Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Pfingsten wird anschaulich in uns als Gemeinde, vor Ort und in der ganzen Welt

Predigt am Pfingstsonntag 2005, 15. Mai 2005

Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe

III. Reihe: Joh 16,5-15

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde!

Heute feiern wir Pfingsten.

Pfingsten – das ist für viele: ein (mehr oder weniger) warmer Frühsommertag, blühende Bäume, Sträucher und Blumen, Vogelgezwitscher, friedliches Miteinander in der Familie, die erste Fahrradtour des Jahres, das erste Picknick des Jahres – wenn denn das Wetter danach wäre... -, endlich längere Tage, die es einem erlauben, auch abends noch auf Terrasse oder Balkon zu sitzen.
Pfingsten – das Fest der Kirche, der Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes – der Anlass und theologische Hintergrund des Festes bleibt seltsam unanschaulich. „Fest der Kirche“, „Geburtstag der Kirche“ – was bedeutet das? „Ausgießung des Heiligen Geistes“ – was passiert da?

Nicht von ungefähr hat das Pfingstfest – anders als Weihnachten und Ostern und sogar Erntedank – keine eigenen „begleitenden Symbole“ wie etwa den Christbaum, die Plätzchen, die Weihnachtsmänner und Nikoläuse zu Weihnachten oder das Ei und den Osterhasen zu Ostern, die Erntegaben am Altar zu Erntedank.

Pfingsten – Anlass und Hintergrund sind uns weniger geläufig als bei den übrigen großen Festen des Kirchenjahres.

Dabei ist der Bericht der Pfingstereignisse, wie wir ihn vorhin in der ersten Lesung gehört haben, durchaus anschaulich und vielen von Ihnen wahrscheinlich als Erzählung oder Bild vertraut:

Der Geist Gottes, der Heilige Geist, kommt auf die Jünger, die alle in einem Haus versammelt sind, herab. Lukas beschreibt dieses Geschehen mit Hilfe von Bildern: ein großes Brausen geschieht, der Geist setzt sich als Feuerzunge auf die Köpfe der Jünger. Er befähigt sie, in unterschiedlichen Sprachen zu predigen; - und so predigen sie, jeder in einer anderen Sprache, was ihnen durch den Geist eingegeben wird. Das Brausen erregt die Aufmerksamkeit anderer Menschen und sie kommen herbei, um zu sehen, was da passiert. Erstaunt und entsetzt registrieren sie, dass zu ihnen allen in ihrer jeweiligen Muttersprache gesprochen wird. Zum Entsetzen kommt Ratlosigkeit: Was hat das zu bedeuten? Oder, wie es in unserer Lutherübersetzung heißt: Was will das werden? Petrus bemerkt die Ratlosigkeit der Menge und beginnt zu ihr zu sprechen und ihr das Geschehen zu erklären: Gott hat seinen Sohn, der tot war, auferweckt und zu sich genommen. Er schickt nun seinen Geist, dies zu bezeugen.

– Petrus zitiert in seiner Predigt eine Psalm Davids, - aus diesem Psalm stammt auch Merlin Hagemanns Taufspruch: „Du führst mich den Weg zum Leben. In deiner Nähe finde ich ungetrübte Freude; aus deiner Hand kommt mir ewiges Glück“.

Die Predigt des Petrus hat ungeahnten Erfolg: dreitausend Menschen lassen sich umgehend taufen. Dieses Ereignis lässt uns heute von Pfingsten als dem „Geburtstag der Kirche“, „Fest der Kirche“ sprechen: die erste Gemeinde ist entstanden.

So anschaulich die Pfingsterzählung als Erzählung ist, schwierig und unanschaulich wird es, wenn man das innere Geschehen des Ereignisses zu begreifen versucht. Wie wirkt dieser Geist Gottes? Was bewirkt er? Wie spüre ich ihn?

Jesus hat vor seinem Tod in seinen Abschiedsreden an die Jünger das Kommen des Geistes angekündigt und hat von der Art seines Wirkens gesprochen. Ein Ausschnitt aus diesen Abschiedsreden Jesu an seine Jünger ist unser heutiger Predigttext, er steht bei Johannes im 16. Kapitel:

[Jesus spricht zu seinen Jüngern:] Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; [und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch] weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;
über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben;
über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;
über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.
Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.
 

Jesus sagt vom Wirken des Heiligen Geistes: er tröstet, er tut der Welt die Augen auf, und: er ist der Geist der Wahrheit.
 

Die Jünger sind todtraurig, als sie von Jesus Abschied nehmen müssen. Jesus mutet ihnen diesen Abschied zu, aber er lässt sie nicht allein: er schickt den Tröster, den Heiligen Geist. Der Geist ist bei den Jüngern an Jesu Statt.
 

Der Heilige Geist tut der Welt die Augen auf: Er lässt Menschen erkennen, dass sie im Angesicht Gottes leben. Er zeigt ihnen, dass Gott es gut mit ihnen meint und sich ihrer annimmt. Er ermutigt Menschen zu einem Leben voller Vertrauen auf Gott, zu einem Leben aus Glauben.
 

Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit: Er weist den Weg zu wahrem Leben, zu einem Leben aus der Liebe Gottes in der Liebe zu Gott und dem Nächsten.
Der Heilige Geist hat Einfluss – auf die Jünger damals und auf uns heute. Er rührt an, verändert, versetzt in Bewegung.
 

Wir können sein Wirken auch hier und heute wahrnehmen: In der Lebendigkeit unseres Gottesdienstes, in der großen Gemeinde, die wir heute morgen sind. Wir erkennen es darin, dass auch heute Kinder im Namen des dreieinigen Gottes getauft wurden und darin, dass Menschen nach einem langen gemeinsamen Weg sich des Segens Gottes - und das heißt auch, des Wirkens seines Geistes - vergewissern und dafür danken.
 

Pfingsten wird anschaulich in uns als Gemeinde, vor Ort und in der ganzen Welt. Dass wir hier sind, in Gottes Namen, sichtbar und hörbar – das ist das Symbol für Pfingsten. Wir, die Gemeinde Christi, sind das sichtbare Zeichen für Pfingsten.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.