
... du suchst und du findest uns!
Predigt zum 2. Advent, 4. Dezember 2005
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
IV.Reihe: Jesaja 63, 15-16[17-19a]19b; 64, 1-3
So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.
Warum lässt du uns, Herr, abirren von deine Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!
Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! - und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.
Manchmal scheinen wir den Kontakt zu Gott verloren haben. Es gibt
diese Situationen. Wir dürfen sie aussprechen, beim Namen nennen.
Dieser sehnliche Wunsch ist doch auch heute noch da: Gott, komm
doch endlich vom Himmel herab, verstecke dich nicht länger, lass uns
nicht allein in unserer Angst.
Vorbei ist die Naivität zu glauben, dass Gott schon alle Dinge richtig
macht. Zweifel macht sich breit: Wie kann Gott zulassen, dass soviel
Unrecht, soviel Leid in der Welt geschieht. Der Himmel scheint so oft
verschlossen, wir sehnen uns nach Gottes Eifer und Macht, doch endlich
den Friedenstiftern, den Sanftmütigen, den Mühseligen und Beladenen zu
ihrem Recht zu verhelfen. Unser schwacher Glaube an den gerechten Gott
droht verloren zu gehen.
Sicher, wenn wir ehrlich sind, geben wir zu, dass wir nicht unschuldig
daran sind, wenn dieser Kontakt zu Gott nicht mehr so da ist. Wir
vergessen allzu leicht Gott in unserem Alltag. Anderes scheint
wichtiger. Und Gott lässt sich nicht einfach hervorziehen unter altem,
abgelegtem Gerümpel, damit er dann uns zu unserem Recht verhilft, die
Guten belohnt und die Schlechten bestraft. Dann ist Gott auch nicht
da, wenn wir ihn ansonsten vergessen. Auch an den Weihnachtstagen
nicht, wenn es dann bitte schön funktionieren soll mit dem Glauben,
dem Frieden, der Liebe.
„Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab...“ all
die, die im Dunkeln sitzen, die, denen das Leben zu Last geworden ist,
die von Krankheit und Sorgen ausgezehrt werden, die verstehen diesen
Wunsch. Gott möge doch kommen! Und zwar mit Macht und
unmissverständlich.
Und Gott ist gekommen. In seinem Sohn Jesus Christus. Er wurde
Mensch in einem kleinen, auf die Hilfe anderer angewiesenen Kind. Er
hat sich auf die Seite derer gestellt, die das Dunkle kennen. Und er
selbst hat das Dunkle kennen gelernt. Verachtung, Verspottung,
Ignoranz hat er erleben müssen. Und er hat sein Leben lassen müssen
als Konsequenz für sein menschliches Leben.
Gott ist gekommen. Wir feiern seine Geburt. Wir bereiten uns
vor auf seine Ankunft auch in unsere Welt. Advent heißt diese Zeit
der Vorbereitung. Wir warten aber nicht nur auf die Zeit der 1.Ankunft
Gottes in der Welt, geschehen im Stall von Bethlehem. Wir warten auch
auf die 2.Ankunft, dann nämlich, wenn Christus wiederkommen wird, am
jüngsten Tage, dann für alle sichtbar. Wir warten auf diese Ankunft
des Messias, des Sohnes Gottes gemeinsam mit dem Volk Israel.
Es gibt eine schöne Geschichte von Martin Buber. Er nahm an einem
Seminar von Juden und Christen teil. Er sagte: „Wir haben doch viel
gemeinsam. Ihr Christen glaubt, dass der Messias schon einmal hier
war, wieder weggegangen ist und dass er wiederkommen wird. Wir Juden
glauben, dass er kommen wird, aber, dass er noch nicht hier war. Mein
Vorschlag: Lasst uns doch zusammen auf ihn warten. Und wenn er kommt,
können wir ihn ja selbst fragen, ob er schon einmal hier gewesen ist.
Und ich werde in seiner Nähe stehen und ihm ins Ohr flüstern: Sag’
nichts!“
Gemeinsam warten. Gerade wenn der Kontakt zu Gott abgerissen zu
sein scheint. Gerade dann. Weil das auch Teil eines jeden Lebens ist.
Dass wir eben nicht aufnahmebereit sind für Gott. Dann nicht die
Flinte ins Korn zu werfen, sondern gemeinsam zu warten. Ein schönes
Bild für uns Menschen. Haben wir doch trotz allem Grund genug zu
vertrauen, dass es Gott gut mit uns meint. „Kein Ohr hat gehört,
kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die
auf ihn harren.“ Ein Fünkchen Gottvertrauen lässt Zeiten des
Wartens überstehen. Es tut wohl, es tut einfach gut zu wissen, dass
auch andere die Zeiten des Wartens kennen. Ein Trotzdem-Glaube lässt
das Vaterunser beten und das Halleluja mitsingen. Versuchen Sie es,
versuchen wir es, liebe Schwestern und Brüder, immer neu. Gemeinsam.
Es tut gut zu wissen, dass nicht wir es sind, die Gott finden müssen,
sondern, dass er es ist, der uns findet. So wie es in dem kleinen
Gedicht von Albrecht Goes ausgedrückt, dass übrigens in unserem
Gesangbuch unter dem letzten Lied steht, das wir heute im Gottesdienst
singen (537):
„Wir suchen dich nicht, wir finden dich nicht,
du suchst und du findest uns, ewiges Licht.
Wir dich, Kind in der Krippe, nicht fassen,
wir können die Botschaft nur wahr sein lassen.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen.
2. Advent
Der kommende Erlöser
Am 2.Advent denken wir besonders an den Tag, an dem Gott diese Welt erlösen wird. Noch stehen wir in dieser Welt der Not und der Schuld, noch warten wir auf den Erlöser, der schon naht. In aller Trübsal unsers Lebens hören wir die Verheißungen, die uns mit Hoffnung erfüllen und deren Einlösung wir geduldig erwarten.
Psalm:
Gott, tröste uns wieder und lass leuchten dein Antlitz, so genesen
wir.
Du Hirte Israels, höre:
erscheine, der du thronst über den Cherubim!
Erwecke deine Kraft
und komm uns zu Hilfe!
Herr, Gott Zebaoth, wie lange willst du zürnen,
während dein Volk zu dir betet?
Du speist sie mit Tränenbrot
und tränkst sie mit einem großen Krug voll Tränen.
Du lässt unsere Nachbarn sich um uns streiten,
und unsere Feinde verspotten uns.
Gott, tröste uns wieder und lass leuchten dein Antlitz, so genesen
wir.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.01.06