Liebe Gemeinde,
Kain und Abel- wer würde diese Geschichte nicht kennen?
Schnell ist es gegangen, vom „Siehe es war sehr gut“ der
Schöpfungsgeschichte über die Vertreibung aus dem Paradies bis hierhin:
zur ersten Gewalttat in der Geschichte der Menschen.
Kain und Abel- wer würde diese Geschichte dann nicht auch liebend gern
ungeschehen machen? Kain stoppen und Abel retten?
Aber wohl die meisten von Ihnen hier wissen ja auch, dass diese
Geschichte kein Erlebnisbericht ist. Sie beschreibt auch nicht ein
konkretes Ereignis im Jahr 1 nach Eden, sondern viel mehr als das.
Kain und Abel gehört zur Urgeschichte des Menschen, wie die Bibel sie
erzählt: Urgeschichte, nicht nur, weil es um die allerersten Menschen
geht, sondern um das Menschsein als solches. Die Geschichte von Kain und
Abel zeigt die Möglichkeit des Menschen auf, Gutes zu tun oder Böses,
Leben zu schaffen oder Leben zu beenden. Am Beispiel zweier Brüder wird
die Tragweite dieser Möglichkeiten aufgezeigt mit all ihren Folgen: Tod
und Vertreibung statt Leben und Heimat. Die Erde als Ort für Unstete und
Flüchtige, oder die Erde als „Spiegel des Himmels“?Das ist das, was auf
dem Spiel steht, für Kain und Abel, vielleicht auch für uns!
Lassen Sie uns noch einmal einsteigen, liebe Gemeinde, in die
Geschichte, ihre Personen, ihr Geschehen.
Die Erde, das Land, der Ackerboden- sie spielen eine besondere Rolle in
dieser Erzählung. Kain, der Erstgeborene Evas, der erste Mensch, der
überhaupt geboren wird -dem Ewa mit Gottes Hilfe das Leben gegeben hat-
ist ein Ackerbauer, Abel wird Schäfer, Viehhirte. Und so sehen manche
Ausleger in dieser Geschichte den Konflikt zwischen Ackerbauern, die
seßhaft ihre Felder schützen, und den Viehhirten, die als Nomaden ihre
Tiere mal hierhin, mal dorthin treiben. Auf jeden Fall sind es
tatsächlich die Ursprungsberufe in der frühen Menschheitsgeschichte,
soviel ist klar.
Kain- das kann ein hebräisches Wortspiel aus Evas Mund sein: Kaniti, ich
habe einen Mann gewonnen, erinnert aber vielleicht auch an „Schwert“
oder „Lanze“. Und Abel? Erinnern Sie sich noch an die Bibelwoche dieses
Jahr, und an das Wort aus dem Predigerbuch, das immer wieder im
Mittelpunkt stand? „Häwel“ war das Wort, Windhauch, Vergänglichkeit- das
ist der Name Abel. Er bleibt nicht- sein Leben ist kurz.
Dann: „Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und
sein Opfer sah er nicht gnädig an“: Kein Wort zum Warum. Keine Erklärung
für Gottes Verhalten. Sichtbar wohl: die gnädige Annahme des Opfers, der
Wohlstand Abels, das Gedeihen der Herden. Sichtbar: kein Ertrag auf dem
Feld Kains, keine Ernte in der Scheune, kein Brot und kein Mehl. Das
heißt: Gnädig angesehen werden oder eben nicht. Ohne ein „Darum“!
Sichtbar: das Gelingen unseres Lebens, oder das Nichtgelingen.
Gesundheit- oder Krankheit. Glück und Erfolg- oder Misserfolge und
Rückschläge. Wer gibt uns die Antwort auf die Frage nach dem Warum?
Hoffentlich nicht einer, der uns sagt: Weil Gott dich weniger liebt als
den anderen. Hoffentlich nicht einer, der uns sagt: Das ist die Strafe
für dein Verhalten.
Wer gibt uns eine Antwort auf die Frage nach dem Warum? Hoffentlich
einer, der wie Gott fragt: Was ist dir passiert? Was macht dich so
wütend?Hoffentlich einer, der mich anhört und ernst nimmt in dem, was
mich niederdrückt. Einer, der mir zeigt, dass ich noch Möglichkeiten
habe, mit meinem Schicksal umzugehen. Dass ich Gott noch nah bin. Dass
Gott mir noch nah ist.
O Kain, möchte ich sagen. Sprich doch mit Gott! Gott spricht doch auch
mit dir! Er macht dir Mut. Er zeigt dir die Stärke, die du hast.
„Herrsche über die Sünde, das Böse in deinem Herrschen“.
Hoffnung kann aufkeimen: Kain spricht, wenn schon nicht mit Gott, dann
wenigstens mit Abel. Aber Kain hat sich schon anders entschieden. Er hat
gewählt. Er erschlägt Abel, den Windhauch, vergänglich. Und wird zum
Täter des Bösen.
„Wo ist dein Bruder Abel? Gott lässt das Gespräch mit Kain noch immer
nicht abbrechen. „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“, lautet die
Antwort.
Soll ich meines Bruders Hüter sein? Der bekannteste Satz aus der ganzen
Geschichte. Trifft er den Kern? Ist es das gleiche, der Hüter des
Bruders zu sein und ihn nicht zu töten? Ist das eine nicht die
Minimalforderung, das andere die Luxusvariante?
Und Ich? Soll ich der Hüter meiner Geschwister sein? Reicht es schon,
wenn ich an niemanden konkret die Hand anlege. Dann sind wir alle hier
auf der sicheren Seite. Oder wie weit geht das Behüten, das Kümmern, das
Tun? Wie weit reicht meine, Ihre Verantwortung für den anderen hier auf
der Erde? Darauf gibt diese Geschichte keine Antwort. Darauf antwortet
schon eher das Evangelium vom heutigen Sonntag.
Und weiter: Ist Gott nicht mitverantwortlich? Eine jüdische
Auslegungstradition lässt Kain fortfahren: Soll ich meines Bruders Hüter
sein? Du bist doch Gott. Du hast den Menschen geschaffen. Es ist deine
Aufgabe, über ihn zu wachen, nicht meine. Wenn ich nicht hätte tun
sollen, was ich getan habe, hättest du mich daran hindern können“. Wo
ist Gott, wenn Menschen Gewalt ausüben? Wo war er vor 5 Jahren, am 11.
September, wo ist er heute im Irak, in Afghanistan, im Libanon?
Aber diese Frage, die Frage nach Gott, nimmt uns unsere Verantwortung
nicht ab. Gottes Frage bleibt auch: Wo ist dein Bruder Abel?
Das Ende der Geschichte: Gott stellt sich auf die Seite des Opfers, des
Schwachen. Diesen Gott kennen wir. Die Erde, die er geschaffen hat,
bewahrt das Blut Abels, gibt ihm eine Stimme, wird zum Ort der Strafe
für Kain.“Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.“
Aber Gott greift auch ein: gegen noch mehr Gewalt. Den, der hier zum
Täter geworden ist, lässt er nicht zum Opfer werden. Er schützt ihn mit
seinem göttlichen Zeichen. Kain darf leben- trotz seiner falschen,
schrecklichen Wahl für das Böse.
Liebe Gemeinde,
die Geschichte von Kain und Abel zeigt die Möglichkeit des Menschen auf,
Gutes zu tun oder Böses, Leben zu schaffen oder Leben zu beenden. Tod
und Vertreibung heraufzubeschwören statt Leben und Heimat. Die Erde als
Ort für Unstete und Flüchtige, auf der das Blut der Opfer schreit, oder
die Erde als „Spiegel des Himmels“.
Wahrscheinlich sind wir irgendwo mittendrin. Meist zwischen Himmel und
Erde. Wir sehen die Opfer, wir fragen uns nach unserer Schuld. Wir
fragen uns nach der Gerechtigkeit Gottes, aber auch nach unseren
Möglichkeiten in einer unüberschaubaren Welt.
Und so möchte ich schließen mit dem Psalm 112, dem Psalm unseres
Sonntags, in Worten, die Hanns-Dieter Hüsch ihm gegeben hat.
Tröstet die Traurigen,
greift den Armen und die Arme.
Bringt die Einsamen zusammen,
besucht die Kranken.
Ihr bringt die Freude Gottes in ihr Haus- mit einem Lächeln.
Ihr seid das Licht der Welt.
Verschließt eure Türen nicht.
Schließt auf für Freund und Feind, denn eure Liebe hat Hand und Fuß und
ein Gesicht- Ihr seid das Salz de Erde.
Haltet schützend die Hände über die,
die schwach und elend sind.
Schafft Raum für Freund und Feind.
Bringt ihnen die Freundlichkeit Gottes entgegen.
Ihr seid Gottes Kinder.
Lebt mit neuen Gedanken einen neuen Glauben.
Seid ein Echo des Himmel hier auf der Erde.
Ihr verwandelt das Böse in das Gute.
So werdet ihr zum Spiegel des Himmels.
Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 02.11.06