
Augen, die tiefer sehen. Augen, die Gott geöffnet hat
Predigt zum 1. Christtag, 25. Dezember 2005
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
IV.Reihe: 1.Johannes 3,1-6
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
fröhliche Weihnachten! Haben Sie in der Heiligen Nacht das Christkind
gesehen? Oder zumindest einen kleinen Engel? Nein, natürlich nicht,
denken Sie? Aber ein paar lächeln verschmitzt ... vielleicht habe ich
doch da so etwas gesehen ... In der Heiligen Nacht, also in der ersten
Heiligen Nacht, als Jesus, der Sohn Gottes geboren wurde, da hat der
Himmel die Erde berührt. Und da konnten die Menschen ganz wunderbare
Dinge erleben. Noch heute lässt der Zauber dieser Nacht die Menschen
ebenfalls Wunderbares sehen - wobei es mit dem Sehen so eine Sache
ist. Beweisen kann man da nichts. Auch die neue, tolle Digital-Kamera
kann das nicht aufnehmen, was die inneren Augen erblicken können. Auf
das richtige Sehen kommt es also an. Und da sind wir bei unserem
Predigttext 1.Johannes 3, 1-6:
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder, es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünde wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.
Johannes schreibt immer wieder von dem richtigen Sehen: Was die
„normale“ Welt nicht sehen kann, erkennen schon Gottes Kinder - das
sind solche Menschen, denen das richtige Sehen geschenkt ist. Dass
nämlich Gott zu den Menschen gekommen ist, aus lauter Liebe; ja, dass
seine Liebe menschliche Gestalt angenommen hat in Jesus Christus. Na
gut, das ist noch eine Erkenntnis, die hört sich nach einer
Lehrmeinung an, da lässt es sich eventuell noch zustimmen.
Aber Johannes geht einen gewaltigen Schritt weiter. Er schreibt ja:
Nicht genug, dass Gott in seinem Sohn Jesus Mensch geworden ist, viel
mehr sind wir alle Gottes Kinder - und zwar nicht erst irgendwann in
ferner Zukunft, sondern schon jetzt und hier. Wir können wie Jesus
sein, ihm gleich, wir können sündlos leben wie er, Wunder tun, heilen,
Frieden stiften, wahrhaft lieben, weil wir vorbehaltlos von Gott
geliebt sind. Wir sind Gottes Kinder, auserwählt, herausgehoben, ein
für allemal, und zwar deshalb, weil Jesus Gottes Sohn ist, und er uns
zu seinen Schwestern und Brüdern macht.
Vielleicht denken Sie jetzt, da glaub ich doch lieber an das
Christkind als daran, dass die Christen 100% Kinder Gottes sind,
sündlos, befreit, wundertätig und friedensstiftend und liebenswert. Da
sehe ich doch ganz etwas anderes. Da sehe ich Christen, bei denen es
nur allzumenschlich zugeht. Da gibt es handfeste Sünder, da gibt es
Streit und da geht es nicht immer geschwisterlich zu. Das ist auch
richtig, und der Apostel Johannes würde es auch gar nicht bestreiten.
Er sagt: „So ist das äußere Erscheinungsbild der Christen. So sieht es
die ‘normale’ Welt. Es gibt aber auch ein anderes Sehen. Ein Sehen,
das allein Gott schenken kann. Ein Sehen durch das äußere
Erscheinungsbild hindurch. Hinter die Kulissen sozusagen. Und wem ein
solches Sehen geschenkt ist, der erlebt ein blaues Wunder. Der sieht
plötzlich Seiten an den Menschen, die vorher anscheinend verborgen
waren. Der sieht etwas zutiefst Schönes, Versöhntes, Friedvolles,
Wunderbares. So etwas wie einen göttlichen Funken in einer ansonsten
dunklen und kalten Welt.“
Gerade an den Tagen um Weihnachten kann man das erleben. Da machen
Menschen ihr Portemonnaie auf und geben gern an andere ab. Da gehen
Menschen auf andere zu, strecken die Hand aus, bedanken sich,
versöhnen sich, vergeben sich. Mir persönlich ist das in den letzten
Tagen mehrfach so gegangen, dass ich das erlebt habe. Ich habe soviel
Herzlichkeit erlebt, mitten in aller Trauer auch, denn es gab auch
viel Leid, viel Schweres in den letzten Tagen in unserer Gemeinde. Es
gab soviel unkomplizierte Hilfe, einen Anruf, könntest du einmal das
und das tun ... selbstverständlich, aber gerne! Da klingelte es an der
Tür, da wollte jemand „fröhliche Weihnachten“ wünschen und erzählte,
dass er nun über 4 Jahre keinen Alkohol mehr trinke, er wieder einen
festen Beruf habe und es ihm richtig gut ginge. „Wissen Sie, Herr
Pfarrer, was mir die Kraft dazu gegeben hat? Es war immer wieder ein
Satz, den mir mein Betreuer gesagt hat: Nicht aufhören zu kämpfen und
dem Wunder wie einem Vogel leise die Hand hinhalten...“
Anrührende Ereignisse, friedvolle, versöhnliche Geschichten. Ich
dachte irgendwann: Warum gibt es dir nur zu Weihnachten und nicht
sonst im Jahr? Und dann musste ich lächeln: Vielleicht gibt es ganz
viele solche Ereignisse und friedvolle, versöhnliche Geschichten auch
das ganze Jahr über. Vielleicht sehe ich sie nur an Weihnachten.
Vielleicht ist doch so, dass wir viel mehr Gottes Kinder sind, ganz
tief in unseren Herzen, aber sehen viel zu wenig davon, weil wir
falsch schauen - nur auf die Oberfläche, nur auf das, was nicht
gelungen, was fehlerhaft, unvollständig ist, eben so, wie die „normale
Welt“ sind.
Gott schenke uns Augen, die tiefer sehen. Augen, die Gott geöffnet
hat. Sie mögen in Herzen schauen, die Gott ebenso geöffnet hat. Und
dann gelingt es uns auch, nicht aufzuhören damit, auf Wunder zu
warten, schon jetzt zu sehen, dass jeden Tag neu ein Wunder auf unsere
geöffnete Hand fliegt, leise, wie ein Vogel, den unsere von Gott
geöffneten Augen erkennen.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn.
Amen.
Was siehst du?*
Der heilige Jakob war mit einem Schüler unterwegs in den Bergen. Als
es dämmerte, errichten sie ihr Zelt und fielen müde in den Schlaf. Vor
dem Morgengrauen wachte Jakob auf und weckte seinen Schüler. „Öffne
deine Augen“, sagte er, „und schau hinauf zum Himmel. Was siehst du?“
„Ich sehe Sterne, Vater“, antwortete der schlaftrunken. „Unendlich
viele Sterne.“ „Und was sagt dir das?“ fragte Jacob. Der Schüler
dachte einen Augenblick nach. „Dass Gott, der Herr, das große Weltall
mit all seinen Sternen geschaffen hat. Ich schaue hinauf in den Himmel
und fühle mich dankbar und demütig angesichts dieser unendlichen
Weiten. Wie klein ist doch der Mensch und wie wunderbar sind die Werke
Gottes. „ „Ach, Junge“, stöhnte Jakob, „Mir sagt es, dass jemand unser
Zelt gestohlen hat!“
* 2 Geschichten aus: Typisch! Kleine Geschichten für
andere Zeiten, Andere Zeiten e.v. Hamburg 2005
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.01.06