IV. Reihe:Hiob 14,1-6
Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war, der da ist und der da
kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
um Gott und um Leiden geht es, heute morgen in der Predigt und im Leben
vieler hier. Um Gott und um Leiden, um „dennoch“ und „trotzdem“. Um
Unbegreifliches und um das, was trägt und bleibt. Um Kämpfen und Klagen,
und um Aufrechtstehen. Es geht heute morgen um Hiob und um uns: was uns
verbindet mit ihm, was uns fremd ist an ihm und uns doch auf eine Spur
setzen kann; die auch uns Gott näher bringt, wenn wir es sind, die
leiden.
Ich lese aus dem 14. Kapitel des Buches Hiob, eine Übersetzung von
Jürgen Ebach.
Hiob antwortete seinem Freund Elifas:
Der Mensch, von einer Frau geboren, lebt kurz an Tagen und satt an
Unrast. Wie eine Blume geht das Menschenleben auf und welkt, flieht wie
ein Schatten und hat keinen Bestand. Doch noch über dieses Leben hältst
du, Gott, deine Augen auf, und mich bringst du ins Gericht mit dir. Wer
gäbe es, dass Reines aus Unreinem kommt, aber da gibt´s nicht eins! Wenn
die Tage eines Menschenlebens fest beschlossen sind, liegt die Zahl
seiner Monate bei dir; du hast seine Markierungen gemacht und es
überschreitet sie nicht. Blicke doch einmal weg von einem Menschen, dann
könnte er einmal aussetzen, wie ein Tagelöhner sich des Tages freuen.
(Hiob 14, 1-6)
Liebe Gemeinde:
Blicke weg von einem Menschen, blicke weg von mir, Gott, das sagt Hiob. Im
Moment tiefen Leidens bittet Hiob nicht um die Anwesenheit Gottes- das
könnten wir verstehen, so würden wir bitten. Hiob bittet um Gottes
Abwesenheit, um eine Atempause, um ein paar ruhige Stunden nach aller
Fron, wie sie ein Tagelöhner an seinem wohlverdienten Abend verbringt.
Fast schon verzweifelt klingen seine Worte- und verbinden ihn mit dem
Psalmbeter: von der Flüchtigkeit eines kleinen Menschenlebens: kurz an
Tagen, blüht und verwelkt wie eine Blume, wie ein Schatten ohne Bestand.
Und doch der Wunsch nach Leben!
Was ist Hiob geschehen, dass er so spricht? Hiob, er, der
Gottesfürchtige, hat vieles, fast alles verloren: sein Besitz geraubt,
seine Kinder tot, sein Körper von Krankheit entstellt und geplagt.
Manche Menschen - solche Hiobs.
Die Freunde kommen. Setzten sich zu ihm in den Staub. Tun das, was
Freunde tun können: bleiben bei ihm.
Nach sieben Tagen und Nächten bricht es heraus aus Hiob, das Leid: Was
hast du getan mit mir, Gott? Was hast du mir angetan? Das fragt er,
schreit er Gott entgegen, fragen wir, manchmal, leiser, weniger
drängend, unsicher, in wessen Ohr.
Jetzt die Freunde: Sie reden von einem Gott, der Hiobs Sünden bestraft,
mit Armut, Krankheit, Trauer. Sie reden von einem Gott, der Hiob-auf
seinen Weg bringen will- durch Krankheit, Trauer, durch Leiden.
Jeder ist seines Glückes Schmied. Wie man sich bettet, so liegt man.
Jeder erntet, was er sät. Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf. Kleine
Sünden bestraft Gott sofort. Von welchem Gott reden wir?
Hiobs Antwort: Das habe ich nicht verdient. Ich ernte, was ich nicht
gesät habe. Ich bin im Recht: Ich habe mir nichts zu Schulden kommen
lassen.
Die Freunde schrecken zurück, und wir mit ihnen? Aber Hiob gibt nicht
auf: Was ich erdulde, ist Ungerechtigkeit, ist Leid- nicht Strafe.
Liebe Gemeinde,
hier verlasse ich Hiob für einige Zeit, komme zu mir, zu Ihnen, zu den
Menschen in den Kliniken, mit denen ich spreche, über Leiden, über Sinn,
auch über Gott und über Strafen.
Ich weiß, dass es für viele Menschen wichtig, ja überlebenswichtig ist,
sagen zu können: Mein Leiden hat für mich einen Sinn gehabt. Ich habe
dadurch etwas neu gelernt: neu sehen gelernt, neu fühlen oder mitfühlen,
ich habe gelernt, mich besser wahrzunehmen, die Liebe und Fürsorge
meines Mannes oder meiner Frau wieder zu spüren. Solche Erfahrungen sind
wunderbar. Sie helfen, Leid zu bestehen, und ich glaube, dass es ein
Geschenk Gottes ist, solchen Sinn für sich zu finden.
Deshalb glaube ich, dass es lebenswichtig ist, daran festzuhalten: Gott
straft uns nicht durch Leiden. Das hat er uns versprochen: als er seinen
Bund mit den Menschen geschlossen hat nach der Sintflut. Gottes Wille
für die Welt ist Leben, nicht Leiden. Und er hat dieses Versprechen für
uns Christen und Christinnen erneuert und bekräftigt in seinem Sohn
Jesus Christus, der zu uns sagt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“
Doch manchmal, wenn das Leiden zu groß ist, zu schwer, dann bleibt der
Sinn uns fremd, bleibt uns unbegreiflich, wie er Hiob unbegreiflich
bleibt. Es gibt, das wissen wir alle, auch unbegreifliches Leiden in
unserem Leben. Und dass manche Antworten, die unsere Freunde uns geben,
nicht weit tragen, dafür haben wir oft ein gutes Gespür- genau wie Hiob.
„Wer weiß, wofür es gut ist? Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Du
musst nur positiv denken, Geduld haben, dann wird alles besser!“ Das
lässt uns traurig werden, wütend.
Was weiter reicht, trotz aller kurzen Antworten, für Hiob und für uns:
Da sind Ohren, die hören, da sind Menschen, die antworten. Nicht allein
zu sein im Leiden, ist auch ein Geschenk Gottes. Freunde mögen nicht
immer das richtige Wort bereit haben. Aber manchmal sitzen sie einfach
mit uns einige Zeit im Staub, halten unsere Hand, kochen uns eine Suppe
oder einen Kaffee, putzen für uns die Treppe. Und manchmal sagen sie
doch das richtige Wort zur richtigen Zeit.
Gehen wir noch einmal zurück zu Hiob, liebe Gemeinde, zu dem, was er
Gott selbst, nicht seinen Freunden entgegen schleudert. Hiob kämpft und
klagt- er beklagt sich nicht über Gott, er klagt bei Gott gegen Gott. Er
will Ruhe vor Gott- und wendet sich damit an Gott selbst. Das
unvorstellbare, unbegreifliche Leid führt ihn nicht von Gott weg,
sondern zu Gott hin. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“: einen
Kampf wie Jakob fechtet Hiob aus. Das ist das dennoch, das trotzdem. „Du
glaubst doch nicht, Gott, dass ich dich so davonkommen ließe, dass ich
mich so einfach aufgebe. Mein Leid ist schrecklich. Aber von dir lasse
ich nicht.“- Und Gott hört ihn. Gibt ihm am Ende mehr zurück als er
hatte. Ich wünsche mir aber, dass das nicht das Wichtigste bleibt.
Denn wichtiger ist: Hiob hat viel, aber nicht alles verloren hat. Er hat
seine Würde nicht verloren, seinen aufrechten Stand, auch wenn er im
Staube sitzt. Er gibt das nicht auf, von dem er weiß, dass es wahr ist:
Er ist Gottes Kind, zu seinem Ebenbild gedacht und gemacht.
Ebenbild: Auf Augenhöhe. Gott nimmt uns wahr. Immer. Das ist, was
bleibt. Auch bei uns. In unseren Klagen zu hören. Wie Hiob, laut oder
leise, in Gottes Ohr.
Liebe Gemeinde, Gott und Leiden,„dennoch“ und „trotzdem“. Kämpfen und
Klagen, und Aufrechtstehen. Unbegreifliches und das, was trägt und
bleibt.
Wir gehen in die Friedensdekade. Vor drei Tagen haben wir des Jahrestags
der Pogromnacht am 9. November 1938 gedacht. Und so- ohne mir das
unbegreifliche Leid eines Volkes aneignen zu dürfen, schließe ich mit
Worten, die sich auf einer Mauer fanden, später, im Warschauer Ghetto:
Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.
Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in ihm. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 16.11.06