
Die frohe Botschaft oder Ein Werbe-Slogan für 2006
Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias, 8. Januar 2006
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Wißt ihr noch, Brüder und Schwestern, wie es war, als ihr Christen wurdet, als Gott euch berief? Da waren nicht viele, die unter Menschen als weise gelten würden, nicht viele, die Macht hatten, nicht viele mit adligem Stammbaum. Gott hat aus allen Menschen eher die weniger klugen gewählt, um die sogenannten Weisen zu beschämen. Er hat die Benachteiligten gewählt, um die Privilegierten zu blamieren. Er hat die Nichtadligen und die Verachteten erwählt, die nichts gelten, um das, was Geltung und Status hat, zu nichts zu machen. Denn kein Mensch soll sich vor Gott hinstellen und sich brüsten. Doch euch hat Gott durch Jesus Christus berufen. Jesus stellt sich vor uns, durch ihn sind wir als Gerechte angenommen, als Heilige sind wir Gottes Eigentum, befreit von Sünde und Tod. So steht es schon in der Schrift: „Stolz sein darf man nur auf das, was Gott selbst geschenkt hat, nur auf Gott selbst.“ (Übersetzung Klaus Berger, Christiane Nord, 1999)
Der Herr segne unser Reden und unser Hören. Amen.
Parteien in der Gemeinde, die mit Spaltung drohen, sie gibt es wohl
nicht so in unserer Gemeinde. Aber es gibt Gruppen und Gruppierungen,
die doch ziemlich nebeneinander her existieren, ohne dass die eine
viel mit der anderen zu tun hätte. Und es gibt Personen,
Persönlichkeiten, die andere um sich scharen, auf die andere hören,
deren Meinung und Einfluss wichtig sind. Das ist ja auch nicht weiter
schlimm, das ist einfach menschlich. Und Kirche ist immer auch eine
Versammlung von Menschen, und in ihr soll es auch menschlich zugehen.
Menschlich - aber eben nicht nur. Es gibt noch etwas anderes, auf dem
Kirche beruht und was Kirche ausmacht. Etwas, was die Kirche von
anderen Vereinen mit Menschen unterscheidet. Paulus sagt: „Schaut doch
mal auf euer äußerliches Erscheinungsbild? Was habt Ihr zu bieten?
Womit wollt Ihr wirken, Eindruck machen? Was ist es, von dem Ihr
wollt, dass andere es auch erkennen und euch folgen?“
Paulus macht im Kern nichts anderes, als dass er die Frage nach den
Leitzielen, der Gemeindekonzeption stellt. Es ist die Frage, was denn
im Kern Kirchengemeinde eigentlich ist.
Eine gute Methode, dieses Leitziel herauszuarbeiten, ist, sich
vorzustellen, was denn die Botschaft für die Gemeinde wäre, wenn sie
eine Werbekampagne starten würde. Es geht jetzt nicht darum, ob Kirche
überhaupt werben solle, aber stellen wir uns einmal vor, wir hätten
einen Satz, den wir auf ein Plakat bringen sollten, der unsere
Gemeinde beschreibt! Das ist gar nicht so leicht, aber das ist eine
gute Sache, sich dies vorzustellen; denn es ergibt sich sofort die
Diskussion, was denn das Wichtigste, das Eigentliche ist, was unsere
Gemeinde ausmacht. Vor Jahren haben wir das in unserer Gemeinde schon
einmal versucht, aber trotz sehr hoffnungsvoller Ansätze ist dies
leider im Sande verlaufen. Schade eigentlich, aber in diesem Jahr
müssen wir bestimmt dieser Frage stellen: Was ist das Zentrale, das
Wichtigste unserer Kirchengemeinde?
Paulus jedenfalls kann uns bei der Beantwortung dieser Frage auch noch
nach 2000 Jahren helfen. Er sagt: „Schaut euch doch einmal erst selbst
an. Wer ist in eurer Gemeinde? Es sind nur wenige Kluge, Reiche,
Adlige. Es sind ganz normal Menschen. Nichts besonderes. Aber gerade
das ist das Besondere. Ihr seid wie ein Transparent, durch das Gottes
Licht hindurch scheinen will. Nicht Euch selbst, weil Ihr so toll
seid, setzt in den Mittelpunkt - sondern den, der Garant der Einheit,
der Freiheit, des Glaubens - eben der Kirche ist.“
Also, um gleich einem Mißverständnis zu wehren: Paulus ist hier nicht
der große Gleichmacher. Er ist vielmehr ein ehrgeiziger und
leistungsorientierter Mensch. Und so stimmt es auch nicht, dass die
ersten Christenheit nur aus ungebildeten Außenseitern und Verlierern
bestand. Immerhin konnten sie lesen, und Paulus mutete ihnen seine uns
heute noch Kopfzerbrechen bereitenden Briefe zu. Es gab auch reiche,
es gab eigentlich alle Schichten. Gemeinsam war den ersten Christen,
dass sie in Jesus, dem Gekreuzigten das große JA Gottes begriffen, das
JA Gottes zu den Schwachen, zu denen, die sich und anderen „nichts
sind“.
Das ist das Eigentliche: das Kreuz Christi. Wer sich selbst als von
Gott angenommen weiß, kann auch seine eigene Schwachheit annehmen.
Kann gelassen in die Zukunft schauen, muss sich nicht krankhaft
beweisen wollen. Kann auch eigene Defizite und Grenzen anerkennen -
und wird damit barmherzig umgehen. Und wer wieder das kann, wir auch
mit den Grenzen der anderen barmherzig umgehen. Weil Gott uns
angenommen hat, können wir andere annehmen. Weil uns vergeben wurde,
können wir anderen vergeben.
Werbeslogans für eine solche Gemeinde könnten sein:
„Es macht uns den Weg frei - das Kreuz Jesu.“
„Wir können nicht alles - außer was Jesus kann.“
„Nichts ist unmöglich - weil Gott vergibt.“
„Immer da, immer nah - die Liebe Gottes.“
„Niemand soll ohne einen Funken Barmherzigkeit von hier weggehen.“
„Jesu neues Leben durch das Kreuz - nie war es so wertvoll wie heute.“
Nageln Sie mich nicht auf diese Slogans fest, so ernst sind sie nicht
gemeint. Versuchen Sie vielleicht selbst einmal in einem Satz zu
sagen, was denn Ihrer Meinung nach das Eigentliche unserer
Kirchengemeinde ist, das was alle Spaltungen oder alles
Nebeneinanderher überwindet, was im guten Sinne Eindruck macht auf
andere Menschen, die noch nicht die volle Begeisterung einer
lebendigen Kirchengemeinde teilen können. Vielleicht schreiben Sie
diesen Satz auf, teilen ihn uns mit, sagen ihn weiter. Auf jeden Fall
sollte es etwas sein, was Menschen einlädt, anspricht, ermutigt,
tröstet und auffängt. Denn dann können wir uns ganz und gar auf den
Apostel Paulus berufen: „Denn kein Mensch soll sich vor Gott
hinstellen und sich brüsten. Doch euch hat Gott durch Jesus Christus
berufen. Jesus stellt sich vor uns, durch ihn sind wir als Gerechte
angenommen, als Heilige sind wir Gottes Eigentum, befreit von Sünde
und Tod.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 07.01.06