – Einen gänzlich neuen Blickwinkel und eine neue Sicht –
das ermöglicht uns heute auch unsere Kirche: einmal um 180 Grad gedreht, außen
und innen wunderbar renoviert, mit einem neuen Altar, einer neuen Kanzel,
einem neuen Taufstein, neuen Stühlen und den schönen Fensterbildern, die gut
mit den schon vorhandenen Fenstern korrespondieren und doch noch einmal einen
ganz eigenen Akzent setzen. Unsere Kirche, obwohl – vor allem außen - durchaus
noch als unsere „alte“ Kirche erkennbar, erscheint uns in einem ganz neuen
Licht. So kann sie uns an diesem Osterfest 2005 quasi zu einem Gleichnis für
das neue Licht, das zu Ostern unsere Wirklichkeit verändert, werden.
„Jesus ist auferstanden!“ verkündet der Engel Gottes den
beiden Frauen. Sie reagieren mit Furcht und Freude: Jesus, ihr Freund und
Lehrer, ihr Meister ist nicht tot, er ist auferstanden! Die frohe Botschaft
breitet sich langsam in ihnen aus, Trauer und Entsetzen über den eben erst
erlebten Tod Jesu am Kreuz weichen staunender Freude. Jesus lebt! Das Leben
mit ihm, an seiner Seite ist nicht zuende, war keine Fata Morgana, die sich an
Karfreitag in Luft aufgelöst hat. Die Hoffnung und Erwartung, die die Frauen
mit Jesus verbunden haben, sind nicht zerschlagen, sie leben neu auf, stärker
als zuvor. Die Begegnung mit dem Engel Gottes, mit seiner Verkündigung an sie
lässt die Frauen ihre Situation, ihr Leben in einem neuen Licht sehen.
Die Frauen geraten in Bewegung, in eine neue Bewegung, hin auf ein neues Ziel.
Der Engel gibt ihnen Richtung, indem er sie zu den anderen Jüngern sendet. Den
Frauen hat er die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu gesagt, sie sollen
die Botschaft nun weitertragen. Die frohe Kunde von der Auferstehung ist
nichts, was man für sich behält, sondern sie ist zum Weitersagen da.
Die Frauen machen sich auf den Weg, eilends. Hin zu den anderen Jüngern. Auf
dem Weg begegnet ihnen der Auferstandene selbst. „Seid gegrüßt“ –
„Fürchtet euch nicht“. Er verstärkt den Auftrag an die
Frauen und damit ihre Bewegung. Die Verheißung der Begegnung in Galiläa wird
von ihm bestätigt und verstärkt. Auch er sendet die Frauen und durch sie auch
die Jünger. Er sendet sie nach Galiläa. Dorthin zurück, wo sie herkamen.
Dorthin zurück, wo der Weg Jesu, sein Weg auch mit ihnen begann. Er sendet sie
in seine Heimat, er sendet sie in den Alltag. Er sagt aber nicht „Geht nach
Hause, kehrt heim, unser gemeinsamer Weg endet hier.“ Er sendet sie in den
Alltag, weil er ihnen genau da begegnen will, weil den Jüngern im Alltag der
Auferstandene begegnen will. Auch ihre Wirklichkeit wird er verändern. Die
Begegnung der Jünger mit ihm wird sie in ähnlicher Weise verändern, wie es der
Text von den Frauen berichtet. Aufbruch in ein neues Leben, Veränderung der
Sichtweise.
Der Auferstandene – Jesus – will auch uns in unserem Alltag begegnen. In
unserem ganz normalen Umfeld, bei uns zu Hause. Er hält sich nicht raus aus
unserem Alltag, sondern kommt gerade in ihn herein
Das können Begegnungen oder Erlebnisse sein, wie ich Sie
vom Krankenhaus oder dem Spaziergang berichtet habe. Das können plötzliche
Einsichten sein oder die verändernde Kraft des Gebets. Ostern wird, wo wir uns
verändern lassen, wo wir uns anstecken lassen von der verändernden Kraft des
Auferstandenen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und
Sinne in Christus Jesus. Amen.