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Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Lass' los von dieser falschen Sicht

Predigt zum Palmsonntag, 4. April 2004

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe


Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Da sind den Menschen in Jerusalem plötzlich die Augen aufgegangen, als Jesus auf einem Esel dahergeritten kommt.
Leute, die sonst nicht auf einen grünen Zweig kommen, reißen Zweige von Bäumen und Büschen, schwenken sie hoch und werfen sie auf die Landstraße, die grün wird wie eine Wiese.
Zwischen dem Grün leuchten farbige Kleider und Tücher wie Blumenteppiche auf dem Rasen. Vor Freude haben die Leute ihre Obergewänder ausgezogen, schwenken sie hoch, lassen sie wie Fahnen wehen und legen sie nun auf die Erde. Jetzt kommt endlich der Retter. Gott kommt zu den Menschen. Er sieht sie an. Wie ein Mensch einen anderen Menschen ansieht.

Jesus sieht die Menschen. Er ist selbst von seinem hohen Roß heruntergestiegen. Wollte nicht als Gott bewundert werden, sondern als Mensch den Menschen nahe sein. Das ist die ganze Wahrheit über Jesus. Das ist der Kern der frohen Botschaft. Das steht schon im ältesten Bekenntnis der Christenheit, in dem Philipper-Hymnus, den wir bereits als Epistellesung gehört haben, den ich noch einmal einer modernen Übersetzung vorlesen möchte:

 

Er war in allem Gott gleich,
und doch hielt er nicht dran fest,
zu sein wie Gott.
Er gab es willig auf und wurde einem Sklaven gleich.
Er wurde ein Mensch in dieser Welt
und teilte das Leben der Menschen.
Im Gehorsam gegen Gott
erniedrigte er sich so tief,
dass er sogar den Tod auf sich nahm.
ja, den Verbrechertod am Kreuz.
Darum hat Gott ihn auch erhöht
und ihm den Ehrennamen verliehen,
der ihn hoch über alle stellt.
Vor Jesus müssen alle niederknien -
alle, die im Himmel sind,
auf der Erde und unter der Erde;
alle müssen feierlich bekennen:
Jesus Christus ist der Herr! -
So sollen sie Gott, den Vater, ehren.

 

Mich lassen die ersten Sätze nicht mehr los: Jesus hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein. Er wollte nicht ein Gott sein, der fern von den Menschen thront und aus der Distanz über Gute und Böse richtet. Er wollte ein Mensch sein in dieser Welt, der das Leben mit anderen teilt. Jesus ist seinen Weg, Mensch zu bleiben, so konsequent gegangen, dass er sich sogar wie ein Verbrecher hinrichten ließ. Mutet er uns nicht damit zu, alle gängigen Vorstellungen von Gott loszulassen?

Ich wünschte mir, auch mir gelänge es, so von meinen Vorstellungen von Gott loslassen zu können. Ich merke, wie ich einen Gott brauche, der mir Stärke gibt, Kraft, Mut. Von ihm soll Hilfe kommen, von dem, der stärker ist als alle Ängste und Schwächen. Kennen Sie nicht auch diesen Wunsch? Diesen Wunsch nach einem Gott, der stark ist und helfen kann?

Das ist die Sorge um die Gesundheit: Wie sehr das Leben an einem seidenen Faden hängen kann, haben wir doch alle schon einmal erfahren. Und wie schnell es gehen kann, dass jemand abhängig werden wird vom Wohlwollen seiner Mitmenschen, das erleben wir tagtäglich.
Da ist die Sorge im Beruf: Wie schnell geht es, dass jemand der Stuhl vor die Tür gestellt wird.
Da ist überhaupt die Sorge vor der Zukunft: Wo soll das noch alles hingehen? Ist es nicht so, dass die Erfolgreichen immer weniger von Gott wissen wollen und immer mehr sich durchsetzen? Und auf der anderer Seite das Heer der Alten, der Jugendlichen ohne Arbeit, der Kranken und Schwachen, der unschuldig in Not Geratener immer größer wird, die Stimmung immer hoffnungsloser. Hat Gott es nicht besser mit ihnen gemeint? Wo ist da die Gerechtigkeit? Sollte er nicht besser endlich eingreifen, mal „denen da oben“ einen Denkzettel geben, damit sich die sogenannten „kleinen Leute“ besser fühlen.


„Laß los von dieser falschen Sicht“, sagt der Mensch auf dem Esel und blickt uns an. Ein Blick von Mensch zu Mensch. Den Menschen in Jerusalem wurden damals die Augen geöffnet: Der meint ja mich! Der sieht mich ja an, wie ich wirklich bin! Der ist ja gar nicht auf dem hohen Roß, der hat ja einen Blick für meine tiefen Ängste, meine Fehler, meine Sorgen! Der gibt nicht erst den anderen, „denen da oben“, einen auf den Deckel, damit wir uns besser fühlen, der blickt in UNSER Herz und will, dass wir bei uns anfangen, bei unseren Sorgen, Fragen und Ängsten.

Es ist sicher schwer, loszulassen von festen und überkommenen Vorstellungen. Auch von der Vorstellung: Irgendwo da oben gibt es einen Gott, und der wird schon alles richten und Gerechtigkeit durchsetzen auch für mich. Gott zeigt sich nicht in dem Bild, das wir uns so gern von ihm machen. Das ist der tiefe Sinn von dem Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott. Gott mutet uns Enttäuschungen, Umwege, Sackgassen, Verluste und Abschiede zu. Zum Menschsein gehört auch das Leiden und Mitleiden. Gott mutet uns zu, auch einmal Verlierer zu sein. Er selbst begibt sich auf die Seite der Verlorenen, der Traurigen, Leidenden. Er ist schwach, verzichtet auf seine Macht, auch um den Preis, dass wir Menschen ihn da gar nicht verstehen.

Aber andererseits: Gott versteht diese Menschen. Und das ist viel wichtiger. Darin zeigt Gott seine Göttlichkeit, dass er zu den Menschen geht, dass er jedem einzelnen ins Herz spricht und sich zu Herzen nimmt. Dass er gerade nicht Neid und Mißgunst schürt, dass es für ihn ein „Oben und Unten“ nicht gibt. Gerade darin ist er Gott der Menschen. Jeder ist gleich wichtig. So kommt Gott zu den Menschen. Sie jubeln ihm zu wie einem Menschen. Sie mißverstehen, überschätzen und unterschätzen ihn. Sie verfolgen ihn, verraten ihn. Töten ihn.

Und dennoch bleibt Gott Gott. Er bleibt Gott der Menschen. Weil er bei den Menschen bleibt. In ihrem Leid, sogar in ihrem Tod. Und weil das so ist, siegt am Ende doch die Kraft der Ohnmächtigen, die Stärke der Sanftmütigen:

Darum hat Gott Jesus auch erhöht
und ihm den Ehrennamen verliehen,
der ihn hoch über alle stellt.
Vor Jesus müssen alle niederknien -
alle, die im Himmel sind,
auf der Erde und unter der Erde;
alle müssen feierlich bekennen:
Jesus Christus ist der Herr! -

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.

Amen.