
Man sieht nur mit dem Herzen gut
Predigt zum 4. Sonntag nach Epiphanias, 29. Januar 2006
Pfarrrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Friede sei mit euch und die Liebe Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
manche von Ihnen kennen den kleinen Prinzen von Saint-Exupéry: „Hier
ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen
gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Vielleicht
erinnern Sie sich auch an die Jahreslosung von 2003: „Ein Mensch
sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“. Wenn das
so ist, dann hören Sie einmal bei dem Text zu, den ich jetzt vorlesen
werde. Dann kommt Ihnen etwas bekannt vor.
Der Predigttext steht im Epheser-Brief im 1.Kapitel, die Verse 15 bis
20.a:
„Ich habe gehört, dass ihr Jesus, dem Herrn, die Treue haltet und dass ihr alle Heiligen liebt. Deshalb danke ich Gott immer für euch und denke an euch, wenn ich bete. Ich bitte Gott, der sich in unserem Herrn Jesus Christus sichtbar gezeigt hat, den Vater voll Herrlichkeit, er gebe euch, dass ihr ihn besser erkennt. Dazu schenke er euch noch mehr vom Heiligen Geist, der weise macht und Verborgenes offenbart. Er gebe euch, dass ihr mit dem Herzen sehen könnt, zu welcher Zukunft ihr berufen seid und wie reich das herrliche Erbe der Christen und wie groß seine Macht ist, an der wir im Glauben Anteil haben. Die Größe seiner Macht hat Gott an Jesus Christus erwiesen, da er ihn allein von den Toten auferweckt hat.“ (Übersetzung Klaus Berger, Christiane Nord, 1999)
Soweit unser Predigttext. Gott segne dein Wort an uns allen. Amen.
Sie haben wohl gemerkt, liebe Schwestern und Brüder, auf welchen Satz
es mir ankam: „Gott gebe euch, dass ihr mit dem Herzen sehen könnt,
...“ das war es.
Es war wohl ein Schüler des Paulus, der mit diesem Gedanken seinen
Brief einleitet. An wen genau der Brief gerichtet war, wissen wir
heute nicht mehr; denn die Überschrift „an die Epheser“ ist erst
später darüber gesetzt worden. Es war auf jeden Fall eine christliche
Gemeinde, und es ging um das, was letztlich die Grundlage des
christlichen Glaubens ist.
Heute hören wir diesen Text am Bibelsonntag. Am letzten Sonntag im
Januar steht die Bibel im Mittelpunkt. Die Bibel auch als das Buch,
das die Christen zusammenführt, deshalb feiern wir heute um 19 Uhr in
St.Martin ökumenischen Bibelsonntag. Für viele Menschen aber ist die
Bibel ein Buch mit sieben Siegeln, also ein Buch, in dem man vieles
nicht verstehen kann. Denken wir an die Lesungen, die wir heute schon
im Gottesdienst gehört haben. Vielleicht die Geschichte von der
Stillung des Seesturms ist uns noch im Gedächtnis geblieben, weil sie
so anschaulich, für manche auch wegen ihrer Wunderlichkeit anstößig
ist.
Und dabei soll doch die Bibel die Grundlage des Glaubens sein! Wie
kann etwas so Schwieriges, Kompliziertes, in vielen Teil auch
Umstrittenes den Menschen Halt und Kraft geben (FRAGEZEICHEN)
Auch der Schreiber unseres Predigttextes wünscht seiner Gemeinde
zunächst noch mehr vom Heiligen Geist, der weise ist und Verborgenes
offenbart.
Offenbar ist das, worum es im christlichen Glauben geht, immer auch
etwas im Verborgenen. Das ist wichtig festzuhalten, weil es ein ganz
anderer Ansatz ist, als davon auszugehen, aller Glauben sei leicht,
alles müsse sich von selbst verstehen - die Antworten auf die
wesentlichen Fragen unseres Lebens müssten aus dem Handgelenk zu
beantworten sein.
Nein, das sind sie nicht. Es ist schon genauso richtig: „Das
Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ „Ein Mensch sieht, was vor
Augen ist.
Der Mensch, auch ein gläubiger Christ, sieht nicht immer in der Bibel
auf Anhieb, was sie mit seinem Leben zu tun hat, was sie ihm für
Antworten auf seine drängenden Fragen bieten kann, dass ihm bei allen
den sieben Siegeln ein Licht aufgeht.
Es braucht dieses „Sehen mit dem Herzen.“ Jetzt muss es aber dringend
konkret werden: Was meint der Briefschreiber denn damit? Können sich
alle selbsternannten Herzensforscher jetzt auf den christlichen
Glauben berufen, alle Horoskop-Schreiber, esoterischen Lichtspürer,
die mit dem inneren Gefühl, mit ihrer Intention meinen, in die wahre
Seele eines Menschen vordringen zu können?! Ich meine, eher nicht. Es
ist nicht so ganz allgemein gemeint mit diesem „Sehen mit dem Herzen.“
Der Text spricht die entscheidende Herzenserkenntnis eines Gläubigen
an: Nämlich die Aussage, dass Christus von den Toten auferstanden ist.
Das ist die Sicht, die einen Menschen, der mit dem Herzen sieht von
dem unterscheidet, der nur sieht, was vor Augen ist. Das ist für ihn
DIE ENTSCHEIDENDE Glaubensaussage. Das ist der Schlüssel für alle
Erkenntnis, die von Innen heraus, eben aus dem Herzen, die Menschen
verändert - und ihnen auch die Botschaft der Bibel aufschließt. Der
Schreiber unserer Zeilen zitiert wohl damit ein altes Taufbekenntnis.
Denn durch und in der Taufe geschieht nichts anderes, als dass der
getaufte Mensch Anteil hat an der Auferstehung Christi von den Toten.
In der Bibel die Spuren eines Gottes zu entdecken, dem es immer
wieder, auf immer neue Weise um das Leben geht, um die Rettung aus dem
Tod - das ist das Entscheidende. Das halten ja viele nicht für
möglich, dass die Bibel ein Buch der Freiheit, der Lebensfülle ist.
Sie denken, es wäre ein Buch voller Verbote oder nicht
nachvollziehbarer Gesetze. Ganz falsch! Der Heilige Geist öffnet uns
die Augen dafür, in dem Buch der Bücher eine Auferstehungsgeschichte
nach der anderern zu entdecken. Auch die Stillung des Seesturms ist
eine Auferstehungsgeschichte: Nicht die Macht von Wellen und Wind
siegen, sondern Jesus, der nicht wie ein Toter schläft, sondern
machtvoll handelt - so wie auch wir machtvoll handeln, machtvoll
hoffen, machtvoll glauben können und nicht selbstmitleidig und
jammervoll uns ins sogenannte „Schicksal“ fügen müßten.
Sehen mit den Augen des Herzen - das heißt sehen, dass Gott es gut mit
uns meint. Dazu bedarf es immer etwas, was uns diese Augen
aufschließt. Dieses Verschlossensein für das, was für uns gut ist, das
eine Grundkonstante des Lebens. „Das Wesentliche ist für die Augen
unsichtbar“. Der Heilige Geist schließt uns die Augen des Herzens auf
- und - so sagt es der Text - es sind die Heiligen, die uns immer
wieder das richtige Hinsehen schenken. Wenn wir bei Heiligen jetzt an
die denken, die in katholischen Kirchen eine besondere Rolle spielen,
dann liegen wir grundverkehrt. Lesen wir doch einmal den Epheser-Brief
von Anfang an: Der Autor schreibt an die Heiligen in Ephesus - und das
ist nur ein anderes Wort für: die Gemeindeglieder, die Menschen, die
ganz normalen Frauen und Männer und sicher auch Kinder in dieser
Stadt. Ich weiß noch, als ich das verstanden habe, ich ganz
persönlich, da sind mir die berühmten Schuppen von den Augen gefallen:
wir alle sind mit den Heiligen gemeint. Auch im Glaubensbekenntnis, in
dem es Sonntag für Sonntag heißt: Ich glaube an die Gemeinschaft der
Heiligen. Das sind ja wir ganz normalen Christen! Das hat mich damals
vor vielen Jahren schon aufgewertet und stolz gemacht, aber das hat
mir auch eine wichtige Erkenntnis gebracht: nämlich mal ganz genau
seine eigenen Zeitgenossen in der Kirche anzuschauen, sich
beeindrucken zu lassen von ihrem Glauben, ihrer Art zu leben, zu
hoffen, auch zu kritisieren, auch zu zweifeln. Ich habe da mehr
gesehen, gelernt, für mich persönlich übernommen als aus irgendwelchen
Büchern.
Wie auch immer Ihr persönlicher Weg ist, liebe Schwestern und Brüder,
was Ihnen die Augen des Herzen öffnet für den Glauben, dass Gott den
Sieg über den Tod errungen hat - es immer ein guter Weg. Und es gibt
auch immer viele Wege, auf denen das Verborgene ans Licht, an das
Licht Ihres Herzens kommt. Schauen Sie sich um, suchen Sie nach Ihren
„Heiligen“, nach ganz normalen Menschen in und außerhalb der Gemeinde,
von denen schon etwas Glanz ausgeht, wie er nur aus einem
erleuchtenden Herzen kommen kann. Vertrauen Sie diesem Licht, stellen
Sie Ihre Fragen, hören Sie zu und fangen an, selbst zu denken - und
dann schauen Sie noch einmal neu in die Bibel, das Buch der Bücher.
Und Sie werden entdecken, dass der von den Toten auferstandene
Christus auch Ihr Leben hell machen kann.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. AMEN. -
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 29.01.06