
„Versprochen ist Versprochen“
oder: Advent ist immer - nicht nur im Dezember
Predigt zum 4. Advent, 18. Dezember 2005
Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe
18) Gott ist mein Zeuge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.
19) Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm.
20) Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.
21) Gott ist´s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt
22) und versiegelt und in unsere Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.
- Ein Text, der es in sich hat! Nicht nur sprachlich nicht ganz
leicht verständlich, sondern auch inhaltlich komplex. Die Stimmung, in
der Paulus den Brief geschrieben hat, seine Haltung, aus der heraus er
sich an die Korinther wendet, vermittelt sich aber, glaube ich,
trotzdem gleich: Gott ist mein Zeuge! – So spricht jemand, der etwas
fest zusagen will, der überzeugen will, der die Richtigkeit und
Wichtigkeit seiner Aussage mit größtmöglicher Autorität untermauern
will: Gott ist mein Zeuge! Mein Zeuge dafür, dass ich nicht Ja sage
und Nein meine, nicht Nein sage und Ja meine, sondern: Sage ich Ja,
meine ich Ja, sage ich Nein, meine ich Nein! Und zwar ist das so, weil
– das ist die Begründung des Paulus –, weil „der Sohn Gottes, Jesus
Christus“, von dem ich und auch meine Mitarbeiter Silvanus und
Timotheus euch erzählt haben und dessen Botschaft wir euch verkündigt
haben, weil Jesus Christus „nicht Ja und Nein“ ist, sondern es ist „Ja
in ihm“.
Paulus begründet seine eigene Zuverlässigkeit, seine Eindeutigkeit mit
der Eindeutigkeit Jesu Christi und seiner Botschaft. In Jesus Christus
ist aber „Ja“. In Jesus Christus bekräftigt Gott all seine
Verheißungen, er wird selber Mensch und unser Bruder, er sagt „Ja“ zu
uns. Jesus Christus ist das Ja Gottes an uns.
- Dieses größte aller Wunder – Gott wird Mensch, sagt „Ja“ zu uns –
feiern wir besonders zu Weihnachten. In der Adventszeit bereiten wir
uns auf dieses Wunder, auf Gottes Kommen vor. Alljährlich erwarten wir
wieder neu die Zusage Gottes, sein „Ja“ zu uns, sind voller Hoffnung
und Vorfreude auf das Fest.
Und alljährlich erleben viele von uns – gerade an Weihnachten, gerade
zu diesem Freudenfest – doch immer wieder kleinere und größere
Enttäuschungen. So voller Erwartungen gehen wir diesem Fest entgegen:
Harmonisch wird es sein, gut vorbereitet, damit am Heiligabend und an
den Feiertagen Zeit ist; die Geschenke, die ich mache, treffen genau
die Wünsche der Beschenkten und auch ich kann in dem, was mir
geschenkt wird, die Liebe und Sorge der mich Beschenkenden erkennen.
Stattdessen: wie mühsam wird oft Harmonie aufrechterhalten,
eigentliche Gefühle unterdrückt, wie viel Hektik ist oft nötig, um
wenigstens einigermaßen vorbereitet zu sein, wie oft schenken wir
irgendetwas, nur um nicht mit leeren Händen dastehen zu müssen, und
werden gleichermaßen beschenkt.
- Und den Anlass des Festes in den Blick genommen: Gott kommt zu uns?
Sagt Ja zu uns? Nimmt sich unser an? Ehrlich gesagt: auch in dieser
Erwartung fühle ich mich oft enttäuscht.
Ich fühle mich nicht besonders angenommen, besonders bejaht. Und wenn
ich um mich herum gucke: wo ist er, der Friedefürst, der Wunderrat,
Gottheld, Ewigvater? Ich sehe Streit und Unfrieden, gegenseitige
Verletzungen, Bedrohung, Krieg, Terrorismus, Leiden Unschuldiger, wie
jetzt das Leiden der entführten Susanne Osthoff. - Gott kommt zu uns?
Ja! sagt Paulus. Ja! Gott hat seinen Sohn mitten hinein in alle
Unvollkommenheit gesandt, mitten hinein in allen Zweifel, alles
Nichtsehen, Nichtspüren, mitten hinein in allen Unfrieden, alle Not,
alles Leiden, mitten hinein in unsere Welt. Das Reich Gottes, die
Welt, wie sie eigentlich gemeint ist, ist mit Seinem Kommen in die
Welt angebrochen. Etwas Neues hat begonnen, etwas Neues, das nicht
rückgängig gemacht werden kann, dessen Vollendung gleichzeitig aber
noch aussteht.
Von Ernst Bloch ist die Anekdote überliefert, dass er, als er seine
Studierenden 1962 in die Weihnachtsferien verabschiedete, ihnen sagte:
Gesegnete Weihnachten! Aber bitte merken Sie sich: Wir leben auch zu
Weihnachten im Advent. Denn Advent ist immer.
Advent ist immer. Immer leben wir in der Erwartung der Vollendung des
Reiches Gottes, der Erwartung, dass Glaube, Hoffnung und Liebe erfüllt
werden. Bis zur endgültigen Vollendung aber hat uns Gott einen
„Unterpfand“, wie es im Predigttext heißt, eine Art „Sicherheit“, dass
wir auf das Versprechen der Vollendung auch vertrauen dürfen, gegeben:
die Taufe.
In der Taufe schenkt Gott uns seinen Geist. Wir werden zu einem Glied
der großen Gemeinde Gottes, der Gemeinschaft der Menschen, die an Gott
glauben, im Glauben an ihn verbunden sind und die er durch seinen
Geist verbindet.
„Versprochen ist Versprochen“ – Gottes Versprechen gilt. In der Taufe
gegeben trägt es uns durch und in unserem Leben – durch alle Höhen und
Tiefen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, stärke und
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.01.06