Neue Perspektiven

Predigt am Christfest, 25.12.2003

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

 

Liebe Schwestern und Brüder,
der Predigttext steht im Titus-Brief im 3.Kapitel. Dort steht geschrieben:

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte er uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Soweit unser Predigttext. Gott segne dein Wort an uns allen. Amen.

Große Worte - aber es ist ja auch ein großes Fest, Weihnachten, mit großen Gefühlen und großartiger Botschaft: Christus ist geboren, Gott kommt in unsere dunkle Welt, ist die Antwort auf unsere Fragen und Sehnsüchte. Menschen atmen wieder auf, Kranke fassen wieder Hoffnung, Einsame gewinnen neuen Mut: sie sind nicht länger allein, weil dieses „Gott kommt“ gerade ihnen gilt.

Wenige, aber große Worte, diese Textstelle aus dem Titus-Brief. Fast ein kleiner Katechismus, eine kurze Christenlehre. In dem Weihnachtsevangelium wird dies, worum es geht, viel bildhafter und anschaulicher beschrieben: Da ist die Rede von den Engeln, die Hirten auf dem Felde auf den richtigen Weg bringen. Auch hier in unserer Kirche hängen noch die Engelsflügel aus der Adventszeit an der Decke. Auch sie sollten uns auf den richtigen Weg bringen. Engel sind Boten, Zwischenwesen, die zwischen zwei Welten vermitteln können - der Welt Gottes und der Welt der Menschen.

Engel stehen hoch im Kurs, wir brauchen Engel. Weil diese Vermittlung von Gott und Mensch so schwierig geworden ist. Weil wir uns nicht mehr die Zeit und die Muße nehmen, zuzuhören, uns etwas zeigen zu lassen. Wir Menschen können nämlich nicht durch eigene Kraft und Leistung den Weg zu Gott finden, das geht nur umgekehrt. Gott muss sich zeigen, Gott muss kommen. Wenn wir dies begreifen wollen, müssen wir erst selbst in die richtige Richtung schauen aus der Gott kommt.

Und dazu braucht es Engel. In der Bibel, im Glauben, in der Kunst der Vermittlung. Engel sind aber Boten. Sie selbst sind nicht wichtig, sondern die Botschaft, die sie vermitteln. Und deshalb ist es vielleicht gar nicht schlecht, heute noch einmal diese eher trocknen Worte dieser Glaubenslehre à la Titus zu hören.

Ein großer Ausblick, ein großer Horizont, den Titus bietet. Er stellt das Wunder der Menschwerdung von Gottes Sohn in einen großen Zusammenhang. Gott zeigt sich als der, der er immer war und immer sein wird: freundlich, liebevoll den Menschen zugewandt, gekommen, selig zu machen, nicht aufgrund von Werken, sondern allein aus Gnade - nicht gekommen zur Strafe und Gericht.

Gott kommt als Heiland - er macht die ganze Welt heil, die Zerrissenheit in uns selbst, zwischen Menschen und Völker, aber auch die in der Natur. Weihnachten feiern heißt, die Dinge des Lebens - auch des eigenen Lebens - in einem viel größeren Zusammenhang zu begreifen. Aufzublicken zu den Sternen - dem einen Stern von Bethlehem - und hineinzuhorchen in sich selbst, wo immer noch, manchmal ganz leise, fast unhörbar die Stimme des Engels flüstert: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude; denn euch ist heute der Heiland geboren...“

Wir werden in den großen Zusammenhang der Taufe als dem Bad der Wiedergeburt gestellt bis hin zu Pfingsten, der Ausgießung des heiligen Geistes. So wie das Wasser ist Weihnachten der Urstoff des Lebens. Jesus macht alles heil - darauf schaut und nicht auf all das große und kleine Unheil dieser Welt um euch herum, das euch so oft mutlos und traurig macht.

Ein Gefühl wie Weihnachten - Freundlichkeit, Menschenliebe, Wiedergeburt - Erneuerung - Gnade - ewiges Leben - Hoffnung (alles Stichworte unseres Predigttextes), dass sind weite Gedanken, Erweiterungen des Horizontes, Aufblicke und Ausblicke auf den großen Zusammenhang, an dem auch wir teilhaben. Zum Schluss zwei Beispiele, vielleicht sagen Sie Ihnen etwas:

In den 60iger Jahren gab es zum ersten Mal Fotos aus dem Weltall auf dem die ganze Erde als blauer Planet zu erkennen war. Sensationelle Bilder, die eine große, auch spirituelle Wirkung hatten. Zum ersten Mal konnte die Menschheit sich als Ganzes sehen und innehalten, auf diesen wunderschönen, einzigartig und unvorstellbar genial gestalteten Planeten schauen. Für Menschen, die dafür eine Empfindung hatten, hat dies ehrfürchtiges Staunen ausgelöst und tut es noch heute.

Zum anderen: vor einiger Zeit war ich in Hamburgs Speicherstadt in einer wunderschönen Modelleisenbahnanlage, vielleicht haben Sie von ihr schon einmal gehört. Was mich begeistert hat, war weniger die Technik, sondern die unglaublich liebevolle und detailgetreue Darstellung von allem, was unser Leben ausmacht. Man konnte die Gartenparty im Hinterhof, das Lagerfeuer auf dem Campingplatz, den Marktplatz mit den hastenden Menschen und schimpfenden Marktbeschickern erkennen, einen Ausbruch aus dem Gefängnis, eine Liebespaar, einen handfesten Streit - den Erbauern war nichts Menschliches fremd.

Eine ganze Welt, die man stundenlang betrachten konnte, von oben, aus einer ganz anderen Perspektive. Und irgendwie wollte keiner gehen. Weil aus dieser Perspektive auf einmal das eigene ganz alltägliche Leben ganz anders aussah. Und die Menschen, die menschlichen Situationen, die man selbst zu gut kannte, auf einmal viel liebenswerter erschien. So kann man es also auch sehen! Wie schön unsere Welt doch ist, wenn man sie aus einer erhöhten, neuen Perspektive besehen kann.

Frohe und heilsame Weihnachtszeit, wünsche ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder. Neue Gedanken, neue Horizonte, dass sich etwas weiten möge, was bisher eng und verfahren schien. Darauf weisen alle Engel: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude; denn euch ist heute der Heiland geboren...“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

 

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11. Januar 2004