Liebe Gemeinde,
der Predigttext für den heutigen Sonntag findet sich in einem der ältesten christlichen Zeugnisse, die wir haben, im ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth. Und ganz sicher haben die Menschen, die ihn aufbewahrt und weitergereicht haben, nicht damit gerechnet, dass er jetzt, 2000 Jahre später, noch gelesen werden würde.

Denn: Das nahe Ende der Welt, der baldige Anbruch des Reiches Gottes galt in der korinthischen Gemeinde als sicher. Die Wiederkunft Christi noch zu Lebzeiten der meisten Gemeindeglieder wurde fest erwartet. Ein bißchen beneide ich die Korintherinnen und Korinther um dieses starke Gefühl, das ich mir zunächst erstmal ganz überwältigend schön vorstelle: Das zu erleben, von dem wir jeden Sonntag bekennen: Jesus wird kommen, zu richten die Lebenden und die Toten, er wird die Gemeinschaft seiner Heiligen annehmen, Sünden vergeben und Leben verschenken.

Aber gleichzeitig standen die Christen und Christinnen in Korinth auch vor konkreten Problemen: Wie ist denn das Leben zu bewältigen, wenn alle Lebensentscheidungen immer vor dieser letztlich doch unvorstellbaren Zukunft getroffen werden müssen? Gehen wir noch zur Arbeit? Pflanzen wir noch Getreide? Sollen wir noch heiraten? Wie sollen wir überhaupt leben? Ich lese einige Verse der Antwort von Paulus: 1.Korinther 7,29-31

Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Ehepartner haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht, und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

Liebe Gemeinde,
ob die Korintherinnen und Korinther es wohl geschafft haben, so zu leben? So ganz anders, als wir Menschen es normalerweise tun?So ganz ausgerichtet auf die Kürze der Zeit und die vergehende Welt?

Und falls ja: Müssen wir dann heute auch so leben, 2000 Jahre später, noch immer in der Erwartung der Wiederkunft Christi?

Vielleicht, liebe Gemeinde, nehme ich hier schon einmal vorweg, was nicht in der Antwort des Paulus steht, auch wenn wir es ersteinmal so gehört haben: Es steht nicht dort: „Ihr sollt nicht mehr heiraten“.

Es steht auch nicht da: „Ihr sollt nicht mehr weinen“.

Und genauso wenig steht dort: „Ihr sollt nichts mehr kaufen“, oder „ihr sollt euch nicht mehr freuen, ihr sollt diese Welt nicht mehr für euch gebrauchen“. Das alles steht nicht da!

Was dasteht: Die Zeit ist kurz! Was dasteht: Das Wesen dieser Welt vergeht!

Die Zeit ist kurz! Ich denke, das Paulus dass damals sehr konkret gemeint hat. Die Welt, wie ihr sie kennt, wird nicht mehr lange so bestehen.

Das Wesen der Welt vergeht!Das ist keine Bedrohung, sondern unsere Hoffnung! Im Kommen Christ auf die Erde hat Gott dieser Welt ein Ende gesetzt und einen neuen Anfang für sie bestimmt.

Aber auch wenn sich, nach unseren menschlichen Maßstäben, die Zeit bis zur Erfüllung als länger erweist, als Paulus und die ersten Christen gedacht haben, ist es doch auch unser Bekenntnis:

Gott will nicht, dass die Welt bleibt, wie sie ist. Er hat sie geschaffen und erhält sie, um unseretwillen, das sagen seine Worte zu Noah, die wir eben in der Lesung gehört haben: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Darauf können wir uns verlassen. Aber ganz sicher hat Gott auch größeres mit uns vor, sein Reich, das wir, mit den Worten des Evangelium gesagt, empfangen sollen wie ein Kind. In Jesus hat dieses Reich schon angefangen, klein, wie das Kind in der Krippe, aber doch unübersehbar wie der Stern über dem Stall. Das feiern wir. Das glauben wir.

Und so leben wir Christinnen und Christen hier in der Welt, die Gott geschaffen hat, zunächst einmal, wie alle anderen auch: Wir sind Menschen unter Menschen.

Wir haben Ehepartner oder nicht. Unsere Ehen gelingen, oder nicht- auch davon spricht das Evangelium, das wir heute gehört haben. Wir weinen und wir lachen, wir freuen uns, wir kaufen Dinge, haben ein Bankkonto, Lebens- und Haftpflichtversicherungen, wir gebrauchen und
genießen alle Dinge dieser Welt.

Aber wie schön wäre es, wie befreiend ist es, in den Dingen dieser Welt, die ja nicht bleiben soll wie sie ist, nicht aufzugehen.

Stattdessen im Sinn zu behalten: Da ist mehr, Größeres und Schöneres, das Gott für mich bereithält.

Unser Leben auf der Erde in Beziehungen, mögen sie gelingen oder nicht, geht auf ein Haus zu, das „nicht von Menschen gemacht“ ist.

Wenn wir mit Tränen säen, sind wir unterwegs zu dem umstürzenden Tag, an dem wir mit Freuden ernten.

Zu spüren, dass das, was ich mir kaufe mit Freude, nichts ist gegen einen anderen Reichtum bei Gott, das befreit von der Abhängigkeit hin zu einem Leben, in dem Planen und Sorgen nicht das letzte Wort haben.

Und das alles auch nicht nur irgendwann im Jenseits, als Vertröstung, sondern als Ahnung, als Hoffnung, schon jetzt zu glauben, zu fühlen, auch wenn wir noch auf der Reise sind.

Und so schließe ich mit einer Reisegeschichte:
Im vorherigen Jahrhundert besuchte ein Tourist aus den Vereinigten Staaten den berühmten polnischen Rabbi Hofetz Chaim. Erstaunt sah er, dass der Rabbi nur in einem einfachen Zimmer voller Bücher wohnte. Das einzige Mobiliar waren ein Tisch und eine Bank.
„Rabbi, wo sind Ihre Möbel?“, fragte der Tourist.
„Wo sind Ihre?“, erwiderte Hofetz.
„Meine? Aber ich bin nur zu Besuch hier. Ich bin nur auf der Durchreise“, sagte der Amerikaner.
„Genau wie ich“, sagte der Rabbi.

Das ist gemeint, liebe Gemeinde, wenn Paulus den Menschen in Korinth schreibt: so leben, als ob nicht. So leben, wie wir Menschen es überhaupt nur können: als Menschen, mit menschlichen Bedürfnissen, Freuden, Sorgen und Leiden, aber doch nicht gefesselt, sondern in einer Ahnung von Freiheit; auf der Durchreise aus dem Koffer der Verheißung.

So konnten die Korinther und Korintherinnen leben, so können wir heute leben. Wir schauen auf und warten auf den, der versprochen hat, dass er wiederkommt. Wenn Christus kommt, sind wir am Ziel. Amen

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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 01.11.06