IV.Reihe: Jeremia 29, 1.4-7.10-14

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,
der Predigttext steht im Buch des Propheten Jeremia im 29.Kapitel:

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte:
So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter; nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s auch euch wohl. Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel 70 Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Gott segne unser Reden und unser Hören. Amen.

Ein Brief des Propheten Jeremia, liebe Schwestern und Brüder, ein Brief an das Königshaus, die führenden Beamten und Handwerker am Hofes in Jerusalem und die Leibgarde des Königs von Israel – allesamt weggeführt, deportiert, nach Babylonien in das Gebiet des heutigen Irak. Man darf sich nicht vorstellen, dass es viele Menschen waren, die zwangsweise dorthin gebracht wurden, aber man kann sich nicht dramatisch genug ausmalen, welche Wirkung dies auf das Volk Israel hatte. Nicht nur, dass die komplette staatstragende Schicht weg war, es war ja das von Gott eingesetzte Königshaus besiegt, verschleppt und einfach nicht mehr da. Es war – so muss man sich dies vorstellen – als sei Gott selbst besiegt, in der Hand des Feindes; verloren, vorbei. Aus. Ein Leben unter Menschen gänzlich anderer Religion, ohne den Tempel als Haus Gottes: undenkbar, unvorstellbar.

Und in dieser Zeit schreibt der Prophet Jeremias, noch wie viele andere in Jerusalem, einen Brief an diese Gruppe der zuerst Deportierten. Und was er schreibt, ist schon unerwartet; vielleicht sogar für damalige Ohren anstößig, unglaublich. Was er schreibt, sind keine eigenen Ideen. Es ist das, was Gott mitteilt – und der macht erst einmal deutlich, dass es SEIN Wille war, das Israel dieses schlimme Schicksal erfährt. Und dass es kein kleiner, vorübergehender Unfall der Geschichte war, sondern diese Verschleppung in das feindliche Babylonien von langer Dauer sein wird, 70 Jahre, drei Generationen lang. Und Gottes Wille ist es, dass die Menschen in dieser Verbannung ihr Schicksal annehmen, dass sie Häuser bauen, Familien gründen, Bäume pflanzen und die Früchte ernten. Stellen Sie sich dies einmal vor, liebe Schwestern und Brüder, da erwarten die Israeliten aus dem Mund des Propheten kämpferische, mutmachende Botschaften Gottes, dass es nämlich bald eine glückliche Heimkehr des Königs und aller Soldaten gäbe, weil doch Gott stärker sein muss als alle anderen Menschen – und eben dieser Gott sagt: Pflanzt Bäume in der Ferne, schafft euch dort eine neue Heimat. Ihr werdet solange dort bleiben, bis ihr die Früchte erntet, und wenn nicht ihr, dann eure Kinder und Enkel. Stellt euch also auf ein langes Bleiben ein. Eine Zumutung für die Israeliten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr Mut, ihre Zuversicht waren sowieso im Keller und jetzt noch diese vernichtende Zukunftsprognose – so scheint es.

In der Tat: Gott mutet da seinem Volk schon einiges zu. Sie sollen ihr Schicksal annehmen. Sie sollen nicht jammern, nicht von Gott die schnelle Rettung erwarten, sondern ihre neue Lebenssituation meistern und das Beste daraus machen. Schließlich war es Gottes Entscheidung, dass es zu dieser vernichtenden Niederlage im Kampf gegen Babylonien kam und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Israel selbst nicht mehr Gott vertrauen, sondern anderen Sicherheiten nachlaufen wollte. Jetzt muss Israel auslöffeln, was sie sich selbst eingebrockt haben. Und jetzt trifft es endlich einmal – was in der Geschichte ja eher selten der Fall ist – die Machthaber, die Verantwortlichen selbst, am eigenen Leib: das Königshaus, die leitenden Beamten, die Elitesoldaten. Sie sollen sich eine neue Existenz aufbauen, mitten im fremden Land, mitten in einer fremden Kultur, umgeben von einer gänzlich anderen Religion, der sie sich doch vorher so selbstsicher überlegen gefühlt haben.

Und der Gipfel der Zumutung ist, dass Gott ihnen auferlegt: „Suchet der Stadt Bestes.“ „Stadt“ heißt auf Griechisch: „polis“ – daher kommt der Ausdruck „Politik“. Arbeitet konstruktiv in der Politik des verhassten Feindeslandes mit, sorgt dafür, dass es dem Land gut geht, nach außen und nach innen, ja „betet für die neuen Machthaber zu Gott“ – wenn es ihnen gut geht, geht es auch euch gut. Diese Worte Gottes durch den Propheten Jeremia nehmen schon das vorweg, was Jesus in seiner Bergpredigt lehrt, wir haben es eben als Evangeliumslesung gehört: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“

Gottes Wille ist nicht Vergeltung, nicht Rache. Er akzeptiert nicht den Stolz der ehemals Mächtigen, sondern mutet ihnen zu, von ihrem hohen Ross herunterzusteigen und umzudenken. Er akzeptiert auch nicht das jammervolle Sich-Leid-Tun der Verlierer, die es ablehnen, sich einer neuen Situation anzupassen und lieber allen anderen die Schuld geben wollen.

Nein, Gott sagt unumwunden die schonungslose Wahrheit, dass sich die Israeliten schon selbst in den Schlamassel in Babylonien hineingeritten haben. Nun sollen sie neu anfangen – aber so, dass sie mutig mit aufbauen, dass sie nicht das Gegeneinander, sondern das Miteinander der Menschen im fremden Land suchen; dass sie nicht neuen Hass säen, sondern geduldig, Schritt für Schritt Versöhnung wachsen lassen in der neuen Heimat.

Und warum dies alles? Nicht aus taktischen Überlegungen heraus, nicht um wie ein trojanisches Pferd das Feindesland sozusagen von innen heraus zu unterhöhlen – sondern allein deswegen, weil Gott ein Gott des Friedens ist und nicht des Leides. Weil er Vergebung stiftet und Feindschaft überwindet. Weil er den Neuanfang schafft, der auf Frieden und Vergebung beruht, weil er die innigste Bitte nach Frieden, nach einem Leben in Freiheit und Ruhe erhören wird und am Ende auch das gesamte Volk Israel wieder zurückbringen wird aus der Gefangenschaft, zurück nach Israel, nach Jerusalem in die Heimat des gnädigen Gottes.

Aber das steht am Ende, das ist das Ziel. Jetzt aber ist Gottes Wort an die Menschen in Babylon: Suchet der Stadt Bestes, arbeitet mit an einer besseren und gerechteren Welt, bekämpft nicht die Feinde, sondern betet ehrlich und aufrichtig für sie. Baut Häuser, gründet Familien, pflanzt Bäume. Jammert nicht über euer Schicksal, sondern arbeitet für eine bessere Zukunft. Lebt friedlich, denn ich bin ein Gott des Friedens. Vor Augen habt ihr eine gute Zukunft. Auch wenn nicht ihr, sondern eure Enkel sie erleben werden – es lohnt sich, sich dafür einzusetzen.

Wir, liebe Schwestern und Brüder, sind nicht mit Exil in Babylonien. Die Worte des Propheten treffen uns in einer anderen Situation. Aber sie treffen uns eben auch. Weil doch auch wir den Wunsch nach Vergeltung kennen; weil wir doch oftmals eben nicht die andere Wange hinhalten, wenn uns jemand auf die eine schlägt. Weil wir doch auch gerne einmal lieber jammern als aktiv zu gestalten. Was mir von den Worten des Propheten hängen bleibt (und Ihnen vielleicht auch):

Vertraut auf Gottes Zusage: Pflanzt Bäume der Hoffnung, betet für eure Feinde und Gegner, bedenkt, dass doch auch ihr ein Interesse daran haben müsst, dass es ihnen gut geht. Setzt auf den Frieden und die Vergebung, alles andere führt zum Untergang. Vor allem aber: Seht doch, dass Gott ein Gott des Frieden ist, dass er Frieden bringt, dass es sich lohnt, auch die schweren und leidvollen Zeiten des Leben anzunehmen und aktiv zu gestalten, weil am Ende Gottes Rettung steht, die jeden Einsatz für eine bessere Zukunft rechtfertigen wird.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.11.06