Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Da sind den Menschen in Jerusalem plötzlich die Augen aufgegangen, als Jesus
auf einem Esel dahergeritten kommt.
Leute, die sonst nicht auf einen grünen Zweig kommen, reißen Zweige von Bäumen
und Büschen, schwenken sie hoch und werfen sie auf die Landstraße, die grün
wird wie eine Wiese.
Zwischen dem Grün leuchten farbige Kleider und Tücher wie Blumenteppiche auf
dem Rasen. Vor Freude haben die Leute ihre Obergewänder ausgezogen, schwenken
sie hoch, lassen sie wie Fahnen wehen und legen sie nun auf die Erde. Jetzt
kommt endlich der Retter. Gott kommt zu den Menschen. Er sieht sie an. Wie ein
Mensch einen anderen Menschen ansieht.
Jesus sieht die Menschen. Er ist selbst von seinem hohen Roß
heruntergestiegen. Wollte nicht als Gott bewundert werden, sondern als Mensch
den Menschen nahe sein. Das ist die ganze Wahrheit über Jesus. Das ist der
Kern der frohen Botschaft. Das steht schon im ältesten Bekenntnis der
Christenheit, in dem Philipper-Hymnus, den wir bereits als Epistellesung
gehört haben, den ich noch einmal einer modernen Übersetzung vorlesen möchte:
Er war in allem Gott gleich,
und doch hielt er nicht dran fest,
zu sein wie Gott.
Er gab es willig auf und wurde einem Sklaven gleich.
Er wurde ein Mensch in dieser Welt
und teilte das Leben der Menschen.
Im Gehorsam gegen Gott
erniedrigte er sich so tief,
dass er sogar den Tod auf sich nahm.
ja, den Verbrechertod am Kreuz.
Darum hat Gott ihn auch erhöht
und ihm den Ehrennamen verliehen,
der ihn hoch über alle stellt.
Vor Jesus müssen alle niederknien -
alle, die im Himmel sind,
auf der Erde und unter der Erde;
alle müssen feierlich bekennen:
Jesus Christus ist der Herr! -
So sollen sie Gott, den Vater, ehren.
Mich lassen die ersten Sätze nicht mehr los: Jesus hielt nicht daran fest,
Gott gleich zu sein. Er wollte nicht ein Gott sein, der fern von den Menschen
thront und aus der Distanz über Gute und Böse richtet. Er wollte ein Mensch
sein in dieser Welt, der das Leben mit anderen teilt. Jesus ist seinen Weg,
Mensch zu bleiben, so konsequent gegangen, dass er sich sogar wie ein
Verbrecher hinrichten ließ. Mutet er uns nicht damit zu, alle gängigen
Vorstellungen von Gott loszulassen?
Ich wünschte mir, auch mir gelänge es, so von meinen Vorstellungen von Gott
loslassen zu können. Ich merke, wie ich einen Gott brauche, der mir Stärke
gibt, Kraft, Mut. Von ihm soll Hilfe kommen, von dem, der stärker ist als alle
Ängste und Schwächen. Kennen Sie nicht auch diesen Wunsch? Diesen Wunsch nach
einem Gott, der stark ist und helfen kann?
Das ist die Sorge um die Gesundheit: Wie sehr das Leben an einem seidenen
Faden hängen kann, haben wir doch alle schon einmal erfahren. Und wie schnell
es gehen kann, dass jemand abhängig werden wird vom Wohlwollen seiner
Mitmenschen, das erleben wir tagtäglich.
Da ist die Sorge im Beruf: Wie schnell geht es, dass jemand der Stuhl vor die
Tür gestellt wird.
Da ist überhaupt die Sorge vor der Zukunft: Wo soll das noch alles hingehen?
Ist es nicht so, dass die Erfolgreichen immer weniger von Gott wissen wollen
und immer mehr sich durchsetzen? Und auf der anderer Seite das Heer der Alten,
der Jugendlichen ohne Arbeit, der Kranken und Schwachen, der unschuldig in Not
Geratener immer größer wird, die Stimmung immer hoffnungsloser. Hat Gott es
nicht besser mit ihnen gemeint? Wo ist da die Gerechtigkeit? Sollte er nicht
besser endlich eingreifen, mal „denen da oben“ einen Denkzettel geben, damit
sich die sogenannten „kleinen Leute“ besser fühlen.
„Laß los von dieser falschen Sicht“, sagt der Mensch auf dem Esel und blickt
uns an. Ein Blick von Mensch zu Mensch. Den Menschen in Jerusalem wurden
damals die Augen geöffnet: Der meint ja mich! Der sieht mich ja an, wie ich
wirklich bin! Der ist ja gar nicht auf dem hohen Roß, der hat ja einen Blick
für meine tiefen Ängste, meine Fehler, meine Sorgen! Der gibt nicht erst den
anderen, „denen da oben“, einen auf den Deckel, damit wir uns besser fühlen,
der blickt in UNSER Herz und will, dass wir bei uns anfangen, bei unseren
Sorgen, Fragen und Ängsten.
Es ist sicher schwer, loszulassen von festen und überkommenen Vorstellungen.
Auch von der Vorstellung: Irgendwo da oben gibt es einen Gott, und der wird
schon alles richten und Gerechtigkeit durchsetzen auch für mich. Gott zeigt
sich nicht in dem Bild, das wir uns so gern von ihm machen. Das ist der tiefe
Sinn von dem Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott. Gott mutet uns
Enttäuschungen, Umwege, Sackgassen, Verluste und Abschiede zu. Zum Menschsein
gehört auch das Leiden und Mitleiden. Gott mutet uns zu, auch einmal Verlierer
zu sein. Er selbst begibt sich auf die Seite der Verlorenen, der Traurigen,
Leidenden. Er ist schwach, verzichtet auf seine Macht, auch um den Preis, dass
wir Menschen ihn da gar nicht verstehen.
Aber andererseits: Gott versteht diese Menschen. Und das ist viel wichtiger.
Darin zeigt Gott seine Göttlichkeit, dass er zu den Menschen geht, dass er
jedem einzelnen ins Herz spricht und sich zu Herzen nimmt. Dass er gerade
nicht Neid und Mißgunst schürt, dass es für ihn ein „Oben und Unten“ nicht
gibt. Gerade darin ist er Gott der Menschen. Jeder ist gleich wichtig. So
kommt Gott zu den Menschen. Sie jubeln ihm zu wie einem Menschen. Sie
mißverstehen, überschätzen und unterschätzen ihn. Sie verfolgen ihn, verraten
ihn. Töten ihn.
Und dennoch bleibt Gott Gott. Er bleibt Gott der Menschen. Weil er bei den
Menschen bleibt. In ihrem Leid, sogar in ihrem Tod. Und weil das so ist, siegt
am Ende doch die Kraft der Ohnmächtigen, die Stärke der Sanftmütigen:
Darum hat Gott Jesus auch erhöht
und ihm den Ehrennamen verliehen,
der ihn hoch über alle stellt.
Vor Jesus müssen alle niederknien -
alle, die im Himmel sind,
auf der Erde und unter der Erde;
alle müssen feierlich bekennen:
Jesus Christus ist der Herr! -
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
Amen.