
Liebe Schwestern und Brüder,
der Predigttext steht im Titus-Brief im 3.Kapitel. Dort steht geschrieben:
Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres
Heilandes, machte er uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit
willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch
das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist, den er über uns
reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir,
durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach
unsrer Hoffnung.
Soweit unser Predigttext. Gott segne dein Wort an uns allen. Amen.
Große Worte - aber es ist ja auch ein großes Fest, Weihnachten, mit großen
Gefühlen und großartiger Botschaft: Christus ist geboren, Gott kommt in
unsere dunkle Welt, ist die Antwort auf unsere Fragen und Sehnsüchte.
Menschen atmen wieder auf, Kranke fassen wieder Hoffnung, Einsame gewinnen
neuen Mut: sie sind nicht länger allein, weil dieses „Gott kommt“ gerade
ihnen gilt.
Wenige, aber große Worte, diese Textstelle aus dem Titus-Brief. Fast ein
kleiner Katechismus, eine kurze Christenlehre. In dem Weihnachtsevangelium
wird dies, worum es geht, viel bildhafter und anschaulicher beschrieben:
Da ist die Rede von den Engeln, die Hirten auf dem Felde auf den richtigen
Weg bringen. Auch hier in unserer Kirche hängen noch die Engelsflügel aus
der Adventszeit an der Decke. Auch sie sollten uns auf den richtigen Weg
bringen. Engel sind Boten, Zwischenwesen, die zwischen zwei Welten
vermitteln können - der Welt Gottes und der Welt der Menschen.
Engel stehen hoch im Kurs, wir brauchen Engel. Weil diese Vermittlung von
Gott und Mensch so schwierig geworden ist. Weil wir uns nicht mehr die
Zeit und die Muße nehmen, zuzuhören, uns etwas zeigen zu lassen. Wir
Menschen können nämlich nicht durch eigene Kraft und Leistung den Weg zu
Gott finden, das geht nur umgekehrt. Gott muss sich zeigen, Gott muss
kommen. Wenn wir dies begreifen wollen, müssen wir erst selbst in die
richtige Richtung schauen aus der Gott kommt.
Und dazu braucht es Engel. In der Bibel, im Glauben, in der Kunst der
Vermittlung. Engel sind aber Boten. Sie selbst sind nicht wichtig, sondern
die Botschaft, die sie vermitteln. Und deshalb ist es vielleicht gar nicht
schlecht, heute noch einmal diese eher trocknen Worte dieser Glaubenslehre
à la Titus zu hören.
Ein großer Ausblick, ein großer Horizont, den Titus bietet. Er stellt das
Wunder der Menschwerdung von Gottes Sohn in einen großen Zusammenhang.
Gott zeigt sich als der, der er immer war und immer sein wird: freundlich,
liebevoll den Menschen zugewandt, gekommen, selig zu machen, nicht
aufgrund von Werken, sondern allein aus Gnade - nicht gekommen zur Strafe
und Gericht.
Gott kommt als Heiland - er macht die ganze Welt heil, die Zerrissenheit
in uns selbst, zwischen Menschen und Völker, aber auch die in der Natur.
Weihnachten feiern heißt, die Dinge des Lebens - auch des eigenen Lebens -
in einem viel größeren Zusammenhang zu begreifen. Aufzublicken zu den
Sternen - dem einen Stern von Bethlehem - und hineinzuhorchen in sich
selbst, wo immer noch, manchmal ganz leise, fast unhörbar die Stimme des
Engels flüstert: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große
Freude; denn euch ist heute der Heiland geboren...“
Wir werden in den großen Zusammenhang der Taufe als dem Bad der
Wiedergeburt gestellt bis hin zu Pfingsten, der Ausgießung des heiligen
Geistes. So wie das Wasser ist Weihnachten der Urstoff des Lebens. Jesus
macht alles heil - darauf schaut und nicht auf all das große und kleine
Unheil dieser Welt um euch herum, das euch so oft mutlos und traurig
macht.
Ein Gefühl wie Weihnachten - Freundlichkeit, Menschenliebe, Wiedergeburt -
Erneuerung - Gnade - ewiges Leben - Hoffnung (alles Stichworte unseres
Predigttextes), dass sind weite Gedanken, Erweiterungen des Horizontes,
Aufblicke und Ausblicke auf den großen Zusammenhang, an dem auch wir
teilhaben. Zum Schluss zwei Beispiele, vielleicht sagen Sie Ihnen etwas:
In den 60iger Jahren gab es zum ersten Mal Fotos aus dem Weltall auf dem
die ganze Erde als blauer Planet zu erkennen war. Sensationelle Bilder,
die eine große, auch spirituelle Wirkung hatten. Zum ersten Mal konnte die
Menschheit sich als Ganzes sehen und innehalten, auf diesen wunderschönen,
einzigartig und unvorstellbar genial gestalteten Planeten schauen. Für
Menschen, die dafür eine Empfindung hatten, hat dies ehrfürchtiges Staunen
ausgelöst und tut es noch heute.
Zum anderen: vor einiger Zeit war ich in Hamburgs Speicherstadt in einer
wunderschönen Modelleisenbahnanlage, vielleicht haben Sie von ihr schon
einmal gehört. Was mich begeistert hat, war weniger die Technik, sondern
die unglaublich liebevolle und detailgetreue Darstellung von allem, was
unser Leben ausmacht. Man konnte die Gartenparty im Hinterhof, das
Lagerfeuer auf dem Campingplatz, den Marktplatz mit den hastenden Menschen
und schimpfenden Marktbeschickern erkennen, einen Ausbruch aus dem
Gefängnis, eine Liebespaar, einen handfesten Streit - den Erbauern war
nichts Menschliches fremd.
Eine ganze Welt, die man stundenlang betrachten konnte, von oben, aus
einer ganz anderen Perspektive. Und irgendwie wollte keiner gehen. Weil
aus dieser Perspektive auf einmal das eigene ganz alltägliche Leben ganz
anders aussah. Und die Menschen, die menschlichen Situationen, die man
selbst zu gut kannte, auf einmal viel liebenswerter erschien. So kann man
es also auch sehen! Wie schön unsere Welt doch ist, wenn man sie aus einer
erhöhten, neuen Perspektive besehen kann.
Frohe und heilsame Weihnachtszeit, wünsche ich Ihnen, liebe Schwestern und
Brüder. Neue Gedanken, neue Horizonte, dass sich etwas weiten möge, was
bisher eng und verfahren schien. Darauf weisen alle Engel: „Fürchtet euch
nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude; denn euch ist heute der
Heiland geboren...“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
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Kirchengemeinde Bad Lippspringe
11. Januar 2004