
Einander annehmen, wie wir wirklich sind
Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 27. August 2006
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.
Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden - ist dann Christus ein Diener der Sünder? Das sei ferne!
Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufrichte, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter. Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt.
Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.
Gott segne unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Hier oben auf der Kanzel zu stehen und etwas zu einem Bibeltext zu
sagen, wenn er von dem Kaliber ist wie der eben verlesene - da komme
ich mir zuweilen ganz schön überfordert vor. Enthält dieser Text doch
das, was man in der Theologie die "Rechtfertigungslehre" nennt. Und
über diese Lehre wurden seit Martin Luther so viele Wälzer
theologischer Literatur geschrieben, mit denen ganze Lastwagen beladen
werden könnten.
Und jetzt soll ausgerechnet ich in 15, aber bloß nicht über 20 Minuten
Predigt die rechten Worte finden! Wenn unser Text doch eine
Wundergeschichte oder ein Gleichnis wäre, da ließe sich etwas
Anschauliches erzählen. Aber angesichts dieser Lasten theologischer
Tradition werde ich ganz ratlos.
Immerhin bewahrt Sie, liebe Schwestern und Brüder, meine Ratlosigkeit
davon, dass Sie jetzt hier eine Lehre erteilt bekommen sollen.
Vielmehr will ich ganz bescheiden nachzuerzählen versuchen, wie dieser
Text entstanden ist.
Paulus berichtet von einem Streit, den er in Antiochien mit dem großen
Apostel der ersten Christenheit, niemand Geringerem als dem Simon
Petrus, dem Jünger Jesu, hatte. Petrus ist derjenige gewesen, der das
erste große Zeichen zum Aufbau des Gottesvolkes gegeben hatte. In Tod
und Auferstehung Jesu hatte er Christi Gottes großes und vor allem
bedingungsloses JA zu allen Menschen begriffen. Und er ging hin zu den
Heiden, verkündigte ihnen das Evangelium und taufte sie - und er hielt
Tischgemeinschaft mit ihnen, aß und trank und feierte das Heilige
Abendmahl. Das ging solange gut, bis da plötzlich Menschen
auftauchten, die zuvor Juden gewesen waren, als sie auf den Namen Jesu
getauft wurden. Sie waren gewohnt, sich an das alte Gesetz des Mose zu
halten - und das verbot das gemeinsame Essen mit Nichtjuden, die sich
ja nicht an die jüdischen Speisegebote hielten.
Und nun tut Petrus etwas, was bei Paulus den frommen Zorn hervorruft.
Petrus sondert sich von den Heidenchristen ab, verlässt die
Tischgemeinschaft, verzichtet auf das gemeinsame Abendmahl und
vermeidet so den Konflikt mit den Judenchristen.
Ein absolut alltägliches Verhalten. Erheben wir uns bloß nicht über
den Petrus und sagen, so etwas könnte uns nicht passieren. Unser Thema
ist sicher nicht mehr die Bedeutung des mosaischen Gesetzes. Aber die
öffentliche Meinung ist doch sogleich mit Anklagen da, wo etwas nicht
den gewohnten Gang geht! Christlicher Glaube gut und schön - aber
bitte nicht die Welt verändern wollen! Allein der Glaube bringt es
doch nicht, es muss doch vor allem anständiges Leben und gepflegtes
Benehmen hinzukommen! Ganz schnell sind wir bei einem Denken: Nicht
Christus allein schafft das Heil, es muss noch etwas hinzukommen:
Christus und unsere frommen Werke; Christus und unsere Weltanschauung.
Am Beispiel der Deutschen Christen im Nazi-Reich können wir sehen,
wohin das führt, wenn es nicht mehr heißt: Christus allein ist das
Heil, sondern: Für Christus und das Vaterland, Für Christus und den
Führer. Solche "Christus und ... Haltungen" führen zu schlimmen
Absonderungen und Verirrungen.
Damals ist der Apostel Paulus angesichts solcher Inkonsequenz in der
Annahme von Gottes Gnade explodiert. In aller Öffentlichkeit
bezichtigt er den Petrus - man stelle sich das vor! - der Heuchelei
und dass er sein Fähnchen nach dem Wind richte! Was er damals dem
Petrus ins Gewissen geredet hat, dass ist unser Predigttext:
Zum ersten: Gerade weil du, Petrus, und ich, Paulus, Juden sind,
kennen wir das Gesetz des Mose und wissen doch genau, dass wir es
nicht halten können. Wenn wir aus eigener Kraft, durch unsere Werke
nämlich, gerecht werden wollten, so wäre es schlecht um uns bestellt.
Das wissen wir doch deshalb, weil wir erst in Tod und Auferstehung
Jesu erfahren, dass Gott uns annimmt, so wie wir sind, dass uns allein
die Gnade Gottes gerecht macht. Diese Gnade Gottes ist die Grundlage
all unseres Handelns, unserer Hoffnung, unserer Freiheit, unseres
Lebens. Allein das ist doch unser Vorteil gegenüber den Nicht-Juden:
Sie kennen nicht das Gesetz des Mose, wissen nicht was bei Gott gut
und böse ist. So wissen sie auch nicht, was Schuld bedeutet. Deshalb
können sie nicht die volle Größe der Gnade ermessen, die Gott uns
erweist, wenn er unsere Schuld nicht anrechnet.
Lieber Petrus, der du so leichtfertig inkonsequent bist mit der Gnade
Gottes, es geht nur das eine oder das andere: Entweder du berufst dich
auf die Tatsache, dass du so ein eifriger Nachfolger des Gesetzes bist
- dann aber verwirfst du die Gnade Gottes. Dann nämlich versuchst du,
aus eigener Kraft gerecht zu werden - und du weißt so gut wie ich,
dass das nicht geht. Wenn du aber sagst, Jesus Christus hat mich
gerecht gemacht, er ist für mich gestorben und Gott hat ihn
auferweckt, dann lebst du erst richtig, weil dein Leben Anteil hat am
Leben Christi, und du bist frei von allen Versuchen, selbst gerecht
werden zu wollen.
Wir sehen, liebe Schwestern und Brüder, es geht um die Grundlage des
Glaubens an Jesus Christus überhaupt, darum, was Christen von
Nicht-Christen unterscheidet, was Christen haben - oder besser: haben
sollten - und Nicht-Christen eben nicht. Wer glaubt, dass Jesus
Christus für ihn gestorben und auferstanden ist, der lebt aus der
Gnade Gottes heraus. Ja, der erkennt auf einmal, dass es ihm ganz
unmöglich ist, aus eigener Kraft, durch eigene Werke gerecht zu
werden. Denn das schließt ja einander aus: Entweder ich versuche,
durch ein besonders erfolgreiches und auch frommes Leben, mir
Anerkennung und Gerechtigkeit zu verdienen - oder ich stelle mich
unter die Gnade Gottes, gestehe mir ein, wie ich bin, mit all meinen
Fehlern, meiner Schuld. Ich bin angenommen, so wie ich bin - und nicht
erst, wenn die öffentliche Meinung mich annimmt.
Nicht diese öffentliche Meinung bestimmt, was ich wert bin. Es ist die
Gnade Gottes, die Tatsache, dass Jesus Christus für mich gestorben
ist, die mich davon befreit, immer vom Erfolg meiner eigenen Leistung
abhängig zu sein.
Nun ist aber grundverkehrt, sich deshalb auf die faule Haut zu legen,
sondern es ist, wie Martin Luther sagt: "Weil du im Glauben an Jesus
Christus angenommen bist, durch den du gerecht wirst, so gehe hin und
liebe Gott und den Nächsten." Wir sollen also genau das tun, worin es
Petrus an Konsequenz hat vermissen lassen.
Es ist ein Skandal, anders kann man es nicht ausdrücken, dass noch
immer christliche Kirche sich den gemeinsamen Empfang der Gaben im
Abendmahl vorenthalten. Wo Jesus keine Vorbedingungen für den Empfang
seiner Gaben gestellt hat, handeln wir Menschen nicht in seinem Sinne,
wenn wir solche aufstellen.
Es ist ein Skandal, wenn in der Kirche, die doch eine Gemeinschaft der
durch Jesus gerechtfertigten Sünder sein soll, immer wieder
Absonderungen stattfinden. Setzen wir nicht immer wieder unsere
Lebensweise absolut? Menschen, die von außen unsere Gemeinde, unsere
Kirche sehen, bemerken, wie sehr wir allzu oft in kleine, abgesonderte
Grüppchen zerfallen. Da gibt es Fromme, die viel für ihr Frommsein tun
- und es gibt politisch Aktive, die sich immer wieder für andere
einsetzen: Sondert euch nicht ab, denn die Weltanschauung macht es
nicht, sondern nur Christus. Da gibt es die Alt-Eingessenen, die sich
auf die Tradition berufen - und es gibt die neu Dazugekommenen, die
nach Veränderung drängen - sondert euch nicht ab, denn nicht äußere
Formen, nicht Herkunft, Kleidung oder Manieren machen es, sondern nur
Christus. Da gibt es die Ordentlichen, die Erfolgreichen, die aus
gutem Haus - und da gibt es die Versager, die mit einem unglücklichen
Leben, die in kein Schema passen oder die so furchtbar unauffällig und
langweilig sind: sondert euch nicht ab. Es mag Unterschiede geben in
Sympathie und Antipathie, das ist menschlich. Aber das darf kein Grund
sein, sich abzusondern.
Ich habe bewusst diesen Begriff jetzt einige Mal gebraucht, denn
"absondern" heißt im Hebräischen "Parasch", davon kommt der Ausdruck
"Pharisäer". Denn die Pharisäer waren ja die Gruppe, die meinte, durch
Absonderung von den gewöhnlichen Menschen ein Gott wohlgefälliges
Leben am ehesten erreichen zu können. Aber der Pharisäer, der im
Tempel betet: "Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser
Zöllner!" - er wird von Gott verstoßen, und der Zöllner, der nichts
hat als das Bekenntnis seiner Sündhaftigkeit, der ist vor Gott
gerecht.
Weil Gott uns so liebt wie wir sind, darum können wir auch einander
lieben - also so annehmen, wie wir wirklich sind, ohne uns in
irgendeiner Weise absondern zu wollen. Davon haben wir heute gehört.
Weil es die bedingungslose Gnade Gottes ist, die uns gerecht macht,
und nicht unsere eigene Leistungskraft, darum ist keine Last zu
schwer, keine Ratlosigkeit endlos und keine Schranke unüberwindbar.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 29.08.06