
Mit Begeisterung - auch bei uns!
Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2006
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
IV. Reihe: 1.Korinther 14, 1-3.20-25
„Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.-
Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen. Im Gesetz steht geschrieben: „Ich will in anderen Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.“ Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihre seid von Sinnen? Wenn sie aber alle prophetisch redeten, und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.“
Ich glaube, ich sollte kurz wiedergeben, was Paulus meint: Für ihn
ist entscheidend, was aus Liebe geschieht, also was andere Menschen
aufbaut, sie fördert, ihnen gut tut. Das ist der Maßstab für alles.
Begeisterung, dieses Zungenreden – schön und gut: Aber es ist nur
etwas für Eingeweihte für „Insider“, wie man es heute nennt. Für
Außenstehende bleibt es fremd und unverständlich.
Für unsere heutige Zeit heißt das: mit Show-Effekten, mit
organisiertem Begeisterungs-Gehabe werden wir die Menschen nicht zum
Glauben an Jesus führen. Da bekommen wir vielleicht die Kirche voll,
wenn wir eine große Leinwand aufstellen und etwa ein WM-Spiel mit
Deutschland zum Anschauen haben, Fähnchen-Schwenken und Biertrinken
erlaubt. Dann haben wir auch am Ende so etwas wie Zungenreden – aber
irgendwann käme der Katzenjammer, irgendwann ist die schönste Stimmung
vorüber – und auch die Begeisterung für die Kirche. Wie sollen auf
diesem Weg auch die Menschen verstehen, was das alles mit Jesus
Christus, dem Glauben und dem Sinn für das eigene Leben zu tun hat?
Paulus sagt – und das tut doch einmal uns eher unterkühlten
Ostwestfalen und Norddeutschen gut – werdet nicht kindisch, wenn es um
das Verstehen geht. Auch die Kinder haben das Recht, anständig erklärt
zu bekommen, was es denn mit dem christlichen Glauben auf sich hat und
warum es eine schöne Sache ist, ihn für das eigene Leben zu haben.
Prophetisches Reden empfiehlt Paulus. Prophetisches Reden ist nicht,
Voraussagen zu machen. Im Sinne des Paulus weiß auch ein christlicher
Prophet nicht, wer Fußballweltmeister wird. Aber er kann Dinge besser
erkennen als andere, kann Dinge beim Namen nennen, kann für andere
Richtschnur und Maßstab im Leben sein. Von solchem Holz soll eure
Gemeinschaft sein, sagt Paulus. Die Gemeinschaft, in die Kinder
hineingetauft werden. Eine Gemeinschaft, die nicht jeden Mist
mitmacht, den uns die Welt um uns herum einzutrichtern versucht. Etwa,
dass beliebig Menschen ihre Arbeit verlieren dürfen, wenn nur der
Profit gesteigert werden kann. Dass, nur wer eine bestimmte Marke an
Kleidung, Auto oder was auch immer sich leisten kann, etwas wert ist.
Dass Menschen anderer Hautfarbe oder Herkunft Menschen 2.Klasse sind.
Prophetische Rede ist die Verkündigung der Liebe Gottes, die jedem
Menschen gilt, ob klein, groß, alt, jung, fremd oder einheimisch.
Gottes Liebe sprengt jeden kleingeistigen Rahmen, jede
spießbürgerliche Angst vor dem Fremden. Gottes Liebe befreit.
Und das sei auch gesagt: Gottes Liebe ist kein Spielverderber. Ganz im
Gegenteil. Es ist doch schön, wenn Menschen sich begeistern können,
Spaß haben, sich in den Armen liegen, wenn die eigene Mannschaft
gewonnen hat. Erhobene Zeigefinger sind gänzlich fehl am Platz.
Wenn es uns gelingt, auch in der Kirche soviel Lebensfreude und Spaß
zu verbreiten, dass sich wirklich alle bei uns wohl fühlen – eben
Alte, Junge, Fröhliche, Traurige, Fremde, Einheimische – dann haben
wir doch viel erreicht. Kirche soll wenigstens hin und wieder einen
Abglanz des Reiches Gottes sprürbar machen - und Langeweile,
Unverständlichkeit und fehlender Bezug zum eigenen Leben haben nun
aber gar nichts mit dem Reich Gottes zu tun.
In christlicher Gemeinde einen Ort zu wissen, an dem man angenommen
wird wie man als Mensch einfach ist – das ist unglaublich viel. Und
das gelingt da – und das ist die zentrale Aussage der Bibel – und nur
da, wo Jesus Christus im Mittelpunkt steht. Es geht um SEINEN Geist –
seinen Geist der Liebe, der Vergebung, der Freiheit, der Versöhnung.
Und das Schönste ist, dieser Geist ist auch noch und gerade dann zu
spüren, wenn wir selbst einmal Verlierer sind, auf der Schattenseite
stehen und keiner mehr jubelt.
Jesus Christus im Mittelpunkt – konsequentes Eintreten für die
Menschlichkeit, denn der Mensch ist das Abbild Gottes – Stellung
beziehen für die Opfer von Unmenschlichkeit und Gewalt, für
Gerechtigkeit und Frieden – das kann auch noch heute Menschen
begeistern. Und eben nicht nur hier, sondern in anderen Ländern und
Kontinenten. Nicht nur hier – aber eben auch hier!
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.06.06